ETIKA

Luis von Granada

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18B2

Führer für Sünder

9.12.2015

18B2C7

Der Tod

S. 111-128

Die Lenkerin der Sünder,
von dem ehrwürdigen Vater Ludwig von Granada, aus dem Predigerorden.
Erste Abtheilung,
enthaltend eine ausführliche Ermahnung zur Tugend und zur Beobachtung der Gebote Gottes.
Erstes Buch.
Pflicht des Menschen, nach Tugend zu streben und Gott zu dienen. Erhabenheit von göttlichen Vollkommenheiten
.
VII. Kapitel.
Der siebente Beweggrund, der uns zur Tugend aneifern muß, ist der Tod, das erste der vier letzten Dinge des Menschen.

Jeder der bisher aufgestellten Beweggründe  sollte schon für sich allein den Menschen aneifern, sich ganz dem Dienste seines Schöpfers zu weihen, zu Dem er sich in so manchem Betracht auf´s stärkste muß hingezogen fühlen. Da aber die meisten Menschen mehr durch die Vorstellung von Belohnung und Gewinn, als aus Pflichtgefühl angetrieben werden, so habe ich es für rathsam gehalten, außer dem bisher Gesagten auch noch die großen Vortheile anzuführen, welche mit der Tugend sowohl in diesem als in jenem Leben verknüpft sind.

Die beiden größten unter diesen Vortheilen sind die ewige Verherrlichung, die man durch die Tugend erlangt, und die Strafe, welcher wir dadurch entgehen. Sie bilden gleichsam die beiden Ruder, vermittels welcher wir das sturmbewegte Meer dieses Lebens durchschiffen; daher der heil. Franziskus und der heil. Dominikus, beide von einem Geiste angeweht, in ihren Ordensregeln den Verkündigern des Wortes Gottes auferlegten, stets ihren Zuhörern Tugend und Laster, Ruhm und Strafe vor Augen zu halten: Das Eine um sie zu lehren, worin ein frommer Lebenswandel bestehe, das Andere um sie dahin zu bewegen, denselben zu befolgen.

Darin stimmen auch alle Lehrer der Weisheit überein, daß Belohnung und Strafe die beiden Triebfedern sind, welche das Uhrwerk dieses Lebens in Bewegung setzen, denn das ist eben das Elend der menschlichen Natur, daß unser Wille zu kraftlos ist, um der Tugend ihrer selbst willen nachzustreben, sondern sich die Vorstellung von Strafe und Belohnung dazu gesellen muß.

Da es nun keine größere Strafe und Belohnung geben kann, als die ewige Verdammniß und den himmlischen Ruhm, so wollen wir nun diese beiden näher betrachten, und mit dem Tode und dem letzten Gerichte, die jenen vorangehen, beginnen, weil auch diese Gegenstände, für sich allein betrachtet, den Menschen auf´s eifrigste zur Tugend anregen und von dem Laster abschrecken müssen, nach dem Ausspruch des Weisen, welcher sagt:

Erinnere dich an dein letztes Ende, und nimmermehr wirst du sündigen. (Eccl. VII, 40.),

indem er unter letztes Ende jene vier letzten Dinge versteht, die wir oben angeführt haben.

Mit dem Tode also, dem ersten der vier letzten Dinge, wollen wir beginnen. Die Vorstellung von demselben ist um so mehr geeignet, einen tiefen Eindruck auf das Gemüth des Menschen zu machen, als er gewiß, allgemein und etwas gewöhnliches ist; und dieser Eindruck wird noch verstärkt, wenn wir bedenken, daß bei unserm Tode über unser ganzes Leben ein besonderes Gericht gehalten wird, das auch an jenem allgemeinen Gerichtstage nicht geändert wird, indem der in der Stunde unseres Todes einmal gefällte Urtheilsspruch ewig und unabänderlich ist. Wie furchtbar aber dieses Gericht ist, und welche strenge Rechenschaft alsdann von dir gefordert wird, das sollst du nicht aus meinen Worten, sondern aus einer Begebenheit erfahren, die uns der heilige Johannes Climacus als Augenzeuge in seinen Schriften erzählt (Scala Paradisi grad. 5.) und die folgendermaßen lautet:

