ETIKA

Luis von Granada

www.etika.com

18B2

Führer für Sünder

11.6.2011

18B2C8

Das letzte Gericht

S. 128-142

Die Lenkerin der Sünder,
von dem ehrwürdigen Vater Ludwig von Granada, aus dem Predigerorden.
Erste Abtheilung,
enthaltend eine ausführliche Ermahnung zur Tugend und zur Beobachtung der Gebote Gottes.
Erstes Buch.
Pflicht des Menschen, nach Tugend zu streben und Gott zu dienen. Erhabenheit von göttlichen Vollkommenheiten
.
VIII. Kapitel.
Der achte Beweggrund, der uns zur Tugend aneifern muß, ist das letzte Gericht, das zweite der vier letzten Dinge.

Nach dem Tode folgt das besondere Gericht eines jeden einzelnen und hierauf das allgemeine Gericht aller Menschen zusammen. Dann wird erfüllt werden, was der Apostel sagt:

„Alle müssen wir erscheinen vor dem Richterstuhle Christi, auf daß Jeder empfange, was er im Leben gethan, Gutes oder Böses.“ (II. Kor. V, 10.)

Da wir bereits an einem anderen Orte (Von dem Gebete und der Betrachtung. Erstes Buch.) von den furchtbaren Zeichen, welche dem letzten Gerichte vorhergehen, und von Allem, was alsdann geschieht, gehandelt haben, so wollen wir hier nur von der strengen Rechenschaft, die alsdann von uns gefordert wird, und den daraus hervorgehenden Folgen sprechen, damit der Mensch durch die Betrachtung dieses Gegenstandes bewogen oder vielmehr gezwungen werde, der Tugend nachzustreben.

Was zuerst unsere ganze Aufmerksamkeit erregen muß und was auch Hiob so sehr in Erstaunen setzte, ist, daß ein so unendlich großer und mächtiger Gott über den Menschen, der nur ein schwaches und armseliges Geschöpf ist, so furchtbar strenges Gericht hält, so daß es kein Wort, keinen noch so verborgenen Gedanken und nicht die kleinste Regung unseres Innern gibt, die Er nicht in´s Buch der Vergeltung eingeschrieben und über welche Er nicht die allerstrengste Rechenschaft verlangte.

„Warum verbirgst Du Dein Angesicht,“ spricht Hiob, „und hältst mich für Deinen Feind? Gegen ein Laubblatt, das vom Winde verweht wird, zeigst Du Deine Macht, und dürre Stoppeln verfolgst Du!

Denn du schreibest wider mich Bitterkeiten und willst mich vertilgen ob der Sünde meiner Jugend! Du hast meinen Fuß in den Stock geschlagen, alle meine Pfade beobachtet und auf meine Fußstapfen gemerkt, der ich doch wie Moder verzehrt werden soll, und wie ein Kleid, das von den Motten zerfressen wird.

Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt nur kurze Zeit und wird mit vielem Elend erfüllt: Er geht auf wie eine Blume und wird zerknickt, und fliehet dahin wie ein Schatten und bleibt nimmer in demselben Zustande.

Und Du hältst es der Mühe werth, Deine Augen über einen solchen aufzuthun und ihn in´s Gericht zu führen mit Dir?

Wer kann rein machen den, der von unreinem Samen empfangen?“ (Hiob XIII, 24-28. XIV, 1-4.)

So sprach der fromme Hiob, erstaunt über die Strenge der göttlichen Gerechtigkeit, mit welcher er den Allmächtigen gegen den Menschen, der doch nur ein schwaches, zu jedem Bösen geneigtes Geschöpf ist, verfahren sah.

Uebte der Ewige eine solche Strenge nur gegen Engel aus, die als rein geistige Geschöpfe viel vollkommener sind, so würde es weniger befremden.

Daß Er sich aber gegen den Menschen, der mit zahllosen böslichen Neigungen und Leidenschaften behaftet ist,  so strenge zeigt und ihn so genau zur Rechenschaft zieht, daß er in dem ganzen Leben desselben nicht ein einziges unnütz gesprochenes Wort, nicht eine einzige Minute übel angewendeter Zeit übersieht und ungerügt läßt – dieses muß den höchsten Grad des Staunens und Schreckens in uns erregen; denn wer sollte nicht von Zittern und Beben ergriffen werden, wenn er des Herrn Worte vernimmt:

„Ich sage euch aber, die Menschen werden am Tage des Gerichts Rechenschaft geben von jedem unnützen Worte, das sie geredet haben.“ (Matth. XII. 36.)

