ETIKA

Luis von Granada

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18.4.2004

 

Führer für Sünder

 

18B2B

Einleitung

Spanisch -castellano

Die Lenkerin der Sünder,
von dem ehrwürdigen Vater Ludwig von Granada, aus dem Predigerorden.
Erste Abtheilung.

Einleitung. (S. 15)

 

„Saget dem Gerechten, es werde ihm wohlergehen.“ (Is. III, 10.)

 

Dieses ist die Botschaft, welche Gott durch den Propheten Isaias allen Gerechten sendet. Sie ist zwar kurz und schlicht in Hinsicht der Worte, aber sie enthält eine überaus reiche Fülle an Gnaden und Verheißungen.

 

Die Menschen pflegen auch wohl mit Versprechungen freigebig zu sein, aber sie sind karg und zurückhaltend, wenn sie dieselbe erfüllen sollen. Gott aber im Gegentheil ist so überschwenglich großmüthig und freigebig, dass dasjenige, was Er versprochen hat, im Vergleich mit dem, was er in Folge seiner Verheißungen gibt, nur sehr gering erscheint.

 

Denn was kann wohl schlichter und einfacher sein, als die Zusage: „es werde dem Gerechten wohlergehen“, aber wie unendlich Vieles und Großes faßt dieses einzige Wort, „wohlergehen“ in sich! Auch glaube ich, daß es deßwegen so ohne allen Zusatz und weitere Erklärung niedergeschrieben wurde, damit die Menschen einsehen mögen, wie unmöglich es sei, durch einen größern Aufwand von Worten die darin ausgesprochene Verheißung auszudrücken, und daß darunter nicht diese oder jene besondern Gnaden oder Wohlthaten, sondern der Inbegriff aller erdenklichen Glückseligkeiten ohne Maaß und Ziel begriffen werde.

 

Aus demselben Grunde erhielt auch Moses, als er Gott den Herrn bat, ihm Seinen Namen zu nennen, zur Antwort: Ich bin Der Ich bin, ohne alle Hinzufügungen, indem Gott  dadurch anzeigen wollte, daß Sein Wollen durch keine Worte  könne ausgedrückt oder erklärt werden, sondern daß Er das All sei, das in sich fasse alle Vollkommenheiten, die Sein eigenes Sein ohne irgend eine Unvollkommenheit  ausmachen.

 

Eben so setzte auch der von Gott begeisterte Seher in der angeführten Stelle das Wort „wohlergehen“ ohne den geringsten Zusatz hin, um dadurch anzudeuten, daß darin jegliche Glückseligkeit und Wonne, die nur des Menschen Herz jemals ersehen mag, enthalten und Alles darunter verstanden sei, was Gott dem Gerechten als Lohn seiner Tugend verkündigt.

 

Diese göttliche Verheißung näher aus einander zu setzen, ist einer der Hauptgegenstände, die ich in der gegenwärtigen Schrift mit der Gnade des heiligen Geistes zu behandeln mir vorgenommen habe. Ich werde daran diejenigen Lehren und Vorschriften knüpfen, die der Tugendbeflissene befolgen muß, daher auch das Werk in zwei Hauptabtheilungen zerfällt.

 

Die erste derselben enthält die Gründe, aus welchen  wir verpflichtet sind, nach der Tugend zu streben, so wie die unschätzbaren Vortheile, die aus einem solchen Streben hervorgehen.

 

Die zweite Abtheilung  handelt von dem frommen Lebenswandel, wie solcher nach den Vorschriften der Tugend geführt werden muß, und faßt die Lehre und Anweisung in sich, wie man zu einem tugendhaften Leben gelangen kann.

 

Denn um tugendhaft zu werden, sind besonders zwei Dinge nothwendig, nämlich erstens, daß man den aufrichtigen Wunsch hege, sich die Tugend zu eigen zu machen, und zweitens, daß man wisse, wie und auf welche Weise dieses Ziel erreicht werde. Das Eine zu bewirken ist der Zweck der ersten Abtheilung unseres Werkes; das Andere aber wird in der zweiten Abtheilung gelehrt. Denn wer, wie der alte griechische Schriftsteller Plutarch sagt, zur Tugend aufmuntern will und nicht die nöthige Anweisung an die Hand gibt, wie man solche erlangen könne, macht es gerade wie derjenige, welcher gerne eine Lampe anzünden möchte, damit sie ihm leuchte, aber kein Oel hineingießt.

 

Wiewohl aber die zweite Abtheilung von einem überaus großen Nutzen ist, os ist die erste doch noch weit nothwendiger. Die Ursuche hiervon liegt darin, weil  - ob zwar das Licht der Vernunft  und das natürliche Rechtsgefühl, welches mit uns geboren wird, uns dazu verhilft, das Gute von dem Bösen zu unterscheiden – sich uns, sowohl in unserm Innern als in der Außenwelt,  große Widersprüche und Hindernisse, von der Sünde erzeugt, entgegenstellen und uns abhalten, das Gute zu wählen und zu lieben, und das Böse zu hassen und zu meiden.

