ETIKA

Pater Martin von Cochem

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Von den vier letzten Dingen

25.5.2013

18B18D2

Von der himmlischen Glorie

S. 202-219

Von den
vier letzten Dingen,
dem Tode, dem Gerichte, der Hölle und dem Himmelreiche,
von Pater Martin von Cochem.
Neue umgearbeitete Auflage. Landshut, 1859. Druck und Verlag der Joseph Thomann´schen Buchhandlung. (J. B. v. Zabuesnig.)

Von der himmlischen Glorie.

II . Kapitel.
Von den himmlischen Freuden

Nachdem wir die Einrichtung der himmlischen Stadt Jerusalem einigermaßen betrachtet haben, so wollen wir nun auch erwägen, was für Freuden die lieben Heiligen an Leib und Seele dort genießen. Jetzt haben zwar die Heiligen insgemein ihre Leiber noch nicht, aber am jüngsten Tage werden sie dieselben wieder empfangen.

Dieselben werden alsdann aber so schön, so lieblich und wohlriechend sein, daß kein Ding dieser Welt damit zu vergleichen sein wird.

„Denn Jesus Christus wird den Leib unsrer Niedrigkeit umgestalten, daß er gleichgestaltet sei dem Leibe seiner Herrlichkeit“ (Phil. 3, 21).

Die Leiber der Heiligen werden also dem Leibe Christi an Herrlichkeit und Lieblichkeit gleich gestaltet sein.

„Gleich wie wir das Bild des irdischen Menschen (Adams) getragen haben, so werden wir auch das Bild des himmlischen (Christus) tragen“ (I. Cor. 15, 49).

„So gibt es himmlische Körper und irdische Körper; aber eine andere Herrlichkeit haben die himmlischen, eine andere die irdischen“ (I. Cor. 15, 40).

Vornehmlich aber wird ein jeder verklärte Leib vier Gaben oder Eigenschaften haben, nämlich: Leidensunfähigkeit, Klarheit, Behendigkeit und Feinheit.

Die erste Gabe ist die Unverweslichkeit oder Leidensunfähigkeit, daß nämlich kein glorificirter Leib Etwas leiden kann. Der heilige Apostel Paulus bezeichnet diese Eigenschaft mit den Worten:

Gesäet wird der Leib in Verweslichkeit, auferstehen wird er in Unverweslichkeit.

Er wird nicht krank, noch schwach, noch alt, noch ungestaltet werden. Er wird weder Hunger noch Durst, weder Hitze noch Kälte oder sonst eine Beschwerde jemals leiden können. Kein Element kann ihm irgendwie schaden. Er kann in keinem Feuer verbrennen, in keinem Wasser ertrinken, von keinem Schwerte durchstochen, von keiner Last erdrückt werden, sondern wird ewig gesund, unsterblich, unveränderlich und so stark und kräftig sein, daß er die ganze Welt gleichsam wie einen Ball hin- und herwerfen könnte.

Wenn ein Mensch diese Gabe der Leidensunfähigkeit auf dieser Welt haben könnte, gewiß gäbe er Alles darum, was er hat. Was für eine Freude wird es aber sein für dich, ewig diese Gabe zu besitzen? Wenn es hier auf Erden auch mancherlei Freuden gibt, so sind dieselben doch allzeit mit gar vielen Übeln und Leiden verbunden und dadurch verbittert. Denn wie selten genießt Einer eine ungetrübte Freude!

Wie auf die freundliche Helle des Tages die finstere Nacht, auf den blühenden Frühling der heiße Sommer, und auf den gesegneten Herbst der kalte Winter folgt, so folgt auch im menschlichen Leben auf Freude und Heiterkeit wieder Schmerz und Betrübnis. Bald peinigt uns der Hunger, bald der Durst, bald quälen uns die Schmerzen einer Krankheit, bald Armut und Not. Bald quälen uns die Menschen durch Feindschaft und Undank, bald quälen wir uns selbst durch allerlei Kummer und Sorgen. Bald sucht uns Gott heim durch Hagelschlag, Feuersbrunst, Seuche, Krieg und andere Übel. Daher hat der weise Sirach Recht, wenn er sagt:

Viele Mühseligkeit ist geschaffen für alle Menschen und ein schweres Joch liegt auf den Kindern Adams vom Tage an, wo sie aus dem Schoße ihrer Mutter kommen, bis zum Tage des Begräbnisses in die Mutter Aller. Von Dem an, welcher sitzet auf herrlichem Throne, ist es so, bis zu dem in Staub und Asche Erniedrigten“ (Sirach 40, 1-11).

Aus diesen Gründen nennt die heilige Kirche diese Erde ein Tränental und einen Ort unglücklicher Verbannung. Im Himmel werden wir von allen diesen Übeln ganz und gar frei sein und zwar für alle Ewigkeit. Denn dort ist kein Wechsel mehr von Tag und Nacht, von Frühling und Sommer, Herbst und Winter; sondern dort ist es ewig Tag und ewig Frühling. Hierüber sagt der heilige Johannes in seiner Offenbarung (7, 16. 17):

„Sie werden nicht mehr hungern noch dürsten; es wird nicht mehr auf sie fallen die Sonne noch irgend eine Hitze; denn das Lamm in der Mitte vor dem Throne wird sie weiden und zu den Quellen des lebendigen Wassers führen, und Gott wird alle Tränen abwischen von ihren Augen.“

„Der Tod wird nicht mehr sein, noch Trauer, noch Klage, noch Schmerz“ (21, 4).

Der heilige Augustinus sagt:

„Man kommt da in jenes Vaterland, wo man keinen Freund verliert und keinen Feind zu fürchten hat; wo man ohne irgend einen Wunsch und ohne Mangel lebt; wo Niemand geboren wird und Keiner stirbt; wo Keiner Etwas einbüßt  und Keiner einen Gewinn macht, wo wir die Unsterblichkeit zur Begleitung und die Wahrheit zur Speise haben.“

O, wer sollte nicht gerne hienieden die kurzen Mühseligkeiten und Leiden geduldig ertragen wollen, um jene ewige Gabe der Leidensunfähigkeit zu erlangen? Denn es sind ja alle Leiden dieser Welt in keinem Vergleich gegen die Herrlichkeit, die an uns wird offenbar werden.

Die zweite Gabe oder Eigenschaft der verklärten Leiber ist die Klarheit. Was die Klarheit anbelangt, so wird ein jeder Leib der Auserwählten glänzen wie die Sonne. So hat es Christus selbst gesagt, wie wir beim heiligen Matth. 13, 43 lesen können, wo es heißt:

„Alsdann werden die Gerechten leuchten, wie die Sonne im Reiche meines Vaters.“

Als Vorbild dieser Klarheit zeigte er sich seinen Jüngern auf dem Tabor:

„Sein Angesicht glänzte wie die Sonne, seine Kleider aber wurden weiß wie der Schnee  (Matth. 17, 2) (Anmerkung ETIKA: Man halte sich hierbei bitte nicht das verunglückte Bild von Grünewald vor Augen.)

Je nachdem Einer heiliger ist, desto klarer wird auch der Leib glänzen. Es wird jeder Leib ganz durchsichtig sein, daß man alle Adern, Nerven, Gebeine und das Blut und die ganze kunstvolle Einrichtung des Leibes klar sehen kann, um Gottes Allmacht und Weisheit daran bewundern zu können. Dies Alles wird aber so unbegreiflich schön sein, daß, wenn ein Mensch jetzt einen solchen Leib sehen würde, derselbe von Freude sterben müßte (Anmerkung ETIKA: er würde wohl vielmehr blind werden, siehe unten). Dies geht auch aus einer Offenbarung hervor, welche die Mutter Gottes der heiligen Brigitta gemacht hat (Buch 1, Kap. 20), indem sie sprach:

„Die Heiligen stehen vor meinem Sohne wie unzählbare Sterne, deren Klarheit mit keinem irdischen Lichte verglichen werden kann. Ja, ich sage dir für gewiß, daß, wenn die Heiligen in ihrer Klarheit gesehen würden, kein menschliches Auge ihren Glanz würde aushalten können, sondern des leiblichen Lichtes beraubt werden würde.“

Nun bedenke, was für eine unbeschreibliche Freude es für dich sein würde, wenn einmal dein Leib glänzen würde wie die Sonne! Die liebe Sonne erfreut ja Alles, was da lebt und schwebt mit ihrem lieblichen Lichte und anmutigen Glanze, und Alles, was Augen hat, schaut sie mit Lust und Freude an. So wird, wenn du selig wirst, auch dein Leib dich selbst, und Alles, was im Himmel sein wird, durch seinen Glanz und durch seine Schönheit erfreuen.

