ETIKA

Luis von Granada

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18B2

Führer für Sünder

9.4.2011

18B2C3A

Gottes schützende Hand über dir

spanisch

Die Lenkerin der Sünder,
von dem ehrwürdigen Vater Ludwig von Granada, aus dem Predigerorden.
Erste Abtheilung,
enthaltend eine ausführliche Ermahnung zur Tugend und zur Beobachtung der Gebote Gottes.
Erstes Buch.
Pflicht des Menschen, nach Tugend zu streben und Gott zu dienen. Erhabenheit von göttlichen Vollkommenheiten
.
Drittes Kapitel.
§. 1.

Dritter Beweggrund, der uns verpflichtet, Gott zu lieben,
nämlich die Sorge für unsere Erhaltung und Beschützung.

Doch nicht nur wegen unserer Erschaffung sind wir gegen Gott verpflichtet, sondern auch weil Er Sorge für unsere Erhaltung trägt; denn Er ist es doch, Der dich, o Mensch, nachdem Er dich erschaffen hat, auch beschützt und erhält, so daß du von Gottes Hand abhängst und eben so wenig ohne Ihn fortleben kannst, als du ohne Ihn dein Dasein zu erlangen vermochtest.

Diese Verpflichtung ist nicht geringer als die vorhergehende ja sie ist noch größer, denn die Wohltat der Erschaffung wurde dir nur einmal erwiesen, die Sorge um deine Erhaltung wiederholt sich aber jeden Augenblick, und Gott erschafft dich so zu sagen fortwährend von neuem, indem Seine schützende Hand den immerdar erhält, den Er einmal erschuf. Zu dem Einen ist aber nicht weniger Macht und Liebe erforderlich, als zu dem Andern.

Bist du Ihm also so viel Dank schuldig, weil Er dich in einem Augenblick erschuf, um wie viel dankbarer mußt du Ihm dafür sein, daß Er dich ununterbrochen so viele Minuten, Stunden und Tage erhält und beschützt!

Du thust keinen Schritt, ohne daß Er ihn lenkt; du öffnest und schließest nicht deine Augen ohne Ihn. Glaubst du aber nicht, wenn du eines deiner Glieder regest, daß Gott es bewege, so verdienst du nicht den Namen eines Christen; glaubst du aber wirklich, daß Gott dir diese Gnade erweis´t, und wagst es dennoch, Ihn zu beleidigen, so weiß ich nicht, mit welchem Namen ich dich benennen soll!

·       Sage mir, wenn ein Mensch auf einem hohen Thurme stände und einen andern an einem dünnen Seile schwebend in der Höhe festhielt – würde dann wohl derjenige, welcher sich einer solchen Lebensgefahr ausgesetzt sähe, es wagen, den zu beleidigen und zu schmähen, der ihn vor dem jähen Hinabstürzen schützt? –

Nun denke dich in eine solche Lage!

·       Dein Leben hängt von Gottes Willen wie von einem dünnen Faden ab, so daß wenn Er einen Augenblick Seine Hand von dir abzöge, du in dein voriges Nichts zurücksinken würdest.

Wie also kannst du so thöricht, sinnlos und boshaft sein, den Zorn eines so unendlich mächtigen Gottes zu erregen, Der in demselben Augenblick, wo du Ihn beleidigst, dich über dem Abgrunde hält? – Wie darfst du es wagen, Den zu beleidigen, von dessen Willen allein dein Dasein und Fortbestehen abhängt? –  Welch´ eine unerhörte Verblendung, welches unerklärliche, empörerische Betragen? Wer sah jemals eine so schamlose und frevelhafte Verschwörung? Die Untergebenen lehnen sich auf gegen das Oberhaupt, das ihnen ohne Unterlaß seinen allmächtigen Schutz angedeihen läßt! –

Doch es wird ein Tag kommen, wo ob solchem Frevel Gericht gehalten werden und die beleidigte Ehre der göttlichen Majestät Klage führen wird!

·       Gegen Gott habt ihr euch verschworen, verrätherische und undankbare Geschöpfe! –

·       Wohl wäre es recht, daß das Weltall gegen euch aufstände, und der ewige Herrscher jegliche Creatur gegen euch bewaffnete, um euch wegen der Ihm zugefügten Beleidigung zur Strafe zu ziehen, und daß dieses ganze Erdenrund ankämpfte gegen die Undankbaren, die so Gottes Wohltaten verkennen!

Denn billig ist es fürwahr, daß diejenigen, welche, als es noch Zeit war, beim Anblick so vieler göttlichen Wohlthaten die Augen nicht öffnen wollten, es dann thun, wenn unsägliche und nimmermehr endigende Qualen sie dazu zwingen!

