ETIKA

Luis von Granada

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17.4.2004

18B2

Führer für Sünder

 

18B2A

Biographie

 

Die Lenkerin der Sünder

Kurzer Lebensabriß

des gottseligen
Ludwig von Granada.

 

(Außer den ältern Quellen: Echard, bibliotheca script. ord. S. Dominici, Ant. Jenensis Chronicon fratrum praedicatorum u. a. m. wurde auch die Vorrede zum 2. Bande der „Leitsterne auf der Bahn des Heils, von Silbert Wien 1823“ benutzt.)

 

Ludwig von Granada wurde im Jahre 1504 in der Stadt gleichen Namens von dürftigen, aber gottesfürchtigen Eltern geboren.  Sein heller Verstand, seine Lernbegierde, noch mehr aber sein kindlich frommer Sinn, der sich in seiner frühreifen Andacht offenbarte, bestimmten seine Eltern, ihn den Studien und demnächst dem geistlichen Stande zu widmen.

 

In diesen Absichten wurden sie besonders durch den Marquis Mondejar, dessen Aufmerksamkeit des Knaben ausgezeichnete Eigenschaften auf sich gezogen hatten, unterstützt, was um so erwünschter war, da Ludwig, als er kaum vierzehn Jahre alt war, seinen Vater verlor und sich nun von milder Spende behelfen musste. Die Unterstützung seines Wohlthäters setzte ihn indessen in Stand, auf der berühmten Universität zu Valladolid seine in der Schule seiner Vaterstadt begonnen Studien zu vollenden.

 

Als er hierauf wieder nach Granada zurückkehrte und mit den Vätern des Predigerordens im dortigen Kloster zum heiligen Kreuz, welches König Ferdinand nicht lange vorher gestiftet hatte, bekannt wurde, erstaunten dieselben über den großen Scharfsinn, die ausgebreiteten Kenntnisse und erhabene Frömmigkeit des Jünglings, so dass sie ihm den Namen des christlichen Cicero beilegten und ihn mit Freuden in ihren Orden aufnahmen.

 

Mit welch heiligem Eifer er in diesem Orden lebte, geht daraus hervor, dass er – wie sein Lebensbeschreiber uns versichert, - in den acht und sechszig Jahren, welche er darin verlebte, nie eine Regel überschritten, sondern sein ganzes Leben in vollkommen demüthiger Selbstverleugnung zugebracht, unablässig für den Dienst Gottes und zum Heile des Nächsten gewirkt und als ein lebendiges Beispiel aller Tugenden seinen Brüdern vorgeleuchtet hat.

 

Derselbe Biograph erzählt, dass, als Ludwig einstens Abends spät in seiner abgelegenen Zelle unter Gebet und Seufzern seinen Körper geißelte und sich für ganz unbemerkt hielt, zwei junge Wüstlinge, die, eben im Begriffe, sich an einen Aufenthalt des Lasters zu begeben, des Weges daher kamen und ihn hörten, von den Flammenworten seines Gebetes so ergriffen wurden, dass einer zum andern sagte:

 

O wir Elende! dieser fromme Ordensmann, der vielleicht nie eine schwere Sünde beging, übt hier die strengste Buße, indeß wir Frevler darauf ausgehen, die Zahl unserer Laster zu vermehren. Gewiß hat Gott es zu unserer tiefen Beschämung also gefügt, dass wir Zeugen dieses Werkes seien!“

 

Sie wurden in ihrem Innern gerührt, kehrten in ihre Wohnung zurück und besserten ihren Wandel.

 

In stiller Einsamkeit, von Felsen umgeben

 

In klösterlicher Abgeschiedenheit suchte er sich in den Studien der Gottesgelehrten immer mehr zu vervollkommnen, so dass er bald den Auftrag erhielt, sie als Lehrer öffentlich selbst vorzutragen. Seine Predigten brachten die herrlichsten Früchte hervor, denn sie hatten zahllose Bekehrungen zur Folge. Wiewohl sich aber der Ruf seiner Tugenden und Talente bald weithin verbreitete und Jeder sich zu ihm drängte, um ihm seine Bewunderung und Ehrfurcht zu zollen, so bleib doch seine tiefe Demuth sich immer gleich, denn was auch seine Bemühungen für Erfolg haben mochten, so schrieb er die Verdienste davon nicht sich selbst, sondern der Gnade Gottes zu, von deren Beistand er Alles erwartete.