Bedenke das recht ernstlich und lerne daraus deinen Leib in der Zucht halten, daß du ihn nicht schändlich befleckest durch irgend eine Sünde, besonders durch eine Sünde der Unkeuschheit und Unzucht. Halte ihn heilig und rein, denn nichts Unreines kann ins Himmelreich eingehen. O, wer sollte nicht gerne jeder bösen Lust, welche den Leib schändet und entehrt, entsagen, um einst im Himmel einen so herrlichen und glorifizierten Leib zu erhalten, an dem sich Alles erfreuen wird!

Die dritte Gabe oder Eigenschaft ist die Behendigkeit.

Gesäet wird der Leib in Schwachheit, auferstehen wird er in Kraft.“

Der Leib ist hienieden mit der Seele verbunden gewesen, damit er ein dienstbares Werkzeug für sie sei, um damit Gott zu dienen. Wegen der Sünde aber, und weil der Leib hier auf Erden noch nicht vollkommen ist, wie ihn Gott bestimmt hat, so entspricht er seiner Bestimmung hienieden noch nicht ganz. Ja „er beschwert die Seele, und die irdische Hülle drückt nieder den vieldenkenden Geist“ (Weish. 9, 15).

Im Himmel aber, wo die Seele vollkommener geworden ist, da wird auch der Leib vollendet, und wie dort die Seele ganz und gar sich Gott unterwirft und gehorcht, so unterwirft sich und gehorcht auch der Leib der Seele in allen Stücken. Da also wird der Leib ein vollkommenes Werkzeug der Seele, das ihm (wohl: ihr) gar kein Hinderniß mehr bereitet. Dies ist der Lohn für die Bereitwilligkeit, mit welcher die Seligen hier auf Erden sich der göttlichen Herrschaft unterworfen haben.

Auch wird die Seele dadurch, daß sie im Himmel auf’s Innigste mit Gott verbunden ist und Anteil empfängt an der göttlichen Kraft, unglaublich gekräftigt, daß sie dem Körper jede beliebige Bewegung mit aller nur erdenklichen Schnelligkeit mitteilt. So erklärt der heilige Hieronymus die Worte des Propheten Isaias, welche also lauten:

„Die auf den Herrn hoffen, erneuern ihre Kraft, sie nehmen Schwingen an, gleich denen des Adlers; sie laufen und ermatten nicht, sie wandeln und ermüden nicht“ (Is. 40, 31.).

Der verklärte Leib eines jeden Heiligen wird geschwinder sein als ein Pfeil, rascher als der Wind, schneller als wie die Gedanken.

In einem Augenblicke kann er um die ganze Erde herumgehen, vom Himmel auf die Erde herabsteigen und von einem Ende des Himmels bis zum andern fahren, ohne alle Anstrengung, ohne irgendeine Müdigkeit und ohne alles Hindernis. O, welch eine herrliche Gabe Gottes!

Wie oft wünschen wir uns, fliegen zu können wie die Vögel, laufen zu können wie die Wolken, fahren zu können wie die Winde, schweben zu können wie die Gedanken! Und wenn man sich dies erkaufen könnte, so gäbe gewiß ein Jeder all sein Hab und Gut dafür her, wenn er diese Gabe auch nur ein einziges Jahr haben könnte. Was sollst du nun aber nicht gerne hingeben, um diese Gabe für alle Ewigkeit zu besitzen? Du kannst dir dieselbe erwerben, wenn du recht eifrig und behende im Dienste Gottes hienieden bist und durch einen kräftigen, ernstlichen Willen die Trägheit und Schwerfälligkeit deines Leibes hinsichtlich des Gutestun überwindest. O tue es doch, und lege deine Faulheit und Lauigkeit im Dienste Gottes und in der Besorgung deines ewigen Heiles ab!

Die vierte Gabe oder Eigenschaft ist die Feinheit (Anmerkung: Feinstofflichkeit), Geistigkeit, welche darin besteht, daß der Leib Alles durchdringen und aus- und eingehen kann, wo er will, wie man jetzt mit seinen Gedanken Alles durchdringen kann.

Gesäet wird ein tierischer Leib, auferstehen wird ein geistiger.“

Am verklärten Leibe Christi zeigte sich diese Eigenschaft, indem er aus dem verschlossenen Grabe hervorging und bei verschlossenen Türen auf einmal in die Mitte seiner Jünger trat. Wohl verbleibt dem verklärten Leib eines jeden Heiligen Alles, was wesentlich zu dem menschlichen Leibe gehört, aber abgestreift wird Alles, was der Seele ein Hindernis sein könnte. Er wird durch die Vereinigung mit der verklärten Seele, die durch die Verbindung mit Gott gleichsam vergöttlicht ist, gleichsam vergeistigt, ohne aber aufzuhören, ein leibliches Wesen zu sein.

Er kann daher Alles durchdringen, so daß keine Mauer zu stark, keine eiserne Türe so fest, kein Turm so hoch, kein Berg so dick ist, daß nicht der glorifizierte Leib ohne alle Mühe hindurchgehen könnte. Gleichwie die Sonnenstrahlen durch das Glas, so kann ein solcher Leib durch eine eiserne Türe gehen. Ja, er kann durch die Erde hindurch gehen in einem Augenblick, ohne irgend ein Hindernis. Er kann durch deinen Leib hindurch gehen, ohne daß du es fühlest. Auch kann er sich unsichtbar machen, wann er will, und kann sich wieder sehen lassen, wann er will. O, was wolltest du dafür geben, wenn du eine solche Gabe haben könntest!

Diese Gabe kannst du dir nur dadurch erwerben, daß du hienieden nicht ein fleischliches, sondern ein wahrhaft geistiges Leben führst, den Leib mit allen seinen sündhaften Gelüsten eifrig abtötest und gleichsam geistig machest, wie dies die Heiligen Gottes getan haben. Hieraus wirst du begreifen, wie notwendig die Abtötung ist, welche alle wahrhaft frommen Menschen so eifrig allezeit geübt haben.

(Anmerkung ETIKA: Dies sollten sich auch jene ORF 1-Theologen und -Agitatoren hinter die Ohren schreiben, die am 7. 5. 2006 abends mit Verweis auf die erste Enzyklika Ratzingers erklärten, daß die Kirche keineswegs leibfeindlich sei.)

Ahme ihnen nach, und bewundere die unendliche Freigebigkeit Gottes, indem du andächtig sprichst:

O allmächtiger Gott! wie groß ist deine Freigebigkeit gegen deine Auserwählten! Du gibst ihnen so kostbare Gaben, daß sie nicht mit allen Gütern der ganzen Welt könnten bezahlt werden. Wer sollte dir nicht gerne dienen und nicht gern alle Mühseligkeiten und Widerwärtigkeiten leiden, um sich diese herrlichen Gaben für ewig zu erwerben! O was für eine Freude, was für eine Lust und Wonne muß es doch sein, dieselben zu besitzen! Sollte ich nicht gerne mein ganzes Leben lang alle Mühe und Anstrengung auf mich nehmen, und ein recht strenges bußfertiges Leben führen wollen, um mir diese Gaben für die Ewigkeit zu gewinnen! Ja, o Herr! ich will hienieden die Standhaftigkeit in allen Leiden und Betrübnissen, die Klarheit der guten Werke, die Behendigkeit in deinem Dienste und die Geistigkeit in der Abtötung meines Leibes lieben und üben in der Erwartung und Zuversicht, dadurch mich der vier herrlichen Gaben eines glorifizierten Leibes teilhaftig zu machen. O Gott! der du mir diese Gaben versprochen hast, gib mir auch die Gnade, daß ich dieselben durch ein frommes, abgetötetes, bußfertiges und wahrhaft geistiges Leben gewinnen möge. Amen.

Jetzt wollen wir die Ergötzungen, welche die Heiligen an ihren fünf Sinnen im Himmel haben werden, betrachten und zwar mit jenen des Gesichtes, der Augen, den Anfang machen.