Wenn also sogar von Worten, wodurch kein Mensch beleidigt wurde, strenge Rechenschaft gefordert wird: wie wird es erst mit strafbaren Worten, mit unreinen Gedanken, mit blutgetränkten Händen, und ehebrecherischen Blicken, mit einem ganzen, nur in Sünden zugebrachten Leben sein?

Ist dieses – und das unterliegt nicht dem mindesten Zweifel – wirklich so, welche menschliche Zunge vermag es dann auszusprechen, wie schrecklich Gottes Gericht ist! Was auch darüber gesagt werden könnte, bliebe immer hinter der Wahrheit zurück und würde nicht einmal einen leisen Anklang davon geben!

Welch entsetzliche Bestürzung wird also den Menschen überfallen und zermalmen, wenn er vor einem so erhabenen Richterstuhle stehen wird, wo zahllose Schaaren von Engeln und Heiligen ihren Blick auf ihn gerichtet haben, um wegen des geringsten Wörtchens, das er zu irgend einer Zeit seines Lebens unnützer Weise gesprochen hat, Rechenschaft abzulegen?

Wen erfaßt nicht das höchste Staunen ob dieser furchtbaren Strenge, und wer würde wohl jemals so etwas zu behaupten gewagt haben, wenn nicht Christus selbst es vorher gesagt hätte! Welcher Fürst ging wohl jemals so weit mit seiner Strenge, daß er seine Diener sogar für die kleinste Stecknadel verantwortlich machte? – Wie hoch erhaben bist du, o Religion der Christen, da du eine solche Reinheit verlangst!

Wie sehr werden sich die Sünder an jenem Tage zu schämen haben, daß nun vor den Augen der ganzen Welt alle ihre Schandthaten, die sie im Leben auf jede mögliche Weise zu verhüllen suchten, aufgedeckt da liegen; daß alles Unerlaubte und Schlechte, was sie von ihrer Kindheit an bis zu ihrem letzten Lebenshauche begangen, ja, die geheimsten und verborgensten Winkel ihrer Herzen nunmehr offenbar werden!

Und wer wird sich dann so zuversichtlich auf die Reinheit seines Gewissens verlassen können, daß er nicht erbleiche und erzittere, und zerschmettert da stehe vor Schamgefühl und Schande? –

Wie sehr erröthen schon die Menschen, wenn sie ihrem Beichtvater unter dem Siegel der Verschwiegenheit ihre Vergehungen bekennen sollen; ja, so mächtig wirkt das Gefühl der Scham, daß manche sogar dadurch ihre Sünden verschweigen!

Allein in welch höherem Grade muß dieses Gefühl die Sünde niederdrücken, wenn sie im Angesichte Gottes und der ganzen Welt, vor allen Zeiten der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ihre Missethaten bekennen müssen! So sehr werden sie sich ihrer Schande schämen, daß, wie der Prophet sagt, sie mit lauter Stimme ausrufen werden:

„Bedeckt uns ihr Berge, und fallet über uns, ihr Hügel.“ (Hosea X. 8.)

Und doch muß alles dieses noch erträglich scheinen gegen jenes Endurtheil, das gleich einem entsetzlichen Messerstrahl aus Gottes Mund in ihre Seelen dringt:

„Gehet von Mir! ihr Verfluchten, in´s ewige Feuer, welches dem Teufel und seinen Engel bereitet ist!“ (Matth. XXV, 41.)

Welche namenlose Qual muß dieser Ausspruch den Sündern bereiten.

„Wenn wir kaum einen Tropfen seiner Rede zu vernehmen im Stande sind, wer vermag den Donner seiner Größe zu schauen?“ (Hiob XXVI, 15.)

Schrecklich und machtvoll wird Gottes Stimme ertönen, daß sich in einem Nu die Erde öffnet und „augenblicklich in die Hölle herabstürzen, die jetzt halten Pauken und Pfeifen, und ihre Tage in Wohlleben zubringen,“ wie Hiob sagt (XXI, 12.).

