ETIKA

Pater Martin von Cochem

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Von den vier letzten Dingen

20.4.2013

18B18C3

Wie groß die Peinen der Hölle sind

S. 104-112

Von den
vier letzten Dingen,
dem Tode, dem Gerichte, der Hölle und dem Himmelreiche,
von Pater Martin von Cochem.
Neue umgearbeitete Auflage. Landshut, 1859. Druck und Verlag der Joseph Thomann´schen Buchhandlung. (J. B. v. Zabuesnig.)

Von der Hölle.

III. Kapitel.

Wie groß die Peinen der Hölle sind.

Nachdem wir im vorigen Kapitel betrachtet haben, wie vielfach die Strafen und Peinen sind, welche die Verdammten in der Hölle zu leiden haben, so will ich dir nun auch zu deinem Nutzen und Besten einigermaßen zeigen, wie groß diese Peinen sind. Hier sollst du nun aber wiederum wissen, daß weder ein Mensch noch ein Engel diese Größe gründlich beschreiben, oder auch nur denken kann; denn sie geht über alle menschliche und englische Fassungskraft.

Denn alles, was Gott thut, kann von keiner Kreatur ganz erfaßt werden. So wie die Größe der himmlischen Glorie und Seligkeit über allen menschlichen Verstand geht, so auch die Größe der höllischen Schmach und Pein. Würdest du dir daher auch alle Qualen und Tormenten vorstellen, welche alle tyrannischen Bösewichter auf Erden erfinden und erdenken konnten und können, um die Menschen z. B. die heiligen Martyrer damit zu peinigen, so wären alle zusammen doch noch wie Nichts gegen die Größe der höllischen Peinen.

Denn alle jene sind doch nur Erfindungen der Menschen, die in allen Dingen beschränkt sind, diese aber Erfindungen des allwissenden und allmächtigen Gottes, eigens dazu gemacht, um seine Feinde damit zu strafen.

Wenn man daher zu Schilderung der höllischen Pein von finstern Kerkern, von eckelhaftem Schmutze und Gestank, von Schwertern, Dolchen, Rädern, Blitzen, Beilen, Strömen von brennendem Schwefel, von Getränken aus flüssigem Blei, Teichen von gefrorenem Wasser, von Kesseln und Rosten, Sägen und Keilen, Ahlen, um die Augen auszustechen, Zangen, um die Zähne auszureißen, Krallen, um die Hüften zu zerreißen, von Ketten und Keulen, um die Gebeine zu zermalmen, von Fackeln um die Eingeweide zu verbrennen, von grausamen, schrecklichen Thieren, schmerzlichen Foltern, Stricken, Gift, Scheiterhaufen, Blöcken, Kreuzen, Hacken und Aexten redet, so sind dies wohl grausame Peinen, jedoch sind sie alle von Menschen erfunden und Menschen auf der Erde angethan worden von andern Menschen.

Wenn nun aber diese schon so schmerzlich, so furchtbar sind, wie werden dann erst jene sein, die der allmächtige Gott an Denen ausübt, die er als Verworfene ewig unendlich hassen muß?

Denn jene sind nur Bilder und Gleichnisse von den höllischen Peinen. Die hl. Schrift und auch der göttliche Heiland bedient sich in seinen Lehren menschlicher Worte und Gleichnisse, um sich den Menschen verständlich zu machen. Menschliche Worte können aber das Uebernatürliche und Ewige nicht vollständig ausdrücken, sondern wollen uns noch viel mehr ahnen lassen, als sie wirklich sagen. So ist es auch hinsichtlich der höllischen Peinen. Wir können nur von den irdischen Qualen und Peinen einigermaßen auf die ewigen schließen, niemals aber ihre Größe gänzlich begreifen und erfassen.