Die Augen werden ein so scharfes Gesicht haben, daß sich Nichts vor ihnen verbergen kann. Sie werden eben so klar in die Ferne wie in der Nähe sehen; eben so gut das Allerkleinste, wie das größte; eben so gut das Dunkle, wie das Helle;. Sie werden so klar sein, daß sie ohne Hindernis die Sonne sehen könnten, wenn sie auch noch hundertmal heller wäre. Sie können sehen durch alle Mauern, durch alle Berge, ja durch die ganze Erde.

Auch werden sie so vollkommen sein, daß sie zugleich, ohne eine Bewegung zu machen, nach allen Richtungen und Seiten sehen können. So können sie also Alles, was im Himmel und auf Erden ist, zugleich schauen und die göttliche Allmacht, Weisheit und Güte auf das Allerklarste betrachten. Nun bedenke, was für eine Freude deine Augen haben werden, wenn du einmal in den Himmel kommst, und die Herrlichkeiten und Schönheiten sehen wirst!

Erstlich (heute: erstens) wirst du sehen den Himmel selbst mit all seiner Pracht und samt all seinen Palästen von lauter himmlischem Silber, Gold, Perlen und Edelgestein, so künstlich (heute: kunstvoll) von Gott selbst erbaut, daß du dich in alle Ewigkeit nicht satt schauen kannst. O, was wirst du sagen, wenn du durch die Wolken, durch die Regionen des Firmamentes und durch die Sterne hindurch trittst, und auf einmal in dieses glückliche Vaterland eintrittst, und den ersten Blick auf das himmlische Jerusalem wirfst? Wie werden sich deine Augen unaussprechlich erfreuen am Anblicke alles Dessen, womit der allmächtige und allgütige Gott diese ewige Heimat ausgeschmückt hat! Wie ganz anders wird es dort sein, als wir es uns hier vorstellen können!

Ein wie großer Unterschied zwischen dem Himmel und der Erde sei, kann man einigermaßen daraus abnehmen, wenn man bedenkt, wie groß der Unterschied ist zwischen den Bewohnern des Himmels und der Erde. Denn ohne Zweifel wird die Beschaffenheit des Baues mit der Beschaffenheit der Bewohner übereinstimmen. Nun weißt du aber, daß die Erde voll Sünder ist, im Himmel aber lauter Engel und Gerechte sind. Hier sind Büßer, dort aber Heilige; hier sind Freund und Fein Gottes durch einander; dort aber lauter Freunde und Auserwählte Gottes. Wenn nun aber der Unterschied zwischen den beiderseitigen Bewohnern so groß ist, so wird auch der Unterschied zwischen den beiderseitigen Wohnplätzen ebenso groß sein.

Um dir daher einigermaßen die Schönheit der ewigen Heimat vorzustellen, bedenke einmal, wie viel Schönes und Herrliches es schon hier auf Erden, dem Orte unserer Verbannung, gibt! Wohin man sein Auge wendet, erblickt man Schönheiten in größter Mannigfaltigkeit, die uns in Erstaunen setzen.

Wenn wir die Augen erheben, so erblicken wir über und das schöne blaue Himmelsgewölbe, an welchem die majestätische Sonne golden glänzt, der liebliche Mond silbern leuchtet und die Milliarden Sterne wie die kostbarsten Edelsteine funkeln. Wer wäre noch niemals entzückt worden, wenn er in einer heitern Sternennacht das Firmament betrachtet hat?

Wenn du rings um dich über die Erde hinschaust, so siehst du, wie sie mit tausend und abermal tausend Schönheiten der verschiedensten Art ausgeschmückt ist. Da siehst du reiche Saaten, welche die Fluren bedecken, bunte Wiesen, die wie ein schöner, reichgestickter Teppich anzusehen sind, grünbekränzte Berge und Hügel, schattige Täler, sprudelnde Quellen mit kristallhellem Wasser, anmutige Bächlein, die ganz lieblich dahinrauschen und mit den Blumen und Gräsern scherzen, die am Ufer stehen, und stolze, mächtige Flüsse, welche die größten Lasten auf ihrem Rücken tragen und in deren Fluten die hohen Uferberge mit ihren Weinbergen und Gärten wie in einem Kristallspiegel zurückstrahlen. Ferner gewahrest du eine unzählbare Menge Bäume, Pflanzen, Blumen und Gräser von wunderbarer Gestalt und lieblicher Farbenpracht.

In Feld und Wald, in Berg und Tal regen sich Tiere ohne Zahl von tausenderlei Gestalten und Farben; Vögel, Schmetterlinge und Käfer durchschwirren und beleben die Felder und Wiesen, Bäume und Gesträuche prangen in zauberhaftem Farbenspiel.

Wer beschreibt erst das Meer in seiner Majestät, ein Bild der Unendlichkeit, mit seinen großen und kleinen Meerwundern, welche es in seinem Schoße birgt! Was soll man dann noch sagen von den reichen Schätzen in der Erde! Wie viele Adern Goldes, Silbers und anderer kostbarer Metalle, und welche Menge glänzender Edelsteine, die durch ihre Farbenpracht Alles der Art übertrifft, trägt sie in ihrem Schoße!

Rechnet man nun zu diesen mannigfaltigen Schönheiten und Kostbarkeiten der Natur noch Alles, was die menschliche Kunst hervorbringt, so muß man sich noch mehr verwundern. Denn wie vielerlei prächtige und staunenswerte Kunstwerke machen nicht die Baumeister und Bildhauer aus Gold, Silber, Elfenbein und anderm Metall und aus Holz und Steinen aller Art, und welch herrliche Bilder die Maler? Um dich davon zu überzeugen, brauchst du nur die prachtvollen Bauten, Dome, Kirchen und Paläste mit ihren zierlichen Säulen und kunstreichen Verzierungen aus Marmor, Gold und Dergleichen zu betrachten. Welche Überraschung bereitet nicht eine schöne Gartenanlage mit den mannigfaltigsten Bäumen, die entweder in schönster Blüte stehen, oder voll kostbarer Früchte hangen, mit den verschiedensten Gewächsen und Blumen von herrlicher Farbe und köstlichem Wohlgeruche. Meint man da nicht schon in einem Paradiese zu sein?

Wenn es nun schon hier im niedern Erdenleben so Vieles gibt, das uns durch seine Schönheit, Anmut und Lieblichkeit, durch seine Pracht, Großartigkeit und Majestät in mannigfaltigster Weise erfreut und in Erstaunen setzt, wie wird es dann erst dort oben sein, wo das Land der ewigen Wonne und Seligkeit ist? Wie überrascht und vor lauter Freude außer dir wirst du sein, wenn du zum ersten Male dahinkommst. Es wird dir noch viel anders sein, als wie Einem, der von Geburt aus blind gewesen, und auf einen hohen Berg geführt würde, von wo aus man die lieblichste Landschaft im größten Frühlingsschmucke sehen könnte, wenn er auf einmal sein Gesicht bekäme. Wie würde derselbe schauen und vor Entzücken und Verwunderung nicht wissen, was er sagen und denken sollte, wenn er so auf einmal den schönen, blauen Himmel, die Sonne in ihrer Pracht, die herrlichen Wiesen und Fluren, die majestätischen Wälder und Berge, die lieblichen Farben, den Reiz der Blumen, die Menge der Pflanzen, die verschiedenen Vögel und dann auch noch das unermeßliche Meer erblickte! Von diesen Dingen hatte er schon tausendmal reden hören, aber konnte sich nie eine rechte Vorstellung davon machen, und jetzt sieht er dies Alles mit seinen Augen. Dies ist nur ein sehr schwaches Bild von der freudigen Überraschung und dem Entzücken, welches die Seele fühlen wird, wenn sie auf einmal aus diesem dunkeln Erdentale in die himmlischen Gefilde kommt.

Nachdem sie sich ein wenig von ihrem ersten Erstaunen erholt hat, wird sie freudig ausrufen, wie Petrus auf dem Berge Tabor: O hier ist’s gut sein! O Jerusalem, o heilige Stadt Gottes! So hat mich mein Glaube nicht getäuscht!“ Alles, was ich Herrliches und Großes von dir habe sagen hören, ist tausendmal wahrer, als wofür ich es gehalten, weit über alle Vorstellung, die ich mir davon gemacht habe. O wie wundervoll sind die zwölf Tore aus zwölf unermeßlichen Perlen! O wie köstlich ist das Wasser des göttlichen Flusses, der durch dieselbe hinströmt und nur Freude und Lust mit sich führt! O welche Pracht und Herrlichkeit, wohin man blickt!