Was alsdann geschehen wird, berichtet uns der heilige Johannes in seiner Offenbarung mit folgenden Worten:

„Nach diesem sah ich einen andern Engel herabsteigen. Der hatte große Macht und die Erde ward erleuchtet von seinem Glanze. Und mächtig rief er aus und sprach: Sie ist gefallen, gefallen die große Babylon! und ist geworden eine Behausung der Teufel und eine Wohnung jedes unreinen und scheußlichen Gevögels!“ (Apok. XVIII.)

Gleich nachher fährt der Apostel so fort:

„Und ein Mächtiger unter den Engeln hob einen Stein, wie ein Mühlstein groß, warf ihn in´s Meer und sprach: Also, im Schwunge wird hinabgeworfen Babylon, die große Stadt, und wird nicht mehr gefunden werden!“ (Ebend. 21.)

So stürzen die Gottlosen, die in dieser Stelle unter dem Worte Babylon verstanden werden, in jenen Abgrund und dunklen Kerker, worin nur Verwirrung herrscht und unnennbare Qual ihrer wartet.

Dort werden ihre Leiber von den heftigsten, nie verlöschenden Flammen gemartert, und ihre Seele von dem Wurme ihres Gewissens, der nimmer müde wird, zernagt.

Dort wird ein ewiger Thränenquell ihren Augen entströmen und unaufhörliches Zähneknirschen vernommen werden, wie dieses so wiederholt in den heiligen Schriften verkündigt und angedroht wird.

Dort werden die Unseligen, die sich eine solche Strafe zugezogen, von gräßlicher Wuth getrieben, ihren Zorn gegen Gott auslassen und gegen sich selbst rasen, indem sie ihren eigenen Leib zerfleischen und ihre Eingeweide zerwühlen (Anmerkung ETIKA: zum Teil detailliert in unserem Gedichtzyklus „Nur eines schreckt den Bösewicht“ geschildert); sie werden in schäumender Wuth Verwünschungen gegen den Richter ausstoßen, der sie zu diesen Qualen verdammte.

Da wird ein Jeder seinem Schicksale und dem Tage seiner Geburt fluchen und ohne Unterlaß wie Hiob jene trostlosen Klagen ausstoßen:

Verderben dem Tage, an dem ich geboren und der Nacht, da man sprach: Es ist ein Mensch empfangen. Dieser Tag wandle sich in Finsterniß; es frage Gott nicht nach ihm von oben, und Licht bestrahle ihn nicht; es verdunkle ihn Finsterniß und der Schatten des Todes; möge düsteres Gewölk ihn umlagern und ihn einhüllen in Trübsal; dieselbe Nacht, es bemächtige sich ihrer ein dunkler Orkan; sie werde nicht gezählet unter die Tage des Jahres, nicht gerechnet zu den Monden! Oede sei diese Nacht und keines Lobes werth! Ihr mögen fluchen, die fluchen dem Tage, die geschickt sind aufzuschrecken den Leviathan. Durch ihr Dunkel sollen finster werden die Sterne; sie hoffe auf Licht und schaue es nicht, noch den Aufgang der steigenden Morgenröthe: weil sie nicht verschloß die Thüre des Leibes, der mich getragen, und nicht hinwegnahm das Unglück von meinen Augen. Warum starb ich nicht im Mutterleibe, verschied nicht, als ich hervorging aus dem Schooße? Warum ward ich aufgenommen von Knieen, warum gesäuget von Brüsten?“ (Hiob III. 3-12.)

Solche Klagen werden jene Unglücklichen immer und immer von neuem erheben! Ueber ihre heillosen Zungen kommen nur Gotteslästerungen und Verwünschungen; ihre verzweiflungsvollen Blicke sehen nichts, als Elend und Entsetzen!

In ihre Ohren dringen nur Wehklagen und Jammergeschrei; statt Kühlung umgibt ihre Körper nur Flammengluth!

Wie wird es alsdann jenen Wollüstlingen zu Muthe sein, die ihr ganzes Leben auf Erden nur in Ueppigkeit und eitlem Tand zubrachten! O welche lange Kette schrecklichen Elends haben jene kurzen Lüste nach sich gezogen? Was nützt euch jetzt, ihr sinnlosen Thoren, jener Sinnenrausch, in den ihr einstens euer ganzes Glück setztet?