„Nicht übergehen will ich hier eine Begebenheit, welche sich in einem Kloster, wo ich mich früher befand, mit einem Einsiedler zutrug. Dieser hatte lange Zeit in einer Vernachläßigung seiner Pflichten gelebt, ohne sich die Sorge um das Heil seiner Seele im geringsten angelegen sein zu lassen, bis er endlich von einer Krankheit heimgesucht, seinem Ende nahe gebracht wurde. Während derselben sank er einstens in Ohnmacht; als er aber nach einer Stunde wieder zu sich kam, bat er mich und die übrigen Klosterbrüder, welche zugegen waren, ihn zu verlassen, worauf er die Thüre seiner Zelle zumauern ließ. So abgesondert brachte er noch zwölf Jahre darin zu, sprach mit Niemanden und nahm nichts als Brod und Wasser zu sich. Nur der Gedanke an die Schrecken des Todes und des Gerichtes Gottes, die sich seinem Geiste in jener Ohnmacht klar offenbart hatten, beschäftigten ihn, so daß er wie unbeweglich und erstarrt da saß und seine Blicke stets auf Einen Punkt gerichtet hatte, während eine Thränenfluth ohne Unterlaß seinen Augen entströmte. Als endlich die Stunde seines Todes gekommen war, öffneten wir den Eingang seiner Zelle und traten hinein, um ihm die nöthige Hülfe zu leisten. Auf unsere Bitte, er möchte einige Worte der Belehrung an uns richten, konnten wir nur Folgendes aus ihm bringen: „Wer einmal den Gedanken an den Tod aufgefaßt hat, wird niemals mehr sündigen.“ Da erstaunten wir beim Anblick dieses Mannes, der, früher so gleichgültig über sein Seelenheil, sich auf einmal so geändert und durch eine heilsame Umwandlung ein ganz anderer Mensch geworden war.“ -

So weit der heilige Climacus, der bei dieser Begebenheit selbst gegenwärtig war und uns solche in seinen Schriften aufbewahrt hat, so daß Niemand, so unglaublich auch dieser Vorfall scheinen mag, daran Zweifel hegen kann. –

Wie Manches finden wir aber in dieser Erzählung, das uns mit Furcht und Schrecken erfüllen muß, besonders wenn wir bedenken, welche Lebensweise dieser Einsiedler, nachdem er jene schauerlichen Gesichte gehabt, fortan zu führen sich entschloß und auch bis zum letzten Hauche seines Lebens beibehielt! Es geht daraus mehr als zur Genüge hervor, wie wahr der Spruch des Weisen ist: „Erinnere dich an dein letztes Ende, und nimmer wirst du sündigen!“

Wenn also die Vorstellung des Todes an sich schon die Seele mit Schrecken vor der Sünde zu erfüllen vermag, so wollen wir, um diese heilsame Wirkung noch in einem höhern Grade hervorzubringen, die einzelnen Umstände, die ihn zu begleiten pflegen, etwas näher betrachten.

Erinnere dich, daß du ein Mensch und ein Christ bist: Weil du ein Mensch bist, ist es gewiß, daß du sterben wirst; und weil du ein Christ bist, ist es eben so gewiß, daß du nach deinem Tode Rechenschaft über dein Leben ablegen mußt. Diese letztere Wahrheit lehrt uns der Glaube, zu dem wir uns bekennen und der jeden Zweifel darüber ausschließt; die Erfahrung aber zeigt uns täglich vor unsern eigenen Augen, wie gewiß es ist, daß wir sterben müssen, und daß keiner, sei er Kaiser, König oder wer sonst, von diesem allgemeinen Loos ausgeschlossen ist. Es wird ein Tag kommen, auf dessen Morgen für dich kein Abend folgt! Es wird ein Tag kommen – wann er aber kommt, ob schon heute oder morgen, ist ungewiß – wo du, der du jetzt diese Zeiten liesest und gesund und rüstig die Dauer deines Lebens nach alle dem abmissest, was du auf dieser Welt noch thun und treiben willst, - wo du auf dem Lager hingestreckt liegen wirst in Erwartung, daß der Tod jeden Augenblick über dich hereinbreche und der Urtheilsspruch über dich gefällt werde, von dem es keine Berufung an einen andern Richter gibt!

Vor allen Dingen bedenke aber, wie ungewiß diese Stunde ist, da sie gewöhnlich zu kommen pflegt, wenn man sie am wenigsten erwartet und der Mensch in der größten Sorglosigkeit nicht daran denkt, im Gegentheil eben damit beschäftigt ist, Vorkehrungen zu treffen, die nur auf ein recht langes Leben abzielen. Deshalb vergleicht man auch den Tod mit einem Diebe, der in der Nacht hereinschleicht, wann die Menschen unbesorgt im Schlafe liegen und an nichts weniger denken, als an ihn.