Keine Nacht bewirkt hier Dunkelheit und keine Wolke wirft einen Schatten auf ihre ewige Klarheit! Und doch sieht man keine Sonne und keinen Mond. Ach ja, ich weiß warum! Was sollte hier die Sonne oder der Mond, da von dem göttlichen Lamme ein Glanz ausstrahlt, der Alles wunderbar erleuchtet! O heiliger Wohnort! O wie glücklich bin ich, daß ich jetzt hier bin! So wird die Seele aufjubeln beim ersten Anblicke der himmlischen Heimat der Seligen. Und diesen Anblick wird sie nun ewig genießen.

Zweitens wird es für dich eine unaussprechliche Freude und Lust sein, dich selbst samt allen Heiligen in solcher Schönheit, Klarheit, Herrlichkeit, Anmut und Majestät zu schauen, so daß alle Schönheit der Welt dagegen wie Nichts verschwindet. Salomon glänzte auf seinem Throne mit einer Pracht, daß die Königin von Saba, als sie zu ihm hineintrat, sprachlos wurde vor Erstaunen; Judith war so schön, daß selbst die rohen Soldaten des Holofernes ganz starr vor Verwunderung wurden. Was aber soll dies sein gegen die Schönheit der Heiligen im Himmel? Alle sind unbeschreiblich herrlicher geschmückt als alle Könige der Welt.

Drittens mußt du sehen die unbeschreibliche Schönheit der unzählbaren Engel. Denn es ist glaubwürdig, daß die Engel schöne Leiber aus der Luft annehmen werden, wie der hl. Anselmus meint, damit sie auch mit leiblichen Augen gesehen werden können. Da nun aber die Schönheit eines Engels die Schönheit aller Menschen unvergleichlich übertrifft, was für eine Freude wird es dann sein, so viele hunderttausend Engel ewig anzuschauen? (Anmerkung ETIKA: Milliarden Engel)

Viertens werden sich deine Augen aber ganz besonders ergötzen an der Anschauung der unaussprechlichen Schönheit Jesu und Mariä, deren glorwürdige Leiber so lieblich, so schön, so anmutig und so herrlich sind, daß, wenn die Verdammten sie nur anschauen könnten, ihnen die Hölle nicht mehr schwer, sondern leicht fallen würde. Die heilige Theresia hatte einmal die Gnade, eine Hand Jesu zu sehen, und sie versichert, daß dieser Anblick Seligkeit genug sei für die ganze Ewigkeit. So sehr war sie durch ihrer Schönheit erfreut (sic).

Bedenke nun, was für eine Freude es sein wird, in Ewigkeit alle Tage und alle Stunden so viele schöne, anmutige und kostbare Dinge zu schauen. Sind wir ja doch so begierig, etwas Schönes zu sehen oder zu haben, daß wir deshalb viel Geld ausgeben, weite Reisen machen und selbst Seele und Seligkeit in Gefahr setzen. Wenn wir nun aber die Schönheit so sehr lieben, warum tragen wir denn nicht mehr Verlangen nach der himmlischen Schönheit?

·       O hüte deine Augen nur recht sorgfältig vor jedem sündhaften Blicke auf die Weltschönheiten, die so leicht durch ihren Anblick zur verderblichen Wollust reizen!

Bewahre deine Augen hienieden, damit du einst die ewigen Schönheiten zu deiner größten Freude schauen kannst! Weine helle Tränen der Buße über deine so vielfältigen Sünden, damit deine Augen jenseits heller werden, wie die Sonne!

Von dem Gesicht kommen wir zu dem Gehör. Auch für das Gehör gibt es im Himmel eine besondere Freude als Lohn für die mit christlicher Geduld ertragenen Schmähungen und Lästerungen, für die eifrige Verkündigung und Anhörung des göttlichen Wortes, für die Beförderung des Lobes Gottes, und für heilige Gesänge und Gebet.

Wer will aber erklären, was für eine große Freude es sein wird, den himmlischen Gesang und die himmlische Musik zu hören? Der heilige Johannes sagt von diesem himmlischen Gesang und der englischen Musik (Anmerkung ETIKA: wie viele denken wohl in diesem Moment: hoffentlich das Gegenteil der modernen, nervenden englischen Musik – welch makabre Verwendung ein und desselben Wortes für Tag und Nacht) in seiner Offenbarung:

„Ich hörte die Stimme vieler Engel rings um den Thron, und die vier lebenden Wesen und die vier und zwanzig Ältesten fielen nieder vor dem Lamme und alle hatten Harfen; und sie sangen ein neues Lied“ (Off. 5). (Anmerkung ETIKA: also zum Glück keines von den Beatles und Rolling Stones und auch keines jener verunglückten Stücke neuzeitlichen Kirchengesangs!)

O wie lieblich und anmutig werden die Stimmen der Engel ertönen! Die neun Chöre der Engel werden Gott loben und zugleich mit ihnen werden die lieben Heiligen einstimmen nicht bloß mit dem Gemüte, sondern auch mit dem Munde. Sie werden das Lob Gottes verkünden mit ausdrücklichen Worten und himmlischen Liedern, indem sie aus allen Kräften des Leibes und der Seele singen. Denn wenn der Mensch durch inbrünstige Liebe und große Freude zum Singen bewegt wird (Anmerkung: dann sogar jene Männer, die im Gottesdienst immer hinten stehen und die Lippen nicht aufbringen), wie werden dann die lieben Engel und Heiligen, welche ganz von göttlicher Liebe entzündet, und von unaussprechlicher Freude ganz erfüllt sind, nicht angetrieben werden ohne Unterlaß zu singen und mit himmlischen Liedern Gott zu loben und zu preisen.

Der fromme alte Tobias weissagte, nachdem ihm der Engel Raphael erschienen war, viele Dinge und sprach unter diesen auch die Worte:

Jerusalems Tore werden erbaut aus Saphir und Smaragd, und aus edelm Gestein der ganze Umfang seiner Mauern. Mit weißen und reinen Steinen werden belegt alle seine Straßen, und in seinen Gassen wird gesungen: Alleluja!“ (Tob. 13, 21).

Hiemit wollte der heilige Mann sagen: die Heiligen Gottes werden in der herrlichen, himmlischen Stadt Jerusalem mit einander auf allen Straßen Gott loben und chorweise das liebliche Alleluja singen. Ein jeder Heilige wird mit seiner eigenen Stimme singen und von Jedem besonders verstanden und unterschieden werden. Keine Stimme wird die andere stören, sondern eine die andere, wie in der Musik, wunderbarer Weise unterstützen und zieren. O Gott! was für eine Freude, was für eine Süßigkeit, was für eine Lust und Wonne wird das sein!

Meint man ja doch schon im himmlischen Paradiese zu sein, wenn man hier auf Erden einen recht schönen lieblichen Gesang mit herrlicher Musik höret; was wird es dann erst im Himmel sein, wo Alles über unsere Begriffe schöner, süßer und lieblicher ist, wenn alle himmlischen Chöre singen und himmlische Musik machen!

Werden da nicht die lieben Heiligen vor Wonne und Lust in ewiger seliger Verzückung sein? Wie hoch entzückt sind nicht Solche geworden, welchen die besondere Gnade zu Teil geworden ist, hienieden schon Einiges von jenem himmlischen Gesange und himmlischer Musik zu hören. Der heilige Nikolaus von Toleto hörte in den sechs letzten Monaten seines Lebens alle Nacht, wenn er sich ins Gebet begab, einen wunderbar lieblichen Gesang der Engel, und wurde dadurch mit solchem Verlangen nach dem Himmel erfüllt, daß er beständig die Worte des Apostels Paulus aussprach:

„Ich habe Verlangen, aufgelöst zu werden und mit Christo zu sein“ (Phil. 1, 23)

Als es nun mit ihm zum Sterben kam, da zeigte er eine unbeschreibliche Freude, über die sich Alle verwundern mußten.

Als der heilige Martin verschied, da hörten Alle, welche bei seinem Tode zugegen waren, und unter diesen auch der heilige Bischof Severin in Köln, die Engel himmlische Lieder singen, über die sie sich nicht genug verwundern und an denen sie sich nicht genug ergötzen konnten. Hierüber sagt der hl. Bernhard:

„Wird schon das Gehör durch die süßen Melodien der Menschen ergötzt, über Alles aber durch die Harmonie vieler Instrumente; was werden dann die Melodien so vieler Heiligen und unzählbaren Engel bewirken?“

O Gott meines Herzens! Wie groß ist die Fülle deiner Süßigkeit, welche Du denen bereitet hast, die auf dich hoffen! Meine Seele verlangt und mein Geist sehnt sich nach diesen himmlischen Freuden. O Freude! O Lust! O unaussprechliche Süßigkeit meines Herzens!