Wenn daher auch das Schrecklichste darüber gesagt und gedacht wird, so ist das doch noch keine Uebertreibung, sondern noch nicht einmal genug gesagt oder gedacht. Hieran denke nur immer, wenn dir von der Beschreibung der Peinen der Hölle irgend Etwas zu schrecklich vorkommt und du irgend einen Zweifel bekommst, ob es nicht übertrieben sein sollte. Die Propheten, die hl. Schrift und Jesus Christus selbst können nicht übertreiben. Es läßt sich hierauf auch der Ausspruch des Apostels Paulus umgekehrt anwenden, den er über die himmlische Seligkeit macht: „Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr hat es gehört, und in keines Menschen Herz ist es jemals gekommen, was Gott Denen bereitet hat, die ihn lieben.“

Hiemit will der Apostel sagen, daß alles Schöne, was das menschliche Auge hienieden sehen, alles Liebliche, was  das menschliche Ohr auf Erden hören, und alles Angenehme und Freudige, was das menschliche Herz hienieden fühlen könne, in keinem Vergleiche stehe mit dem, was die Seligen im Himmel sehen, hören und fühlen.

Da es nun aber die nämliche göttliche Gerechtigkeit ist, welche die Seligen belohnt, und die Verdammten bestraft, so läßt sich auch von dem schrecklichen Zustande der Verworfenen sagen:

„Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr hat es gehört, und es ist noch in keines Menschen Herz gekommen, was Gott Denen bereitet hat, die ihn hassen.“

Das will aber sagen: Alles Häßliche und Abscheuliche, was das menschliche Auge auf Erden sehen, alles Schreckliche und Schaudervolle, was das menschliche Ohr hienieden hören, und alles Qualvolle, was das menschliche Herz hienieden jemals empfinden mag, ist nicht zu vergleichen mit dem, was die Verdammten in der Hölle sehen, hören und fühlen müssen. So lehrt uns also das göttliche Wort, daß die Peinen in der Hölle über alle menschliche Vorstellung und Fassungskraft gehen, daß also die Sache niemals übertrieben werden kann, wie viel man auch sagen oder denken mag. Daß diesem so sei, davon kann auch ein jeder vernünftige Mensch sich leicht selbst überzeugen, wenn er folgende Gründe dafür bei sich recht ernstlich betrachtet.

Erstlich läßt sich dies aus der unendlichen Größe und Allmacht Gottes erkennen. Gott ist nämlich in Allem, was er thut, über alle menschliche Fassungskraft groß. Er ist unendlich groß in der Erschaffung und Regierung der Welt, in dem Meere, auf der Erde und im Himmel. Von ihm sagt der Psalmist:

„Er sieht die Berge an, und macht sie beben; er berührt die Berge und sie rauchen“ (Ps. 53, 32). Und Job sagt:

„Die Säulen des Himmels erzittern und beben bei seinem Winke“ (Job 26, 11). In der Präfation der hl. Messe heißt es:

„Es erzittern vor der Majestät Gottes die Reiche und Herrlichkeiten des Himmels.“

Nicht als seien sie beängstigt, sondern sie zittern vor lauter Ehrfurcht und Erstaunen über seine unendliche Größe und Macht. Gott, der nun in allen seinen Werken seine Macht und Größe offenbart, soll er sie nicht auch in der Strafe, die er über Jene, die freiwillig seine Feinde geworden sind, verhängt, offenbaren? Gott, der in allen seinen Werken über alle menschliche und englische Begriffe groß ist, soll er es nicht auch im Strafen der Verdammten sein? O ganz gewiß! Auch in den Strafen der Hölle muß seine unbegreifliche Größe und Allmacht erkannt werden. Gottes Größe und Allmacht ist daher ein Hauptgrund, aus welchem wir mit Gewißheit erkennen können, daß die Peinen der Hölle über alle Fassungskraft der Menschen und der Engel groß sind. Das will auch der heilige Johannes zu verstehen geben, wenn er (Off. 18) schreibt:

„An einem Tage werden Babylons (der Versammlung der Gottlosen) Plagen kommen, Tod und Trauer, und im Feuer wird sie verbrannt werden; denn mächtig ist Gott, der sie richten wird.“

Darauf weist auch Gott selbst hin, indem er durch den Propheten spricht:

„Wollet ihr mich nicht fürchten, und vor meinem Angesichte nicht bereuen, der ich dem Meere den Sand zur Begränzung gesetzt habe; und es werden seine Fluten anschwellen, und sie nicht übersteigen“ (Jerem. 5, 22).

