ETIKA

Luis von Granada

www.etika.com
16.5.2004

18B2

Führer für  Sünder

 

18B2C1

Erstes Kapitel: Gottes eigenes Wesen

Spanisch- castellano

Die Lenkerin der Sünder,
von dem ehrwürdigen Vater Ludwig von Granada, aus dem Predigerorden.
Erste Abtheilung,
enthaltend eine ausführliche Ermahnung zur Tugend und zur Beobachtung der Gebote Gottes.
Erstes Buch.
Pflicht des Menschen, nach Tugend zu streben und Gott zu dienen. Erhabenheit von göttlichen Vollkommenheiten.
Erstes Kapitel.
Gottes eigenes Wesen ist einer der Hauptbeweggründe, die den Menschen bestimmen müssen, Ihm zu dienen.

 

Zwei Dinge, o christlicher Leser, pflegen den Willen des Menschen zu bestimmen und anzuspornen, irgend eine löbliche Handlung, sie mag auch noch so mühselig sein, vorzunehmen.

 

Das eine ist das Pflichtgefühl, wodurch wir uns vermöge des Sittengesetzes zu etwas verbunden halten; das andere ist der Vortheil und der Nutzen, den wir aus der übernommenen Mühe zu ziehen hoffen. Daher denn auch alle Lehren der Weisheit darin übereinstimmen, daß man vor allen Dingen bei jeder Handlung untersuchen müsse, ob sie an sich sittlich gut oder nützlich sei, indem darin die mächtigsten Beweggründe liegen, die unsern Willen zum Handeln anfeuern können.

 

Obgleich aber die Vorstellung des Nützlichen wegen des daraus entspringenden Vortheils einen allgemeinern Einfluß auf die Menschen ausübt, so ist doch das Pflichtgefühl oder das Bewußtsein, daß dasjenige, was wir thun, an sich tugendhaft ist, mächtiger und wirksamer, weil kein noch so großer Vortheil auf der Welt erdenkbar ist, der mit der Hoheit der Tugend verglichen werden könnte, so wie es hinwiederum kein so großes Ungemach gibt, das der Tugendhafte nicht lieber erdulden möchte, als daß er in irgend ein Laster verfiele.

 

Da es nun meine Absicht ist, in diesem Werke den Menschen Liebe zur Tugend einzuflößen und sie aufmuntern, ihr nachzustreben, so halte ich es für das Angemessenste, mit dem Wichtigsten unserer Untersuchung zu beginnen, indem ich die Verpflichtung erkläre, wodurch wir an die Tugend und folglich auch an Gott gebunden sind, denn da Gott die Tugend selbst ist, so befiehlt, fordert und achtet Er auch nichts als Tugend.

 

Wir wollen also mit aller Aufmerksamkeit untersuchen, welche gerechten Ansprüche Gott hat, eine so große Verpflichtung von uns zu verlangen und zu fordern, und welche Beweggründe es für uns gibt, Ihm zu huldigen und unterwürfig zu sein.

 

Der erste und wichtigste dieser Beweggründe, der sich aber am wenigsten deutlich darstellen und erklären läßt, ist der: weil Gott Der ist, Der Er ist. Durch diese Worte wird die ganze Größe und Erhabenheit Seiner Vollkommenheiten ausgedrückt, nämlich: die unerfaßliche Grenzenlosigkeit Seiner Güte und Barmherzigkeit, Seiner Gerechtigkeit und Weisheit, Seiner unendlichen Macht und Hoheit, Seiner Schönheit und Treue, Seiner Wahrheit, Milde und Glückseligkeit, Seiner Herrlichkeit und Glorie, so wie der übrigen unaussprechlich hohen Eigenschaften, die Seinem göttlichen Wesen innewohnen und die so unermeßlich groß und erhaben sind, daß, wie ein großer Kirchenlehrer sagt, wenn die ganze Welt mit Büchern angefüllt und alle Menschen Schriftsteller wären, und wenn alles Wasser des Meers sich in Tinte verwandelte – eher alle Bücher voll geschrieben, alle Schriftsteller ermüdet und das Meer erschöpft sein würden, als daß eine einzige dieser Vollkommenheiten ihrem ganze Umfange nach könne ausgedrückt werden.