 

In der Nähe von Corduba befand sich ein Kloster, welches, wegen seiner ungesunden Lage von den Vätern größtentheils verlassen worden war und wie verödet da stand. Dieses zu seinem vorigen Glanze zu erheben und die klösterliche Zucht daselbst wieder herzustellen, erhielt unser Ludwig den Auftrag. Obwohl Viele wegen der damit verbundenen Schwierigkeiten und Gefahren diesen Auftrag von sich abgelehnt hatten, so übernahm er ihn doch ohne Widerrede und arbeitete unverdrossen und rastlos für die Ehre des Herrn, Der auch seine Bemühungen über alle Erwartungen segnete. Denn bald erhob sich dieses Kloster unter Ludwigs Aufsicht und Leitung zu einem glänzenden Muster für alle übrigen.

 

Hier in stiller Einsamkeit, von Felsen umgeben, schrieb er sein herrliches Buch vom Gebet und von der innerlichen Betrachtung, das den schönsten Beweis seiner ungewöhnlichen innerlichen Erleuchtungen liefert, womit der Herr seine unablässige, glühende Andacht lohnte. Diese Abhandlung gehört zu den vollendetsten Werken des geistigen Lebens, denn wenige kommen ihr an Gehalt und Nutzen bei.

 

Der damalige Bischof von Concha, Bernhard von Fresreda, schrieb eine eigene Vorrede dazu, und sagt unter anderm zu dem Lobe derselben:

 

„Kein Gemüth ist so verstockt, das nicht, von dem Sinne und der Andacht dieses Werkes angezogen, bedeutend sich bessere und zur Uebung frommer Werke entflammt werde.“

 

Als der Diener Gottes später dem Provinzialkapitel beiwohnte und den Auftrag erhielt, dasselbe mit einer Rede zu eröffnen, wurde der Herzog von Medina Sidonia, in dessen Gebiet das Kapitel gehalten wurde, so sehr von dem Strome seiner Beredsamkeit hingerissen, dass er eine Abschrift seiner Rede begehrte und ihn von dem Vorsteher der Provinz an seinen Hof verlangte. Nur ungern fügte sich Ludwig dem Wunsche des Provinzials, da er ein abgesagter Feind alles Lobes war, womit man, zumal am Hofe, ihn überhäufte.

 

Mit Genehmigung des Herzogs gründete er in der Residenz Badajoz ein Haus seines Ordens, dessen Prior er wurde, und wirkte rastlos in der ganzen Gegend. Sein unablässiger Eifer, die Menschen zur Tugend zurückzuführen, brachte in den umliegenden Städten und Dörfern, wo er die göttlichen Lehren des Christenthums verkündigte, die herrlichsten Früchte hervor, indem sich die Sitten der Bewohner sichtlich besserten, Tausende ihre Laster und Unordnungen ablegten und sich wieder zu Gott bekehrten.

 

Um diese heilsamen Wirkungen dauernd zu begründen, verfasste er sein berühmtes Werk: Die Lenkerin der Sünder, dem er selbst den ersten Rang unter seinen Schriften einräumte, und dessen Lob ein Schriftsteller mit den Worten erschöpft:

 

„Es hat dieses Werk mehr Irrende auf den Weg des Heils zurückgeführt, als es Buchstaben enthält.“

 

Wirklich hat dieses Buch unzählige Bekehrungen bewirkt, wie kein anderes. In lichtvoller Anordnung stellt darin der Verfasser zuerst die mächtigsten Beweggründe auf, welche die Menschen bestimmen müssen, sich Gott ganz hinzugeben und Ihm mit unverbrüchlicher Treue zu dienen. Dann widerlegt er auf eine unumstößliche Weise alle Einwendungen, welche die Lasterhaften zur Entschuldigung ihres sündvollen Lebens vorzubringen pflegen.

