ETIKA

Pater Martin von Cochem

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Von den vier letzten Dingen

15.5.2013

18B18C9

Von der Beraubung der göttlichen Anschauung

S. 153-161

Von den
vier letzten Dingen,
dem Tode, dem Gerichte, der Hölle und dem Himmelreiche,
von Pater Martin von Cochem.
Neue umgearbeitete Auflage. Landshut, 1859. Druck und Verlag der Joseph Thomann´schen Buchhandlung. (J. B. v. Zabuesnig.)

Von der Hölle.

IX. Kapitel.

Von der Beraubung der göttlichen Anschauung.

Mein lieber Christ! wir haben schon viele schreckliche Peinen in der Hölle betrachtet, aber alle diese sind, obschon jeder Mensch darüber erzittern muß, noch sehr gering (Anmerkung ETIKA: Der Verfasser besitzt ein beträchtliches Quantum schwarzen Humor) gegen diejenigen, die wir jetzt betrachten wollen. Unter allen den unzählbaren Peinen, welche die Verdammten zu leiden haben, ist die größte und erschrecklichste die Beraubung der göttlichen Anschauung, also die Pein des Verlustes. Obwohl die Peinen der Empfindung über alle englische und menschliche Vorstellung gehen, wie wir schon betrachtet haben, so sind sie dennoch gegen die Pein des Verlustes wie Nichts zu rechnen.

Diese Pein ist in den Worten ausgedrückt, welche einst der göttliche Richter am jüngsten Tage zu den Gottlosen, die zu seiner Linken stehen, sagen wird, nämlich:

„Weichet von mir, ihr Verfluchten!“

O schreckliche Worte, die wohl alle Menschen recht ernstlich zu Herzen nehmen sollten! Der göttliche Richter will damit so viel sagen, als: Weichet von meinem Angesichte hinweg; weichet von der seligen Anschauung Gottes, dem Genusse und jeglicher Wohlthat Gottes! Weichet hinweg von mir, euerm Schöpfer und Erlöser, der euch aus Liebe erschaffen hat, um euch glückselig zu machen, und euch erlöst hat mit seinem eigenen Blute! Weichet auf ewig von meinem Angesichte, und ihr sollt mit mir nie mehr die geringste Gemeinschaft haben! Auf ewig sollt ihr ausgeschlossen sein von meinem Reiche, von meinem Schutze, von meiner Liebe, von jeglichem Lichtstrahl, von jedem Fünklein von Freude und des Trostes, von dem Besitze aller Güter meines Vaters.

Das Angesicht Gottes, seine Schönheit und Herrlichkeit sollt ihr in alle Ewigkeit nicht schauen, und ihr sollt mit dem Fluche Gottes beladen sein ewiglich! Ausgeschlossen sollt ihr sein von den Wohnungen der Seligen, von der Gemeinschaft der Engel, Heiligen und Auserwählten Gotts und von ihrer Liebe. Sie werden euch hassen und verfluchen, wie Gott euch haßt und verflucht, weil ihr ganz fluchwürdig seid! Mit dem Fluche Gottes und aller Seligen des Himmels beladen weichet von mir in das ewige Feuer, in die Gesellschaft der Teufel! O schreckliche Worte aus dem Munde des Schöpfers und Erlösers! Wer soll dabei nicht zittern und beben! Bedenke, o Sünder, wie schrecklich unglücklich du sein würdest, wenn du einstens diese Worte hören solltest. Von Gott, dem liebevollsten Vater verstoßen und auf ewig getrennt zu sein, das ist eine Pein, von der kein Mensch sich eine Vorstellung machen kann. Das ist ein Schmerz über alle Schmerzen, eine Pein über alle Pein.

Absolon hatte sich gegen seinen Vater David sehr verfehlt und mußte deßwegen ferne von ihm in Gessur in der Verbannung leben. Nach drei Jahren endlich wurde ihm von David wieder gestattet, in sein Haus zurückzukehren, aber nicht, das Angesicht des Vaters zu sehen. „Er mag in sein Haus zurückkehren, aber mein Angesicht soll er nicht sehen.“ So ließ David ihm sagen. Das Angesicht seines Vaters aber nicht schauen dürfen, das fiel dem Absolon so schwer, daß er lieber sterben wollte. „Ist er noch meiner Missethat eingedenk, so möge er mich tödten.“ O wie wird es dann den Verdammten zu Herzen gehen. weil sie das liebevollste Angesicht Gottes, des himmlischen Vaters, nicht sehen dürfen!