Was ist nun aus eurem Reichthum geworden? Was fruchten euch nun eure Ergötzlichkeiten und Freuden? Vorüber sind sie, die sieben fruchtbaren Jahre, und die sieben unfruchtbaren sind gekommen, die allen Ueberfluß der erstern verzehren, so daß keine Spur mehr von ihnen übrig bleibt. Verschwunden ist der Glanz eurer Tage, und euer Glück ist versunken in ein Meer von Leiden! Nichts ist euch von Allem geblieben, was ihr besaßet, nicht einmal ein Tropfen Wasser, um damit auf einen Augenblick eure glühende Zunge zu benetzen. Ja, weit entfernt, daß jene üppigen Lüste, in denen ihr euer Leben durchschwelgtet, euch nützen könnten, bereiten sie euch im Gegentheil nur noch größere Qual, denn es wird erfüllt werden, was geschrieben steht im Buche Hiob:

„Die Barmherzigkeit vergesse sein, seine Süße seien die Würmer: im Andenken bleibe er nicht, sondern er werde zerbrochen wie unfruchtbares Holz!“ (Hiob XXIV, 20.)

Alsdann erzeugt, nach Auslegung des heiligen Gregors, das Andenken an die vergangenen Ergötzlichkeiten bei den Sündern eine nur noch größere Bitterkeit der gegenwärtigen Leiden, indem sie sich erinnern, was sie einstens waren, im Vergleich mit dem, was sie jetzt sind, und nun sehen, daß sie für Dinge, die sobald dahingeschwunden, das ertragen müssen, was ewig dauert!

Dann erst erkennen sie die Tücke des bösen Feindes und rufen, nachdem sie sich durch seine Täuschungen haben verleiten lassen, mit den Worten des Weisen aus:

„Wir sind abgewichen von dem Wege der Wahrheit, und das Licht der Gerechtigkeit hat uns nicht geleuchtet, und die Sonne des Verstandes ist uns nicht aufgegangen! Wir haben uns abgemüht auf dem Wege des Bösen und der Verderbniß, wir sind gewandert auf schwierigen Pfaden; von dem Wege des Herrn haben wir aber nichts gewußt!“ (Weish. V, 6, 7.)

So werden die Verdammten Jahrhunderte durch in alle Ewigkeit klagen und jammern, aber vergeblich, weil die Zeit entflohen, wo Reue noch Früchte bringen konnte.

Wer dies Alles wohl erwägt, wird darin einen mächtigen Sporn fühlen, sich der Tugend zuzuwenden. Daher benutzte auch der heilige Chrysostomus in seinen Homelien diesen Stoff, um das Volk zum Guten anzufeuern:

„Damit ihr,“ so lauten seine Worte, „eure Seele gleichsam zu einer Wohnung Gottes bereitet, erinnert euch an jenen schrecklichen und furchtbaren Tag, wo wir Alle, vor dem Throne Christi stehend, Rechenschaft über Alles ablegen sollen, was wir hienieden gethan: Da werden unsere Sünden im Angesichte aller Wesen offen gelegt und alle unsere Handlungen kundbar; die geheimsten Falten unseres Herzens werden dort aufgedeckt und das Verborgenste, was wir bei dunkler Nacht oder beim hellen Scheine des Tages, was wir aus Unwissenheit, Vernachlässigung oder auf sonst irgend eine Weise mit jedem unserer Glieder und Sinneswerkzeuge verbrochen haben, und was jetzt noch vor den Augen der Welt verhüllt ist, wird alsdann offenbar!

Bedenket, daß wir schon jetzt auf dem Wege sind, uns vor einen Richter zu stellen, der nicht getäuscht werden kann, von dem nicht nur unsere Werke, sondern auch unsere Worte und Gedanken, ja sogar Fehler, die in unsern Augen nur geringfügig scheinen, mit höchster Strenge gerichtet werden! Stellet euch den Heiland vor, wie Er, umgeben von Myriaden von Engeln, kommt, zu richten die Lebendigen und die Todten; wie des Weltgerichts Posaunen erschallen, und die furchtbare Stimme, womit der Richter sein Verdammungsurtheil ausspricht, vernommen wird; wie dann einige in die äußerste Finsterniß hinabgeschleudert werden, andern der Eingang zum Himmel verschlossen bleibt, wenn sie schon übrigens ihr Leben lang in hartem Kampf ihre Keuschheit zu bewahren gesucht haben; wie manche gleich Unkraut in die Flammen geworfen, und andere dem immer nagenden Wurm des peinigenden Gewissens preisgegeben werden:

(Anmerkung ETIKA: Diese Stelle auf spanisch: Mira como despues de esta sentencia unos son echados en las tinieblas exteriores, otros despedidos de las puertas del cielo despues del mucho trabajo de su virginidad; otros atados como haces de mala yerba, son lanzados en el fuego; y otros entregados al gusano que nunca muere, y al perpetuo llanto y crugir de dientes. (Guia de Pecadores, Madrid, 1777, pag. 57)

Der Eine wird gerichtet, weil er Neid und Schadenfreude in seinem Herzen genährt; der andere ob der Unbilde, die er seinem Nächsten zugefügt, oder weil er seinem Bruder Aergerniß gegeben; den Einen trifft Verurtheilung wegen begangener schwerer Verbrechen, den Andern wegen geringerer Vergehungen.

Dieser trägt die Strafe (Anm.: für einen f. U. ) eines falschen Urtheilsspruchs, jener wird vom Himmelreich ausgeschlossen, weil er in Zank und Hader gelebt; ein Anderer fällt der Verdammniß anheim, weil er ohne Unterlaß Haß und Zorn in seinem Innern getragen. Alle diese werden der Anschauung Gottes beraubt und müssen hören, wie Er zu ihnen spricht:

Wahrlich, Ich sage euch, Ich kenne euch nicht (Matth. XXV, 12.),

weil sie thaten, was Christus ihnen verboten hatte.“ (Chrysos. Homilia XXI.)

Weil alles dieses in der Wahrheit begründet ist, warum rufen wir denn nicht aus mit dem Propheten:

„Wer wird meinem Haupte Wasser und meinen Augen einen Thränenquell geben, und ich will Tag und Nacht weinen!“ (Jerem. IX, 1.)

Damit wir aber der uns bevorstehenden Strafe entgehen, laßt uns dem Rufe Davids folgen, wenn er sagt:

„Kommet, lasset uns mit Danksagung vor des Herrn Angesicht treten,“ (Ps. CXIV, 2.)

und durch einen frommen Lebenswandel uns Seine Huld erwerben!

Gott gab uns so Manches, was zu unserem Gebrauche unentbehrlich ist, zweifach, wie: zwei Augen, zwei Ohren, zwei Hände, zwei Füße, damit, wenn eins von beiden verloren ginge, wir uns mit dem andern aushelfen könnten; allein Er gab uns nur Eine Seele; ginge diese verloren, so bliebe uns kein Ersatz. Durch den Tod der Seele verlieren wir zugleich die höchste Glückseligkeit und ziehen uns auch die schrecklichste Strafe zu, die zu erdenken ist. Darum laßt uns die größte Sorge um unsere Seele tragen und Alles meiden, wodurch ihr Heil könnte gefährdet werden!

Wenn sie einstens vor Gottes Richterstuhl erscheinen muß, um sich wegen der gegen sie erhobenen Anklage verurtheilen zu hören, so glaube nicht, daß du dich dadurch entschuldigen werdest, wenn du sagest, der Schimmer irdischer Güter habe dich verblendet, denn der Richter wird dir sagen:

Habe ich dich nicht gewarnt (Anmerkung: auch hier in etika.com, den Webseiten der Apostel der letzten Zeiten!) und zu dir gesprochen:

„Was hilft es, wenn du die ganze Welt gewönnest, deine Seele aber dabei Schaden litte?“

Wolltest du sagen, der böse Feind habe dich hintergangen, so würde dir Gott entgegnen, daß es der Eva nicht geholfen habe, als sie vorwand, sie sei durch die Schlange verführt worden.

Laßt uns alles dieses wohl erwägen und zum klaren Bewußtsein kommen, ehe uns die Schatten des Todes umfangen und bevor der Tag des Herrn anbricht, von dem der Prophet sagt:

„Siehe, er kommt, und wer vermag sich zu denken den Tag Seiner Ankunft?“ (Malach. III., 1.)

Verlangst du aber zu wissen, wie es möglich sei, allen diesen Schrecknissen zu entgehen, so antworte ich dir, daß du dich nicht bloß bestreben sollest, den Leib rein zu halten, sondern du mußt auch das Böse, das man dir thut, mit Wohlthaten vergelten: Wirst du beleidigt und angeklagt, so laß dich nicht von böser Leidenschaft hinreißen, sondern sei geduldig und sanftmüthig; hast du Werke der Buße gethan, so rühme dich derselben nicht, und laß das Fasten nicht bloß in der Enthaltung der Speisen bestehen, sondern auch darin, daß du dich jeglicher Sünde enthaltest.