 

Derselbe Kirchenvater fügt noch hinzu, daß wenn Gott einen Menschen erschaffen hätte, der ein Herz besäße, so groß, empfänglich und gefühlvoll, als die Herzen aller Menschen zusammen genommen, und dieser Mensch könnte nur eine einzige dieser Vollkommenheiten in ihrer Größe und strahlenden Glorie erfassen, er der unendlichen Wonne erliegen und vor empfundener Freude sterbend dahinsinken würde, wenn ihn Gott nicht durch eine besondere Kraft und Stärke aufrecht hielte.

 

Diese Erhabenheit Gottes soll also für uns der erste und triftigste Beweggrund sein, Ihm unsere Liebe zu weihen, Ihm zu dienen und zu gehorsamen; und die Wahrheit, aus welcher dieser Beweggrund hervorgeht, ist so allgemein angenommen und tief begründet, daß sogar die Epikuräer, die jede Untersuchung über göttliche und menschliche Dinge zu Nichte machten, indem sie eine göttliche Vorsehung und die Unsterblichkeit der Seele läugneten, es nicht wagten, die Religion, nämlich die Verehrung und Anbetung eines höchsten Wesens zu verwerfen.

 

Einer dieser Sekte, den Cicero in seinem Buche über das Wesen der Götterredend einführt, beweist mit unumstößlichen Gründen, daß es einen Gott gebe, daß dieser Gott unendlich hohe Vollkommenheiten besitze, um derentwillen Er angebetet und verehrt werden müsse, und diese Huldigung  der Größe und außerordentlichen Hoheit seines Wesens zukomme.

 

Wäre also auch kein anderer Grund vorhanden, so müßten wir Gott schon aus diesem allein verehren. Denn wenn wir einem König, so er sich auch außerhalb  seines Reiches befindet, wo wir keine Belohnung von ihm zu erwarten haben,  wegen seiner hohen Würde jede mögliche Ehrerbietung und Achtung erweisen –warum sollen wir dann nicht desto mehr alle Ehrfurcht und Unterwürfigkeit  gegen den Herrn an Tag legen, auf dessen Kleid und Hüfte, wie der heilige Johannes sagt (Offenb. XIX, 16.), geschrieben steht: König der Könige, Herr der Herren?

 

Er ist es, der mit drei Fingern dieses Erdenrund emporhält; Er ist es, der der Dinge Urkeime vertheilt und die Himmel bewegt; Er ist es, der die Zeiten verändert, die Elemente umwandelt, die Wasser zertheilt, die Winde hervorruft, alle Dinge erzeugt und den Sternen ihren Einfluß gibt, und Der als höchster König und Herr alle Wesen ernährt und hält.

 

Ihm ist Sein Reich nicht durch Nachfolge, Wahl oder Erbschaft anheimgefallen, sondern Er hat es durch sich Selbst.

 

So wie der Mensch in der Wirklichkeit größer ist als die Ameise, so übertrifft auch jenes höchste Wesen bei weitem an Größe alle erschaffene Dinge, so daß Alles, was ist, und dieses ganze Weltall in Seinen Augen kaum so groß als eines dieser kleinen Insekten erscheint!

 

Wurde aber diese Wahrheit von jenem verblendeten Philosophen erkannt, warum soll denn christliche Weisheit sie nicht ebenfalls eingestehen? Lehrt uns ja diese außerdem  noch, daß, obgleich wir aus so manchen Rücksichten Gott verpflichtet sind, wir es aus dem eben angegebenen Beweggrunde vorzugsweise sein müssen, so daß, wenn selbst kein anderer vorhanden wäre, aus diesem allein schon Gott des Menschen ganze Liebe und Ehrerbietung verdient. –

 

Diese Empfindungen in sich zu erwecken und zu hegen, war auch das Streben aller Heiligen, deren Liebe so rein und aufrichtig war, wie der heilige Bernhardus sie schildert, wenn er sagt (Serm. 83 in Cant.):

 

„Wahre Liebe wird durch Hoffnung nicht erhöht und durch Mißtrauen nicht gemindert“,

 

wodurch er uns zu verstehen geben will, daß wahre Liebe zu Gott nicht aus Hoffnung der Wiedervergeltung entzündet werde, und daß sie nicht erkalte, selbst wenn sie die Gewißheit hätte, niemals eine Belohnung von Gott zu empfangen; denn sie wird nicht durch Eigennutz und Gewinnsucht erregt, sondern erglüht nur in reinster Flamme durch das Bewußtsein, wie unendlich groß Gottes Güte ist.