Dem Tode selbst geht gewöhnlich eine schwere Krankheit vorher, in deren Geleit sich mancherlei Leiden und Schmerzen einstellen, die alle auf den Kranken losbrechen und ihn durch qualvolle Tage und Nächte seinem Ende entgegen führen. Wenn dann aus allen Umständen die Gewißheit hervorgeht, daß keine Rettung mehr zu hoffen und die letzte Stunde herannaht, - welche drückende Angst und Furcht erfaßt dann des Sterbenden Seele! -  -

Da tritt dein ganzes vergangenes Leben noch einmal mit allen seinen Verirrungen wie ein Schreckbild vor dich, und du siehst, daß du nunmehr dich von Allem trennen mußt, woran hienieden dein Herz hing: Weib, Kinder, Freunde, Eltern, Ehre, Reichthum, kurzum Alles, was mit deinem Leben dahinschwindet, mußt du verlassen!

Allmählig zeigen sich die sichern Vorboten des heranrückenden Todes: Kalter Schweiß bedeckt die Stirne; die in tiefen Höhlungen liegenden Augen sind glanzlos und trübe und zeugen durch ihren unstäten Blick von der innern Seelenangst; Eiseskälte ergreift Händ´ und Füße; schauerliche Blässe überzieht das Gesicht und blau färben sich sich Lippen und Nägel; gelähmt ist die Zunge und nur leise und mühsam arbeitet sich der Athem in dumpfem Röcheln aus tiefer Brust hervor;  bald langsam, bald in raschern, aber kaum vernehmbaren Schlägen bewegt sich der Puls; der ganze Körper verliert seine natürliche Wärme und regungslos sind alle Glieder! –

Und in diesem Zustande tritt der letzte Kampf des ohnmächtigen Lebens mit dem gewaltigen Tode ein; in lebhaften Farben stellt sich dir Alles vor die Augen deines Geistes, was dir bevorsteht: das Aufhören deines Lebens, das Versenken deines Körpers in die dunkle Erde, wo er ein Raub der Verwesung wird; am meisten aber beängstiget dich das künftige Schicksal deiner Seele, die sich nun bald von dem Leibe losringt, und von der du nicht weißt, wo sie hingelangen wird. Du siehst schon Gottes Gericht und vor dir alle deine Sünden, die selbst dich vor dem Richterstuhl des Allmächtigen anklagen. Zu spät erkennst du alsdann, wie groß und unheilvoll deine Missethaten waren, die du mit so vielem Leichtsinne begingest. Verwünschen wirst du den Tag, an dem du gesündiget, fluchen jenen verderblichen Lüsten, die dich so oft zur Sünde verlockten; du wirst dann nicht begreifen können, wie verblendet und leichtfertig du sein konntest; wie du in unordentlicher Begierde nach all den nichtigen und trüglichen Dingen zu haschen vermochtest, die dich in die allergrößte Gefahr stürzten – in die Gefahr, die schrecklichsten Qualen auf ewig leiden zu müssen, deren Vorahnung schon deine Seele in den letzten Augenblicken deines Lebens mit unnennbaren Angst foltert.

Denn nachdem alle sinnlichen Genüsse längst dahingeschwunden und nun bald Gericht darüber soll gehalten werden, erscheinen jene Freuden, die schon an sich gering waren, jetzt, da jede Spur von ihnen verloren ist, vollends in ihrer ganzen Nichtigkeit; was dir hingegen nahe bevorsteht, stellt sich dir, da es an sich gewichtig und groß ist, um so mehr in seiner ganzen furchtbaren Größe dar, als alle Umstände dich das Entsetzliche deiner Lage klar erkennen lassen. Du siehst, wie du um eiteln und leeren Tand, ja um schmähliche Genüsse dich so hoher Freunden und Güter beraubt hast.

