ETIKA

Luis von Granada

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19.2.2004

18B2

Führer für Sünder

 

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Der Urheber unseres Daseins vollendet uns

spanisch

Die Lenkerin der Sünder,
von dem ehrwürdigen Vater Ludwig von Granada, aus dem Predigerorden.
Erste Abtheilung,
enthaltend eine ausführliche Ermahnung zur Tugend und zur Beobachtung der Gebote Gottes.
Erstes Buch.
Pflicht des Menschen, nach Tugend zu streben und Gott zu dienen. Erhabenheit von göttlichen Vollkommenheiten.
Zweites Kapitel. Die Wohltat unserer Erschaffung
§ 2

Anderer Beweggrund, aus welchem wir Gott den Herrn zu lieben verpflichtet sind,
nämlich weil er der Urheber unseres Daseins ist.

 

Doch nicht allein Pflicht und Gerechtigkeit fordern uns zum Dienste unseres Schöpfers auf, sondern wir fühlen uns auch durch unser eigenes Bedürfniß ohne Unterlaß zu Ihm hingezogen, wofern wir uns dem von unserer Natur unzertrennlichen Triebe nach Glückseligkeit und Vervollkommnung nicht gewaltsam widersetzen wollen.

 

Alle Dinge nämlich sind bei ihrem Entstehen nicht sogleich ganz vollkommen; denn obgleich Manches an ihnen schon von Anfang an vollendet erscheint, so sind immerhin noch viele Mängel daran sichtbar, die erst später ausgefüllt werden sollen.

 

Diese letzte Vollendung kann aber nur derjenige geben, der das Werk begonnen hat, das heißt, dieselbe Ursache,  aus welcher der Keim zum Dasein eines Dinges hervorging, vermag es auch allein zu seiner völligen Ausbildung und Vollendung zu bringen.

 

Daher werden die Wirkungen jederzeit zu ihren Ursachen  zurückgeleitet, um von denselben die Möglichkeit ihres fernern Fortschreitens  und die Erreichung ihres vollendeten  Zustandes herzunehmen.

 

So streben die Pflanzen jederzeit nach oben, während sie ihre Wurzeln immer tiefer in die Erde treiben, welche sie hervorbrachte.

 

Die Fische dagegen verlassen das Wasser nicht, dem sie ihr Fortbestehen verdanken.

 

Das Küchlein, sobald es dem Ei entkrochen ist, flüchtet sich unter die Flügel seiner Mutter und folgt ihr überall nach.

 

Eben so macht es das Lamm, das, kaum geboren, die Euter seiner Erzeugerin sucht, und hätten auch hundert andere Schafe mit ihr gleiche Farbe und Gestalt, so würde es dennoch seine Mutter aus allen herausfinden und ihr nachgehen, gleichsam als wollte es sagen:

Hieher habe ich erhalten, was ich habe und bin, und hier will ich auch suchen, was mir noch fehlt.

 

Dieses Aufsuchen und Anschmiegen von Seiten des Erzeugten an den Erzeuger findet bei allen organischen Wesen der Natur statt, ja selbst leblose Dinge würden diesen Trieb ohne Zweifel äußern, wenn sie Bewegbarkeit besäßen.

 

Gesetzt, ein Maler hätte ein Bild verfertigt, die Augen aber daran unvollendet gelassen, und das Bild fühlte diesen Mangel, oder ihm würde das Bewußtsein davon beigebracht - was glaubst du wohl, was es thun, wohin es sich wenden würde? - Zweifelsohne würde es nicht den Palast irgend eines Königs oder großen Herrn - denn keiner von ihnen vermöchte sein Verlangen zu befriedigen - sondern die Wohnung seines Bildners aufsuchen und ihn bitten, ihm das noch Fehlende zu ertheilen und sein begonnenes Werk zu vollenden.

 

Und du, o vernunftbegabter Mensch, sag' an, woher rührt es, daß du nicht thust, was sogar vernunftlose Geschöpfe thun? Bist du ja doch ebenfalls noch ein unvollkommenes Wesen, dem noch so vieles zu seiner Vollendung mangelt! Du bist ja, so zu sagen, nur noch ein roher Entwurf, dem noch die letzte Politur und Ausarbeitung fehlt, wodurch allein ein Werk als etwas Vollendetes angesehen werden kann!

 

·        Hiervon zeugt offenbar dieses nie gestillte Verlangen deiner Seele nach einem unbekannten Etwas, das dir fehlt und nach welchem sie unaufhörlich sucht und sehnsüchtig schmachtet. -

 

Diesen Heißhunger legte Gott mit Absicht in deine Seele, um dich durch dein eigenes Bedürfniß anzutreiben, den rechten Pfad zu suchen und dich zu deinem Urheber zurückzuführen.

 

Deshalb wollte er dich nicht ganz vollendet aus Seiner Hand hervorgehen lassen und dir nicht auf Einmal alle Gaben der Vollkommenheit mittheilen.