 

Nachdem er nun in dem Leser die feste Ueberzeugung begründet hat, dass es des Menschen höchste Pflicht ist, Gott zu lieben und Ihm zu gehorsamen und somit die Tugend zu üben, und zu gleicher Zeit auch sein eigener Vortheil Solches von ihm erheischt, indem für die Lasterhaften hienieden weder Ruhe, Frieden noch Glück denkbar ist – giebt er ihm die Mittel an die Hand, wie er sich dieses unschätzbare Gut erwerben und, wenn er es erworben, erhalten soll, und führt ihn so allmählich vom Anfange seiner Bekehrung bis zur höchsten Vollkommenheit des christlichen Lebens.

 

Der Liebling der Königin schreckt von Lastern ab (eigener Zwischentitel)

 

Der Ruf seiner Tugenden und seines heiligen Eifers verbreitet sich indessen immer mehr und bewog den Cardinal Heinrich, Infant von Portugal und Sohn des Königs Emanuel, den frommen Diener Gottes nach Evora in Portugal, wo er als Erzbischof residirte, zu berufen.

 

Ludwig begab sich auf Befehl seiner Vorgesetzten dahin und wurde gleichsam im Triumphe da aufgenommen. Auch hier wirkten seine Predigten so mächtig und wundersam auf die in zahlloser Menge herbeiströmenden Zuhörer, dass in dem Erzbischofe der Wunsch entstand, ihn auf immer in seiner Nähe zu behalten.

 

Wirklich brachte er es dahin, dass Ludwig der Provinz Portugal einverleibt ward, die ihn einstimmig zu ihrem Vorsteher wählte. Er führte dieses Amt mit großer Klugheit, Mäßigung und Liebe, arbeitete noch angestrengter als zuvor, ohne aber dabei von seiner einfachen Lebensweise und seinen strengen Bußwerken abzulassen. Um bei seinen vielfältigen und mühsamen Reisen ja keinen Augenblick zu verlieren, ließ er sich einen Sattel verfertigen, auf welchem er selbst reitend lesen konnte.

 

Neben seinen vielen anderen Arbeiten übersetzte er auch um diese Zeit die Werke des heiligen Johannes Climacus in´s Spanische, die er der regierenden Königin von Portugal zueignete. Diese gottesfürchtige Fürstin hatte ihm schon früher das Bisthum Viseu angeboten, welches er aber auf keine Weise hatte annehmen wollen, da er entschlossen war, dem Beispiele seiner Ordensgenossen, des heiligen Dominicus, Thomas von Aquin, Raymundus und Anderer hierin zu folgen.

 

Eine neue Prüfung sollte nun seine Standhaftigkeit bestehen, denn kaum hatte die Königin vernommen, dass das Erzbisthum Braga erledigt sei, so drang sie von Neuem in ihn und forderte ihn zur Annahme dieser Würde mit den Worten auf:

 

„Vater Ludwig! vor noch nicht langer Zeit entschuldigtet Ihr euch und lehntet das Bisthum Viseu ab, und ich begreife kaum, wie ich diese Entschuldigung annehmen konnte; jetzt aber hört jede Ausflucht auf, und Ihr müsst das Erzbisthum annehmen. Nicht unbewusst ist es euch, wie sehr jener Kirchensprengel verwahrlost ist, und wie sehr das Laster daselbst überhand genommen hat; diesem Uebel kann auf keine andere Weise begegnet werden, als dass Ihr dessen Aufsicht und Leitung auf euch nehmet; denn glaubet mir, eure Gelehrsamkeit und euer tadelloser Wandel wird dazu erfordert, jene Laster auszurotten und den Samen der Tugend in die Herzen zu streuen.“

 

Ludwig lehnte aber mit seiner gewohnten Demuth den Antrag ab, so sehr auch Katharina auf ihrem Willen bestand, und als sie endlich nur unter der Bedingung abstehen wollte, dass er einen geeigneten Mann aufsuchen möchte, dem sie mit gutem Gewissen diese wichtige Stelle anvertrauen könnte, schlug er ihr, nachdem er sich mit Gott darüber berathen, den durch Gelehrsamkeit und Tugend ausgezeichneten und allgemein verehrten Vater Bartholomäus von den Märtyrern vor.