Wohin du auch deine Augen wendest, nirgends findest du einen Ausweg, überall nur Graus und Schmerz: Länger leben kannst du nicht; zur Reue ist es nicht mehr Zeit, denn deiner Tage Zahl ist voll! Nichts von allem woran du auf Erden mit unordentlicher Liebe gehangen und worauf du den meisten Werth gelegt hat, vermag dir jetzt Beistand zu leisten. Die Götzen, denen du einst so sehr huldigtest, können nichts für dich thun, ja im Gegentheil quält dich jetzt das Bewußtsein, am meisten ihnen in zügelloser Gier deine ganze Neigung zugewendet zu haben. O sage mir: Was wirst du in dieser Gefahr thun und sagen? Wohin wirst du dich wenden, zu wem deine Zuflucht nehmen? –

Unmöglich kannst du mehr in´s Leben zurückkehren; und der Gedanke, es verlassen zu müssen, ist dir unerträglich! Und dennoch kannst du nicht bleiben! Was also sollst du thun? „An jenem Tage,“ spricht der Herr durch Seinen Propheten, „wird die Sonne um Mittag untergehen und bei hellem Tage werde Ich die Erde verfinstern; eure Festlichkeiten werde ich in Betrübniß und eure Gesänge in Wehklagen verwandeln, eine Trauer will Ich verursachen, wie um einen Eingeborenen, und ihr Ende soll sein wie ein bitterer Tag.“ (Amos VIII, 9.)

O schreckliche Worte! Auch das härteste Gemüth muß bei einem solchen Ausspruch erzittern! An jenem Tage, spricht Gott, wird die Sonne um Mittag untergehen. Dann wird den Sündern das Maaß ihrer Verbrechen vorgehalten, und sie sehen, wie die göttliche Gerechtigkeit den Faden ihres Lebens zerreißt. Dann werden viele unter ihnen vor Furcht und Angst erbeben! hoffnungslos und verzagt werden sie glauben, sie seien verworfen und von Gottes Barmherzigkeit ausgeschlossen!

II

Mächtig wirkt die Furcht auf die Phantasie des Menschen: Das Kleine stellt sie als riesenhaft und das Abwesende als gegenwärtig vor. Vermag also schon eine unbedeutende Sache große Furcht zu erregen, wie entsetzlich muß diese Furcht dann sein, wenn sie auf wirkliche Gefahr und ein Unglück sich gründet, das sicher bevorsteht und unter allen, die dem Menschen nur widerfahren können, das größte ist? –

Obgleich die sterbenden Sünder noch im Leben und mitten unter ihren Freunden sind, so glauben sie doch jetzt schon die Qualen der Verdammten zu empfinden und halten sich so zu sagen zu gleicher Zeit für lebend und todt; denn während die Gewißheit, Alles verlassen zu müssen, was auf Erden sie fesselte, sie mit Schmerz erfüllt, peinigt sie auch die Vorstellung alles dessen, was ihrer nun wartet. Darum preisen sie diejenigen, denen es vergönnt ist, noch länger nach ihnen auf der Welt zu bleiben, über alle Maßen glücklich, und diese Mißgunst erhöht nur noch mehr ihren Schmerz. Für sie geht dann wirklich die Sonne um Mittag unter, denn wohin sie auch ihre Augen wenden mögen, überall sehen sie den Weg zum Himmel versperrt und kein Lichtstrahl erhellt die Nacht ihrer Verzweiflung.

Denn blicken sie zu Gottes Barmherzigkeit auf, so überzeugen sie sich, wie unwürdig sie sind, daß der Allmächtige sich ihrer erbarme; nahmen sie ihre Zuflucht zu der göttlichen Gerechtigkeit, so drängt sich ihnen die Ueberzeugung auf, daß Gott sie nur zu schwerer Strafe verurtheilen kann; sie sehen, daß ihnen Zeit genug ist gelassen worden, nun aber der Tag des Herrn beginnt oder bereits begonnen hat. Rufen sie sich ihr vergangenes Leben in´s Gedächtniß zurück, so treten ihnen überall nur Vorwürfe und Anklagen entgegen; betrachten sie die Gegenwart, so sehen sie nur den Tod vor sich; werfen sie einen Blick in die nahe Zukunft, so sehen sie einen Richter, der bald seinen Urtheilsspruch über sie fällen wird. Kurz, von allen Seiten umringt sie nur Angst und Schrecken. Was sollen sie also beginnen? wohin sich wenden?

Und am hellen Tage werde ich die Erde verdunkeln, fährt der Prophet fort; das heißt, was dich früher erfreute und ergötzte, wird dich jetzt am meisten schmerzen und deine Seele im Innersten zerreißen. Wohl mag es dem Menschen, der noch gesund und wohlbehalten ist, eine angenehme Freude gewähren, wenn er Kinder besitzt, die ihn lieben, treue Freunde ihm zur Seite stehen, und er durch Umsicht und Thätigkeit stets seine Habe sich mehren sieht, kurz, wenn er Alles hat, was er nur ersehnen mag. Allein alle diese irdische Glückseligkeit verwandelt sich in Schmerz und erfüllt die Seele mit herbster Qual, sobald die Stunde des Todes herannaht. Denn so wie die Gegenwart und der augenblickliche Besitz alles dessen, woran des Menschen ganzes Herz hängt, ihn zu froher Lust stimmt, ebenso bemächtigt sich seiner Traurigkeit und heftiger Schmerz, wenn er sich davon trennen soll.

