ETIKA

P. Johann Eusebius Nieremberg S. J.

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Gottes Willen tun: Sofort beginnen

14.3.2014. - S. 130ff

Der beste und kürzeste Weg zur Vollkommenheit.
Von P. Johann Eusebius Nieremberg S. J.
Aus dem Spanischen übersetzt von P. Joseph Jansen, Priester der Gesellschaft Jesu.
Mit Approbation des hochw. Herrn Erzbischofs von Freiburg.
Herder´sche Verlagsbuchhandlung. Freiburg im Breisgau. Zweigniederlassungen in Wien, Straßburg, München und St. Louis, Mo. 1896.

Erster Theil. Zehntes Kapitel.

Zehnter Beweggrund zur Gleichförmigkeit mit dem Willen Gottes: Die praktische Anwendung dieser heiligen Uebung ist in der That der beste und kürzeste Weg zur Vollkommenheit.

Die Verpflichtung, Lieblichkeit und Wichtigkeit der Hingabe an den göttlichen Willen habe ich mit Absicht so ausführlich besprochen und empfohlen; denn darin besteht unsere ganze Vollkommenheit und unsere Vereinigung mit Gott, und es ist außerordentlich wichtig für uns, einen hohen Begriff und eine hohe Hochschätzung von dieser Uebung zu gewinnen, damit wir beim Streben nach Tugend Zeit gewinnen und doch sicherer und leichter in der Vollkommenheit voranschreiten.

Es ist ja wahr, daß alle Lehrer des geistlichen Lebens durch mannigfache Unterweisungen diesen Gegenstand empfehlen und Anleitung dazu geben, wie man eine Seele dafür empfänglich machen könne. Meine Ansicht jedoch geht dahin, daß, wenn jemand, von der Pflichtmäßigkeit und Wichtigkeit dieser heiligen Uebung lebhaft überzeugt, sie gleich von Anfang an thatkräftig zur Ausführung bringt, er durch diese vollständige Unterwürfigkeit unter den göttlichen Willen viele Zeit und Mühe sparen wird; denn wenn er sich sofort darauf verlegen würde, so wäre dies das wirksamste Mittel, um alle andern heiligen Uebungen gut zu machen und alle andern Tugenden leicht ins Werk zu setzen.

Es ist ja einleuchtend, wenn jemand fest und unwiderruflich dazu entschlossen ist – in allem und um jeden Preis muß ich das thun und wollen, was Gott von mir will und wie er es will, und ich darf mein eigenes Belieben oder meine persönliche Neigung nicht berücksichtigen – so wird derselbe die Abtödtung üben, weil er erkennt, daß Gott dieselbe von ihm verlangt; er wird demüthig, geduldig, fromm, gesammelt, schweigsam, enthaltsam und keusch sein; denn das ist es ja, was die göttliche Majestät von ihm fordert, oder wie der hl. Paulus (1 Thess. 4, 3.) sagt:

„Das ist der Wille Gottes, eure Heiligung.“

Das wäre also ein großes Ersparniß an Zeit und Mühe. Deshalb fordere ich alle, die sich um ihr Seelenheil bemühen, auf und bitte um Jesu Christi willen besonders die Ordensleute, daß sie sich dieser Tugendübung von Anfang an befleißen. Mit demselben Eifer, womit sie sich auf einige besondere heilige Uebungen verlegen und von einer Tugend zur andern übergehen; mit derselben Sorgfalt, womit sie zur Erlangung dieser einzelnen Tugenden die besondere Gewissenserforschung anstellen: mit derselben Aufmerksamkeit mögen sie doch vorzüglich alle Kräfte ihrer Seele darauf richten, den Willen Gottes kennen zu lernen, hochzuschätzen und ihn sorgfältig und eifrig zur Ausführung zu bringen.

Diese Sorgfalt aber sollen wir nicht bloß bei unserer Standeswahl und bei unsern Berufsarbeiten im allgemeinen anwenden, sondern auch bei allen Handlungen insbesondere und bis ins einzelne hinein, so geringfügig sie auch sein mögen, indem wir bei jeder einzeln auf Gott hinschauen und seinen heiligsten Willen uns vor Augen halten; diesen sollen wir als die einzige Richtschnur aller unserer Handlungen betrachten und bei jedem Unternehmen die Frage in Erwägung ziehen:

„Will Gott, daß ich dies ausführe oder nicht?“

Erkennen wir nun, daß es nicht der Wille Gottes ist, so sollen wir es nicht beginnen, und sollten wir dabei auch tausend Welten aufs Spiel setzen. Handelt es sich aber um eine Sache, deren Ausführung Gott gefällt, wie z. B. die Tugendwerke, so sollen wir sogleich zusehen, wie Gott die Ausführung will; z. B. beim Gebet, mit welcher Ehrfurcht und Demuth, mit welchem Eifer, mit welcher Sammlung wir es verrichten sollen; alsdann müssen wir es aber auch wirklich so verrichten.