 

„Nun denn“, sprach die Königin, „wenn Gott es euch also eingab, so sei Bartholomäus Erzbischof, und Gott segne sein Wirken!“

 

Bald darauf, nämlich im Jahre 1561, legte die Königin die Last der Regierung nieder und übertrug die Obsorge über ihren noch minderjährigen Sohn Sebastian ihrem Schwager, dem Cardinal Heinrich, welcher sogleich nach Lissabon reiste, um die Angelegenheiten des Königreichs zu leiten. Da ihm unser Ludwig so zu sagen unentbehrlich geworden war, so nahm er ihn mit sich dahin, und hier erwarb er sich die innigste Zuneigung des Thronerben, der ihn, so wie sein Oheim, bis an sein Ende herzlich liebte.

 

Wie sehr Granada´s Thätigkeit in der Hauptstadt gesteigert wurde, davon zeugen die vielen Werke, die er zu dieser Zeit zum Druck beförderte, nämlich: vier Bände Predigten auf das Kirchenjahr, denen noch eine Sammlung von Sprüchen über das Gebet und das beschauliche Leben hinzugefügt ist; zwei Bände Fastenpredigten;eine Abhandlung über die Buße; ein Werk in drei Bänden, enthaltend Denksprüche, gesammelt aus den Schriften der Moralphilosophen, als Seneka, Plutarch etc. ein Werk über die geistliche Beredsamkeit; von dem ein berühmter Schriftsteller sagt, es verdiene seines vortrefflichen Inhalts wegen mit goldenen Buchstaben gedruckt zu werden.

 

Zu derselben Zeit erschien auch sein hochberühmtes Gedenkbuch des christlichen Lebens (Von diesem Werke ist in der Cremerschen Buchhandlung in Aachen eine deutsche Bearbeitung bereits in dritter Auflage erschienen.), dessen erste Auflage, wie der Verfasser selbst berichtet, gleich nach ihrem Erscheinen allein in der Stadt Lissabon abgesetzt wurde; auch übersetzte er einige Werke des gottseligen Thomas von Kempen, so wie einige seiner eigenen, ursprünglich lateinisch geschrieben Werke in´s Spanische. Außerdem verfertigte er noch ein großes katechetisches Werk, aus welchem seine große Gelehrsamkeit auf eine glänzende Weise hervorleuchtet. So wie er früher eine Sammlung moralischer Aussprüche einiger der ältern griechischen und römischen Lehrer der Weisheit herausgegeben hatte, so beförderte er auch jetzt eine aus den heiligen Schriften, den Kirchenlehrern, den berühmtesten Philosophen, Rednern und Dichtern zusammengetragene und nach Materien geordnete Auswahl von Sprüchen und Weisheitsregeln zum Drucke. Dieses Werk ist eine wahre geistige Schatzkammer und bekundet den ungemeinen Fleiß des Sammlers, welcher, der Biene gleich, hier den köstlichsten Honig zusammentrug, um damit das Herz seiner Mitmenschen zu erquicken.

 

Er schrieb auch die Lebensgeschichten mehrerer seiner Zeitgenossen, die er durch näheren Umgang genau hatte kennen gelernt, nämlich die des frommen Erzbischofs Bartholomäus von den Märtyrern, des Cardinals und nachherigen Königs Heinrich von Portugal, ferner des Paters Johannes Avila, eines berühmten Predigers und geistlichen Lehrers u. a. m.

 

Wie sehr diese Werke geschätzt wurden, beweisen die vielen Auflagen, die man davon veranstaltet hat. Sie sind in die meisten europäischen Sprachen, die ursprünglich spanisch geschriebenen in´s Lateinische, ja mehrere sogar in´s Türkische, Ost- und Westindische übersetzt worden. Der damalige Statthalter Jesu Christi erließ auf Veranlassung des heiligen Cardinals Carolus Borromäus, der unsern Ludwig ungemein hoch achtete und dessen Schriften das unbedingteste Lob spendete, folgende Schreiben an ihn:

 

„Seinem vielgeliebten Sohne Ludwig von Granada aus dem Predigerorden, Papst Gregor VII.

