ETIKA

Luis von Granada

www.etika.com
16.1.2005

18B2

Führer für Sünder

 

18B2C2

Die Wohltat unserer Erschaffung

S. 44ff.
Für K. M., Irland
Spanisch - castellano

Die Lenkerin der Sünder,
von dem ehrwürdigen Vater Ludwig von Granada, aus dem Predigerorden.
Erste Abtheilung,
enthaltend eine ausführliche Ermahnung zur Tugend und zur Beobachtung der Gebote Gottes.
Erstes Buch.
Pflicht des Menschen, nach Tugend zu streben und Gott zu dienen. Erhabenheit von göttlichen Vollkommenheiten.
Zweites Kapitel.
Der zweite Beweggrund, aus welchem wir verpflichtet sind, die Tugend zu lieben und Gott zu dienen, ist die Wohltat unserer Erschaffung

 

Nicht allein wegen Gottes eigener Wesenheit sind wir verbunden, der Tugend nachzustreben und die göttlichen Gebote zu beobachten, sondern auch wegen dessen, was Er für uns und in Bezug auf uns ist, das heißt: weil sich Sein Wesen durch die zahllosen Wohltaten, die Er uns angedeihen läßt, auf uns erstreckt. Obgleich ich bei einer anderen Veranlassung diesen Gegenstand schon einmal behandelt habe, so will ich ihn doch hier nochmals berühren, damit wir daraus klar erkennen, aus wie vielen Rücksichten wir zur Dankbarkeit gegen einen so großen Wohltäter verpflichtet sind.

 

Die erste dieser Wohltaten ist die unserer Erschaffung. Da die Größe derselben allen Menschen einleuchtend ist, so begnüge ich mich bloß zu sagen, daß wegen dieser Gnade allein der Mensch schon verpflichtet wäre, sich ganz seinem Schöpfer hinzugeben und sich seinem Dienst zu weihen; denn nach allen Grundsätzen des Rechts wird jeder zum Schuldner desjenigen, von dem er etwas empfängt, und die Schuld selbst richtet sich nach dem Werte des empfangenen Gutes. Da nun der Mensch durch die Wohltat der Erschaffungsein ganzes Dasein empfängt, nämlich den Körper mit allen Sinnen und die Seele mit allen ihren Vermögen und Kräften, so folgt daraus, daß er sowohl das Eine als das Andere zum Dienste seines Urhebers anwenden muß, wenn er nicht für einen Betrüger und Undankbaren gegen den gehalten werden will, von dem er alle diese Güter empfangen hat.

 

Wenn Jemand ein Haus baut, wem soll es anders Nutzen bringen, als dem, der es erbaute? Oder wenn einer einen Weingarten bepflanzt, wer anders soll dann die Trauben lesen, als der, welcher die Mühe darauf verwendete? Oder wenn ein Vater Kinder hat, wem sollen sie dann anhänglicher, wem mehr bereit zu dienen sein, als dem, der sie erzeugte? Diese Verpflichtung der Kinder gegen ihre Eltern ist so groß, daß mehrere Gesetzgeber die Macht des Vaters so weit ausdehnten, daß er seinen eigenen Sohn, wenn es notwendig wurde, gesetzlich verkaufen konnte und zwar aus dem Grunde, weil, da er ihm das Dasein gegeben, er auch jegliche Gewalt über ihn haben müsse. Ist also die Gewalt und Herrschaft des Vaters über seine Kinder so ausgedehnt, wie unendlich groß wird dann die Macht  desjenigen sein, dem alle Wesen im Himmel und auf Erden ihr Dasein verdanken?

 

Und wenn diejenigen, die Wohltaten empfangen, gleich einem ergiebigen Acker, wie Seneka sagt, mehr zurückgeben sollen, als sie empfangen haben, wie vermögen wir dann Gott auf gleiche Weise unsere Dankbarkeit zu bezeigen, da, was immer wir auch hingeben mögen wir Ihm doch nicht mehr darbringen können, als was wir auch von Ihm empfangen haben? Vermag also nicht einmal derjenige, der weit mehr gibt, als er empfangen hat, der Vorschrift des Weisen zu genügen, was sollen wir alsdann von dem sagen, der weniger oder nicht einmal einen Teil des Empfangenen zurückgibt?