Deshalb entfernen sich die Kinder von dem Lager des sterbenden Vaters, und die treue Gattin wendet das Angesicht ab, damit ihr Anblick dem Sterbenden nicht noch mehr Leid verursache und ihm die Trennung erschwere. Denn wiewohl sich die Seele nun bald von dem Körper trennen und eine lange und gefahrvolle Reise in ein unbekanntes Land antreten soll, so erlaubt doch die Heftigkeit des Schmerzes nicht, von dem Sterbenden Abschied zu nehmen und somit eine Pflicht zu erfüllen, welche die Freundschaft uns in solchen Fällen auferlegt. Warst du jemals, o geliebter Leser, in einer solchen Lage, so wirst du die Wahrheit meiner Worte leicht einsehen; trat dir aber der Tod noch nie so nahe, so befrage die, welche aus Erfahrung darüber zu sprechen wissen, denn „wer das Meer befahren, weiß auch von dessen Gefahren zu erzählen,“ wie der Weise spricht. (Eccli. XLIII, 25.)

Wenn also die Trennung von diesem Leben schon dazu geeignet ist, die schmerzlichsten Gefühle bei dem Menschen zu erregen, um wie viel größere Qual muß ihm das verursachen, was ihm bevorsteht, sobald die Seele den Körper verlassen hat; denn alsdann wird sie von dem gerechtesten Richter zur Rechenschaft gezogen! Wünschest du aber zu wissen, wie strenge die Rechenschaft ist und wie sehr du Gottes Gericht zu befürchten hast, so frage nicht jene Weltmenschen, die gleichsam in Aegypten, das heißt im Lande der Finsterniß sich aufhalten, und daher mit Blindheit geschlagen sind und im größten Irrthume leben – sondern wende dich an jene heiligen Männer, die im Lande Gessen wohnen, wohin die Wahrheit ihre Strahlen sendet; diese werden dich nicht bloß in Worten, sondern auch durch Beispiele lehren, wie sehr du Ursache hast, dieses Gericht zu fürchten.

Groß war ohne Zweifel die Heiligkeit Davids, und doch hegte er eine solche Furcht vor dem Gerichte Gottes, daß er in die Worte ausbrach: „Gehe nicht in´s Gericht mit Deinem Knechte, o Herr, denn vor Deinem Angesichte wird kein Lebender gerecht sein.“ (Ps. CXLII, 2.)

So fromm auch der Lebenswandel des heiligen Arsenius war, so vergoß er doch, als seine Todesstunde herannahte, einen Strom von Thränen und begann dergestalt zu zittern, daß diejenigen, welche um ihn standen, verwundert ihn um die Ursache befragten: „Warum weinst und zittest du, Vater? Fürchtest du dich zu sterben, gleich andern Menschen?“ „Wohl bin ich beängstigt,“ antwortete er ihnen, „und diese Angst hat mich von dem Augenblick an nicht verlassen, wo ich ein einsiedlerisches Leben zu führen begann.“ –

Von dem heiligen Agathon erzählen die Geschichtsbücher, daß er drei Tage lang mit offenen, aber unbeweglichen Augen sterbend gelegen habe. Als Klosterbrüder ihn rüttelten und fragten, wo er nun sei? antwortete er: „Ich stehe vor Gottes Richterstuhl.“ Und als jene zu fragen fortfuhren, ob er denn auch beängstigt wäre, gab er ihnen zur Antwort: „Ich habe es mir jederzeit, so viel als möglich, angelegen sein lassen, Gottes Gebote zu halten; allein ich bin nur ein Mensch und kann daher nicht wissen, ob meine Werke dem Herrn gefallen.“ Da sprachen die Brüder: „Setzest du denn nicht deine Zuversicht in deine Werke, da sie doch nach Gottes Geboten geschahen?“ – „Wenn ich meinen Gott vor mir sehe“, erwiederte er, „setze ich meine Zuversicht in nichts, denn anders urtheilt Gott, anders die Menschen!“