Wie aber, wenn wir zu den bereits aufgezählten Wohlthaten auch noch den reich und in Ueberfluß gedeckten Tisch dieser ganzen Welt zählen, den Gott für uns bereitet hat!

Alles, was unter dem Himmelszelte angetroffen wird, ist dem Menschen zu seiner eigenen Benutzung oder zur Erhaltung derjenigen Geschöpfe bestimmt, die zu seinem Dasein nöthig sind; denn bedarf auch der Mensch der Mücken, so in den Lüften fliegen, zu seiner Nahrung nicht, so sind ihm doch die Vögel nützlich und nothwendig, die jene Mücken verzehren; ißt auch der Mensch nicht selbst das Gras der Wiesen, so dienen ihm die manchfaltigen Thiere, die sich vom Grase ernähren, zur Speise.

Blicke hin nach allen Gegenden der Erde, und du wirst sehen, wie weit sich deine weiten Fluren ausdehnen, wie herrlich dein Erbtheil ist! Alles, was auf der Erde sich regt, was im Wasser schwimmt, in den Lüften fliegt und am Himmel glänzt, ist Dein!

Denn alle diese Dinge sind Seine Geschenke, die Werke Seiner Allmacht, der Widerschein Seiner Schönheit, Beweise Seiner Barmherzigkeit, Wirkungen Seiner Liebe und Zeugen Seiner Großmuth.

Siehe, wie viele Verkünder Seiner Größe und Allmacht Gott dir sendet, damit du Ihn mögest kennen lernen!

Alle Dinge, die im Himmel und auf Erden sind,“ wie der heilige Augustin spricht, „fordern mich unaufhörlich auf, Dich, meinen Herrn zu lieben;“

und diese Aufforderung lassen sie fortwährend an alle Menschen ergehen, damit keiner sich entschuldigen könne.

O hättest du Ohren, um die Stimme aller Wesen zu vernehmen, du würdest deutlich hören, wie sie dich alle ermahnen und auffordern, Gott zu lieben! Denn alle verkündigen in ihrem Schweigen, daß sie zu deinem Dienste erschaffen worden sind, damit du sowohl für dich selbst, als statt ihrer dem Herrn aller Dinge dienen mögest (sic). Der Himmel spricht zu dir:

„Ich sende dir bei Tag das Licht der Sonne und während der Nacht erhellt der Mond und die Sterne deinen Pfad, damit du nicht im Dunkeln wandelst. Ich gewähre dir meinen Einfluß, damit Alles gedeihe, was zu deiner Erhaltung nothwendig ist.“ *

Und die Luft spricht zu dir:

„In mir athmest du; ich wehe dir Kühlung zu, mäßige die allzu große Hitze deines Blutes, damit deine Gesundheit nicht dadurch gefährdet werde; in mir leben zahllose Arten von Vögeln, die dein Auge durch ihre Manchfaltigkeit und Schönheit ergötzen, deine Ohren durch ihren Gesang entzücken und dir in ihrem zarten Fleische eine angenehme Speise darbieten.“ (Anmerkung ETIKA: bitte nicht, Vögel sollen Gott loben, aber nicht dem Menschen als Nahrung dienen, sagen wir als christliche Tierfreunde und Gegner des Vogelfangs. Ähnliches gilt für sämtliche Aussagen des Luis von Granada und etlicher Kirchenlehrer und Heiliger zum Fleischverzehr.)

Das Wasser aber sagt dir, daß es zu gehöriger Zeit dir seine Regengüsse sende, für dich seine Flüsse und Bäche fließen lasse, zu deiner Nahrung tausenderlei Arten von Fischen ernähre, deine Gärten und Aecker befeuchte, damit Pflanzen und Früchte gedeihen; daß er für dich durch seine Meere entfernte Länder verbinde, auf daß du nach allen Gegenden hingelangen und die Reichthümer fremder Himmelsstriche zu denen deiner Heimath fügen könntest. (Anmerkung ETIKA: um nur an folgendes zu erinnern: Das Gold der Indianer hat sich als Fluch erwiesen, und die Ureinwohner vieler Ländern warten noch immer auf Gerechtigkeit.)