Vielgeliebter Sohn, Heil dir und apostolischer Segen! Deine täglichen und unabläßlichen Arbeiten, die Menschen sowohl von Lastern abschrecken als zur Vollkommenheit des Lebens zu berufen, waren uns immer angenehm, und allen Jenen, welche nach ihrem eigenen und ihres Nächsten Heile trachten und von dem Verlangen nach der Ehre Gottes erglühen, höchst heilsam und erfreulich.

 

Bereits hast du viele Predigten und Bücher voll der vorzüglichsten Lehren und Frömmigkeit herausgegeben; dies thust du noch täglich und hörest nimmer auf, sowohl gegenwärtig als abwesend Christo so viele Seelen als möglich zu gewinnen. Innig erfreuten uns so vorzüglich gute Früchte, sowohl in Andern als in dir.

 

Denn so viele mit Nutzen deine Predigten gehört und deine Schriften gelesen, so viele Söhne hast du Christo erzeugt und ihnen eine weit höhere Wohltat erwiesen, als wenn du Blinden das Gesicht und Todten das Leben von Gott erfleht hättest.

 

Denn weit mehr frommt es, jenes ewige Licht und glückselige Leben  (sofern dies den Sterblichen verliehen ist) zu erkennen, und in frommem und heiligem Wandel darnach zu streben, als Ueberfluß an allen irdischen Gütern und Freuden zu haben; dir selbst aber hast du viele Kronen bei Gott bereitet, da du mit aller Liebe diesem Streben, dem vorzüglichsten von allen, dich weihest. Fahre denn fort, wie du bisher gethan, gieb diesem Wirken aus vollem Herzen dich hin, und vollende die Werke, die du angefangen (denn es ist uns kund geworden, dass du mit einigen noch beschäftiget bist) und befördere sie an´s Licht zum Heile der Kranken, zur Kräftigung der Schwachen, zur Freude der Gesunden und Starken und zur Glorie sowohl der streitenden als der triumphierenden Kirche.“

 

Der heilige Franz von Sales nennt Ludwig von Granada den „Fürsten der geistlichen Schriftsteller“ und räth allen Geistlichen, die Schriften desselben fleißig zu lesen und sie gleichsam als ihr zweites Brevier zu betrachten.

 

„Dieses“, schreibt er, „that auch der heilige Carl Borromäus, der keine andere Lehre predigte, als die Ludwigs von Granada, und der doch so vortrefflich Gottes Wort vortrug. Doch ist dies nicht der Nutzen allein, den ihr daraus schöpfen könnet; er soll auch in eurem Gemüthe die Liebe zur wahren Andacht und zu allen euch nothwendigen geistlichen Uebungen entzünden. Nach meiner Meinung müsste man mit der Lesung der Lenkerin der Sünder anfangen, dann zu dem Gedenkbuche des christlichen Lebens übergehen, und endlich zu den übrigen Werken.

Um ihn aber mit Gedeihen zu lesen, soll man ihn nicht verschlingen, sondern bedächtig erwägen, und ehe man wieder ein neues Kapitel beginnt, das frühere mehreremal überdenken und der Seele einprägen, indem man unabläßlich seine Betrachtungen und sein Gebet zu Gott richtet. Mit Ehrfurcht und Andacht soll man ihn lesen, als ein Buch, das die heilsamsten Erleuchtungen, welche die Seele vom Himmel empfangen kann, enthält, um dadurch alle unsere Seelenkräfte zu erneuern, indem man sie durch Verachtung aller schnöden Begierden reinigt und sie durch feste Vorsätze zu ihrem Ziele hinlenkt.“ (Epit. 39.)

 

Der große Bossuet, Bischof von Meaux, zollt den Schriften Ludwigs von Granada die größte Bewunderung und das ungetheilteste Lob.