 

Er that dies aber nicht etwa, als wenn es Ihm an Freigebigkeit gefehlt habe, sondern aus Huld und Liebe zu dir, weil es Ihm bewußt war, daß es gut für dich wäre, wenn du so beschaffen seiest; nicht damit du arm, sondern demüthig sein mögest; nicht damit du entbehren sollest, sondern auf daß dein Blick immerdar auf Ihn gerichtet sei. Wenn du dich also keiner klaren Anschauung erfreuest, wenn du dich arm und mancherlei Dinge bedürftig fühlest, - warum wendest du dich nicht an den Vater, der dir das Dasein gab, an den Bildner, der dich entwarf, damit er an dir vollende, was dir noch mangelt? -

 

Wie viel bereitwilliger zeigte sich David, der königliche Sänger, in diesem Punkte:

"Deine Hände," so spricht er, "haben mich gebildet und erschaffen: gib mir Verstand, daß ich deine Gebote lerne." (Ps. CXVIII, 73.)

 

Gleichsam als wollte er sagen: Deine Hände machten alles Gute, was an mir ist, aber Dein Werk, Dein Gebilde ist noch nicht in allen seinen Theilen vollendet: den Augen meiner Seele ermangelt es noch an Klarheit; ich entbehre noch das innere Licht, vermittels dessen ich deutlich erkennen lerne, was mir noch fehlt und was mir Noth thut.

 

Aber woher soll ich das Fehlende hernehmen? Woher anders, als von dem, der dasjenige gab, was ich schon habe? Darum schenke mir, o Herr! dieses innere Licht, erhelle die Blicke des Blindgebornen, damit ich dich erkennen lerne, und so das an mir begonnene Werk zur Vollendung gebracht werde!

 

Wenn es also dem Urheber der Natur zukommt, unserm Erkenntnißvermögen den ihm noch mangelnden Grad der Vollkommenheit zu ertheilen, so liegt es eben so in Seiner Macht, unserm Begehrungsvermögen und den übrigen Kräften unserer Seele gleiche Vollendung zu geben, wodurch dieses Gebilde von demselben Meister, der es begann, auch vollendet wird.

 

Dann wird das Werk, das früher mangelhaft war, ohne Fehl sein; es wird ohne Mühsal und Schmerz einem bessern Sein entgegen gehen; ohne Aufwand und Schaugepräge wird es bereichert werden, und sich einer beseligenden Ruhe erfreuen, ohne im Besitze vieler Dinge zu sein.

 

Denn Gott bewirkt, daß der Arme und Elende mit seinem Schicksal zufrieden ist, daß der von Allem Entblößte sich reich fühlt - daß der Verlassene selig ist und der Dürftige, der alle irdischen Güter entbeehrt, sich dennoch glücklich dünkt, als besäße er alle Reichthümer der Welt. Daher mit Recht der Weise spricht:

 

"Es ist einer gleichsam reich, so er auch nichts hat; und es ist einer gleichsam arm, so er auch in großem Reichthume ist." (Sprüchw. XIII.)

 

Denn der Arme, der Gott hat - wie es bei dem heiligen Franziskus der Fall war - ist reich, und der Aermste ist dagegen der, welcher ohne Gott ist, und wäre er auch der mächtigste Monarch der Erde.

 

Denn was nutzt dem Reichen Reichthum und Macht, während sein Inneres von tausenderlei quälenden Gedanken hin und her wogt und selbst im größten Ueberfluß ihn alles anekelt?

 

Welche Laster entstehen nicht aus der Habgier, die durch keine Schätze befriedigt werden kann?  Und was helfen prächtige Kleider, köstliche Speisen und Kasten voll Gold und Juwelen und alles erdenkliche Gut, um herben Schmerz und Aufruhr der Seele zu stillen?

 

Wie oft wälzt sich der Reiche auf weichem Pfuhle in Einer Nacht hin und her, ohne daß der Schlaf seine müden Augen schließt, weil seine Habgier noch nicht gesättigt ist und ihn die Angst quält, etwas von dem Zusammengescharrten zu verlieren!

 

Aus allem bisher Gesagten geht also überzeugend hervor, wie sehr wir verpflichtet sind, unserm Schöpfer zu dienen und Ihm durch Liebe und Unterwürfigkeit unsern Dank darzubringen, nicht allein für die Wohlthat der Erschaffung, sondern auch weil Er uns, durch festes Anschließen an Ihn, zur Vollendung und ewigen Glückseligkeit führt.

 

Originalschreibweise diesmal  beibehalten

Fortsetzung folgt

Die Lenkerin der Sünder.
Verfaßt von
dem ehrwürdigen Vater
Ludwig von Granada
aus dem Prediger-Orden.

Erster Band.
Fünfte verbesserte Auflage.
Mit Approbation des hochwürdigsten General-Vikariats in Köln.
Aachen, 1853.
Verlag der Cremerschen Buchhandlung.
(Frz. Cazin.)

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