Und was soll ich von der Erde sagen, dieser gemeinschaftlichen Mutter aller Wesen, die gleichsam die Werkstätte und Vorrathskammer bildet, worin sich die Erzeugnisse der Natur zusammengehäuft finden! Mit vollem Grunde kann sie zu dir sprechen:

„Ich biete dir einen festen Standpunkt dar und trage dich wie eine Mutter auf meinen Schultern; ich versehe dich mit allen Bedürfnissen deines Lebens, und ernähre dich mit den Früchten, die meinem Schooß entkeimen. Um deinetwillen trete ich in Verbindung mit allen Elementen und Lüften und empfange ihre Wirkungen zur Befruchtung und Hervorbringung alles Nothwendigen – ja, gleich einer zärtlichen Mutter verlasse ich dich nimmerdar, denn nachdem ich dich während deines Lebens ernährt und getragen habe, nehme ich dich bei deinem Tode in meinen Schooß auf und biete dir eine Ruhestätte dar!“ –

Kurz, das ganze Weltgebäude ruft dir mit lauter Stimme zu:

„Siehe, o Mensch, wie groß die Liebe deines Schöpfers zu dir ist,  da er deinetwegen mich erschuf und verlangte, daß ich zu deinem Dienste bereit sein solle, damit du hinwiederum Ihn, den Herrn der Welt, Der mich um deinetwillen und dich um Seinetwillen erschuf, lieben und ehren mögest!“

So lautet, o Mensch, die Stimme aller Wesen. Fürwahr! der müßte mit einer Taubheit sonder Gleichen geschlagen sein, in dessen Ohren sie nicht wiederhallte, und eine beispiellose Undankbarkeit würde derjenige an Tag legen, der gefühllos bliebe bei so überschwenglichen Wohltaten! –

Hast du so viele Geschenke empfangen, so beweise auch die pflichtschuldige Dankbarkeit dafür, damit du nicht mit der Strafe, die der Undankbaren wartet, belegt werdest.

·       Alle und jegliche Geschöpfe, wie ein gelehrter Kirchenschriftsteller sagt, sprechen diese drei Worte zum Menschen: nimm, gib, fürchte!

Das heißt: Nimm, o Mensch, die Wohlthat, die ich dir auf Befehl meines Schöpfers reiche; allein vergiß nicht, dich dankbar dafür zu erweisen, denn wenn du dies nicht thust, so fürchte eine strenge Strafe.

Allein zu deiner noch größern Ueberzeugung laß uns die Worte Epiktets, jenes griechischen Philosophen, vernehmen, dessen wir schon oben gedachten und der sich zu dieser erhabenen Lehre von Gott emporschwang, indem er verlangte, daß der Mensch in allen Geschöpfen seinen Schöpfer erkennen sollte.

Wenn ein Rabe krächzt“ – so lauten die Worte des heidnischen Weisen – „und durch sein Geschrei eine bevorstehende Veränderung des Wetters ankündigt, so thut dies nicht der Rabe, sondern Gott selbst. So auch wenn eines Menschen Stimme dich vor Gefahr warnt, so ist es ebenfalls Gott, der es thut, weil Er den Menschen erschuf und ihm das Vermögen ertheilte, dir die Gefahr anzuzeigen. Wenn du aber gegenwärtige Betrachtungen – so fährt Epiktet fort – gelesen hast, so sprich zu dir selbst: Nicht der Philosoph Epiktet war es, der alles dieses lehrte, sondern Gott selbst; denn woher sonst als von Ihm wurde dem Menschen die Gabe zu reden verliehen!“

Sollte nun diesemnach wohl einer würdig sein, den Namen „Christ“ zu führen, der nicht erröthete, wenn er in dieser Erkenntniß hinter dem heidnischen Philosophen zurückbliebe? Wie, sollte der vom Lichte des Glaubens erleuchtete Blick nicht so weit dringen, als das von dunkler Nacht umhüllte Auge, dem kein anderer Strahl leuchtete, als der vom trüben Lichte menschlicher Vernunft ausgeht?

In Originalschreibweise - Fortsetzung folgt irgendwann

Die Lenkerin der Sünder.
Verfaßt von
dem ehrwürdigen Vater
Ludwig von Granada
aus dem Prediger-Orden.

Erster Band.
Fünfte verbesserte Auflage.
Mit Approbation des hochwürdigsten General-Vikariats in Köln.
Aachen, 1853.
Verlag der Cremerschen Buchhandlung.
(Frz. Cazin.)

S. 53-59

 

* Ähnliches hat Franziskus von Assisi verkündet, worüber der evangelische Pfarrer Frieder Dehlinger am 10.4.2011 in der Eislinger Christuskirche anschaulich gepredigt hat anhand von Gemälden von Christel Fuchs zum Sonnengesang (dazu gibt es einen 2010 erschienenen Bildband). Franziskus als Wegbereiter der Ökumene, siehe auch unser Buch „Christen, seid alle eins! – 3. Reformation von A bis Z“.

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