Nicht weniger ergreifend ist das Beispiel, welches der heilige Johannes Climacus von einem andern Klostergeistlichen erzählt. Wir wollen es zur größern Erbauung mit den eigenen Worten des Heiligen anführen: „In unserm Kloster,“ so erzählt er, „befand sich ein Bruder, Namens Stephanus, der eine große Neigung zu einem einsamen und abgeschiedenen Leben an den Tag legte. Nachdem er daher lange Zeit in der strengsten klösterlichen Zucht zugebracht, sich durch häufiges Fasten und Abtödtungen die Gabe der Thränen errungen und sich einen hohen Grad von Tugend zu eigen gemacht hatte, erbaute er sich eine Hütte am Fuße des Berges, worauf Elias jene göttliche Erscheinung gehabt hatte. So weit er aber auch in der Frömmigkeit gekommen war, so wollte er dennoch sich eine noch größere Buße auferlegen, und begab sich daher in die Wüste, wohin sich nur die strengsten Einsiedler zurückzuziehen pflegen. In dieser vielleicht nie betretenen Einöde, die von jeder menschlichen Hülfe entfernt war, indem sich mehrere Meilen im Umfange keine Wohnung befand, brachte er noch einige Jahre in der größten Abgeschiedenheit zu, worauf er wieder, da sein Alter schon weit vorgerückt war, die Hütte am Fuße jenes heiligen Berges bezog, woselbst er zwei fromme Einsiedler aus Palästina zurückgelassen hatte. Hier überfiel ihn nach wenigen Tagen eine Krankheit, die ihm den Tod brachte. Den Tag vorher, ehe er verschied, erhob er sich auf einmal wie im Träume, aber mit geöffneten Augen, sah links und rechts umher, und sprach ganz laut, daß alle Umstehenden es hören konnten: als wenn er Jemanden, der ihn zur Rede stellte, antwortete: „Ja wohl, es ist wahr, aber ich habe so und so viel Jahre dafür gefastet und gebüßt!“ Bald nachher wieder: „Nein, das habe ich nicht gethan;“ dann: „Ja, ich bekenne es, allein wie lange habe ich darüber geweint und meinen Mitmenschen gedient!“ Gleich darauf sagte er wieder: „Ja, die Anklage ist gerecht, ich vermag nichts dagegen vorzubringen, und es bleibt mir nichts übrig, als auf Gottes Barmherzigkeit zu hoffen!

Schrecklich und grausenerregend mußte fürwahr denjenigen, die gegenwärtig waren, dieses unsichtbare und strenge Gericht vorkommen, in welchem dem Sterbenden sogar Vergehen vorgehalten wurden, deren er sich nicht einmal ganz schuldig erkannte – ihm, der in strenger Einsamkeit vierzig Jahre lang geweint und gebüßt hatte; - und dennoch vermochte er auf manche Anklage weiter nichts zu antworten, als: „Ja sie ist gerecht, ich kann nichts dagegen vorbringen, und es bleibt mir anderes nicht übrig, als auf Gottes Barmherzigkeit zu hoffen!“ So makellos und fromm auch der Lebenswandel dieses heiligen Mannes auf der Welt gewesen war, so läßt er uns doch darüber in Ungewißheit, wie sich das Gericht mit ihm endigte und welcher Urtheilsspruch über ihn verhängt wurde!“

So weit gehen die Worte des heiligen Climacus, welche zur Genüge beweisen, um wie viel mehr leichtsinnige Menschen, die ihr Leben in Sünden zubringen, jene Trennung der Seele von dem Körper zu fürchten haben, da, wie wir sehen, sogar Heilige davor erbeben! –