Wenn du in der heiligen Schrift forschest, wirst du finden, daß Gott zuerst warnet, und wenn nicht darauf gehört wird, alsdann straft; denn zuerst sah der Prophet einen wachenden Stab, wobei Gott ihm bedeutete, daß er auf die Erfüllung Seines Wortes wachen werde, und hierauf erblickte der heilige Seher einen in Flammengluth heißsiedenden Kessel, wodurch ihm der Herr die über die Lasterhaften hereinbrechende Strafe anzeigen wollte. (Jer. I.)

In den Schriften des neuen Bundes liesest du, daß, wenn wir in die Ewigkeit wandern müssen, kein Mensch im Stande ist, uns zurückzuhalten oder unser Loos zu ändern; da vermag der Bruder den Bruder, der Freund den Freund, das Kind die Eltern, die Eltern das Kind nicht vom Untergange und nimmer endigender Qual zu retten!

Doch wie vermöchten auch sündige Menschen etwas, da nicht einmal Noe, Hiob und Daniel im Stande sein würden, dem Gerichte des Herrn Einhalt zu thun! (Ezech. XIV, 14.)

Als der König befahl, denjenigen, welcher, ohne ein hochzeitliches Kleid anzuhaben, zur Hochzeit gekommen war, zu binden und hinaus in die äußerste Finsternis zu werfen, da wagte es Niemand, ein Wort für ihn einzulegen. (Matth. XXII.) Auch für den Knecht, der das ihm anvertraute Talent unbenutzt vergraben hatte, that Keiner Fürsprache. (Matth. XXV.) Nicht minder waren jene klugen Jungfrauen im Stande, ihren thörichten Gefährtinnen, die vergessen hatten, sich zeitig mit Oel zu versehen, zu helfen und ihnen den Eingang zum Hochzeitsmahle zu verschaffen. (Ebend.)

Am Tage des Gerichts wird des Menschen Sohn die Guten und Bösen trennen, wie ein Hirt die Schaafe von den Böcken trennt: Die Schaafe wird er zu seiner Rechten stellen, die Böcke aber zu seiner Linken. (Matth. XV, 32.33.) Zu denen, die Ihm zur Rechten stehen, wird Er sprechen:

„Kommt ihr Gesegneten Meines Vaters, besitzet das Reich, welches euch bereitet ist von Anbeginn der Welt.“ (Matth. XXV, 34.)

Die aber, so Ihm zur Linken stehen, wird Er hinabstoßen in´s ewige Feuer, wovon Niemand mehr sie zu retten vermag. –

Als jener reiche Mann, der sich des armen Lazarus nicht erbarmen mochte, am Orte der strafenden Gerechtigkeit um einen einzigen Tropfen Wassers bat, um die Gluth seiner Zunge auf einen Augenblick zu kühlen, da wurde er ihm nicht gewährt, weil zwischen dem Guten und Bösen eine unübersteigbare Kluft besteht: Abraham selbst vermochte die Qual des Verurtheilten nicht zu lindern. (Lucas XVI, 19-30).

Können wir also, wenn einstens die Nacht des Todes über uns hereingebrochen ist, auf fremde Hülfe in keiner Hinsicht unsere Zuversicht bauen, so laßt uns hienieden uns selbst Beistand leisten und dadurch, daß wir Gott getreulich dienen, zu gleicher Zeit einem schrecklichen Uebel vorbeugen und uns das höchste Glück bereiten!

Besser ist es fürwahr, daß wir hier auf kurze Zeit Mängel und Entbehrung leiden, als wenn wir in Ueberfluß schwelgten und in der Ewigkeit wie jener Reiche vergeblich nach einem einzigen Tropfen Wassers lechzen müßten, um unsern glühenden Gaumen zu benetzen!

·        Laßt uns durch geringe Mühsal namenlose Qual abwehren! (Anmerkung ETIKA: Vergleiche unser Pilger-Abc: Mühen, Schmerzen lieber hier für kurze Zeit / als Höllenqual in Ewigkeit.)