 

Da nämlich der Mensch aus Geist und Fleisch besteht, und jeder dieser beiden Theile nach demjenigen strebt, was ihm verwandt ist und zusagt, so sucht das Fleisch immer fleischliche Dinge, in denen aber jegliches Laster verborgen liegt;  der Geist aber strebt nach dem Geistigen, in welchem allein die Tugend waltet, wodurch es kommt, daß der Geist von dem mit ihm verbundenen Fleische, das nur blindlings seinen Trieben folgt, große Anfeindungen und Bekämpfungen zu erleiden hat, um so mehr als diese Triebe seit der Erbsünde wild und heftig sind, weil durch des Menschen Sündenfall die Zügel zerrissen, mit denen die ihm ursprünglich inwohnende Gerechtigkeit die fleischlichen Begierden bändigte.

 

Doch nicht blos das Fleisch stellt sich dem Geiste feindselig entgegen, sondern auch die Außenwelt, die, wie der heil.Johannes sagt, ganz im Argen liegt.

 

Ueberdieß  kämpft auch der Teufel, als Hauptfeind der Tugend, unaufhörlich gegen sie an, wozu sich endlich noch böse Gewohnheit gesellt, die gleichsam zur andern Natur wird’s, besonders bei Menschen, die in der Sünde ergraut und verhärtet sind.

 

Es ist also nicht zu läugnen, daß derjenige, welcher mitten durch diese Schwierigkeiten kühn auf der Bahn des Guten einherschreiten will und, die fleischlichen Lüste verachtend, mit einem wahrhaft  aufrichtigen Verlangen nach Tugend wünscht erfüllt zu werden, zur Ueberwindung der ihm entgegentretenden Hindernisse Beistand bedarf.

 

Zu diesem Zwecke nun habe ich die erste Abtheilung dieses Werkes verfaßt und alle meine Kräfte darauf verwendet, Alles, was zur Empfehlung der Tugend gesagt werden kann und in ein Werk wie das gegenwärtige paßt, zusammenzufassen.

 

Ich habe die großen Vortheile vor Augen zu stellen gesucht, die der Tugendhafte aus einem frommen Lebenswandel  sowohl in diesem als in jenem Leben zieht, und die Gründe angegeben, aus welchen wir verpflichtet sind, die Tugend zu lieben, indem Gott Selbst es uns gebietet, Dem zu gehorchen wir verbunden sind, sowohl wegen dessen, was Er in Sich Selbst, als was Er für uns und in Bezug auf uns ist.

 

Zur Bearbeitung dieses Gegenstandes wurde ich aber hauptsächlich dadurch bewogen, weil ich täglich sah, daß die meisten Menschen die Tugend zwar mit Worten preisen, in ihren Werken aber nur dem Laster anhänglich sind. Unter den mancherlei Ursachen eines so großen Uebels scheint mir eine die zu sein, weil die Menschen das Wesen und die Beschaffenheit der Tugend nicht kennen und sie daher für etwas Lästiges, Rauhes und Unfruchtbares halten. In diesem thörichten Wahne stürzen sie sich in alle Arten von Lastern, in denen sie mehr Befriedigung und Genuß zu finden glauben, und halten sich von der Tugend entfernt.

 

Diese Verirrung meiner Mitbrüder erfüllte mich mit innigem Mitleiden. Ich unternahm es daher gern, das gegenwärtige Werk zu schreiben, um ihnen den hohen Reichthum und die holde Lieblichkeit, die Würde und Schönheit dieser Himmelsbraut zu zeigen und ihnen zu beweisen, wie wenig die Tugend von den Menschen gekannt ist.

 

Zugleich bemühte ich mich, sie durch Ermahnungen und Vorstellungen von ihrem verderblichen Irrthume zu befreien und ihre Herzen in Liebe zu einem so unschätzbaren Gegenstande zu entflammen. Denn wenn es offenbar ist, daß unter allen schätzenswerthen Dingen im Himmel und auf Erden die Tugend vorzugsweise am meisten verdient, geliebt und geschätzt zu werden, so ist es schmerzlich zu bedauern, daß die Menschen ein so hohes Gut so wenig kennen und so geringes Verlangen darnach tragen.

 

Wer es sich also angelegen sein läßt, dieser Gebieterin zu der ihr gebührenden Ehre zu verhelfen und sie auf den Thron zu erheben, der ihr mit so vollem Rechte zukommt, wahrlich, der erweist der ganzen Menschheit  eine der größten Wohlthaten, denn die Tugend ist aller Dinge Königin und Herrscherin.