Gleichsam als wollte er sagen:

Wollet ihr nicht meinen mächtigen Arm fürchten, dessen unendliche Macht ihr ja in seinen wunderbaren Werken genug erkennen könnt, und wagt ihr es, euch gegen mich aufzulehnen, der ich dem Meere gebiete!

Wer Sünde thut, der empört sich wider Gott, den unendlich großen und allmächtigen und wird darum auch von ihm gemäß seiner Größe und Allmacht gezüchtiget werden. Darum sagt der Apostel Paulus:

„Schrecklich ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen“ (Hebr. 10, 31).

Zweitens lässt uns auch die Größe der göttlichen Gerechtigkeit darauf schließen, daß die Peinen der Verdammten über alle menschliche Erkenntnis gehen. Um dir nur einigermaßen die Größe der göttlichen Gerechtigkeit vorzustellen, betrachte vorerst, wie schrecklich Gott die Lasterhaften schon auf Erden zu verschiedenen Zeiten gestraft hat, wie dies uns die hl. Schrift an verschiedenen Stellen mit klaren Worten zeigt. Dathan und Ahiron und alle Theilnehmer ihres Verbrechens wurden von dem Abgrunde der Erde, die sich unter ihren Füßen spaltete, lebendig mit Hab und Gut verschlungen, und sie fuhren so mit Leib und Seele vor den Augen des ganzen israelischen Volkes in die Hölle hinab. Ist das nicht schrecklich und entsetzlich? Betrachte dann auch die furchtbaren Drohungen, welche Gott im 5. Buch Moses gegen alle Diejenigen ausspricht, welche Gottes Gebot nicht halten. Dort heißt es:

„Wenn du nicht hören willst auf die Stimme des Herrn, deines Gottes, um zu halten und zu erfüllen alle seine Gebote und Vorschriften, die ich dir heute vorlege, so werden alle diese Flüche über dich kommen und dich treffen: „Verflucht wirst du sein in der Stadt, verflucht auf dem Felde. Verflucht deine Scheuer und dein Uebriges. Verflucht die Frucht deines Leibes und die Frucht deines Landes, deine Rinderheerde und die Heerde deiner Schafe. Verflucht wirst du sein beim Eingehen und verflucht beim Ausgehen. Ueber dich wird der Herr schicken Hunger und Noth und Schmach über alle deine Werke, die du unternimmst, bis er dich vertilgt und jählings vernichtet wegen deiner so schändlichen Thaten, durch welche du mich verlassen hast. Schlagen wird dich der Herr mit Armuth, Fieber und Frost, Brand und Hitze und verdorbener Luft und Getreidebrand, und dich verfolgen, bis du vernichtet bist. Der Herr wird dich schlagen mit Wahnsinn und Blindheit und Raserei, und herumtappen sollst du am Mittage, wie zu tappen pflegt der Blinde in der Finsterniß, und deine Wege nicht zurecht finden. Und alle Zeit sollst du Schmach ertragen, und mit Gewalt unterdrückt sein, und Niemanden haben, der dich befreie. Und du seiest allezeit mit Schmach beladen und unterdrückt alle Zeit, und in Schrecken wegen der Gräßlichkeit dessen, was deine Augen sehen werden. Dienen wirst du deinem Feinde, den der Herr über dich schicken wird, in Hunger und Durst und Nacktheit und aller Noth; und er wird ein eisern Joch auf deinen Nacken legen, bis er dich zermalmt.“ (5 Mos. 28, 15ff.)