„Selig sind, die in deinem Hause wohnen, o Herr! von Ewigkeit zu Ewigkeit werden sie dich loben. Die Heiligen frohlocken in der Glorie, und werden sich erfreuen in ihren Wohnungen. Das Lob Gottes wird sein in ihrem Munde.“

O wann werde ich dieser heiligen glückseligen Schar zugesellet werden, auf daß ich mit ihnen dich loben kann! Wann werde ich hinaufsteigen, um zu schauen die Herrlichkeit deines Hofes? O meine Augen schauen immerdar sehnsüchtig hinauf zu deinem Hause, und mein Herz dringt durch sein Verlangen durch deine Pforten; aber mein Leib bleibt noch ausgeschlossen von deiner Glorie, und muß als armer Erdwurm hier auf Erden zurückbleiben. Aber ich will dies mein Elend mit aller Geduld tragen und mir meine lange Pilgerschaft hienieden dadurch versüßen, daß ich dich lobe und zu deinem Preise heilige Psalmen singe. „Ich will den Herrn benedeien zu jeder Zeit; sein Lob soll in meinem Munde sein alle Zeit. Ihr Engel und Heiligen machet groß den Herrn, und laßt uns seinen Namen erheben in Ewigkeit.“ Amen.

Vom Gehöre kommen wir zum Geruche, welcher ebenfalls im himmlischen Paradies seine Sättigung findet. In diesem Paradiese wachsen himmlische Blumen, deren Geruch so lieblich ist, daß ein Mensch, wenn er nur ein Blättlein von solchen Blumen hätte, vor lauter Süßigkeit des Wohlgeruchs entzückt werden müßte.

Dann geben die Leiber der Heiligen einen solchen lieblichen Wohlgeruch von sich, daß er mit keinen Worten ausgesprochen werden kann. Der heilige Geist spricht im Namen einer gerechten Seele durch den Mund des weisen Sirach:

„Gleichwie Zimt und wohlriechenden Balsam gab ich Duft, und wie köstliche Myrrhe spendete ich lieblichen Geruch, und gleichwie der beste Weihrauch durchduftete ich meine Wohnung, und gleich reinstem Balsam ist mein Wohlgeruch (Sirach 24, 20).

Dies kann man abnehmen von den Leibern der Heiligen, aus deren Gräbern ein so lieblicher Wohlgeruch hervorging, daß Jene, welche denselben nahe kamen, meinten, sie wären im Paradiese. Wenn nun aber diese toten und der Verwesung übergebenen Leiber so lieblich riechen, wie werden sie dann erst riechen, wenn sie wieder lebendig und verklärt sein werden?

Vorzüglich aber geben die Leiber Christi und Mariä einen solchen süßen Wohlgeruch, daß der ganze Himmel davon erfüllt wird. Was für eine Lieblichkeit wird es daher sein, diesen süßen, himmlischen Geruch ewig ohne Aufhören zu genießen? Man weiß aus Erfahrung, daß ein kräftiger, guter Geruch einem durch alle Glieder des Leibes dringt, und durch seine Lieblichkeit das Herz erquickt und erfrischt, wenn es auch ganz matt gewesen; wie viel tausendmal mehr wird dann dieser himmlische Geruch mit seiner Süßigkeit Leib und Seele durchdringen und erquicken?

Dieser herrliche, liebliche Geruch ist der Lohn für den Modergeruch, welchen die Heiligen auf Erden erduldet haben, indem sie von den Tyrannen in abscheuliche Kerker, in unterirdische Kloaken und Gräber eingesperrt wurden wegen ihres Glaubens, und dafür, daß sie gerne die armen Kranken in den Spitälern und andern Häusern besuchten und pflegten, ihre Wunden küßten (Anmerkung: hier spielt Pater Martin wohl auf Franziskus an, der einen Aussätzigen küßte), reinigten und verbanden, und gerne Alles duldeten, wo sie es Gott zu Ehren tun konnten, was dem menschlichen Geruche zuwider ist.

Das ist der Lohn dafür, daß sie ihren Leib bewahrt haben vor der Fäulnis der Sünde und der abscheulichen Laster.

Der Geschmack wird ebenfalls seinen besondern Genuß haben, indem er mit unglaublicher Süßigkeit erfüllt wird. Wohl werden die Seligen keine Speise zu sich nehmen, wie dies hier auf Erden geschieht, wodurch sie einen Wohlgeschmack erhalten, sondern durch Gottes Wirkung wird ihre Zunge und ihr Gaumen mit himmlischer Süßigkeit, die nie abnimmt, ersättigt werden. David spricht dies aus mit den Worten: „Sie werden ersättigt werden von dem Überflusse deines Hauses, und aus dem Strome der Wonne wirst du sie tränken“ (Ps. 35).

Wenn man annehmen wollte, daß es für den verklärten Leib auch noch eine materielle Nahrung gäbe, die natürlich seiner Wesenheit und seinem verklärten Zustande entsprechend sein würde, so könnte auch diese Behauptung keiner Ungereimtheit beschuldigt werden, da sie keinem Glaubenssatze widerstreitet.

Zudem könnte man auch aus den Worten Christi darauf schließen. Denn als er mit seinen Jüngern zum Letztenmale das Osterlamm aß, da sprach er zu ihnen:

„Ich werde es von nun an nicht mehr mit euch essen, bis es seine Erfüllung erhält im Reiche Gottes. Und er nahm den Kelch, dankte und sprach: Nehmet hin und teilet ihn unter euch; denn ich sage euch: Ich werde nicht mehr trinken von dem Gewächse des Weinstockes, bis das Reich Gottes kommt“ (Luk. 22)

Und bei Matth. 25, 29 heißt es:

„Ich sage euch aber: Ich werde von nun an nicht mehr trinken von diesem Gewächse des Weinstocks, bis zu jenem Tage, da ich es mit euch von Neuem im Reiche Gottes meines Vaters trinken werde.“

Und der heilige Johannes spricht in seiner Offenbarung (Kap. 22) von „einem Baume des Lebens“ im himmlischen Jerusalem, „der zwölf Früchte trägt, jeden Monat seine Frucht“.

Nimmt man aber auch alle diese und ähnliche Stellen der heiligen Schrift im geistigen Verständnis, so ist doch gewiß, daß der Geschmack der Seligen mit den köstlichsten Genüssen ersättiget wird. Es ist dies ja recht und billig als Lohn für den Hunger und Durst, für die Abtötung und strenge Fasten, welche die Heiligen in ihrem Leben Gott zu lieb und um des Himmels willen so gerne auf sich genommen und erduldet haben. So werden die Hungernden mit Gütern erfüllt, die Reichen leer entlassen (Luk. 1, 53).

Endlich wird auch das Gefühl, welches sich über alle Glieder des menschlichen Leibes erstreckt, auf die reinste Weise ergötzt werden. Hier ist aber wohl zu wissen, daß es im Himmel keine solche Wollust gibt, wie sich sinnliche Menschen etwa vorstellen könnten. Denn im Himmelreiche werden Alle wie die Engel Gottes sein. Die Lust des Gefühls wird hervorgehen aus der beständigen vollkommensten Gesundheit, Lebensfülle, Lebhaftigkeit und Ruhe aller Glieder. Je mehr Einer sich hier in Übertragung (heute: im Ertragen) von Hitze und Kälte, eines harten Lagers und grober Kleidung, von Arbeit und Mühe, Disziplin und Wachen abgetötet hat, desto mehr Lust und Wonne wird sein Leib im Himmel empfinden. Daher schreibt der heilige Anselmus:

„Im zukünftigen Leben wird eine unschätzbare Lust die Heiligen erfüllen und sie durch ihre lieblichste Süßigkeit ganz wie trunken machen. Ihre Augen, Ohren, Nase, Mund, Gaumen, Hände, Füße, Herz, Lunge, Leber, Bein und Mark, das Innere und Alles, was am menschlichen Leibe ist, wird mit wunderbarer Lust erfüllt werden, so daß das Gefühl über alle Maßen ersättigt und ergötzt sein wird. Wer nun aber diese großen Güter erlangt hat, was kann dem an Bequemlichkeit seines Leibes noch mangeln? Denn der Leib wird eine immerwährende Gesundheit, immerwährende Ruhe, immerwährend Lust genießen, so daß er vor übermenschlicher Wonne selbst nicht sagen kann, wie wohl ihm sei!“

Also fort mit allen vergänglichen Wollüsten der Welt! Im Himmel gibt es bessere, reinere Genüsse, die ewig dauern. Töte ab deinen Leib und läutere ihn durch die Buße, damit er nicht nach den fleischlichen Gelüsten verlange und nicht durch den Genuß derselben der ewigen seligen Lust des Himmels verlustig gehe!