Daß diese Pein unvergleichlich größer sein muß, als alle andere Peinen in der Hölle, läßt sich schon mit der natürlichen Vernunft leicht einsehen. Denn wenn der Mensch schwer sündigt, so begeht er zwei Bosheiten, in welchen das Uebel der Todsünde besteht. Er wendet nämlich Gott, dem höchsten Gute, den Rücken, und wendet sich zu den irdischen Dingen, den Geschöpfen, und sucht darin sein höchstes Gut. Dies drückt die h. Schrift aus mit den Worten:

„Mein Volk hat zwei Uebel gethan: Mich, den Quell des lebendigen Wassers, haben sie verlassen, und haben sich Cisternen gegraben, zerbrochene Cisternen, die kein Wasser halten.“

Diese zwei Bosheiten sind also die Abwendung von Gott und die Hinwendung zu den Geschöpfen, als wären diese das höchste Gut. Für jede dieser beiden Bosheiten werden die Verdammten in der Hölle durch eine besondere Pein gestraft, welche gerade der Bosheit entspricht. Für die sündhafte Hinwendung zu den Geschöpfen werden sie gepeinigt durch die Geschöpfe, nämlich durch Feuer und Würmer, Finsterniß, Hunger und Durst, Gestank und durch die höllische Gesellschaft. Dieses sind die Strafen der Sinne mittelst der Geschöpfe.

Die Abkehr von Gott wird aber durch den Verlust Gottes gestraft. Die eine Bosheit, Gott, das höchste Gut zu verlassen, ist aber, wie Jedermann leicht einsieht, unvergleichlich größer, als die andere, nämlich in irdischen Dingen das höchste Gut zu suchen. Daraus folgt dann auch naturgemäß, daß die Strafe für die Abkehr von Gott, also der Verlust Gottes, auch unvergleichlich größer sein muß, als die andere Strafe mittelst der Geschöpfe für die Zuwendung zu den Geschöpfen, nämlich die Strafe der Sinne, oder die Strafe der Empfindung. Dies bestätigt auch der heilige Bonaventura, indem er sagt (Soliloq. Tom. VII.):

Ueber Alles schrecklich ist die ewige Trennung von der heiligsten und freudenreichsten Anschauung der allerheiligsten Dreifaltigkeit.“

Um die Größe dieser Pein einigermaßen zu erkennen, mußt du Folgendes bedenken. Der heilige Bernhard macht die Bemerkung, daß die Größe dieses Verlustes der Anschauung und des Genusses Gottes nach der Unendlichkeit des höchsten Gutes, nämlich Gottes, müsse bemessen werden. Denn die Pein über den Verlust eines Gegenstandes ist in demselben Maße groß, als der Werth des verlorenen Gegenstandes groß ist, und in dem Maße, als Derjenige, der den Verlust erlitten hat, diesen Werth kennt, und der Gegenstand ihm nothwendig ist, um glücklich und zufrieden zu sein. Nach diesen drei Beziehungen muß nun auch der Schmerz der Verdammten über den Verlust Gottes gemessen werden, nämlich: nach dem Werthe des verlorenen Gutes, ― dann nach der Erkenntniß, den sie von diesem Werthe haben – und endlich nach der Nothwendigkeit des verlorenen Gutes, um glücklich und zufrieden sein zu können. Betrachte diese Dinge nun etwas ausführlicher.