 

(Anmerkung ETIKA: Denselben Gedanken hatte Franziskus von Assisi, indem er alles, was er von Gott empfangen hatte, diesem zurückgeben wollte. Dasselbe sollen wir tun mit unseren Talenten.)

 

Aristoteles sagt, man könne den Göttern und Eltern nie hinlänglichen Dank für die empfangenen Guttaten erstatten. Wie vermag man also Gott, Der mehr gab, als alle Väter der ganzen Welt, genügend dankbar zu sein?

 

Ist es schon ein schweres Vergehen, wenn ein Sohn sich gegen seinen eigenen Vater ungehorsam und widerspenstig beträgt, wie furchtbar ist dann das Verbrechen, wenn wir uns gegen Den empören, der in jedem Betracht mehr  unser Vater ist, als irgend ein Vater unter den Menschen es sein kann! Daher klagt auch Gott mit Recht durch den Mund eines Seiner Propheten, indem Er sagt:

 

Wenn Ich also eurer Vater bin, wo ist die Ehre, die Mir gebührt? Und wenn Ich euer Herr bin, wo ist die Furcht, die Ihr vor Mir haben müsset? (Malachias XI.)

 

Eben diese Undankbarkeit verweist auch ein anderer Prophet mit weit herbern Worten, wenn er spricht:

 

Verdorbenes und ausgeartetes Geschlecht, törichtes und unwissendes Volk, so lohnst du deinem Schöpfer? Ist es nicht euer eigener Vater, der euch bildete und erschuf? (Deut. XXXIII.)

 

So sind diejenigen, die niemals emporschauen, um den Himmel anzusehen; die, ihrer selbst uneingedenk, nicht einmal einen Blick auf ihr eigenes Wesen werfen. Denn gingen sie einmal in diese Betrachtung ein, so würden sie sich selbst fragen und zu erforschen suchen, woher sie ihren Ursprung und ihr Dasein haben, nämlich von wem und zu wessen Ende sie erschaffen worden sind.

 

Aus dieser Erkenntnis würden sie endlich auch einsehen lernen, was ihnen zu tun obliegt.  Weil aber die Menschen dieses unterlassne, so leben sie, gleichsam als seien sie aus sich selbst geboren. So lebte auch jener gottlose König in Egypten (sic = so geschrieben), dem Gott durch Seinen Propheten in folgenden Worten droht:

 

Zu dir spreche ich, Pharao Egyptens, großer Drache, der du mitten in deinen Strömen niedergestreckt liegst und sprichst: Mir gehört der Fluß; ich habe mich selbst gemacht! (Ezech. XXIX.)

 

Wie dieser, so sprechen alle diejenigen, die, uneingedenk ihres Schöpfers, als hätten sie sich selbst erschaffen, keinen andern Urheber ihres Daseins erkennen. Ganz anders dachte der heilige Augustinus, der von der Erkenntnis seines Schöpfers zur Erkenntnis seiner selbst gelangte, und in einer seiner Alleinreden sagt:

 