 

Gottes Gerechtigkeit ist Seine Barmherzigkeit
(S. 31 – 38)

 

Obgleich indessen diese Betrachtung die Menschen am meisten zu Gott hinneigen sollte, so werden doch diejenigen, welche noch nicht einen gewissen Grad der Vollkommenheit erreicht haben, weniger dadurch gerührt; weil erstens ihr Eigennutz um so mehr die Oberhand bei ihnen behält, je tiefere Wurzeln die Selbstsucht in ihren Herzen gefaßt hat, und zweitens, weil so viele in ihrer Rohheit und Unwissenheit die Größe und Schönheit jener unendlichen Liebe nicht zu ahnen vermögen. Könnten sie solche nur einigermaßen erfassen, so würde Ein Strahl dieser göttlichen Liebe ihre Herzen dergestalt entzünden, daß ihnen nichts anderes mehr zu wünschen übrig bliebe.

 

Dieserhalb wird es nicht überflüssig erscheinen, in die Seele solcher Menschen einiges Licht zu verbreiten, damit sie im Stande seien, die Größe des Herrn besser erkennen zu lernen. Was ich hierüber vorzutragen habe, entlehne ich aus dem heiligen Dionyius, der in seiner Gotteslehre (de mystica theologia, c. 41.) einen Vergleich zwischen der Natur des höchsten Wesens und den erschaffenen Dingen anstellt, um uns zu lehren, daß,

wenn wir eine Erkenntniß von Gott zu erlangen wünschen, wir unsere Blicke von den Eigenschaften, die man an den Geschöpfen wahrnimmt, abwenden müssen, damit wir nicht in den Irrthum verfallen, Gottes Vollkommenheiten nach jenen abzumessen;

 

vielmehr sollen wir alles Erschaffene weit zurücklassen und unsere Seelen zur Betrachtung

·        jenes einzigen Wesens erheben, das hocherhaben über alle(n)  Wesen steht;

·        jenes Lichtes, vor dem sich alles andere Licht verdunkelt;

·        jener Schönheit, mit welcher verglichen jede andere Schönheit häßlich und mißstaltet ist.

 

Auf diese unvergleichlichen Vollkommenheiten des höchsten Wesens deutet auch jene Dunkelheit hin, in welche Moses gehüllt war, als er auf dem Berge Sinai mit Gott dem Herrn sprach (Exod. XXIV.), und die alle Dinge um ihn her, außer Gott, mit Nacht umgab, damit er den wahren Gott besser erkennen und erschauen könnte.

 

Auch Elias deutet dieses an, da er sich das Gesicht mit seinem Mantel verhüllte, als Gottes Glorie an ihm vorüberzog. (III. Buch d. K. XIX.)

 

So soll auch der Mensch seine Augen von allen irdischen Dingen, als seines Anblicks unwürdig, abwenden, wenn er sich zur Anschauung des göttlichen Glanzes emporschwingen will.

 

Noch einleuchtender wird diese Wahrheit, wenn wir den unermeßlichen Unterschied betrachten, der zwischen jenem unerschaffenen Wesen und allen Geschöpfen dieser Welt herrscht.

 

Dann sehen wir, daß alle erschaffenen Dinge einen Anfang gehabt haben und auch ein Ende haben können, während derjenige, der sie erschuf, weder einen Anfang gehabt hat, noch ein Ende haben kann.

 

Die Geschöpfe erkennen ein höheres Wesen, von dem sie abhangen – aber der Schöpfer, der von nichts abhängig ist, erkennt keine Höhern über sich.

 

Die Geschöpfe sind wandelbar und mancherlei Veränderungen unterworfen – aber Gott bleibt sich immerdar gleich und ist frei von jedem Wandel.

 

Die erschaffenen Dinge bestehen aus einer Zusammensetzung verschiedener Stoffe –aber Gott ist einfach und rein in Seiner Wesenheit; denn wäre Er aus Bestandtheilen zusammengesetzt, so müßte es nothwendigerweise einen Bildner vor Ihm gegeben haben, was aber unmöglich ist.

 

Die Geschöpfe können in einen vollkommern Zustand übergehen,als der ist, in welchem sie sich befinden; sie können mehr erfahren, als sie schon wissen – Gott aber kann nicht mehr sein, als Er ist, da in Ihm die höchste Vollkommenheit alles Seins ist:

 

Er kann nicht mehr haben, als Er besitzt, weil in Ihm die überschwengliche Fülle aller Reichthümer ist;

Er kann nicht mehr wissen, als Er weiß, weil Seine Weisheit grenzenlos und Sein Wesen, dem alle Zeiten und alle Dinge gegenwärtig sind, ewig ist.