Erstlich, was den Werth des verlorenen Gutes anbelangt, so weiß Jedermann, daß, wenn Einer einen kostbaren Edelstein verlieren sollte, der tausend Thaler werth wäre, er sich darüber gewiß sehr betrüben würde; wäre der Edelstein aber zweitausend Thaler werth, so würde der Schmerz doppelt so groß sein, und je größer der Werth wäre, desto größer würde auch die Betrübniß sein. Nun bedenke aber, welch ein großes Gut die Verdammten verloren haben! Die ganze Welt und tausendmal tausend Welten wären gegen dieses Gut noch weniger, als ein Tröpflein Wasser gegen das große Weltmeer. Ach! die Verdammten haben ein unendliches Gut, nämlich Gott, verloren. Deßhalb sagt der heilige Thomas, fühlen auch die Verdammten eine gewissermaßen unendliche Pein.

„Des Verdammten Pein ist unendlich, weil er ein unendliches Gut verloren hat.“

O Verlust über allen Verlust! Möchten doch alle Sünder das recht beherzigen, so würden sie ja doch gewiß nicht so thöricht sein, um geringer irdischer Dinge willen, ein so hohes Gut, wie Gott ist, so freventlich verlieren zu wollen!

Zweitens. Würden die elenden Verdammten den unendlichen Werth ihres Verlustes nicht erkennen und fühlen, so würde ihre Pein darüber auch nicht groß sein. Denn verliert auch jemand einen solchen Edelstein, der mehrere Tausend Thaler werth ist, kennt aber den Werth nicht und glaubt, er sei wohl nur einige Thaler oder noch weniger werth, so wird sein Schmerz über den Verlust sehr gering sein. Die Größe des Schmerzes über einen Verlust richtet sich daher auch nach der Erkenntniß des Werthes des verlorenen Gegenstandes. Die Sünder erkennen den Werth des höchsten Gutes nicht, so lange sie auf Erden leben, weil sie ganz verblendet sind. Darum haben sie auch keinen Schmerz über diesen Verlust. Um einigermaßen das höchste Gut kennen und schätzen zu lernen, muß man viel und ernstlich und mit großer Andacht die göttlichen Vollkommenheiten und Alles, was Gott gethan hat, betrachten und beherzigen.

Das thun aber die verblendeten Sünder nicht, kümmern sich vielmehr gar nicht um die Erkenntniß Gottes und der Wahrheiten uns´rer heiligen Religion. Sie richten ihre Gedanken nur auf das Irdische, auf Reichthum, auf Ehre und Ansehen bei den Menschen, oder Vergnügungen der Welt. Darum macht ihnen der Verlust Gottes, die Trennung von ihm, so wie seine Feindschaft, in der sie sich befinden, wenig Kummer, und sie fühlen es nicht, in welchem traurigen Zustande sie sind.

Die Heiligen Gottes aber haben allzeit mit Eifer das höchste Gut betrachtet und dadurch seine unendliche Schönheit und Liebenswürdigkeit immer besser kennen gelernt. Darum ist ihre Liebe zu Gott auch mit jedem Tage größer geworden. Sie haben im Leben darum auch schon einigermaßen gefühlt, wie süß der Herr ist, und haben seinen Besitz und seine Liebe auch darum über alles geschätzt. Sie waren bereit, lieber Alles zu verlieren in der Welt, und dabei alles Elend, das man ihnen nur immerhin anthun mochte, zu erdulden, als Gott zu beleidigen und ihn dadurch zu verlieren. Lieber, als das höchste Gut zu verlieren, ließen sie sich foltern, zersägen und zerschneiden, rädern und viertheilen, verbrennen auf Scheiterhaufen (Anmerkung: warum sollten wir bei dieser Gelegenheit nicht an den auf Geheiß eines teuflischen Papstes verbrannten gottesfürchtigen Dominikaner Savonarola, unseren Patron, erinnern, der noch immer nicht heilig gesprochen worden ist?), oder in siedendes Oel werfen, sich geschmolzenes Blei eingießen, mit Pech bestreichen und anzünden, mit Honig bestreichen und von Bienen und Wespen und anderen Thieren zerstechen und zermartern, den wilden Thieren vorwerfen und zerreißen und noch andere Marter anthun, welche die Grausamkeit der heidnischen Tyrannen ersinnen mochte, um sie vom Glauben abwendig zu machen und zur Sünde zu verführen.