Endlich werden auch die lieben Heiligen überaus große Freuden haben in der Betrachtung der gegenseitigen Schönheit und an dem freundlichen Umgange miteinander. Bedenke, was für eine unbegreifliche Lust es sein würde, wenn Einer so viele hunderttausend Bürger des himmlischen Jerusalems sieht, von denen der allergeringste tausendmal schöner ist, als der allerschönste Mensch auf Erden.

O wie schön werden erst die größten Heiligen sein! Die heiligen Patriarchen, Propheten und alle Heiligen des alten Bundes, die heiligen Apostel, Martyrer, Bekenner und Jungfrauen und Witwen und alle Auserwählten insgesamt sind da zu einer Gottesfamilie vereinigt und gehen auf das Vertraulichste und Liebevollste miteinander um. Welch herrliche und angenehme Gesellschaft wird wohl das sein!

Unter allen Heiligen herrscht eine unaussprechliche Liebe, weil sie einander tausendmal inniger und herzlicher lieben, als wenn sie die allervertraulichsten (heute: allervertrautesten) Brüder und Schwestern wären. Wenn sie sich auch schon auf Erden niemals gesehen haben, so kennen sie doch einander besser, als wenn sie bei einander geboren und erzogen worden wären. Ein Jeder wird wissen, wo der andere gewohnt, wie er gelebt und was er Gutes oder Böses getan habe. (Anmerkung ETIKA: An anderer Stelle der Bibel heißt es aber sinngemäß, dass Gott unsere Sünden von uns entfernt wie den Westen vom Osten. Schön wäre es, wenn wir von den Sünden, die der Himmelsmitbewohner einst verübt hat, nichts wüssten.) Ein Jeder kann dem Andern ins Herz sehen, und die große Liebe, die er zu ihm trägt, klar erkennen.

Ein Jeder gönnt dem Andern seine Glorie so, als wenn sie seine eigene wäre; und der Unterste erfreut sich sowohl ob der Glorie des Obersten, als sich dieser selbst darüber freut, wie der heilige Johannes der Täufer in einer Erscheinung dem heiligen Augustin mit folgenden Worten erklärt hat:

„Wisse, daß wegen der unaussprechlichen Liebe, mit welcher sich die Seligen lieben, ein jeder Heiliger sich eben sowohl wegen des Andern Glorie, als wegen seiner eigenen erfreuet. Ja, der Größere wollte, daß der Geringere ihm gleich und schier größer wäre; denn dessen Glorie wäre auch die seine. Ingleichem erfreut sich der Geringere wegen der Glorie des Größeren, als wenn er sie selbst hätte, und wollte sie nicht haben, wenn der andere sie nicht auch hätte, ja vielmehr wollte er ihm noch von der seinigen mitteilen, wenn es sein könnte.“

Daraus ist abzunehmen, wie herzlich die Heiligen einander ihre Glorie gönnen, und welch große Liebe sie zu einander tragen. Aus dieser großen Liebe kommt es, daß sie sich nicht enthalten können, ihre gegenseitige Liebe auf alle mögliche Weise an den Tag zu legen und sich gegenseitig die innersten Gefühle ihres Herzens mitzuteilen.

Besonders aber wird ein Jeder Diejenigen absonderlich lieben, welche ihm durch Lehre und Beispiel zum Himmel geholfen haben, und wird nicht wissen, wie er sich gegen dieselben dankbar genug erzeigen soll. Es wird auch ein Jeder jene Heiligen besonders lieben, welche er auf Erden zu Patronen erwählt hatte, und wird auch von ihnen mit besonderer Zärtlichkeit geliebt und gelobt werden. Sie werden sich über Das besonders unterhalten, wie es ihnen auf Erden ergangen, und wie wunderbar sie Gott geführt und von der Verdammnis errettet habe.

Kurzum, die lieben Heiligen werden so viele Freuden mit einander haben, daß sie nicht alle zu erzählen sind, und werden einander Alles zu Lieb’ tun, was sie nur erdenken können. Sie werden miteinander jubeln und singen und Gott loben und preisen, dem sie dies Alles zu verdanken haben.

O mildreichster Gott, wer sollte nicht verlangen, in diese himmlische Ruhe einzugehen, wenn solche Freuden daselbst sind, daß sich kein Mensch die geringste einbilden kann? O wie groß, wie süß, o wie wunderbar müssen sie dann sein! Sind doch die Lüste dieser Welt so groß, daß Mancher nicht davon lassen kann, wenn er schon die Hölle offen stehen sähe. Wenn denn alle diese Lüste gegen die allergeringste himmlische Wonne gar nicht zu schätzen, ja, wenn alle Freuden, welche ich mir einbilden kann, nur für eine lautere Traurigkeit gegen die ewigen Freuden zu rechnen sind, o Gott, was für Freuden werden dann im Himmel sein! Ach, wenn ich doch auch droben wäre! Ach, wenn  ich nur bald sterben könnte, daß ich dieser Freuden teilhaftig würde, wie gerne wollte ich von dieser Welt scheiden, wenn es dein göttlicher Wille wäre! Darum will ich dir keine Ruhe lassen, sondern dich alle Tage bitten, daß du mich zu dir nehmest. Ich will mein Herz ganz von der Welt abziehen; ich will mich aller weltlichen Lüste ganz entschlagen; ich will meine Lust und Lieb in die himmlischen Güter setzen, und will mich alle Tage bereit halten, von hier zu scheiden. Je bälder der Tod kommen wird, desto lieber wird er mir sein, weil er mich aus dem Orte der Verbannung in das Vaterland führen wird. Das gebe Gott! Amen.

Alle bisher geschilderten Freuden sind aber noch die allergeringsten des Himmels. Die Freuden der Seele sind noch unbeschreiblich größer. Es sind deren aber so viele, daß man nicht weiß, wo man anfangen oder wo man ein Ende finden soll. Stelle dir nur vor, was für Freuden die heiligen Leute schon auf dieser Welt in ihrer Seele haben, wie sie gleichsam stets verzückt, mit göttlichen Erscheinungen, Erleuchtungen und Heimsuchungen getröstet, mehr ein englisches als menschliches Leben führen; aber alle diese Freuden sind nur ein Tröpflein aus dem unschätzbaren himmlischen Meere der Süßigkeit. Was wird daher eine heilige Seele für Freuden im Himmel haben, wenn sie in diesem göttlichen Freudenmeere ganz schwimmen und nach aller Lust daraus trinken wird? Was für Freuden wird der Verstand, das Gedächtnis, der Wille, die Einbildungskraft der Seele bereiten, weil alle diese Kräfte gleichsam vergöttlicht sind und von Gott vollkommen ersättiget werden.

Durch ihren Verstand werden sie alle erschaffenen und unerschaffenen Dinge in Gott erkennen, und aller Kreaturen Wesenheit ganz durchdringen, und klar verstehen. Von dem Könige Salomon sagt die heilige Schrift: „Und Gott gab dem Salomon Weisheit und Einsicht sehr viel, und Fülle des Herzens, gleich dem Sande, der am Gestade des Meeres ist. Darum übertraf die Weisheit Salomons die Weisheit aller Morgenländer und Ägypter, und er war weiser als alle Menschen, und er hatte einen Namen bei allen Völkern ringsum. Und er wußte zu reden über die Bäume, von der Ceder des Libanon an, bis zum Isop, der an der Mauer wächst, und zu sprechen über Vieh und Vögel und Gewürme und Fische. Von allen Völkern kamen Leute, zu hören die Weisheit Salomons, und von allen Königen der Erde kamen Gesandte, die da hörten von seiner Weisheit“ (3. König. 4, 29).