 

Daher nennt auch Aristoteles, ein ausgezeichneter griechischer Philosoph, Gott einen reinen Akt, nämlich die höchste und absolute Vollkommenheit, der nichts hinzugefügt werden kann, weil es unmöglich ist, daß es außer dem Wesen derselben noch etwas Aehnliches oder Höheres gibt, und hinwiederum auch nichts zu erdenken ist, was ihr noch fehlen könnte.

 

Allen erschaffenen Dingen wohnt die Eigenschaft der Bewegbarkeit bei, damit sie dasjenige, dessen sie bedürftig sind, aufsuchen können; bei dem höchsten Wesen fällt aber jede Ursache der Beweglichkeit weg, weil ihm nichts fehlt und es an allen Orten ist.

 

Alle übrigen Dinge sind unter sich verschieden, so daß eins dem andern ungleich ist; aber in Gott findet sich keine Verschiedenheit  der Theile, weil Er die höchste Einfachheit ist, so daß Sein Sein Seine Wesenheit (ist), Seine Wesenheit Seine Macht, Seine Macht Sein Wille, Sein Wille Sein Gedanke, Seine Gedanken Seine Absicht, Seine Absicht Seine Weisheit, Seine Weisheit Seine Güte, Seine Güte Seine Gerechtigkeit und Seine Gerechtigkeit Seine Barmherzigkeit ist;

 

Und wiewohl diese beiden letztern Eigenschaften verschiedene Wirkungen hervorbringen, indem die eine verzeiht, die andere bestraft, so sind doch beide in Gott eins und dasselbe, so daß Seine Gerechtigkeit Seine Barmherzigkeit und Seine Barmherzigkeit Seine Gerechtigkeit ausmacht, dergestalt, daß in Ihm Eigenschaften und Vollkommenheiten sich vorfinden, die zwar verschieden scheinen, es aber nicht sind, wie der heilige Augustin richtig bemerkt. (Med. XII, 19.)

 

Denn Er ist am verborgensten und doch allmächtig;

Er ist am meisten schön und doch am meisten stark;

unwandelbar und unerforschlich;

an keinem und an jedem Orte;

unsichtbar und Alles sehend;

unbeweglich und Alles lenkend.

 

Er handelt immerdar und ruhet ewig;

Er füllt Alles an, und nichts vermag Ihn zu umschließen;

Er sorgt für alle Dinge, und nichts kann Ihm entgehen;

Er ist groß ohne Umfang, und daher unermeßlich;

Er ist gut ohne Einschränkung, daher die höchste Güte,

und – damit ich mich kurz fasse – so wie alle erschaffenen Dinge ein begrenztes Sein haben, das sie umschließt, so haben sie auch eine beschränkte Macht, deren Grenzen sie nicht überschreiten können;

die Verrichtungen, die sie vornehmen, erstrecken sich nur auf ein gewisses Maaß und Ziel;

die Räume, in denen sie sich bewegen, sind bis zu einer gewissen Ausdehnung umgrenzt;

sie haben eigenthümliche Namen, nach denen sie bezeichnet werden, gewisse Gattungen, Klassen und Arten, unter welche sie geordnet werden.

 

Allein jene höchste Gerechtigkeit, gleichwie sie unendlich in ihrem Wesen ist, so ist sie auch unendlich in ihrer Macht und in allen anderen Eigenschaften; und so wie ihre Natur durch keine Beschreibung erklärt werden kann, so gibt es auch keine Gattung oder Klasse, unter welcher sie begriffen wird,

keinen Ort, auf welchen sie beschränkt ist,

keinen Namen, wodurch ihr Wesen bezeichnet wird –

ja während sie keinen Namen hat, wie der heilige Dionysius sagt (De divin. nom. cap. 1), hat sie alle Namen, denn in ihr finden sich alle Vollkommenheiten, die durch Namen ausgedrückt werden können.

 

Hieraus folgt, daß, da alle Kreaturen ein endliches und beschränktes Sein haben, sie auch begreiflich sind; nur allein das göttliche Wesen ist wegen seiner Unendlichkeit für die höchste Vernunft eines Geschöpfes unerreichbar.