Alle diese Marter und noch viele andere haben die Martyrer gelitten, um ja nicht von Gott getrennt zu werden und das höchste Gut nicht zu verlieren. Sie konnten sich keine schrecklichere Pein denken, als ewig der Anschauung Gottes beraubt zu werden. Gegen solche Pein kamen ihnen alle Martern wie gar Nichts vor. Ja sie frohlockten noch bei den größten Martern, indem sie an das höchste Gut dachten, das sie bald besitzen würden. Darum sprach der heilige Ignatius:

„Herr! jede Pein will ich gerne erleiden, nur diese nicht, Deiner beraubt zu sein“.

Am Allerbesten kennen aber die Seligen im Himmel das höchste Gut, weil sie das Angesicht Gottes schauen, seine ganze Schönheit vor Augen sehen, und grade darin besteht das Wesen ihrer Glückseligkeit. Ohne die Anschauung Gottes würde selbst der Himmel zur Hölle werden.

Auch die Verdammten erkennen in der Hölle den unendlichen Werth des höchsten Gutes. Denn sobald sie die Welt verlassen, wird die Verblendung des Geistes hinweggenommen, und der Verstand erleuchtet, daß sie zu ihrer Qual erkennen, ein wie unendliches und unschätzbares Gut Gott ist. Je mehr Einer gesündigt hat, desto größere Erkenntniß des verlorenen Gutes wird ihm Gott ertheilen, damit die Pein auch um so größer sei, wie ja auch das höllische Feuer die Eigenschaft von Gott erhalten hat, Diejenigen, die schwerer gesündigt haben, auch heftiger zu peinigen. O, hätten die elenden Sünder, so lange sie noch in der Welt waren, sich einigermaßen darum bekümmert, Gott, das höchste Gut, kennen zu lernen, so hätte ihnen diese Erkenntniß noch zum Heile gereicht; jetzt aber gereicht sie ihnen zu unsäglicher Qual und Pein, da sie ihnen die ganze Größe ihres Verlustes zeigt. Ueber diesen Verlust jammern die Verdammten mehr, als über alle ihre sonstigen Leiden, ja sie würden noch tausendmal mehr Peinen leiden wollen, wenn es möglich wäre, wenn sie die Schönheit Gottes schauen könnten. Dies bezeugt der heilige Chrysostomus, indem er sagt:

„Wenn Jemand tausend Höllen annehme, so würde er doch noch nicht so Großes sagen, als der Verlust ist, der aus der Verbannung von der Ehre der seligen Herrlichkeit entsteht.“

Dies hat auch der leidige Satan einmal selbst geoffenbart, wie in der Legende des heiligen Jordanus, Generals des Predigerordens, zu lesen ist. Denn als dieser einmal den Satan in einer besessenen Person fragte, welches die größte Pein in der Hölle sei, sprach er: „Daß wir Gott nicht schauen können“. Ist denn Gott so schön? sprach Jordanus. Der Teufel antwortete: „Freilich ist er schön.“ Jordanus fragte dann weiter: „Wie schön ist er denn?“ Da erwiederte der Teufel: „Du Narr! was fragst du mich dies? du weißt ja, daß seine Schönheit mit keinem Dinge zu vergleichen ist“. Jordanus sprach dann weiter: „Kannst du mir denn kein Gleichniß geben, woraus ich die Schönheit Gottes einigermaßen abnehmen könnte?“ Da sprach der Satan: „Bilde dir eine Kugel von Crystall ein, tausendmal heller, als die Sonne, und in welcher die Schönheit aller Farben, der Geruch aller Blumen, die Süßigkeit aller Speisen, die Kostbarkeit aller Edelsteine, die Freundlichkeit aller Menschen und die Lieblichkeit aller Engel beisammen wäre. Diese Kugel müßte ja doch gewiß recht schön sein; aber dennoch wäre sie gegen die Schönheit Gottes für häßlich zu halten“. Da sprach der gottselige Mann: „Was gäbest du denn darum, wenn du Gott anschauen könntest?“ Hierauf entwortete der Satan: „Wenn eine Säule von der Erde bis in den Himmel stünde, welche von oben bis unten voll spitziger Pfriemen, Messer und Haken wäre, so wollte ich mich von jetzt an bis an den jüngsten Tag auf dieser Säule auf- und abziehen lassen, wenn ich nur ein paar Augenblicke lang das göttliche Angesicht schauen könnte.“