Sind das nicht schreckliche Strafen, welche Gott dem Uebertreter seiner Gebote schon hienieden androht! Aber sie sind doch nur ein schwaches Bild von jenen Strafen, mit welchen die göttliche Gerechtigkeit die Verdammten in der Hölle züchtiget. Denn wenn Gott hienieden die Sünder straft, so läßt er sie doch noch nicht seine ganze Gerechtigkeit fühlen, sondern mischt sie noch mit Barmherzigkeit und Langmuth.

In der Hölle aber hört die Barmherzigkeit und Langmuth ganz und gar auf, so daß keine Spur mehr davon zu finden ist; es trifft dort die ganze Gerechtigkeit Jene, die sich die göttliche Barmherzigkeit und Langmuth hienieden nicht zu Nutzen gemacht haben. Die göttliche Gerechtigkeit ist aber wie alle andern göttlichen Eigenschaften, so groß und unbegreiflich, wie Gott selbst. Daraus geht klar hervor, daß auch die Strafen der Verdammten gewissermaßen unendlich und darum über die Fassungskraft aller Kreaturen sein werden. Ja, in der Hölle wird sich die göttliche Gerechtigkeit in ihrer ganzen Größe offenbaren, wie im Himmel seine Güte und Liebe. Wenn uns nun schon die zeitlichen Strafen, wie sie die hl. Schrift uns aufzählt, mit Schrecken erfüllen, mit welchem Entsetzen und Grausen müssen wir alsdann beim Gedanken an die ewigen erfüllt werden!

Drittens kannst du auch von der Größe der göttlichen Barmherzigkeit hienieden auf die Größe der Strafen jenseits schließen. Jeder weiß, daß die Gerechtigkeit und die Barmherzigkeit gleichsam die zwei Hände sind, mit denen Gott die Welt regiert. Beide sind nun aber gleich groß, gleich stark in ihrer Wirkung und gleich wunderbar in ihren Werken.

Da wo Gott aber seine Gerechtigkeit geübt hat, da hat er so große und erhabene Werke gethan, daß alle Menschen und Engel darüber auf´s Höchste erstaunen müssen. Betrachte nur das Werk der Erlösung ein wenig, so wirst du alsbald hievon überzeugt sein müssen. Nachdem sich die Menschen durch die Sünde von Gott losgerissen hatten, da hat sie Gott doch nicht verlassen, sondern er ist ihnen nachgegangen, wie ein guter Hirt dem verlorenen Schäflein und wie ein guter Vater dem verlorenen Sohne, um ihn zu suchen und zu retten vom Verderben. Ja Gottes Sohn selbst wird Mensch, um die Menschen zu erlösen. Er leidet alle erdenklichen Erniedrigungen und Schmerzen an Leib und Seele von der Krippe angefangen bis ans Kreuz und stirbt dort den schmerzlichsten und schimpflichsten Tod, um die armen sündigen Menschen von der ewigen Schmach und den ewigen Peinen zu erlösen und die ewige Glorie und Wonne ihnen zu verschaffen. Das Alles hat der Sohn Gottes aus lauter Mitleid und Barmherzigkeit mit uns Menschen freiwillig auf sich genommen. Auch vergoß er sogar sein kostbares Blut gerne und freudigen Herzens für Jene, die ihm alle diese Marter anthaten und bat den himmlischen Vater für sie um Verzeihung und Barmherzigkeit. Läßt sich wohl etwas Größeres und Erstaunlicheres denken als diese Barmherzigkeit Gottes?

Das ist noch nicht alles. Der Sohn Gottes hat die heilige katholische Kirche gestiftet, und den heiligen Geist ihr gesendet, damit er sie regiere, und die Menschen auf der ganzen Welt, die guten Willens sind, zu einer heiligen Gottesfamilie vereinige, die himmlischen Wahrheiten ihnen unverfälscht verkünden und die heiligen Sakramente spenden lasse durch seine Stellvertreter auf Erden. Er will sie durch den heiligen Geist heiligen und so für die ewige Glorie und Seligkeit vorbereiten.