"Ich kehrte zu mir zurück, ging in mich und sprach zu mir selbst: Wer bist du? Und ich antwortete: Ein vernunftbegabter und sterblicher Mensch. Und ich begann zu erforschen, was dieses bedeute, und sprach: Woher, o Herr mein Gott! Ist dieses so wundervolle Geschöpf entstanden? Woher anders als von Dir?  Du hast mich erschaffen und nicht ich selbst! - Wer bist Du aber, durch den ich lebe und durch den Alles ist, was da lebt? Wer bist Du? - Du bist o Herr! Mein wahrhafter und einziger Gott, allmächtig und  ewig, unerforschlich und unermeßlich, Du lebst immerdar, und in Dir stirbt nichts. O sage mir, Deinem flehenden Knechte, sage mir elenden Menschen, in Deiner Barmherzigkeit, sage mir in Deiner Erbarmung, woher dieses wundervolle Geschöpf, woher anders als von Dir? Kann Jemand der Urheber seiner selbst sein? Kommt Leben und Sein anders, als von Dir? Bist Du nicht das höchste Gut, von dem alles Dasein herrührt? Denn was ist, kommt von Dir, weil ohne Dich nichts ist. Bist Du nicht des Lebens Urquell, aus dem alles Leben hervorströmt? Denn Alles, was lebt, lebt durch Dich, weil es ohne Dich kein Leben gibt! - Du also, o Herr! hast Alles erschaffen! Nun frage ich, wer erschuf denn mich? Du o Gott! erschufst mich, denn ohne Dich ist nichts vorhanden. Du bist mein Urheber, und also ich Dein Werk. Ich danke Dir, o Herr mein Gott, durch den ich lebe und durch den Alles lebt; ich danke Dir, o mein Bildner, weil Deine Hände mich gebildet haben; ich danke Dir, mein Licht, weil Du mich erleuchtet hast, und ich Dich und mich aufgefunden habe." (Soliloq. c. XXXI.)

 

Unsere Erschaffung ist also die erste aller göttlichen Wohltaten und die Grundlage aller übrigen; denn ohne das Dasein, das uns durch diese Wohltat gegeben wurde, fällt Alles andere weg. Auf sie bezieht sich Alles; sie bildet gleichsam das Wesentliche, woran sich alles Uebrige, also das Unwesentliche, anreiht; und hieraus magst du entnehmen, wie unendlich groß diese Wohltat ist, und wie sehr du Ursache hast, im Innersten Deines Herzens dafür dankbar zu sein. Wenn also Gott überhaupt strenge darauf sieht, daß man sich der von Ihm verliehenen Wohltaten dankbar erinnere, dann wird Er bei der gegenwärtigen, als der Grundlage aller übrigen, besonders diese Gefühle der Dankbarkeit in höchsten Anspruch nehmen, um so mehr, als es im Wesen der Gottheit liegt, gleichwie sie überschwenglich  großmütig in Verleihung von Wohltaten ist, eben so begierig nach Danksagung zu sein: Nicht etwa, als wenn sie für sich solcher bedürfte, sondern weil sie als das höchste Gut auch von uns durch Erfüllung unserer Pflichten zu unserm eigenen Besten nur das Gute verlangt.

 

So lesen wir in den heiligen Schriften des alten Bundes, daß, so oft Gott Seinem Volke irgend eine Wohltat erwies, Er gleich nach Verleihung derselben Dankopfer, die sie zum ewigen Andenken wiederholen mußten, verlangte. Als Er daher das auserwählte Volk aus der egyptischen Knechtschaft geführt hatte, befahl Er alsbald, daß es jedes Jahr an demselben Tage zum Andenken an diese Wohltat ein Fest feiern sollte. (Exod. XII. XIII.) Und weil Er die Egypter durch Tötung aller Erstgeburten, die sich in ihrem Lande befanden, bestrafte, wollte Er auch, daß Ihm von dem Volke Israels und seinen Nachkommen jegliche Erstgeburt, sowohl der Menschen als auch der Tiere, geweiht und durch Darbringung eines Opfers gelöset werde, damit es auf ewige Zeiten des ihm widerfahrenen Schutzes eingedenk sei.

Und als ferner der Herr sein Volk in der Wüste vierzig Jahre lang mit Manna speiste, gebot Er dem Moses, ein gewisses Maß dieser vom Himmel gesandten Speise zu nehmen, sie in ein Gefäß zu füllen und solches im Tabernakel aufzubewahren, auf daß sich des israelitischen Volkes Nachkömmlinge auf ewige Zeiten dieser hohen Gunst erinnern möchten. (Exod. XVII.) Als ferner bald darauf Gott den Israeliten einen glänzenden Sieg über den Amalech verliehen hatte, sprach Er zu Moses:

 

"Schreibe das zum Andenken in ein Buch und vertraue es den Ohren Josue´s!" (Exod. XVII, 14.)