Sollte es aber Jemanden befremden, daß selbst die wahren Diener Gottes sich zu fürchten Ursache haben, wann sie von ihrem Leben Rechenschaft ablegen sollen, so antworten wir mit den Worten des heiligen Gregorius, welcher sagt: „Wenn die Seele des Gerechten Alles überdenkt, was in ihr vorgegangen, so ergreift sie zitternde Furcht vor dem Gerichte des Herrn; denn hat sie auch einen hohen Grad an Vollkommenheit erreicht, so ist sie doch nicht ohne bange Besorgniß, weil, sobald sie sich die Strenge vergegenwärtigt, womit sie einstens soll gerichtet werden, Furcht und Hoffnung sich ihrer abwechselnd bemeistern, da sie nicht weiß, wie der gerechte Richter ihr Thun und Lassen beurtheilen, ob Er verzeihen oder bestrafen werde. Wenn solche gottesfürchtige Männer sich auch keine strafwürdigen Handlungen haben zu Schulden kommen lassen, so ängstigt sie das Bewußtsein, daß böse Gedanken oft ihren Geist befangen hielten; denn so eifrig sie sich auch bestrebten, nicht durch äußerliche Werke zu sündigen, vermochten sie doch nur schwach gegen die Gedanken anzukämpfen, die so oftmals ihre Seele bestürmten. Wie sehr sich auch ihr Wille dagegen sträubte, so müssen sie doch abwarten, ob Gott sie nicht doch strafwürdig finde. Vermag aber diese Vorstellung solche heilige Männer während ihres ganzen Lebens mit ängstlicher Besorgniß zu erfüllen, so ist dieses noch mehr der Fall, wenn die Stunde herannaht, wo sie die Schuld der Menschheit abbezahlen und nun bald vor Gottes Richterstuhl treten sollen; dann steigt die Furcht mit Annäherung des auf ewig lautenden Urtheilsspruchs.  Da verschwinden alle jene Gedanken, die sonst ihren Geist umgaukelten und von allem Irdischen losgerissen, sieht ihre Seele nur Den vor sich, Dessen Gericht herannaht. Und wenn sie sich nun von dem Körper trennen soll und der kommende Augenblick sie vor Gott stellt, dann wird die Angst immer größer und größer. Quält sie auch nicht das Bewußtsein, etwas von dem unterlassen zu haben, was sie als gut erkannten, so fürchten sie sich, weil sie glauben, daß manches Gute, was sie nicht wußten, von ihnen unterblieben sei, da sie sich selbst nicht begreifen und beurtheilen können – und finden so immer neuen Stoff zur Besorgniß. Wohl mag auch eines Jeden Seele von Furcht und Angst ergriffen werden, wenn sie auf dem Punkte steht, nach einem nichtigen Erdenleben das aufzufinden, was in Ewigkeit nicht mehr zu ändern ist!“ (Gregorius, moral. sib. II. et IV.)

Fürchten sich also fromme Menschen so sehr vor jenem göttlichen Gerichte: um wie viel mehr haben denn jene Ursache dazu, die kein heiliges Leben geführt, oder sogar den größten Theil desselben in eiteler Weltlust zugebracht haben; die so oft ihren Schöpfer beleidigt, auf´s fahrläßigste gelebt und nicht die geringste Sorge um ihre Seele gehabt haben, ja, denen es nie eingefallen ist, sich auf den letzten Augenblick ihres Lebens vorzubereiten! Was hat der Sünder zu erwarten, wenn sogar der Gerechte vor Angst erbebt? Was steht dem schwachen Schilf bevor, wenn die Zeder des Libanon vom Sturm erschüttert wird? „Und wenn der Gerechte kaum selig wird – der Gottlose und der Sünder, wie werden sie bestehen?“ (I. Pet. IV, 18.)

O sage mir, mein Leser, was denkst du wohl von jener Stunde, wo, nachdem du dieses Leben verlassen hast, du allein, nackt und arm, ohne andern Beistand, als die guten Werke, die du gethan, ohne sonstigen Begleiter, als dein Gewissen, vor den furchtbaren Richterstuhl Gottes hintreten wirst, und wo nicht über ein zeitliches Dasein, sondern über ein ewiges Leben und eine ewigwährende Zukunft entschieden wird? –

Wenn du dann, von schwerer Sündenlast erdrückt, dich nicht zu vertheidigen vermagst, ach, welche Qual und Angst wird sich dann deiner Seele bemächtigen! Verzweiflungsvoll wirst du da stehen, denn die Reue, die dich zerknirscht, kommt zu spät; nirgends findest du Ruh´ und Hülfe und jegliche Hoffnung ist dir geraubt! Groß war fürwahr die Bestürzung unter den Fürsten Juda´s, als Sesach´s,  des ägyptischen Königs siegreiches Schwert in allen Straßen von Jerusalem wüthete, und sie aus der Strafe, die über sie hereingebrochen, ihre begangenen Verbrechen und Fehler erkannten.

Doch wie schwach ist der Vergleich, wenn wir dagegen die Bestürzung betrachten, die den Sünder vor dem Richterstuhle Gottes ergreift! Denn nichts bleibt ihm mehr übrig, kein Ausweg, kein Schutz! Da hilft kein Weinen und Jammern, kein Bitten und heißes Flehen; - vergeblich ist dann die Reue; es gelten keine Versprechungen, keine Betheurungen der Besserung mehr! Schwand das Leben einmal dahin, so ist die Zeit der Reue vorüber; am allerwenigsten aber frommt alsdann irdisches Gut und Ansehen, denn wie der Weise sagt: „Reichthum hilft nicht am Tage der Rache; aber die Gerechtigkeit rettet vom Tode.“ (Sprüchw. XI, 4.)