 

Denn gleichwie, nach Aristoteles, das Unendliche weder Anfang noch Ende hat, so kann es auch von keiner Vernunft, als von einer solchen, die Alles umfaßt, ganz und vollkommen begriffen werden.

 

Was anderes sollen auch jene beiden Seraphim bedeuten, die Isaias stehen sah vor dem Herrn, Der auf hocherhabenem Throne saß, und von denen jeder sechs Flügel hatte, mit zwei derselben bedeckten sie sein Antlitz, mit zwei seine Füße (Is. VI.); sollen sie nicht darauf hindeuten, daß nicht einmal jene erhabenen Geister, die einen so hohen Rang im Himmel einnehmen und dem Herrn am nächsten stehen, ganz zu erkennen vermögen, was Gott ist, wiewohl ihnen das unaussprechliche Glück zu Theil wurde, Ihn in Seiner Wesenheit und Urschöne anschauen zu dürfen?

 

Sie sind mit denen zu vergleichen, die am Meeresufer stehen:

 

„Sie sehen wohl das Meer, aber nicht seine Breite und Tiefe.“ (Psalm XVII.)

 

So schauen auch jene erhabenen Geister und die übrigen Auserwählten, die im Himmel wohnen, wirklich Gott; aber den Abgrund Seiner Größe, das Endlose seiner Ewigkeit vermögen sie nicht zu erfassen.

 

Deswegen heißt es auch in der heiligen Schrift, daß Gott über den Cherubim sitze, so daß die Himmelsbewohner sich Ihm nicht ganz nahen und Ihn noch weniger begreifen können.

 

Dies ist auch jene Finsterniß, wovon der heilige Sänger spricht, wenn er sagt:

 

„Er setzte Finsterniß rings um sich her zu Seinem Zelte,“ (Ps. XVII, 12.)

 

um darauf hinzudeuten, was der Apostel (I. Timoth. 16.) sagt:

 

„Gott wohnt in unzugänglichem Lichte.“

 

Dies nennt der Prophet Finsterniß, um dadurch zu verstehen zu geben, daß man Gott eben so wenig sehen, als begreifen kann; denn wenn es auch, wie ein gewisser Philosoph sich ausdrückt, in der Welt nichts Lichtvolleres und Sichtbareres gibt, als die Sonne, so kann man doch keinen Gegenstand weniger deutlich erkennen, als sie, und zwar wegen des außerordentlich hohen Grades ihrer Klarheit und der Schwäche unseres Gesichtes.

 

So können wir ebenfalls sagen, daß, wiewohl es an sich nichts Begreiflicheres gibt, als Gott, doch aus denselben Gründen nichts in diesem Leben weniger vermag, begriffen zu werden als Er.

 

Daher auch derjenige, welcher sich einen gewissen Begriff von Gott verschafft und die höchste Stufe der Erkenntniß, zu der man nur gelangen kann, erreicht hat, eingestehen muß, daß ihm noch ein unermeßlicher Raum zurückzulegen bleibt, und Gott in unendlicher Weise größer ist, als Alles, was der Mensch zu fassen vermag;

 

im Gegentheil, je mehr er sich überzeugt, wie unerforschlich Gottes Wesen ist, je mehr lernt er Ihn begreifen.

 

In dieser Beziehung sagt der heilige Gregorius über die Worte Hiobs (V, 9.):

Der Großes thut, und Unerforschliches und Wunderbares ohne Zahl:

 

„Wir sprechen dann am angemessensten von Gott, wenn wir über der Betrachtung seiner Allmacht und Größe von Staunen und Bewunderung ergriffen, verstummen.“ (Moral. XXVII. c. 76.)

 

Denn wenn Jemand keine Worte findet, um etwas nach Verdienst zu loben, dann preist er es am würdigsten durch gänzliches Stillschweigen. Dieser Meinung ist auch der heilige Dionysius, wenn er sagt:

 

„Das Geheimniß der Gottheit, das jeden Begriff übersteigt, sollen wir durch eine heilige, innere Ehrfurcht, durch eine keusche und lautlose Stille verehren.“ (De mystic. theol. c. 1)

 

In dieser Stelle scheint der Kirchenvater auf jene Worte des Propheten (Psal. LXIV, 2.) hinzudeuten, die nach der Uebersetzung des heiligen Hieronymus heißen sollen:

 

„Dir, o Gott! verstummen alle Lobgesänge in Sion;”

 

wodurch er zu verstehen geben will, daß das vollkommenste Lob durch Schweigen und jene keusche und lautlose Stille ausgedrückt wird, indem wir dadurch das Unerforschliche und die Tiefe jenes unaussprechlichen Wesens zu erkennen geben, dessen Größe über alle erdenklichen Größen geht, und das alle übrigen Wesen, sie mögen sichtbar oder unsichtbar sein, in unendlicher Weise übertrifft, so daß es mit keinem in irgend einer Hinsicht verglichen werden kann.