Wie kann uns wohl Erdenleid als wirklicher Schmerz erscheinen, wenn wir dagegen die Qualen halten, die der von Gott Verworfenen wartet! Und wenn uns das Todesurtheil eines Richters auf Erden, durch welches einem Menschen nur eine kleine Zahl von Jahren, die er noch zu leben hatte,  geraubt wird, mit Furcht und Schrecken erfüllt: wie sollen wir da nicht vor einem Urtheilsspruch zurückschaudern, der uns das ewige Leben raubt?

Wie sehr durchzuckt nicht Entsetzen und Beben unsere Glieder, wenn wir hier auf Erden große Marterstrafen an Verbrechern ausüben sehen! Aber was sind diese Strafen anderes als ein schwacher Schatten, wenn man damit die Leiden vergleicht, die den Sünder in der Hölle treffen!

Erdenschmerz endigt auch mit dem Erdenleben, dort in der Ewigkeit aber werden die Qualen nicht einen Augenblick unterbrochen, sondern sie beginnen immer von neuem; der Wurm des folternden Gewissens stirbt nimmermehr und die Flammengluth erlischt nicht! –

Was werden die Verdammten sagen und thun, wenn sie solcher Strafe anheim gefallen und sich auf ewig von der höchsten Seligkeit ausgeschlossen sehen? Wie werden sie wehklagen und seufzen, aber vergeblich.

·        Da werden sie, wiewohl zu spät, ihre Thorheiten und Missethaten erkennen und endlich zur Ueberzeugung gelangen, was sie hätten auf Erden thun und unterlassen sollen!

Sie werden dann einsehen, wie unheilbringend es für sie war, der so oft an sie ergangenen Aufforderung zur Besserung nicht gefolgt zu sein!

Allein so wie der Steuermann überflüssig ist, nachdem das Schiff in den Wellen versank, und der Arzt nicht mehr helfen kann, wenn der Kranke bereits vom Tode dahingerafft wurde, so hilft es auch den Verdammten nicht mehr, wenn sie nunmehr ihre Fehler einsehen und sich überzeugen, daß sie anders hätten leben sollen. Da werden diejenigen, die Christum verschmähten, in Ihm endlich den Heiland erkennen, Der kam im Namen des Herrn; aber ihre Anerkennung fruchtet ihnen nichts mehr, denn vorüber ist die Zeit, wo sie es hätten thun sollen!

O wir Unglückseligen! was vermögen wir an jenem Tage zu unserer Vertheidigung anzuführen, wenn Himmel und Erde, Sonne und Mond, Nacht und Tag und alle Wesen der Welt uns anklagen, Zeugniß wider uns ablegen und Gottes strafende Vergeltung über uns herbeirufen werden? Wenn unser eigenes Gewissen seine Stimme gegen uns anklagend erheben wird, sollten auch alle übrigen Zeugen verstummen?

Aus den obigen Worten, die wir den Schriften des heiligen Chrysostomus entlehnten, geht es klar hervor, wie sehr alle diejenigen, welche einstens unvorbereitet vor Gottes Richterstuhl erscheinen, Ursache haben, in ihrem Innersten zu erbeben. Selbst der heilige Ambrosius erzitterte bei dem Andenken an jenen Tag und brach in die Worte aus:

Weh mir, wenn ich meine Sünden nicht beweine! Weh mir, wenn ich mitten in der Nacht nicht aufstehe, um Deinen Ruhm, o Herr! zu verkündigen! Weh mir, wenn ich meinen Nächsten hinterging! Weh mir, wenn ich die Wahrheit nicht sprach! Denn schon ist die Axt an des Baumes Wurzel angelegt. Wer kann, der sammle Früchte der Gnade, und wer sündigte, der suche sich mit Früchten der Buße zu versehen: Denn nahe ist der Herr, Der die Früchte einsammelt, Der denen, so welche mitbringen, das ewige Leben gibt, und diejenigen verstößt, die mit leeren Händen kommen!“ (Ambr. In Lucam, III.)

 

In Originalschreibweise

Die Lenkerin der Sünder.
Verfaßt von
dem ehrwürdigen Vater
Ludwig von Granada
aus dem Prediger-Orden.

Erster Band.
Fünfte verbesserte Auflage.
Mit Approbation des hochwürdigsten General-Vikariats in Köln.
Aachen, 1853.
Verlag der Cremerschen Buchhandlung.
(Frz. Cazin.)

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