Michael ab Isselt, der beinahe alle Schriften Ludwigs von Granada in´s Lateinische übertragen hat, äußert sich folgendermaßen über ihn:

 

„Aus den Worten dieses großen Schriftstellers kann man sich überzeugen, wie sehr sein Gemüth in Liebe zu Gott erglüht und sein Verstand durch das Licht des heiligen Geistes erleuchtet war. Sein Vortrag ist klar und überzeugend; seine Worte ergreifend und erhaben. Was er über die Bekehrung des Sünders, über die Sakramente der Buße und Eucharistie, über die Beseligung eines tugendhaften Lebens, über das Gebet, die Betrachtung, die Menschwerdung, die Wohlthaten Gottes, die Liebe zu Gott, die christliche Vollkommenheit sagt, ist so katholisch, tiefandächtig, geistreich und würdevoll dargestellt, dass man sagen sollte, er sei mit einem mehr als menschlichen Geistesvermögen ausgestattet gewesen.“

 

An einer anderen Stelle sagt derselbe ab Isselt von Granada:

 

„Nie belehrt er, ohne zu gleicher Zeit das Herz zu rühren, und nie rührt er das Herz und erschüttert, ohne zugleich eine Lehre damit zu verbinden.“

 

Wir könnten hier noch die Zeugnisse und Lobeserhebungen eines Feller, Liguori, Crasset, Overberg, Silbert, Brockmann und vieler andern gewichtigen Stimmen anführen, doch übergehen wir sie, da Granada´s Wandel und Werke über alles Lob erhaben sind.

 

So feind er aber auch allem Lobe war, so ungern er sich in weltliche Angelegenheiten mischte, so konnte er es doch nicht verhindern, dass die größten Fürsten und Könige ihm nicht allein ihre Ehrfurcht bewiesen, sondern ihn auch in schwierigen Angelegenheiten um Rath fragten, indem sie mit Recht glaubten,  einem solchen Manne müsse eine besondere göttliche Erleuchtung inwohnen.

 

Außer den portugiesischen Königen Johann III., Sebastian, dem Erzbischof und Cardinal Heinrich, der ebenfalls nachher den Thron Portugals bestieg, und der Königin Katharina, die Alle, wie wir zum Theil schon oben berichtet haben, eine ehrfurchtsvolle Zuneigung zu ihm hegten, bezeigte auch der König von Spanien, Philipp II. (Anm.: spanisch sagt man Felipe Segundo) , ihm seine hohe Achtung dadurch, dass er ihm die Entscheidung einer wichtigen Staatsangelegenheit, wo es sich um den Besitz eines ganzen Königreichs handelte, übertrug, und seinem Neffen, dem Infanten Albert, Cardinal und Erzbischof von Oesterreich, eine besondere Sorgfalt für ihn anempfahl.

 

Der damalige Botschafter am portugiesischen Hofe, Cardinal Alexandrinus, Neffe des heiligen Papstes Pius V. bezeigte ihm ebenfalls eine besondere Freundschaft. Einst glaubte er ihn angenehm zu überraschen, als er ihm von Rom aus meldete, wie Sixtus V. durch seine Arbeiten für die Ehre Gottes und seine zahlreichen Schriften sich bewogen fühle, ihm nächstens den Cardinalshut zu übersenden. Dieser Brief war ein Donnerschlag für den Mann Gottes, der in Eile den Herrn anflehte, Er möchte das Herz des Papstes wenden, und sogleich nach Rom schrieb und Seine Heiligkeit bat, ihn als einen bereits erschöpften achtzigjährigen Greis, der kaum das Zimmer mehr verlassen könne, mit dieser Würde zu verschonen.

 

Nichts vermochte seine tiefbegründete Demuth, so oft sie auch durch den Glanz irdischer Größe versucht wurde, zu erschüttern. Je höher man ihn achtete, desto tiefer erniedrigte er sich selbst; oft sagte er bei den Besuchen der Großen, die alle den gottesfürchtigen Mann zu sehen verlangten, er müsse wohl ein Ungeheuer besonderer Art sein, dass so Viele neugierig wären, ihn zu sehen.