 

Ehe wir aber zur Sache selbst übergehen, will ich durch ein Beispiel zeigen, mit welchem Vorsatz man an die Lesung dieses Buches gehen soll.

 

Als Herkules, der sich so großen Ruhm im Alterthum erwarb, das Jünglingsalter erreicht hatte, wo sich der Mensch zu einer bestimmten Lebensweise, die er fortan zu führen gedenkt, entschließen soll, begab er sich – so  erzählen die heidnischen Schriftsteller – an einen einsamen Ort, um über eine so wichtige Angelegenheit nachzudenken. Da erblickte er vor sich zwei Wege, wovon der eine zur Tugend, der andere zur  Wollust führte. Nachdem er lange Zeit über die zu treffende Wahl nachgesonnen, faßte er endlich den Entschluß, die Bahn des Lasters, so angenehm sie auch scheinen mochte, zu meiden und den Pfad der Tugend zu betreten, wenn er ihm gleich rauh und schwierig vorkam.

 

Wahrlich, wenn irgend etwas in der Welt eines ernsten Nachdenkens bedarf, so ist es die Wahl, die der Mensch am Scheidewege des Lebens zu treffen hat!  - Ueberlegen wir doch immer so reiflich Alles, was sich auf Gewinn, auf einzelne Bedürfnisse und Bequemlichkeiten des Lebens bezieht, um wie viel mehr verdient also das Leben selbst, das wir zu führen gedenken, erwogen und überdacht zu werden, besonders da es in der Welt zu viele und verschiedene Lebensweisen gibt!

 

Was Herkules that, das wünsche ich nun, daß auch du, geliebter Leser, thun mögest. –

 

·        Setze auf eine kurze Zeit alle übrigen Geschäfte und Angelegenheitern bei Seite und begib dich aus dem Gewirre dieser Welt in eine geistige Einsamkeit, um über den Weg, den du in Zukunft zu wandeln hast, nachzudenken.

 

Erinnere dich, daß unter allen menschlichen Angelegenheiten keine mit so vieler Bedachtsamkeit erwogen und geprüft, auf keine mehr Zeit zum Ueberlegen verwendet werden soll, als auf die Wahl der Lebensweise, die wir zu beginnen und bis an unser Ende zu führen gedenken. –

 

Ist der Pfad, den du einmal betreten, gut, so wirst du ruhig darauf fortwandeln können; wähltest du aber die unrechte Bahn, dann wirst du immer mehr auf Abwege gerathen. Wozu du dich  auch in allen übrigen Angelegenheiten entschließen , wie sehr du dich auch in besondern Fällen irren magst, es betrifft immer nur das Einzelne – die Wahl deines künftigen Lebens aber faßt alles Andere in sich und erstreckt sich auf das Ganze. Wie sollte man auch auf einem schlechten Grunde ein festes Gebäude aufrichten können?

 

Was kann es uns helfen, wenn wir auch einzelne Unternehmungen mit Erfolg gekrönt sehen, wenn wir in diesem oder jenem Falle die richtige Wahl getroffen, den besten Rath befolgt haben, und das Leben selbst ist dabei schlecht bestellt? Und was sind dagegen alle Widerwärtigkeiten, wenn wir ein geregeltes, Gott ergebenes Leben führen?

 

Denn was nützt es dem Menschen,“ wie der Heiland spricht, „wenn er die ganze Welt gewönne, an seiner Seele aber Schaden erlitte?“ (Matth. XVI, 26.)

 

Nichts ist also wichtiger für den Menschen, nichts nimmt so sehr seinen ganzen Ernst, seine reifste Ueberlegung in Anspruch, als diese Sache. Denn es handelt sich nicht um Reichthum und Ansehen, sondern um das Leben der Seele, um immerwährenden Ruhm.

 

·        Darum lies das gegenwärtige Buch nicht oberflächlich, mit Uebereilung und Hast, wie es bei manchen Werken zu geschehen pflegt, indem man oft viele Seiten überspringt, um recht bald zu Ende zu kommen.

 

Ich wünsche vielmehr, daß du gleichsam als Schiedsrichter dich dahin setzest und ruhig die Worte vernehmest, die vor dem Richterstuhl deines Herzens gesprochen werden. Nicht übereilig sollst du die Sache betreiben, sondern ernst und bedachtsam; denn was hier verhandelt wird, betrifft dein ganzes künftiges Leben und Alles, was davon abhängt. Mit wie vieler Bedächtlichkeit  und Umsicht suchst du deine weltlichen Angelegenheiten zu bestellen; du begnügst dich nicht damit, die Meinung Eines Menschen darüber zu vernehmen, sondern bist darauf  bedacht, sie von solchen Männern, denen du Scharfsinn und Urtheilskraft zutraust, prüfen und untersuchen zu lassen, damit nur gar nichts dabei verfehlt werde. Hier handelt es sich aber nicht von diesem Erdenleben, sondern von dem zukünftigen Leben im Himmel, nicht von Dingen außer dir, sondern von dir selbst. Daher diese Angelegenheit nicht fahrlässig, sondern mit aller Aufmerksamkeit betrieben werden soll.