Aber auch Jesus Christus selbst bleibt bei uns bis ans Ende der Welt und gibt sich uns zur Speise dar, damit er uns mit seinem eigenen Fleische und Blute ernähre und stärke für das ewige Leben. Im Himmel will er dann in Ewigkeit uns Antheil geben an all der Herrlichkeit und Freude, die er selbst beim Vater genießt, wenn wir ihm nur fromm und eifrig dienen wollen. „Wo ich bin, da soll auch mein Diener sein.“

Sind nun das nicht erstaunliche Werke der göttlichen Barmherzigkeit, die über alle Begriffe gehen, die kein Mensch und kein Engel in Ewigkeit genug betrachten und bewundern kann? Da, wo nun Gott aber seine Gerechtigkeit walten läßt, da wird er gewiß ebenso erstaunliche Werke vollbringen. So sagt es auch der weise Sirach:

„Er übt die Rache nach dem Maße der Barmherzigkeit.“

Das will aber sagen: So wie Gott da, wo er seine Barmherzigkeit zeigte, that, als ob er gleichsam ohne Gerechtigkeit wäre, so wird er auch da, wo er seine Gerechtigkeit allein zeigen will, thun, als ob er gleichsam ohne Barmherzigkeit wäre.

Hierüber spricht der heil. Bernhard also:

„So nachsichtig Gott bei seiner ersten Ankunft war, ebenso strenge wird er bei der zweiten sein, und so wie es jetzt in der Macht eines jeden Menschen liegt, sich mit ihm auszusöhnen, so wird dies alsdann Keinem mehr möglich sein. Denn so wie er seine Güte über alle Erwartung und Vorstellung an den Tag gelegt hat, so können wir auch erwarten, daß er in gleichem Maße auch die Strenge seiner Gerechtigkeit offenbaren wird. Unermeßlich und unendlich ist Gott in seiner Gerechtigkeit, wie er es in seiner Barmherzigkeit ist. Unaussprechlich groß ist er im Verzeihen und unaussprechlich furchtbar in der strafenden Vergeltung.“ (Serm. de Nativ. Dom.)

Wie oft suchen sich viele Leute damit bei ihren Sünden zu trösten, daß sie sagen, Gott sei ja barmherzig. Damit wollen sie ihre Furcht vor den ewigen Strafen beschwichtigen, um ungestört sündigen zu können.

O wie weit irren solche Menschen! Hier kannst du sehen, wie gerade die Größe der göttlichen Barmherzigkeit uns und die Größe der göttlichen Strafen in der Ewigkeit erkennen läßt. Wer die göttliche Barmherzigkeit zur Sünde mißbraucht und sich darauf verläßt, ohne sich von Herzen zu Gott zu bekehren, der wird die volle Gerechtigkeit erfahren. Darum benütze die Zeit der Barmherzigkeit und ändere dein sündhaftes Leben mit allem Ernste, dann darfst du hoffen auf Gottes Barmherzigkeit, sonst aber gibt es für dich keine Hoffnung.

Viertens läßt sich die Größe der höllischen Peinen auch von der Größe der göttlichen Langmuth abnehmen. O wie groß und bewunderungswürdig ist die göttliche Langmuth! Du hast vielleicht selbst schon öfters Ursache gehabt, darüber dich zu verwundern und gesagt, daß du nicht begreifen könntest, wie Gott der Herr mit Diesem oder Jenem so lange Geduld und Nachsicht haben könnte. Es gibt viele Menschen, die in alle Missethaten und Laster versunken sind und Sünde auf Sünde häufen bis zu ihrem letzten Athemzug. Sie spotten über die Gebote Gottes, über Verheißungen und Drohungen und über alles Heilige, achten weder des Himmels noch der Hölle, bleiben verstockt bei allen innern Einsprechungen und Antrieben der göttlichen Gnade und wider alle Ermahnungen, die ihnen gegeben werden.