Hieraus kannst du nun abnehmen, wie unendlich schön das göttliche Angesicht sein müsse, wenn auch der leidige Satan eine so unsägliche, langwierige Marter ausstehen wollte, um nur ein Paar Augenblicke lang dieselbe Schönheit zu genießen. Weil nun die Teufel und ebenso die Verdammten dies erkennen, so ist unter allen Schmerzen, die sie zu leiden haben, kein größerer, als eben der Schmerz, weil sie der süßesten Anschauung des holdseligen Angesichtes Gottes beraubt sein müssen.

Wenn daher Gott einen Engel an die Pforten der Hölle schickte, welcher zu ihnen spräche: O ihr armen Verdammten! der Herr hat sich euer erbarmt, und ist bereit, euch aus allen Strafen eine abzunehmen; deßwegen möget ihr euch nun wählen, was ihr wollet, und es wird euch sogleich gewährt werden. Was meinst du, daß sie hierauf sagen würden? Sie würden alle mit einhelliger Stimme rufen und inständig bitten: O lieber Engel! sage doch dem gütigen Gott, daß wir keinen bessern Ort, als der ist, worin wir sind, begehren, auch nicht, daß er uns von der Hitze des Feuers befreie, noch den Hunger und Durst uns stille, noch den Gestank und die Würmer uns entferne, noch daß er von der Finsterniß und der Gesellschaft der bösen Geister uns erlöse; denn dies Alles, und was der höllischen Peinen mehr sind, wollen wir von Herzen gerne in alle Ewigkeit leiden, wenn er uns nur von der Strafe der Beraubung seiner göttlichen Anschauung erlösen wollte. Dies allein bitten wir, und bitten es von ganzem Herzen, dann wollen wir, wenn wir dies erlangen, uns unsers Leids gerne getrösten, wenn er es uns auch schon verdoppel wollte.

Dies würden die Verdammten dem Engel antworten, und diese einzige Gnade würden sie von Gott erbitten. Denn wenn sie mitten in den Gluten des höllischen Feuers das göttliche Angesicht schauen könnten, so würden sie vor lauter Freude das Feuer nicht achten; ja sie würden bei allen Tormenten jubeln und frohlocken. Denn das göttliche Angesicht ist so schön, so lieblich, so unendlich süß, daß alle Freude und Süßigkeit Himmels und der Erde damit nicht zu vergleichen ist, ja alle himmlischen Freuden, wie groß sie auch immer sein mögen, wären lauter Bitterkeit, wenn die Anschauung Gottes nicht dabei wäre, und die lieben Heiligen wollten lieber in der Hölle sein, wenn sie dort Gott schauen könnten, als im Himmel ohne die Anschauung Gottes zu bleiben.

Hierüber sagt der heilige Augustin, daß wenn man in der Hölle die Anschauung Gottes genießen könnte, so würde dadurch die Hölle selbst zum Paradiese. Wie daher dies die größte Freude im Himmel ist, daß die lieben Heiligen Gott anschauen und genießen, so ist es auch in der Hölle die größte Pein, daß die Verdammten dessen beraubt sind.

In der Hölle erkennen die elenden Sünder die Liebenswürdigkeit Gottes und sehen ein, wie recht und billig es ist, daß alle Kreaturen ihn von Grund des Herzens lieben, aber sie können ihn nicht mehr lieben. Denn jedes Fünklein der Liebe Gottes ist in ihnen erloschen und an deren Statt ist die lautere Bosheit getreten.  Statt daher Gott zu lieben, hassen sie ihn vielmehr.

Dies hat einmal ein Teufel selbst bekannt. Als er nämlich einmal von der heiligen Katharina von Genua gefragt wurde, wer er wäre, da antwortete er: „Ich bin ein der Liebe Gottes beraubter Bösewicht.“

·       Ja, die Verdammten sind, wie die Teufel, durch und durch Bösewichte. Deßhalb hassen und verfluchen sie auch Alles, was gut, schön und tugendhaft und heilig ist, Gott und Alles, was von ihm kommt.