Wer hat von dergleichen Weisheit jemals gehört, ja wer kann sich über einen solch hohen und scharfsinnigen Verstand genugsam verwundern? Wenn man sie aber mit der Weisheit des geringsten Heiligen im Himmel vergleichen will, so ist sie nicht so viel zu rechnen, als der Verstand eines dreijährigen Kindes gegen den Verstand des größten Gelehrten der Welt.

Denn der allergeringste Heilige im Himmel erkennt klarer die Natur und den Lauf der Sonne, des Mondes, der Sterne, des Firmaments und aller Elemente; er weiß ganz klar, wie die Sonne und die Sterne ihre bestimmten Bahnen laufen, und auf welche Weise sie in einer Stunde viele hunderttausend Meilen zurücklegen. Er erkennt auch ihre Substanz, woraus sie gemacht sind, und alle ihre Kräfte und Wirkungen, welche sie in sich begreifen. Desgleichen erkennt auch der geringste Heilige, ja ein jedes Kind, welches nach der Taufe gleich gestorben ist, die Natur, Wesenheit, Kräfte, und Verrichtungen aller Tiere, Fische und Vögel, aller Menschen, Engel und Heiligen, aller Bäume, Steine und Metalle, so wie auch die Größe, Schönheit, Gestalt, Natur, Kraft, Wirkung, Eigenschaft und Bewegungen aller Kreaturen.

Er erkennt, was die allerheiligste Dreifaltigkeit von Ewigkeit her getan, wunderbar und aus Nichts Himmel und Erde erschaffen, und mit welcher Weisheit sie vom Anfange bis zum Ende Alles erhalten und regiert habe. Er erkennt, wie Gott Vater von Ewigkeit seinen Sohn gebäre, wie der heilige Geist vom Vater und Sohn ewiglich ausgehe, wie Christus von seiner Mutter ohne Verletzung ihrer Jungfrauschaft geboren worden sei, was Christus in seinem ganzen Leben getan und gelitten, und wie jeder Heilige gelebt und Gott gedient habe. Er wird die ganze heilige Schrift so wie alle Wissenschaften ganz klar verstehen, und all Dasjenige, was wir jetzt mit unserm Verstande nicht fassen können, ohne weiters Nachdenken begreifen und durchdringen. O Gott, was für eine Freude wird es sein, wenn ein jeder einfältiger Bauersmann und ein jedes alte Weiblein beim ersten Eintritte in den Himmel diese Wissenschaft bekommt, und in einem Augenblicke so über alle Vorstellung gelehrt wird! Wie wird sich ein solcher glückseliger Mensch erfreuen, wie wird er Gott so herzlich dafür danken!

Zweitens wird das Gedächtnis der Heiligen auch seine volle Freude haben, und nicht weniger als der Verstand ganz von Gott erleuchtet werden. Denn die Heiligen werden ihr ganzes geführtes Leben so tief in das Gedächtnis eingedrückt haben, als wenn sie es auf Papier geschrieben vor Augen sähen. Alsdann erkennen sie, wie wunderbar sie Gott zur Seligkeit geführt, wie er ihnen so gnädig ihre Sünden verziehen, wie er ihnen in den Anfechtungen beigestanden, und wie er ihnen das Böse zum Guten gewendet habe.

Diese Erinnerung wird einen Jeden zur höchsten Dankbarkeit gegen Gott ermuntern, und sie vielmal zu sich selbst so zu sprechen antreiben:

O mein liebster Gott, was für große Gaben und Gnaden hast du mir erwiesen, wie freigebig bist du gegen mich Unwürdigen gewesen, aus wie vielen Gefahren der Sünden hast du mich errettet, und wie barmherzig hast du mich vor der Verdammnis bewahrt, und wie wunderbar hast du mich auf dem Wege des Heils geführt! Weil ich deine unendliche Güte nicht genugsam loben und preisen kann, wie will ich dir für die erzeigten Guttaten genugsam danken und lobsingen?

Nach ihrer eigenen Lebensgeschichte wird auch ihr Gedächtnis alle Geschichten, welche vom Anfange der Welt bis zum Ende sich zugetragen haben, klar eingedrückt haben, und ganz umständlich erkennen.

Ein jeder Heiliger wird klar wissen, was der andere all sein Lebtag gedacht, geredet und getan habe, wo er gewohnt, mit wem er verwandt gewesen, und wie er sich ernährt, und sein Leben zugebracht habe; ebenso, wie viel gute und böse Werke er getan, und wie wunderbar ihn Gott aus Gnaden zum Himmel gebracht habe.

Es werden auch alle Heiligen das ganze Leben und Leiden Christi und Mariä mit allen Geheimnissen in ihrem Gedächtnis eingedrückt haben, und ganz klar erkennen, was Jesus und Maria alle Augenblicke ihres Lebens gedacht, getan und gelitten haben. Ja, endlich werden sie wissen, was Gott von Ewigkeit her getan, wann er die Welt erschaffen, und wie er die hoffärtigen Engel rechtmäßiger Weise verstoßen habe.

O mein Gott! was für eine Freude wird dies sein! Was für eine Ergötzlichkeit werden sie haben, wenn sie alle diese Geschichten wissen, sich deren erinnern. Wie werden sie davon mit einander reden und sich ewig darüber verwundern!

Drittens wird der Wille eines seligen Menschen im höchsten Grade mit Freude erfüllt, und in der Liebe Gottes und der andern Heiligen ganz entzündet werden. Sie leben deshalb in einer beständigen seligen Seelenruhe. Denn da gibt es keine Versuchungen und keine Sünde mehr zu fürchten, welche den Menschen hienieden soviel zu schaffen machen und so großen Kummer bereiten. Denn so lange Einer auf Erden lebt, ist er fast niemals ganz von kleinen Sünden frei. Ja, wir tragen den Schatz der göttlichen Gnaden in einem sehr zerbrechlichen Gefäße, so daß wir jeden Augenblick sogar in Gefahr sind, in schwere Sünden zu fallen.

Denn beständig reizt die Welt, der Satan und die eigene sündhafte Natur zur Sünde, so daß Keiner ohne Versuchungen bleibt. Das ist aber sehr hart für einen Jeden, der dem lieben Gott recht getreu dienen möchte und ihn recht innig liebt. Das haben die Heiligen auf Erden wohl auch recht gefühlt und darum haben sie sich so innig darnach gesehnt, diesen Gefahren zu entrinnen. Im Himmel sind sie nun ganz frei von diesen Gefahren und diesem Kummer. Denn dort hören alle Versuchungen auf und die Seligen sind so sehr in der Gnade befestigt, daß sie nicht mehr sündigen können. O das ist eine große Seligkeit, diese Sicherheit! Hierüber ruft der heilige Augustin aus:

„O glückliches Leben, in welchem die Sünde nicht mehr bestehen, in welchem es auch keine Gefahr mehr geben wird, durch die man in die Sünde geraten könnte, ja auch nicht einmal eine Möglichkeit, dieselbe zu begehen!“

So haben die Seligen Nichts, was sie nicht wollen, aber zugleich Alles, was sie wollen und wünschen mögen. Die vornehmste Lust und Freude aber, welche ein Mensch haben kann, kommt von seinem Willen her. Wenn ihm nämlich Alles nach seinem Wunsche und Willen geht, wenn er Alles hat und bekommt, was sein Herz begehrt, wenn er von allen Menschen geliebt und gelobt wird, und wenn er hinwieder Andere liebt, und deren Liebe genießt. Dies Alles und tausendmal mehr haben die lieben Heiligen, und zwar im höchsten Grade und in höchster Vollkommenheit.

Die Liebe, welche Gott zu ihnen trägt, ist ganz unbegreiflich groß, und die Liebe, welche sie zu Gott tragen, ist so glühend, daß kein menschliches Herz hier auf Erden den tausendsten Teil davon ertragen könnte, ohne vom Übermaß derselben zu sterben. Sie schauen ja Gott in seiner ganzen Liebenswürdigkeit und dadurch werden sie gleichsam vergöttlicht, so daß ihre Liebe zu Gott mehr eine göttliche, als menschliche Liebe ist.