 

Aus diesem Grunde sagte auch der heilige Augustin.

 

„Aber was suche ich, wenn ich meinen Gott suche? Nicht körperliches Gebilde, nicht vergänglichen Schmuck, nicht Klarheit des Lichts, nicht Farbe, nicht lieblichen Wohllaut des Gesanges und wonnigliche Töne, nicht der Blumen oder Salben oder Gewürze süßen Duft, nicht Honig oder Manna, so angenehm dem Gaumen, noch was sonst die Sinne erfreut, suche ich, wenn ich meinen Gott suche.

Fern sei es von mir, daß ich das für meinen Gott hielte, was auch von thierischen Sinnen aufgefaßt werden kann.

 

Und dennoch, wenn ich meinen Gott suche,

suche ich ein Licht über alles Licht, das kein Auge gewahrt;

eine Stimme über alle Stimmen, die kein Ohr vernimmt;

einen Duft über alle Düfte, die kein Geruchsinn athmet;

eine Süße über alle Süße, die kein Gaumen schmeckt;

eine Lust über alle Lust, die kein Gefühl empfindet.

 

Und doch strahlt dieses Licht, wo kein Raum es beschränkt;

es erschallt diese Stimme, wo kein Aufhören des Hauches sie endet;

es duftet dieser Wohlgeruch, wo kein Wind ihn verweht;

es schmeckt dieser Geschmack, wo keine Eßlust ist;

er herrscht diese Lust, wo keine Sättigung sie stillt!“

 

Weltall in einer Minute erschaffen (S. 39 – 42)

 

Wünschest du aber von dieser unbegreiflichen Größe Gottes etwas weniges zu erfahren und einzusehen, so wirf einen Blick auf dieses Weltall, welches das Werk Seiner Hände ist, damit du von der Herrlichkeit eines solchen Baues auf die Vortrefflichkeit des Meisters einigermaßen schließen konnest (sic = so geschrieben) .

 

Bei allen Dingen nämlich wird man, wie der heilige Dionysius bemerkt, Dreierlei wahrnehmen: das Wesen, die Kraft und die Wirkung, und diese drei sind so eng untereinander verbunden, daß das Wesen eines Dinges seiner Kraft und seine Kraft seiner Wirkung jederzeit gleichkommt.

 

Nach diesem Grundsatze betrachte nun die Welt in ihrer Schönheit, ihrer Einrichtung und außerordentlichen Größe – da es, nach der Aussage der Sternkundigen, Himmelskörper gibt, die hundertmal größer sind, als alles Land und Meer, woraus unsere Erdkugel besteht.

 

Erwäge dann, wie herrlich diese Welt ausgeschmückt ist; mit wie manchfaltigen und zahllosen Geschöpfen, die auf der Erde, im Wasser, in der Luft und in allen Theilen sich befinden, sie angefüllt ist, und die alle mit einer solchen Vollkommenheit erschaffen sind, daß von Anbeginn der Welt bis auf den heutigen Tag, mit Ausgabe der Mißgeburten, es nie ein Geschöpf gegeben hat, dem zu seiner Vollendung etwas gefehlt hätte.

 

Dieses wundervolle und ungeheure Weltgebäude erschuf aber Gott, wie der heilige Augustin sagt (De Genes. c. 28.), in einer Minute, und brachte ein Sein aus einem Nichtsein hervor; denn ohne vorhandenen Stoff, ohne Gehülfe und Werkzeug, ohne Vorbild und Muster, ohne Zeitaufwand bildete er es: Eine einfache Aeußerung Seines Willens reichte hin, um dem unermeßlichen Weltgebäude, dem All der Dinge das Dasein zu geben.