Sie verfluchen die allerheiligste Dreifaltigkeit, alle Gnaden und Wohlthaten Gottes, die Erschaffung, die Erlösung, die heiligen Sakramente. Auch die Freunde Gottes, nämlich die Engel und Auserwählten des Himmels, verwünschen und hassen sie mit der größten Bitterkeit, und möchten sie, wenn sie könnten, zu sich in den Abgrund der Hölle herabreißen. Der Neid gegen die Seligen im Himmel reizt sie zur höchsten Wuth und Verzweiflung, indem sie wissen, daß diese jenes Glückes der göttlichen Anschauung theilhaftig sind, dessen sie ewig entbehren müssen. So oft sie daran denken, heulen sie und knirschen sie mit den Zähnen, und sie müssen immer und ewig daran denken, ohne einen Augenblick es vergessen zu können.

„Der Sünder sieht´s und zürnet, mit seinen Zähnen knirscht er und schmachtet hin.“ (Ps. 111, 10).

O welche Pein macht ihnen dies beständige Andenken an die verlorene Seligkeit! Der heilige Chrysostomus sagt hierüber (De fut. jud. Tom. VI):

„Ich weiß, daß Viele nur die Hölle fürchten; ich aber sage, daß der Verlust der himmlischen Glorie eine weit schärfere Pein sei, als die Hölle selbst.“

Drittens. Wenn nun aber auch der Verlust Gottes ein unendlicher ist und die Verdammten dies auch ganz klar erkennen und fühlen, so würde ihre Pein hierüber doch noch eine Milderung haben, wenn es in der Hölle noch irgend einen kleinen Ersatz für den unendlichen Verlust gäbe, wie die Sünder in der Welt besaßen. Aber nein! da gibt es auch nicht den geringsten Ersatz.

So lange die elenden Sünder noch in der Welt lebten, glaubten sie, sie brauchten unsern Herrgott und seine heiligen Gnaden nicht, weil sie sonstige Dinge hatten, an denen sie sich ergötzen konnten. Da glaubten sie auch ohne Gott und Himmel glücklich sein zu können, und thaten darum grade als ob sie nur um der Weltlust wegen erschaffen wären. Da gab es allerlei Geschäfte, Pläsir, Unterhaltung und Zeitvertreib, welche sie beschäftigten und zerstreuten, daß sie an den Verlust Gottes nicht dachten, und ihren elenden Zustand nicht erkennen und fühlen konnten. Und wenn sich auch hie und da ein guter Gedanke einstellte und das Gewissen ihnen etwas Schmerz verursachte, so daß es ihnen nicht mehr recht geheuer bei ihrem Lasterleben war, dann gab es verschiedentliche Wirthshäuser, wo man solche ungelegene Gedanken und Gefühle beim Wein, Bier und Schnaps verscheuchen konnte. Da gab es auch allerlei Vergnügungsorte und lustige Gesellschaften, wo man sie verjubiliren konnte.

Solche Dinge aber gibt es nun in der Hölle nicht, um sich zu zerstreuen, und um die Gedanken an sein Elend zu verjagen. Mit der Anschauung und dem Verluste Gottes sind auch alle andere Dinge, die irgend einen Trost geben könnten, zugleich verloren. Drum müssen die Verdammten immerdar an ihr schreckliches Elend denken und haben Nichts, als ihr Elend und ihre Pein und Qual. Dies bezeugt auch folgendes Beispiel.

In Paris lebte einmal ein berühmter Doktor der Theologie, der eine große Wissenschaft besaß und deßhalb ein großes Ansehen genoß. Als er nun gestorben war, erschien er eines Tages seinem Bischofe und sagte ihm, daß er verdammt sei. Als hierauf der Bischof unter Anderm ihn fragte, ob er in der Hölle auch noch an die Wissenschaft denke, die er auf Erden gelehrt habe, da gab er ihm zur Antwort: In der Hölle denkt man an nichts Anderes, als an das Unglück, Gott verloren zu haben.“

Ja, weil die Verdammten nun Gott, den Urquell alles Trostes und jeglicher wahren Freude verloren haben, so werden sie in alle Ewigkeit auch kein Fünklein Trost und Freude mehr zu hoffen haben. Denn die Schrift sagt:

„Wenn der gottlose Mensch stirbt, so ist keine Hoffnung mehr“ (Sprichw.11, 7).