Handelt es sich um ein besonderes Werk, das der Obere verlangt, so haben wir darauf zu achten, mit welchem Gehorsam Gott die Ausführung desselben verlangt, mit welcher Einfalt, mit welchem Eifer, mit welcher Bereitwilligkeit, mit welchem Starkmuth, mit welcher Freude und Beharrlichkeit. So sollen wir bei allen übrigen Werken und Handlungen überlegen, ob sie ihrem Wesen nach ein Gegenstand des göttlichen Wohlgefallens sind, und alsdann näher zusehen, unter welchen Umständen Gott die Ausführung derselben verlangt.

Wäre das Werk an sich gleichgiltig, die Ausführung desselben aber nothwendig, so sollen wir uns bemühen, dasselbe mit dieser guten Meinung zu krönen, und es alsdann aus Liebe zu Gott verrichten; denn dadurch wird das Werk, das an sich keinen Werth hat, erhaben und auf einen sehr hohen Grad an Verdienstlichkeit gebracht.

Es wäre nicht vernünftig, einen so großen Gewinn dadurch zu verlieren, daß wir es versäumen, unsere Handlungen und Werke Gott aufzuopfern und sie mit seinem heiligsten Willen in Uebereinstimmung zu bringen; wenn wir sie aber mit der guten Meinung würzen, so werden wir dadurch die natürlichen Handlungen in übernatürliche verwandeln und die weniger tugendhaften Werke alle aus Liebe verrichten; wir sind dann stets bereit, in allem den Willen Gottes zu thun und in nichts unserem eigenen Belieben zu folgen, sei es bei äußern oder innern, großen oder kleinen Handlungen, selbst beim geringsten Gedanken und bei der geringsten Regung unseres Herzens; auf diese Weise werden wir alles lenken und leiten nach der einzigen Regel der wahren Klugheit, d. h. nach dem Willen Gottes, und stets das thun, was David (Ps. 122, 2.) sagt: „Wie die Augen einer Magd auf die Hände ihrer Gebieterin gerichtet sind, so sind unsere Augen gerichtet auf den Herrn, unsern Gott.“ Ja hätten wir auch eine tausendfache Erkenntniß, tausend Augen des Geistes, so müßten wir uns doch nur damit beschäftigen, in allem uns nach dem Willen Gottes zu richten.

So machten es die Heiligen, so die heiligen Engel; daher waren auch jene heiligen lebenden Wesen der Geheimen Offenbarung (Offb. 4, 6. 8. Ez. 1, 6f.), jene erhabenen Cherubim voll von Augen von innen und von außen; so sollen auch wir mit tausendfacher Aufmerksamkeit, mit reiner Absicht und Sorgfalt auf das Wohlgefallen Gottes schauen, indem wir uns gleichsam stets die Augen aussehen, um allein auf das achtzugeben, was Gott will, und oftmals die Worte des hl. Paulus (Apg. 9, 6.) wiederholen:

„Herr, was willst du, daß ich tun soll?“

Darauf also sollten wir eine besondere Sorgfalt verwenden, darüber unsere besondere Gewissenserforschung anstellen, dazu eine vorzügliche Andacht haben; dies sollte alle Kräfte und Fähigkeiten unserer Seele in Anspruch nehmen; das müßte die Aufgabe unseres ganzen Lebens sein; davon sollten wir niemals ablassen, wir sollten vielmehr schon jetzt mit großer Begeisterung und Liebe zu Gott das thun, was wir eine ganze Ewigkeit hindurch fortsetzen werden; das auf Erden ausüben, was die Seligen im Himmel thun, und worum wir täglich im „Vater unser“ bitten nach dem Beispiel der hl. Gertrud (Blos, Monil. spirit. Drexel, Amuss.), die stets im Herzen und im Munde die Worte führte:

„Nicht mein Wille geschehe, sondern der deine.“

Diese Andacht hatte Jesus Christus, unser Erlöser, sie gelehrt und ihr aufgetragen, daß sie bis ins kleinste alle ihre Werke, soviel sie vermöchte, ihm weihte; nicht bloß im großen und ganzen alles, was sie las oder schrieb,  sondern auch jedes Wort und jeden Buchstaben für sich; nicht allein das Essen und Trinken, sondern auch jeden Bissen und Schluck, den sie nahm; alle Worte, die sie sprach, alle Schritte, die sie machte, jeden Athemzug, den sie that; damit sie auf diese Weise beständig darauf achtgab, in allem, im großen wie im kleinen, nur den Willen Gottes zu thun. –

Durch diese heilige Uebung wird jemand in ganz ausgezeichneter, nützlicher und leichter Weise in der Gegenwart Gottes wandeln, ohne den Verstand oder die Einbildungskraft zu ermüden;

(Anmerkung: Ohne besondere Eingebung des Heiligen Geistes kann man erfahrungsmäßig diese oder ähnliche Uebungen nicht ununterbrochen am Tage vornehmen. Das geht über die gewöhnlichen Kräfte des Menschen hinaus und hat oft bedenkliche Folgen. Wie oft jemand solche Uebungen täglich anstellen darf, muß dem Urtheil eines klugen Seelenführers überlassen werden.)

vielmehr wird er durch vorzügliche Acte der Liebe sein Herz ergötzen; denn er wird seinen Schöpfer nicht bloß mit der Liebe des Gefühls, mit der Liebe der innigsten Vereinigung des Herzens lieben, sondern auch ununterbrochen seine Werke und Handlungen aus Liebe zu Gott verrichten; das aber ist der äußerste Grad der Liebe, wenn sie beim Gefühl, bei der Empfindung des Herzens nicht stehen bleibt, sondern durch die That, durch Werke sich offenbart.