Und siehe! Gott erwartet sie in seiner Langmuth ihr ganzes Leben lang, erhält ihnen das Leben und läßt sie oft das höchste Alter erreichen, damit sie doch sich bekehren möchten. Er sucht sie auf alle mögliche Weise, durch Wohlthaten und durch Leiden zur Buße zu bewegen.

Alles aber ist umsonst. Da läßt es sich doch nun leicht denken, daß über dieselben zuletzt, wenn die göttliche Langmuth doch erschöpft und das Maß der Sünden endlich doch voll ist, der Zorn Gottes im höchsten Maße hereinbrechen werde. So wie die Langmuth über alle Begriffe groß war, so wird nun auch die Strafe über alle Begriffe groß sein. Solchen ruft darum der heilige Apostel Paulus die ernstlichen Worte zu:

„Verachtest du die Größe seine Güte, Geduld und Langmuth? Weißt du nicht, daß die Güte Gottes dich zur Buße ruft? Aber durch deine Verstocktheit und durch dein unbußfertiges Herz häufest du dir Zorn für den Tag des Zornes und der Offenbarung des gerechten Gottes, der Jedem vergelten wird nach seinen Werken“ (Röm. 2, 4-6).

Mit diesen Worten sagt der Apostel, daß solche unbußfertige Menschen sich den Zorn Gottes mit jedem Tage häufen, so daß er täglich größer wird. O wie werden alle Menschen dereinst in Erstaunen gerathen, wenn sie sehen werden, wie groß der gerechte Zorn Gottes gegen Jene sein wird, an denen seine große Langmuth umsonst war!

Fünftens betrachte auch die Bosheit der Teufel, welchen die Verdammten übergeben werden, so wirst du leicht einsehen, daß ihre Peinen über alle Begriffe groß sein werden. Die Bosheit des Satans geht über alle menschliche Vorstellung und er ist zugleich voll List, um den Verdammten alle möglichen Tormenten anzuthun und läßt gegen sie seine ganze Wuth aus, weil sie ganz in seiner Gewalt sind. Sowie nun die List, die Bosheit und Grausamkeit der Teufel unaussprechlich größer ist, als die aller boshaften und grausamen Menschen, die je auf Eden gelebt haben und noch leben werden, so folgt daraus, daß auch die Peinen und Qualen, die sie den verdammten Menschen anthun, unaussprechlich größer sind, als alle erdenklichen Peinen und Qualen, die jemals auf Erden erdacht und ausgeübt werden können. Ich glaube, daß du, mein Christ, dies Alles klar einsehen wirst.

Sechstens endlich muß auch Jeder, der die Größe einer Todsünde recht betrachtet, eingestehen, daß die höllischen Peinen über alle Vorstellungen groß sein werden. Denn eine jede Todsünde ist wegen ihrer Bosheit und wegen der Undankbarkeit des Sünders so groß, daß kein Mensch und kein Engel ihre Größe ganz begreifen kann.

Wer eine Todsünde begeht, der verachtet die Größe und Allmacht Gottes auf die schrecklichste Weise. Denn er weiß ja doch, daß Gott der Herr des Himmels und der Erde ist, dem alle Kreaturen gehorchen sollen; daß er es ist, der Himmel und Erde regiert und daß vor ihm selbst die Cherubim und Seraphim voll Ehrfurcht vor seiner Majestät und Größe niederfallen, und daß vor ihm die Mächte des Himmels zittern.