O welche Leerheit! o welche Trostlosigkeit wird das sein! Gewiß würdest du es für unausstehlich halten, wenn du die ganze Zeit deines Lebens ohne jegliche Freude und allen Trost sein müßtest. Gewiß würdest du meinen, es wäre dir gar nicht möglich, länger zu leben. O wie jammern selbst fromme Leute, wenn sie der liebe Gott zuweilen zu ihrer Prüfung trostlos läßt! Sie sagen, sie wollten lieber alle Leiden mit dem göttlichen Troste dulden als ohne alle Leiden sein und des göttlichen Trostes entbehren. Das weiß auch Jeder aus eigener Erfahrung, wie hart es ist, auch nur einige Zeit ohne allen Trost zu sein. O, wie schrecklich muß daher der Zustand der Verdammten sein, die Alles verloren und in Ewigkeit Nichts mehr zu hoffen haben, was sie auch nur einigermaßen trösten könnte, und dabei auch noch Alles haben, was sie peinigen kann. Dieser Zustand wird so entsetzlich sein, daß kein Mensch sich ihn ganz gründlich vorstellen kann, bis er ihn selbst erfährt.

Jetzt erst sehen sie, aber viel zu spät ein, daß sie nicht für die Welt und irdische Lust erschaffen worden, sondern einzig für Gott und daß es ohne ihn kein Glück und keine Freude, keine Ruhe und keinen Frieden gibt, wie dies der hl. Augustin mit den Worten sagt:

„Unser Herz ist für dich geschaffen, o Herr! und findet keine Ruhe, bis es ruhet in dir.“

Jetzt sehen sie ein, daß Gott ihnen durchaus nothwendig ist, und daß selbst die ganze Welt, wenn sie dieselbe besitzen könnten, sie nicht glücklich machen könnte. Jetzt erkennen die elenden Sünder, daß sie ihren Lebenszweck gänzlich verfehlt haben und sehen sich mit dem ewigen Fluche ihres Schöpfers beladen. Sie sehen, daß sie nie und nimmermehr eines guten Gedankens fähig sind, wie jener Feigenbaum verdorrte, so daß er keine Frucht mehr bringen konnte, den der Herr verflucht hatte. Darum verwünschen sie sich selbst als die größten Bösewichte und Ungeheuer. Sie verfluchen den Tag und die Stunde, wo sie geboren worden. Sie verfluchen sich an Leib und Seele in alle Ewigkeit.

Da alle Menschen für Gott erschaffen sind, daß sie Gott lieben, ihm dienen und damit ihn ewig genießen sollen, so haben auch alle Menschen das größte Bedürfniß, Gott zu besitzen und zu genießen. Dies Bedürfniß fühlen die Verdammten in der Hölle erst recht mit aller Gewalt. Drum fühlen sie sich natürlicher Weise auf das Heftigste zu Gott hingezogen und können ohne ihn nicht leben, und können ihn aber auch nicht besitzen. Sie sehnen sich darnach, und ringen darnach mehr als ein Hungriger nach Speise und ein Durstiger nach Trank, aber nimmermehr werden sie erhalten, wornach sie ein so unsägliches Verlangen haben.

Um dir diesen elenden Zustand einigermaßen vorzustellen, denke dir einen Menschen, der dem Verhungern ganz nahe ist, und einen Tisch voll der besten und köstlichsten Speisen vor sich stehen sieht, darnach greift, aber allemal wieder zurückgestoßen wird.

Oder stelle dir ein Kind vor, welches in einem finstern Kerker liegt, und zu seiner Mutter, die es draußen stehen sieht, schreit, seufzt und winselt und nach der es seine Hände sehnsüchtigst ausstreckt, aber immerhin ohne alles Erbarmen in den schrecklichen Kerker zurückgeschleudert wird.