 

Daher entstand auch bei den heiligen Patriarchen der Gedanke, dem Herrn als Denkmal einer empfangenen besonderen Wohltat einen Altar zu bauen. (Genes. XII. XIII. XXII.), ja, sie verewigten sogar das Andenken an die ihnen von Gott bewiesenen Gnaden dadurch, daß sie ihren Kindern einen darauf bezüglichen Namen gaben, damit die Erinnerung an Gottes Huld auch bei den kommenden Geschlechtern nicht möge in Vergessenheit geraten.

 

Deswegen sagt auch ein großer Weiser der Kirche (Aug. Soliloq. XVIII.) sehr richtig, daß wir uns jeden Augenblick unseres Schöpfers erinnern sollen; denn so wie unser Leben nur eine Fortdauer von Gottes Wohltat ist, so sollen wir Ihm auch fortdauernd für die Verleihung derselben dankbar sein.

 

Ja, diese Pflicht der Dankbarkeit gegen Gott ist dem Menschen so tief eingeprägt, daß auch die weltlichen Philosophen sie als notwendig erkannten und sie aufs Nachdrücklichste anempfahlen., wie z. B. der Stoiker Epiktet, welcher zu sagen pflegte:

 

"O Mensch, sei nicht undankbar gegen jene hohe Macht für die dir von ihr verliehenen Wohltaten, als da sind: das Gesicht, das Gehör und andere Sinneswerkzeuge, und was noch mehr ist, für das Leben, womit sie dich beschenkt; für alle die Dinge, womit du es erhalten und angenehm machen kannst, wie reife Früchte, Wein, Öl und alles Übrige. Den allergrößten Dank mußt du ihr aber zollen für das Licht der Vernunft, das sie dir gab, damit du dich aller eben erwähnten Dinge bedienen und deren wahren Wert erkennen könnest."

 

Wenn also ein heidnischer Philosoph so sehr die Pflicht der Dankbarkeit anempfiehlt und uns aufs Ernstlichste auffordert, dieser allgemeinen Wohltaten eingedenk zu sein, was hat dann der Christ zu tun, dem noch überdies das Licht des Glaubens ward und der größere und unendlich schätzenswertere Güter von Gott empfing?

 

Aber man wird mir vielleicht einwenden, diese allen Geschöpfen gemeinschaftlich verliehenen Wohltaten seien keine besonderen Geschenke Gottes, sondern rühren vielmehr von der Natur her, und man sei daher nicht zum Dank verpflichtet, da die Natur nach bestimmten Gesetzen ihren Lauf beobachte und jene Dinge nach festgesetzter Ordnung hervorbringe. -

 

Dieser Einwurf kann nicht von einem Christen kommen; so vermag nur ein Heide oder ein zum vernunftlosen Tiere herabgesunkener Mensch zu sprechen! Zur Widerlegung dieses Einwurfs will ich nur die Worte des eben angeführten Philosophen herstzen, womit er solche blödsinnige Menschen belehrte:

 

"Du wirst vielleicht sagen, die Natur verleihe dir alle diese Wohltaten. O, Undankbarer sonder Gleichen! Siehst du nicht, daß, wenn du etwas der Natur zuschreibst, du nur Gott einen andern Namen gibst? Denn was ist die Natur anderes, als Gott selbst, der ihr Urheber ist? Du vermagst deine Undankbarkeit nicht zu entschuldigen, wenn du sagst, du seist der Natur und nicht Gott für das Empfangene verpflichtet, weil ohne Gott keine Natur vorhanden sein kann. Wenn dir Lucius Seneka irgend etwas geliehen hätte, und du wolltest nachher sagen, du seist dem Lucius, aber nicht dem Seneka schuldig, so würdest du dadurch deinen Gläubiger selbst nicht abläugnen können, sondern nur dessen Namen ändern."

 

Schreibweise zum Teil der heutigen angepaßt
Fortsetzung folgt

Die Lenkerin der Sünder.
Verfaßt von
dem ehrwürdigen Vater
Ludwig von Granada
aus dem Prediger-Orden.

Erster Band.
Fünfte verbesserte Auflage.
Mit Approbation des hochwürdigsten General-Vikariats in Köln.
Aachen, 1853.
Verlag der Cremerschen Buchhandlung.
(Frz. Cazin.)

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