Dies geschieht aber nicht auf beliebige, willkürliche Weise, sondern durch eine fortwährende Anwendung der Abtödtung, die der Prüfstein und sicherste Beweis der wohlwollenden, wahren Liebe ist; denn ein solcher wird stets seinen Willen verläugnen und das Wort Christi (Matth. 16, 24. Luc. 9, 23.) erfüllen:

„Wenn jemand mir nachfolgen will, so verläugne er sich selbst.“

Abgesehen von der Anwendung der Abtödtung werden wir darin eine ständige Uebung der vollkommenenen Hingabe an Gott, der tiefsten Demuth, der innigsten Vereinigung und Umwandlung in Gott vornehmen, indem wir zu allem bereit sind und uns ganz den Händen und dem Wohlgefallen Gottes anheimgeben, in vollständiger Losschälung von uns selbst und in täglich zunehmender Vereinigung mit unserm Schöpfer leben;  denn wir entäußern uns dadurch all unserer verkehrten Neigungen und Wünsche nur in der Absicht, um den Willen Gottes zu thun.

Auch werden wir durch diese Tugendübung eine große Reinheit des Herzens gewinnen; denn wie sollten wir bei einer ungeordneten Regung des Gemüthes da verweilen können, wo wir auf nichts anderes achtgeben als auf das Wohlgefallen Gottes? Ja wir werden jede Unordnung unseres Herzens alsbald schon von weitem entdecken und von uns weisen.

Endlich ist diese Gleichförmigkeit mit dem göttlichen Willen der Inbegriff der Vollkommenheit und aller Tugenden, der kürzeste, der einfachste, sicherste und verdienstlichste von allen Wegen, die zur Heiligkeit führen, die allgemeine Richtschnur für alle andern Wege der Vollkommenheit, ein kurzer Inbegriff der religiösen Zucht und Ordnung, ja des ganzen, innern geistlichen Lebens, der in einem Ausspruch und in einer Regel die ganze Lehre der christlichen Vollkommenheit zusammenfaßt.

Schließlich ist noch zu bemerken, daß es von großer Wichtigkeit für die Auffrischung und Erneuerung unseres geistlichen Lebens ist, den Tag über Stoßgebete nach dem Rathe der Heiligen oft zu verrichten; insbesondere solche, die Christus (Matth. 26, 42. Marc. 14, 36. Luc. 22, 42. Matth. 6, 10.), unser Erlöser, der hl. Gertrud und andern Heiligen und im allgemeinen der ganzen Kirche anbefahl; nämlich jenes Gebet, das er selbst uns lehrte und gewöhnlich verrichtete mit den Worten:

„Mein Vater, dein Wille geschehe!“

„Nicht wie ich will, sondern wie du willst.“

So sollen auch wir mit Mund und Herz stets die Bitte wiederholen:

„Vater unser, dein Wille geschehe, wie im Himmel, also auch auf Erden!“

Um diese Worte mit größerem Nutzen auszusprechen, sollen wir sie nicht bloß hersagen als Ausdruck von Lob und Preis gegen Gott, als Aeußerung unserer liebevollen Hingabe und Uebereinstimmung mit der göttlichen Majestät, sondern auch in Form einer Abbitte und Fürbitte, beseelt von Eifer für die Ehre Gottes und die Liebe des Nächsten, indem wir Gott inständigst bitten, daß alle Menschen auf Erden seinen heiligsten Willen thun mögen; denn nichts Besseres können wir für unsere Mitbrüder erflehen.

Auf diese Weise verbinden wir in diesem kurzen Gebete zugleich die Liebe zu Gott und zum Nächsten; denn unsere Seele vereinigt sich dadurch mit Gott und macht sich seinem heiligen Willen gleichförmig; sie lobt und verherrlicht ihn und erweist zugleich dem Nächsten eine Wohlthat; sie betet so beständig für ihre Mitbrüder, für die gesamte Kirche und für die ganze Welt; sie erfleht für einen jeden und für alle das, was ihnen am meisten nützlich oder nothwendig, oder für sie von der größten Wichtigkeit ist; das alles ist aber ein Act von hervorragender Verdienstlichkeit, dem ein überaus reicher Lohn im andern Leben entspricht.

 

Anmerkung: Die Apostel der letzten Zeiten AIHS empfehlen im Deutschen folgenden Wortlaut:

Nur Dein Wille / Herr, geschehe / wie im Himmel / so auf Erden.

Nicht wie ich will / nein, wie Du willst.

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