 

Nun bedenke ferner, daß Gott mit eben der Leichtigkeit, womit Er diese Welt erschuf, noch tausend und abermal tausend Welten erschaffen konnte, die noch größer, herrlicher und mit mehr Dingen hätten angefüllt sein können; - daß Er, nachdem Er sie alle hervorgerufen, so auch wieder mit derselben Leichtigkeit und ohne den geringsten Widerstand zu finden, zerstören und in ihr voriges Nichts zurückschleudern konnte.

 

Und wenn wir nun nach dem eben angeführten Grundsatze des heiligen Dionysius von der Wirkung der Dinge auf deren Kraft, und von ihrer Kraft auf ihr Wesen schließen können – welche  Kraft muß es dann wohl sein, die so Ungeheures hervorzubringen vermag?

 

Und wenn diese Kraft so über allen Ausdruck groß ist – was für ein Wesen muß es sein, das sich in einer solchen Kraft kundgibt? – Wahrlich, dieser Gedanke übersteigt alles menschliche Fassungsvermögen!

 

Nun erwäge man noch ferner, daß alle diese herrlichen und großen Dinge – sowohl diejenigen, welche wirklich vorhanden sind, als die, welche noch hätten erschaffen werden können – im Vergleich mit seiner Urkraft, die sie hervorrief, unendlich klein sind, weil derjenige, der diese grenzenlose Macht besitzt, auch unendlich größer ist.

 

Wer sinkt nicht vor Staunen nieder, wenn er die namenlose Größe eines solchen Wesens, die Unendlichkeit seiner Allmacht erwägt! .

 

Vermag auch der sterbliche Mensch sie mit körperlichen Augen nicht zu schauen, so kann er sich doch durch einen richtigen Vernunftschluß einigermaßen einen, wiewohl nur schwachen Begriff von der außerordentlichen, unnennbaren Größe des Urhebers der Natur machen!

 

Auf die nämliche Art können wir auch auf die übrigen Vollkommenheiten Gottes schließen, weil sie ebenfalls nothwendigerweise Seinem Willen entsprechen müssen. Dieses lehrt uns auch die heilige Schrift, wo es von der Barmherzigkeit Gottes heißt:

 

„Im Verhältniß Seiner Größe ist auch Barmherzigkeit bei Ihm.“ (Eccl. II.)

 

Eben so verhält es sich mit Gottes übrigen Eigenschaften: Wie Seine Größe ist auch Seine Güte, Seine Milde, Seine Herrlichkeit, Seine Huld, Seine Weisheit, Seine Liebe, Seine Sanftmuth, Seine Würde, Seine Schönheit, Seine Allmacht und Seine Gerechtigkeit.

 

Er ist also unendlich gütig, unendlich sanftmüthig und unendlich liebreich und würdig, daß alle Geschöpfe Ihm gehorchen, Ihn fürchten und ehren.

 

Und könnte das menschliche Herz Liebe und Ehrfurcht in unsäglichem Maaße erfassen, und von Gehorsam und Unterwürfigkeit in unendlicher Weise durchdrungen werden, dann forderte die strengste Gerechtigkeit, daß diese Gefühle ganz der Größe und Hocherhabenheit  des Schöpfers geweiht würden.

 

Denn unterliegt es keinem Zweifel, daß je mehr Jemand in Würde und Ansehen steht, desto größere Ehrerbietung ihm gebührt, so ist es offenbar, daß, da Gottes Herrlichkeit unendlich ist, Ihm auch mit unendlicher Ehrerbietung gehuldigt werden muß; und vermag die Liebe und Ehrfurcht des Menschen gegen Gott einen so hohen Grad zu erreichen, so ist der Grund, warum unsere Gefühle nur mangelhaft sein können, blos darin zu suchen, weil es unmöglich ist, dem Herrscher der Welt so zu huldigen, wie er es vermöge Seiner unaussprechlichen Erhabenheit und unbegrenzten Güte verdient!

(Anmerkung ETIKA: Im Himmel erscheint sicher eine Neuauflage, und da werden wir dem Verfasser gut zureden, diesen allzu langen und verwickelten Satz in mehrere aufzulösen.)

 

Wie sehr sind wir also aus dem angegebenen Beweggrunde – wenn auch kein anderer vorhanden wäre – verpflichtet, Gott unsere innigste Liebe zuzuwenden und ihm unsern unbedingten Gehorsam zu erweisen!

 

Denn wie kann wohl einer sagen, daß er etwas liebe, wenn er so unnennbare Güte nicht mit innigster Seele liebt? – und was soll der wohl fürchten, der so unendliche Allmacht nicht fürchtet?