So und noch unendlich schrecklicher geht es den Verdammten. Sie hungern und dursten nach dem Besitze der göttlichen Anschauung, strecken unaufhörlich ihre Hände nach Gott aus, werden aber von der Hand der göttlichen Gerechtigkeit allezeit wieder zurückgeschleudert. So ringen sie in Ewigkeit fort und haben keinen Augenblick Ruhe, weil sie in ihrem Leben, Gott, das höchste Gut, von sich gestoßen haben. Ohne Gott können sie nicht leben, und können auch nicht sterben. Drum ist ihr elendes Leben in der Hölle ein beständiger Todeskampf, ja es ist der ewige Tod. O welcher Jammer! O welche Pein! O welche schreckliche Verzweiflung! O hätten doch die elenden Sünder dies Alles in ihrem Leben beachtet und dem Worte Gottes geglaubt und gehorcht! O wären sie doch nicht so sehr verstockt gewesen! Jetzt ist für sie kein Rath und keine Hilfe mehr.

So besteht also das Schreckliche der Hölle nicht in der Pein des höllischen Feuers, nicht in dem höllischen Gestank, mit welchem die Verdammten gepeinigt werden, nicht im Geheul und Geschrei, das sie hören müssen, nicht in dem Anblick der häßlichen Teufel und Mitverdammten, sondern die eigentliche Pein der Hölle besteht in dem Verlust Gottes, in der Beraubung seiner seligsten Anschauung.

O bedenket dies doch recht ernstlich, ihr Sünder und Sünderinnen, die ihr jetzt auf demselben breiten Wege gehet, auf welchem Jene auch gewandelt und bis in den tiefen Abgrund der Hölle gekommen sind! Jetzt kehret um zu Gott, und erwerbt euch durch innigste Zerknirschung des Herzens, durch eine aufrichtige Beicht Verzeihung und werdet fromm und tugendhaft, damit ihr nicht an jenen Ort der schrecklichsten Trostlosigkeit gerathen möget. Jetzt ist es noch Zeit, in der Hölle aber gibt es keine Zeit mehr. Bete inbrünstig zu Gott, der allerseligsten Jungfrau Maria, und allen Heiligen, damit du die dazu nöthige Gnade erlangen mögest.

O mein Gott und Herr! du bist mein höchstes Gut, durch dessen Besitz ich allein glücklich werden kann, und ohne welches ich ewig in dem furchtbarsten Elende verzweifeln müßte. O mein unendliches Gut! wie oft habe ich dich thörichter und frevelhafter Weise verloren? Wohl wußte ich es recht gut, daß ich durch die Sünde dich und deine Gnade und Freundschaft verlieren würde, und habe dennoch die Sünde gethan! Wenn ich nicht wüßte, daß du die Barmherzigkeit selbst bist, und daß mein göttlicher Erlöser am Kreuze für mich gestorben ist, damit ich Verzeihung meiner schrecklichen und schändlichen Sünden erlangen möchte, so würde ich mir nicht getrauen, vor dein heiliges Angesicht zu treten und dich um Verzeihung anzuflehen!

O Gott der Erbarmung und Güte! schaue nicht auf meine vielen Sünden, sondern auf deinen geliebten Sohn am Stamme des Kreuzes und auf sein für mich vergossenes Blut, das zu dir für mich um Erbarmen ruft! Ich hätte wohl verdient, schon lange in der Hölle zu liegen; aber deine große Langmuth hat mich davor bewahrt! Das gibt mir Hoffnung auf Gnade und Verzeihung. O ich bereue meine Sünden und Missethaten von Grund meines Herzens, und möchte blutige Thränen weinen über die Schmach, die ich dir angethan habe, indem ich dich wegen irdischer Dinge und Genüsse verlassen habe!

Ach! wie konnte ich doch so blind und so thöricht sein! Wäre ich doch eher gestorben, als daß ich so Etwas gethan habe! Da ich aber mit deiner Gnade meine Thorheit und Bosheit nun einsehe, so will ich aber auch gleich umkehren und mich von Herzen bessern, und hinfüro dich innigst lieben und dir treu dienen bis zum letzten Athemzuge. O Maria, meine Hoffnung und mein Trost! stehe mir bei und rette mich vom ewigen Verderben, damit ich ewiglich meinen Gott und dich im Himmel anschauen möge! Amen.