 

Die Zeit, welche ihm die Ausübung der Pflichten des geistlichen Standes übrig ließ, brachte er am liebsten in seiner Zelle oder in dem Büchersaale zu, widmete sie allein dem Gebete, der Betrachtung und den Studien. Mit der größten Strenge versagte er sich jede Erholung, begnügte sich mit spärlicher Kost und wollte sogar nicht zugeben, dass man seine Zelle im strengsten Winter einheizte. Als einst in grimmiger Kälte ein Gefährte zu ihm kam und den schon bejahrten frommen Mann in solcher Verlassenheit sah, sprach er gerührt zu ihm:

 

„Ehrwürdiger Vater, schweres Alter beugt euch bereits, schon seid ihr von Krankheiten und Schwächen erschöpft, und die Strenge der Witterung ist so ungemein groß, lasst euch doch Feuer in eurem Zimmer anmachen; und da überdies eure Kleider so abgenutzt und zerrissen sind, dass sie euch nicht vor der Kälte zu schützen vermögen, so erlaubet mir, dass ich euch ein neues Gewand besorge.“

 

Gutmüthig hörte ihn der Greis an und sprach:

 

„Dessen bedarf es ganz und gar nicht. Hat die Güte Gottes schon so viele Jahre hindurch in strenger Winterkälte mich erhalten, so hoffe ich, wird sie auch jetzt mich erhalten, zumal, da mein Gewand noch gut genug ist, mich vor übler Witterung zu schützen.“

 

Und wie sehr auch Jener in ihn drang, willigte er dennoch auf keine Weise ein, sondern antwortete in hoher Einfalt und Demuth:

 

„Laßt ab, ehrwürdiger Vater, und redet nicht weiter davon, denn es geht mir über alle meine Verdienste gut. Es giebt gewiß weit ärmere Menschen als ich, und die überdies auch von besserm Stande und Wandel sind, die vor Kälte zittern und Hungers sterben: diesen spendet, was ihr mir spenden wollet, und erlaubet mir, auch fernerhin auf diese Weise zu leben, wie ich sie von Kindheit an gewohnt bin.“

 

So groß war seine Demuth und Liebe zur Armuth, dass er immer in abgetragenen Kleidern einherging, und selbst in schweren Krankheiten alles, was man ihm zur besseren Pflege sandte, den Armen zuwendete, ja oft Tag und Nacht für sie arbeitete und die Großmuth der Reichen stets für sie in Anspruch nahm.

 

Seine ganze Seele lebte und wandelte nur in Gott, und sein Leben war nur ein Streben nach Heiligkeit. Mit besonderer Andacht bereitete er sich durch Gebet und Betrachtung zu dem heiligen Messopfer vor, und nach demselben verwendete er eine geraume Zeit dazu, Gott seinen heißen Dank für die ihm widerfahrene Gnade darzubringen. Wie der heilige Bernhard legte er vor der Thüre des Heiligthums jegliche Sorge ab, und dachte an nichts, als sich in dieser heiligen Stunde mit Gott zu beschäftigen.

 

Einst ging er, um Messe zu lesen, als in demselben Augenblick Jemand zu ihm kam, um ihn um Rath zu fragen. Er befahl diesem, nach Hause zu gehen und später wiederzukehren; als der Mann aber so lange warten wollte, bis die heilige Handlung vorüber sei, antwortete Ludwig gelassen:

 

„Gehet von hier, damit ich nicht, gleichsam wie am Zipfel des Rockes gezogen, gezwungen sei, zu eilen.“

 

Ueberhaupt war bei allen seinen Handlungen sein Blick stets auf den Herrn gerichtet, in dessen Gegenwart er bis an sein Ende wandelte.

 

Nach einem in rastloser Thätigkeit und musterhafter Frömmigkeit zugebrachten Leben starb er in seinem vier und achtzigsten Jahre nach einer schweren und schmerzlichen Krankheit am letzten Tage des Jahres 1588, um, wie sein Geschichtsschreiber bemerkt, das neue Jahr im Reich der Seligen zuzubringen.

 

Anmerkung ETIKA: Nicht alle Großen der Kirche, die von Rom nicht heilig gesprochen worden sind, sind nicht heilig.

Fortsetzung folgt.

Verfaßt von
dem ehrwürdigen Vater
Ludwig von Granada
aus dem Prediger-Orden.
Erster Band.
Fünfte verbesserte Auflage.
Mit Approbation des hochwürdigsten General-Vikariats in Köln.
Aachen, 1853.
Verlag der Cremerschen Buchhandlung.
(Frz. Cazin.)

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