 

Wem kann der unterwürfig sein, der sich vor einem solchen Herrn nicht beugt? –

 

Wozu soll dem Menschen sein freier Wille geschenkt worden sein, als um das Gute zu lieben und zu umfahen (umfangen)? Und wenn nun jenes allmächtige Wesen das höchste Gut ist, warum soll dann unser Wille sich sträuben, es über Alles zu lieben, was werth ist, geliebt zu werden? –

 

Wenn es diesemnach schon ein schweres Vergehen ist, Gott nicht über Alles zu lieben und zu fürchten, wo finden sich dann Worte, die Verdorbenheit derjenigen zu bezeichnen, der Ihn gar nicht liebt und ehret?

 

Und doch –wer sollte wohl glauben, daß der Mensch so weit in seiner Undankbarkeit und Bosheit gehen könnte? –und doch sehen wir solche Verruchtheit an denjenigen, die einer viehischen Lust, einer eiteln und mißverstandenen Ehre, eines nichtigen Gewinnes halber diese höchste Güte mißachten und beleidigen?

 

O Verblendung sonder Gleichen! o mehr als viehische Gefühllosigkeit! o wahrhaft teuflische Verwegenheit! – Was verdient wohl der, der so Ungeheures sich zu vermessen wagt? Durch welche Strafe, durch welche Qualen könnte wohl eine solche Unthat, wie die Verachtung des allmächtigen Gottes, abgebüßt werden? –

 

Gewiß ist es, daß eine so tief gesunkene Seele mit keiner geringern Strafe wird belegt werden, als die eines so schweren Verbrechens harret und die dennoch im Vergleich mit der Strafwürdigkeit desselben nur gering genannt werden kann!

 

Dies ist also der erste und wichtigste Beweggrund, aus welchem wir verbunden sind, Gott zu lieben und Ihm zu dienen; und so groß ist diese Verpflichtung, daß dagegen alle andern Verpflichtungen, die wir gegen Geschöpfe dieser Welt wegen deren besondern Eigenschaften haben können, nicht einmal den Namen „Verpflichtungen“ verdienen, wenn sie mit denen verglichen werden, die uns an Gott fesseln.

 

Denn so wie die Eigenschaften aller übrigen Dinge im Vergleich mit Gottes Eigenschaften allen ihren Werth verlieren, so müssen auch die Verpflichtungen, die uns aus Rücksicht solcher Eigenschaften an irdische Dinge knüpfen, eigentlich in nichts zerfallen, wenn sie mit unsern Pflichten gegen Gott nebeneinander gestellt werden.

 

·        So sind auch Beleidigungen, die man erschaffenen Wesen zufügt, als keine solche anzusehen, im Vergleich mit denen, die wir gegen unsern Schöpfer begehen.

 

Daher sagt auch David in einem seiner Bußpsalmen (L, 6), daß er gegen Gott allein gesündigt habe, obgleich er sich sowohl gegen Urias vergangen hatte, den er unschuldig dem Tode preisgab, als gegen dessen Gattin, die er entehrt, und gegen alle seine Unterthanen, denen er durch sein Betragen großes Aergerniß gegeben hatte. Und doch bekannte er, er habe gegen Gott allein gesündigt, weil es ihm bewußt  war, daß er durch diese Worte alle möglichen Vergehungen  und Verbrechen ausdrückte; und so sehr schmerzte ihn das Bewußtsein, Gott beleidigt zu haben, daß er darüber alle Unbilden, die er Menschen zugefügt hatte, weniger achtete und für unbedeutend hielt.

 

Denn da Gott unendlich größer ist, als alle Geschöpfe, so sind auch die Pflichten, die wir gegen Ihn haben, und die Vergehungen, die wir uns gegen Ihn zu Schulden kommen lassen, unendlich größer, als alle übrigen, weil zwischen dem Endlichen und Unendlichen kein Verhältniß statt findet.

 

Fortsetzung folgt.

 

Die Lenkerin der Sünder.
Verfaßt von
dem ehrwürdigen Vater
Ludwig von Granada
aus dem Prediger-Orden.

Erster Band.
Fünfte verbesserte Auflage.
Mit Approbation des hochwürdigsten General-Vikariats in Köln.
Aachen, 1853.
Verlag der Cremerschen Buchhandlung.
(Frz. Cazin.)

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