 

·        Warest du bisheran im Irrthume befangen, so denke, du lebest von Neuem auf.

·        Geh mit dir selbst ins Gericht, zerreiße den Faden deiner Irrthümer und beginne eine neue Laufbahn!

 

O möchtest du mit aufmerksamer Seele meine Worte vernehmen und von der ganzen Wahrheit derselben erfüllet werden! Möchtest du, gleich einem gerechten Richter, nach den vorhandenen Beweisen eine Entscheidung fassen! O, sie würde heilsam sein, diese Entscheidung, und deine Mühe dir reichlichen Lohn bringen!

 

Doch ich sehe ein, daß ich zu viel verlange, und kein Buch, so trefflich es auch sei,  wohl eine solche Wirkung hervorzubringen vermag. Darum erhebe ich gleich beim Beginnen meiner Arbeit, wie sie auch beschaffen sei, meine Bitte zu Dem, Der die Kraft und Weisheit des Vaters ist, Der in Seiner Hand hält den Schlüssel Davids,  und damit jedem, wie es Ihm gefällt, des Himmels Thore zu öffnen oder zu verschließen: auf daß Er gegenwärtig sei bei meinen Bemühungen, meinen Worten Kraft verleihe und denjenigen, die mein Werk lesen, den Geist  der Ueberzeugung einflöße.

 

Und sollte auch meine Arbeit keine Früchte tragen, dann wird mir schon das Bewußtsein, die, zwar über alles Lob erhabene Tugend gepriesen und erhoben zu haben, um so mehr ein süßer Lohn sein, als ich mich schon lange angetrieben fühlte, diesem in meinem Innern verspürten Verlangen nachzukommen.

 

So wie in meinen übrigen Schriften, habe ich es mir auch in der gegenwärtigen angelegen sein lassen, mich allen Klassen von Menschen, sie mögen geistlich oder weltlich sein, verständlich zu machen; denn da der Gegenstand , den ich vorzutragen habe, von einem wahrhaft allgemeinen Interesse ist, so soll auch dieses Buch für Alle bestimmt sein:

·        Der Fromme, der es liest, soll dadurch im Guten bestärkt werden, und die Liebe zur Tugend in seinem Herzen festere Wurzel schlagen;

·        wer aber nicht tugendhaft ist, wird vielleicht durch diese Schrift erfahren, was er verloren hat.

·        Eltern, denen das Heil ihrer Kinder am Herzen liegt, werden dieses Buch bei der Erziehung benutzen können, um sie von ihrem frühesten Alter an zu lehren, die Tugend zu lieben und zu achten, und ihnen den Wunsch einzuflößen, sich derselben theilhaftig zu machen; denn was kann einen Vater mehr beglücken, als wenn er sieht, daß sein Kind mit Tugenden ausgeschmückt ist?

 

Den meisten Nutzen werden aber diejenigen aus meiner Arbeit schöpfen, denen es obliegt, in der Kirche das Volk zu lehren und zur Tugend anzuhalten, denn alle Hauptgründe und die hervorstechendsten Beweise, daß die Menschen verpflichtet sind, die Tugend zu lieben, werden hier der Ordnung nach aufgeführt, und auf diese Beweise läßt sich Alles zurückführen, was je über diesen Gegenstand geschrieben worden ist. Da überdieß in dem gegenwärtigen Werk auch von den, den Tugendhaften schon auf dieser Welt verheißenen Gnadengütern, die wir in zwölf der Tugend verliehenen ausgezeichneten Vorrechten erklären werden, gehandelt wird, und wir alle diese Güter durch Jesum Christum erlangt haben – so muß auch nothwendigerweise dieses Werk viel zum bessern Verständniß  der heiligen Schrift beitragen, besonders in Bezug auf das Geheimniß der Menschwerdung und die unschätzbare Wohlthat unserer Erlösung, worüber der Prophet Isaias, Salomon in seinem hohen Liede, und mehrere andere gottbegeisterte Männer geschrieben haben.

 

Fortsetzung folgt.

Die Lenkerin der Sünder.
Verfaßt von
dem ehrwürdigen Vater
Ludwig von Granada
aus dem Prediger-Orden.

Erster Band.
Fünfte verbesserte Auflage.
Mit Approbation des hochwürdigsten General-Vikariats in Köln.
Aachen, 1853.
Verlag der Cremerschen Buchhandlung.
(Frz. Cazin.)

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