Und ein so armes, elendes Geschöpf, wie der Mensch ist, empört sich gegen Gott und will ihm nicht dienen! Ist das nicht eine Frechheit, die über alle Vorstellung geht? Der Sünder weiß auch wohl recht gut durch seine Vernunft, daß Gott unendlich höher steht, als alle Geschöpfe, daß er das höchste über Alles liebenswürdigste Gut ist. Und was thut nun der Sünder, wenn er eine Todsünde begeht? Er hat jetzt die Wahl zwischen Gott und dem Geschöpfe, zwischen Gott, dem höchsten Gut, und einer sinnlichen Lust, und siehe da! der Sünder wählt das Geschöpf, und die sinnliche Lust ist ihm lieber als Gott. Geht das nicht über alle Begriffe?

Wir entsetzen uns und unser Herz ist ganz von Schmerz erfüllt, wenn wir recht betrachten, wie erschrecklich es war, als die Juden den Mörder Barrabas dem lieben Heiland vorzogen: aber was thut denn Derjenige, der eine Todsünde begeht, anderes? Er zieht die sündige Lust, die ihn geistiger Weise mordet, dem lieben Gott, der ihm das ewige selige Leben geben will, vor. Unser Herz wird mit Abscheu gegen den Judas erfüllt, wenn wir bedenken, daß er den göttlichen Heiland, seinen guten Meister, der ihm zum Apostel gewählt und ihm so viele Freundschaft und Liebe erwiesen hatte, um den Spottpreis von dreißig Silberlingen an seine größten Feinde verrieth und verkaufte. Was Anders aber thut Jener, der eine Todsünde begeht? Verkauft und verräth er nicht auch Gott, und zwar oft noch um einen geringern Preis als dreißig Silberlinge sind. Geht diese Verachtung Gottes und diese Thorheit nicht über alle Vorstellung? Ja wahrhaft! jeder der eine Todsünde begeht, gehört ins Narrenhaus.

Zudem weiß der Sünder auch, daß Gott heilig ist, und deßhalb die Sünde auf unendliche Weise hassen muß; aber nicht bloß die Sünde, sondern auch den Sünder.

Gott hasset den Sünder und sein sündhaftes Werk“, sagt die hl. Schrift.

Dieser Haß ist aber so groß, wie die göttliche Heiligkeit selbst ist, also unendlich groß. Das weiß der Sünder, und dennoch begeht er die Sünde und zieht so freiwillig den Haß Gottes auf sich. Etwas Unvernünftigeres und Boshafteres läßt sich ja doch wahrlich nicht mehr denken. –

Dann aber macht sich der Sünder durch die Todsünde auch einer unaussprechlich großen Undankbarkeit schuldig. Gott hat Dich, o Sünder! o Sünderinn! aus reinster Liebe erschaffen, Dich durch das Blut des eingeborenen Sohnes erlöst, hat Dich als Kind angenommen, sich selbst Dir hienieden im heiligsten Sakramente gegeben und will Dein ewiger Lohn im Himmel sein.

Nun ist aber die allerkleinste Gnade schon mehr werth, als die ganze Welt. O wie viel Dankbarkeit bist du Deinem Gott und Herrn dafür schuldig! Und siehe! was thust du? Du beleidigst Gott auf die gröblichste Weise, ziehst ein geringes irdisches Gut ihm und seiner Freundschaft vor, und giebst für eine kurze Wollust ihn und alle seine Gnaden und seinen Himmel hin. Das ist eine Undankbarkeit, die so schrecklich und abscheulich ist, daß sie mit keinen menschlichen Worten ausgesprochen werden kann.

So habe ich dir nun in Kürze ein wenig gezeigt, was eine Todsünde sei; aber sie ist noch unendlich mehr, als ein Mensch denken, fühlen und sagen kann (Anmerkung: Lies S. 56 des VIII. Kapitel von der Größe einer Todsünde.) Daraus kannst du nun auch leicht schließen, daß eine solche That auch eine Strafe verdient, die größer ist. als ein Mensch hienieden sich vorstellen kann. Aus diesen angeführten sechs Gründen nun kann jeder vernünftige Mensch erkennen, daß die Peinen der Hölle so unendlich groß sein werden, daß man es nicht genug aussprechen kann, und daß Alles das, was man auch darüber sagen mag, noch lange nicht genug gesagt ist.