Wenn dann die so geängstigte Seele das Entsetzliche ihrer Lage erkennt, wird sie zweifelsohne mit dem Propheten ausrufen: „Es haben mich umrungen die Schmerzen des Todes, und mich erschreckten die brausenden Ströme des Frevels; mich umlagerten die Schmerzen der Hölle, und die Schlingen des Todes hatten mich ergriffen.“ (Ps. XVII, 5.)

O ich Elender! wohin haben mich meine Sünden gebracht! Wie hat mich diese schreckenvolle Stunde unvermuthet überrascht! Wie so ganz unerwartet stürzte dieses furchtbare Geschick auf mich ein! Was frommt mir jetzt irdischer Glanz und Würde, Reichthum und Pracht, die Menge meiner Freunde, der ganze Troß der Dienerschaft! Welchen Nutzen bringen mir jetzt Güter und Schätze, da ich nicht mehr als einen Raum von wenigen Schritten gebrauchen kann und mich mit einem engen Grabe begnügen muß! Was ich so mit vieler Müh´ und Gier zusammengescharrt, muß ich auf Erden zurücklassen, damit Andere es verschwelgen! Nur die Sünden, die meine Habgier mich begehen ließ, begleiten mich, auf daß ich die verdiente Strafe dafür empfange! Welche Früchte tragen mir jetzt alle jene Freuden und Lüste, da sie selbst lang dahingeschwunden und nichts von ihnen übrig geblieben ist, als ihr Bodensatz, nämlich Vorwürfe und Gewissensbisse, die gleich Dornen immerdar mein Inneres zerfleischen!

Wie war es möglich, daß ich so thöricht und unbesonnen sein und einen Augenblick vergessen konnte, was mir bevorstand und nun eingetroffen ist! Wie unbegreiflich ist es mir, daß ich nicht Alles that, um durch ein besseres Leben den Schrecknissen vorzubeugen, die jetzt über mich hereinbrechen! Und doch wurde ich so oft an diesen Tag erinnert, allein ich war taub gegen alle Ermahnungen! Ach, warum wandte ich mich nicht dem Bessern zu! Warum hörte ich nicht auf die Worte der Warnung! Ich lebte gottlos mitten im Schooße der Kirche, und befleckte meine Seele mit allen Arten von Sünden im Angesichte des Volkes Gottes.

So wird der Sünder sein unseliges Geschick beklagen. Diese Gedanken und Betrachtungen werden sich ihm in den letzten Augenblicken seines Lebens gewaltsam aufdrängen und sein Herz zermalmen.

Damit aber auch du, geliebter Leser, nicht einstens so unglücklich werdest, auf gleiche Weise wehklagen zu müssen, bitte und beschwöre ich dich, du mögest mit der ganzen Aufmerksamkeit deiner Seele alles bisher Gesagte zu Herzen nehmen, stets von neuem erwägen und deinem Geiste vorhalten! Vor allem aber präge deinem Gedächtnisse drei Dinge ein und laß das Andenken daran nicht einen Augenblick von deiner Seele weichen:

1.   Zuerst bedenke die entsetzliche Seelenangst, die du in der Stunde des Todes wegen der Menge der Sünden, womit du Gottes unendliche Güte beleidigt hast, empfinden wirst!

2.   Dann erwäge zweitens, mit welcher unausspechlich glühender Sehnsucht du in jener Stunde dein vergangenes Leben zurückwünschen wirst, um so zu leben, daß Gott Ursache habe, dir in deinem letzten Augenblick gnädig zu sein!

3.   Drittens bedenke, wie freudig und gerne du auch die härteste und schrecklichste Buße dir alsdann würdest gefallen lassen, wenn es dir vergönnt wäre, noch einmal dein Leben von neuem zu beginnen!

Darum lebe von jetzt an so, wie du in jener Stunde wünschen wirst, daß du möchtest gelebt haben!

 

In Originalschreibweise

Die Lenkerin der Sünder.
Verfaßt von
dem ehrwürdigen Vater
Ludwig von Granada
aus dem Prediger-Orden.

Erster Band.
Fünfte verbesserte Auflage.
Mit Approbation des hochwürdigsten General-Vikariats in Köln.
Aachen, 1853.
Verlag der Cremerschen Buchhandlung.
(Frz. Cazin.)

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