Auf der Erde ist keine größere Lust, als lieben und geliebt werden, und je zarter, reiner und feuriger diese Liebe ist, desto größer ist auch die Lust und Freude, welche daraus entsteht. Nun ist aber in dem Himmel die allerzarteste, allerreinste und allerfeurigste Liebe, ja gleichsam eine unendlich große Liebe der Heiligen zu Gott und der Heiligen gegeneinander, und deshalb empfinden sie auch eine unbegrenzte Freude, unermeßliche Lust und unsägliche Süßigkeiten. Da können sich Alle auf das Herzlichste lieben, ohne fürchten zu müssen, daß ihre Liebe nicht rein genug und darum sündhaft sein könnte. Denn dort ist alle Liebe ganz rein, und ganz heilig. Der liebreiche Gott wolle uns dieser Liebe teilhaftig machen, alsdann werden wir erfahren können, was ich hier nicht beschreiben kann. Niemand wird dieser Liebe teilhaftig, er fange denn auf Erden an, Gott zu lieben, und sterbe in dieser göttlichen Liebe. So wollen wir uns denn befleißen, hier auf Erden Gott zu lieben, damit wir ihn auch hernach lieben mögen im Himmel.

Über alle diese Freuden geht aber die Freude, welche aus der klaren Anschauung Gottes entspringt. Das ist eine Freude über alle Freuden, eine Lust über alle Lust. Ohne diese Freude wären alle anderen himmlischen Freuden nichts wert, ja sie würden eine lautere Bitterkeit zu sein scheinen. Der Teufel sprach einmal aus einem Besessenen:

„Wenn der ganze Himmel Pergament und das ganze Meer Dinte (Tinte), und alle Strohhalme Federn, und alle Menschen Schreiber wären, so würden sie doch nicht die geringste Freude, welche die Seligen aus der Anschauung Gottes empfangen, beschreiben können.“

Ein anderes Mal sagt er: „Wenn ihm Gott vergönnte, sein göttliches Angesicht nur ein Paar Augenblicke lang anzusehen, so wollte er alle Peinen der Hölle, wenn’s möglich wäre, bis zum jüngsten Tage allein ausstehen.“

Der heilige Augustin schreibt hierüber:

„Wenn einer Seele in der Todesstunde die Wahl gelassen würde, entweder Gott zu schauen und die höllischen Peinen zu leiden, oder Gott nicht zu schauen, aber von allen Peinen befreit zu sein, so würde sie lieber die Anschauung Gottes mit allen Peinen sich wählen.“

O, welche Freude muß daher es sein, Gott zu schauen! Wenn daher Einer sein ganzes Leben in den allerstrengsten Bußwerken zubrächte, und Gott ihm nach seinem Tode nur einen Augenblick sein Angesicht zeigte, so hätte er ihm überflüssig alle seine Mühe vergolten.

Nun bedenke, was für überschwengliche Freuden die lieben Heiligen in der Anschauung und im Besitze dieses unendlichen Gutes haben, wenn dasselbe nur einen Augenblick anzuschauen, mehr Freude ist, als alle Weltkinder ihr Lebtag zugleich gehabt haben. Was für eine Freude wird es sein, diese unendliche Schönheit ewig anzusehen! Was für eine Freude wird es sein, diese unendliche Wesenheit klar zu erkennen! Was für eine Freude wird es sein, dieses unendliche Gut zu besitzen! Gott ist ja eine Wesenheit, worin Alles, was geliebt und begehrt werden kann, auf die allervollkommenste Weise zugleich enthalten ist.

In Gott ist alle Lieblichkeit, Süßigkeit, Freundlichkeit, Schönheit, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Weisheit, Majestät und alle Vollkommenheit, welche zu erdenken ist.

Aus Gott kommt alle Gnade, alles Heil, Glück, Freude, Ruhe, Trost und alles Gute, welches alle Kreaturen im Himmel und auf Erden haben.

Wenn nun die lieben Heiligen dies unendliche Gut, worin alles Gute ist, und woraus alle Gute herkommt, anschauen, genießen und besitzen, o was für eine Freude, o was für eine Wonne werden sie davon haben! Was für eine unaussprechliche Freude wird es ihnen sein, wenn sie erkennen das Geheimnis der Menschwerdung Christi und das Geheimnis des heiligen Sakramentes des Altars!

Was für eine unaussprechliche Freude wird es ihnen sein, wenn sie erkennen, wie Gott unsichtbar ist, und dennoch Alles sieht; wie er unbeweglich ist, und dennoch Alles bewegt; wie er unveränderlich ist, und dennoch Alles verändert; wie er allezeit ruhig ist, und dennoch Alles tut; wie er sich selbst ganz gleich ist, und dennoch so ungleiche Dinge wirket!

Diese und dergleichen unendliche Dinge werden die lieben Heiligen in Gott sehen, und werden dennoch in alle Ewigkeit nicht ans Ende kommen können, sondern je mehr sie in Gott erkennen, desto mehr haben sie noch übrig; und je mehr sie ihn erkennen, desto mehr wächst in ihnen die Begierde, ihn zu erkennen. Je mehr aber sie ihn erkennen, desto mehr lieben sie ihn auch. So werden sie allezeit ersättiget und bleiben allezeit hungrig, und so genießen sie dies große Gut, und können es doch nimmer verzehren. Daß aber diese himmlische Freude den Seligen ewig nicht mehr geraubt werden kann und sie diese Gewißheit haben, das macht dieselbe erst ganz vollkommen. Denn die Seligkeit im Himmel, wenn sie auch noch so groß wäre, würde aufhören, Seligkeit zu sein, wenn sie nicht ewig wäre. O Freude ohne Maß! O Freude ohne Ende! Dies soll ein jeder Mensch oft betrachten, und dadurch in sich erwecken eine

Herzliche Begierde, Gott zu genießen

O unendliche Schönheit! O unendliche Lieblichkeit! O unendliche Gütigkeit! O mein Gott und Schöpfer! O mein Gott und Alles! Vor Verwunderung über deine Unendlichkeit muß ich schier vergehen, und vor Begierde, dich zu genießen, verschmachtet fast mein Herz.

„Gleichwie der Hirsch verlangt nach einer Wasserquelle, so verlangt meine Seele nach dir, mein Gott. Meine Seele dürstet nach dir, dem starken und lebendigen Gott; wann werde ich kommen und erscheinen vor deinem Angesichte?“

O Gott, du ewige Liebe, ewige Schönheit, ewige Süßigkeit! Werde ich denn wohl so glücklich sein, dich einmal zu schauen, zu besitzen und zu genießen? O, ich hoffe es von deiner unendlichen Güte, die ja von Herzen verlangt, sich Allen mitzuteilen. O wie selig, o wie glücklich werde ich sein, wenn ich dich einmal wirklich schauen, besitzen und genießen werde! O Glück über alles Glück! Mein Gott! was soll ich denn anfangen, was soll ich denn tun, um mich dieses himmlischen Glückes teilhaftig zu machen? Ach, was soll ich doch nur immer tun, damit mir dasselbe doch ja nicht entrinne?

Siehe, o mein Gott! ich bin bereit, Alles zu tun, was mir nur möglich ist. Ich bin bereit, zu leiden, was meine schwache Natur ausstehen kann. Ich bin bereit, mich der Welt und allen irdischen Dingen so viel zu entschlagen, als mein Stand es mir erlaubt. Ich bin bereit, dir Tag und Nacht zu dienen nach aller meiner Möglichkeit, und dies Alles darum, damit ich dich, ewiges Gut, erwerbe, und deiner unendlichen Schönheit ewig genieße.

Ja, wenn ich wüßte, daß ich dich in jener Welt nicht haben sollte, so wollte ich mich desto mehr befleißen, deiner auf dieser Welt zu genießen. Ja, wenn ich gewiß wissen sollte, daß ich verdammt werden sollte, so wollte ich dich dennoch lieben, und dir von Herzen dienen. Denn ich liebe dich nicht, damit du mich selig machen sollest, sondern ich liebe dich, weil du die unendliche Schönheit und das unendliche Gut bist, welches aller Liebe unendlicher Weise würdig ist.

In dieser Meinung und Begierde begehre ich zu leben und zu sterben, und rufe hierüber alle Engel und Heiligen zu Zeugen an. Gib du mir die Gnade dazu, o mein Gott! daß ich diesen meinen Vorsatz stets halten möge. O Maria, liebe Mutter, hilf mir, deinem armen, so schwachen Kinde, daß ich im Kampfe hienieden nicht erliege, sondern glücklich den Sieg davon trage, damit ich dereinst meinen Gott ewig mit dir anschauen und genießen möge! Amen.

 

Anmerkung ETIKA: Nicht alles auf dieser Web-Seite 18B18D2 ist im Original wiedergegeben; manches ist behutsam der heutigen Schreibweise angepasst.