Du siehst daher, daß die Hölle mit größtem Recht ein Ort der Qual genannt wird. O wie thöricht sind Jene, die sich vom Teufel und ihren Leidenschaften so verblenden lassen, daß sie an diese Dinge nicht genug glauben und sie darum so leicht in den Wind schlagen. Der hl. Gregor von Nyssa sagt hierüber:

„Wehe, wehe, dreimal wehe, Denjenigen, die eher erfahren wollen, als glauben“.

Hüte Dich, daß Du nicht auch dazu gehörest!

·       Steige oft im Geiste hinab, um die Hölle zu betrachte, damit du nicht einst wirklich hinabsteigen mußt, um die Peinen derselben zu fühlen!

Bitte Gott recht herzlich, daß er dir einen recht lebendigen Glauben geben und einen heilsamen Schrecken vor der Hölle einflößen und dich von diesem Orte der Qualen gnädigst bewahren wolle, und sprich andächtig:

O mein Gott und Herr! ich erkenne und bekenne, daß ich oft und vielmal verdient habe, in die Hölle geworfen zu werden. Denn wie oft habe ich dich schwer und gröblich beleidigt! O wie oft habe ich mich durch die Uebertretung der Gebote gegen dich, den Allerhöchsten, aufgelehnt und bin ich dir undankbar gewesen, obwohl ich recht gut wußte, daß du der Herr Himmels und der Erde bist, dem alle Kreaturen dienen sollen! O unbegreifliche Frechheit eines niedrigen Erdwurmes, sich gegen seinen Schöpfer zu empören! O wie oft habe ich dich förmlich verachtet, indem ich die niedrigen Geschöpfe und meine eitle kurze Wollust mehr geliebt habe, als dich, das höchste, liebenswürdigste Gut! O grenzenlose Thorheit! Du, o Herr! hast mich mit Wohlthaten an Leib und Seele überhäuft, und ich habe dich dafür beleidigt. O, das ist ein schrecklicher, abscheulicher Undank, der mit allen Peinen der Hölle gestraft zu werden verdient!

Ja, ich erkenne und bekenne, daß ich so unendlich verkehrt gewesen bin, daß ich der Stimme des Teufels und der Begierlichkeit mehr Gehör gegeben habe, als deinen Geboten, deinen heiligen Einsprechungen, meiner Vernunft und der Stimme des Gewissens. Darum habe ich es auch wohl verdient, von dir verstoßen und dem bösen Feinde zu Peinigung überliefert zu werden.

Nur deine übergroße Langmuth und Barmherzigkeit hat mich bis jetzt von den schrecklichen Peinen der Hölle bewahrt. Daraus schöpfe ich nun auch die festeste Hoffnung, daß du mir auch alle meine Sünden gnädigst verzeihen werdest. Ich bereue sie vom innersten Grunde meines Herzens, und möchte blutige Thränen weinen über alle Beleidigungen, die ich dir zugefügt habe.

Von nun an will ich dich von ganzem Herzen, aus ganzer Seele und aus allen meinen Kräften lieben, weil du das höchste, liebenswürdigste Gut bist, und will lieber Alles verlieren und alle Leiden der Welt erdulden, als dich jemals wieder zu beleidigen. Ich will von nun an deine heiligen Gebote treulich halten und deinen heiligen Einsprechungen und der Stimme meines Gewissens willig folgen. O nie und nimmermehr will ich die böse Begierlichkeit über mich Herr werden lassen! Aber o Herr! du weißt, daß ich so schwach und armselig bin, daß ich oft die gemachten Vorsätze sogleich wieder vergesse und übertrete; denn der Geist ist zwar willig, aber das Fleisch ist schwach. Darum bitte ich dich, mein Gott und Herr! gib mir deine Gnade und befestige du in mir die gemachten Vorsätze, daß ich nie und nimmermehr gegen dieselben handeln möge. Amen.