ETIKA

Luis von Granada

www.etika.com

18B2

Führer für Sünder

29.3.2012

18B2C9

Das Himmelreich

S. 142-160

Die Lenkerin der Sünder,
von dem ehrwürdigen Vater Ludwig von Granada, aus dem Predigerorden.
Erste Abtheilung,
enthaltend eine ausführliche Ermahnung zur Tugend und zur Beobachtung der Gebote Gottes.
Erstes Buch.
Pflicht des Menschen, nach Tugend zu streben und Gott zu dienen. Erhabenheit von göttlichen Vollkommenheiten
.
Neuntes Kapitel.
Das dritte der vier letzten Dinge, nämlich das Himmelreich, muß für den Menschen ein mächtiger Sporn sein,
sich der Tugend theilhaftig zu machen.

Wohl dürfte alles bisher Gesagte mehr als hinreichend sein, des Menschen Brust in glühender Liebe zu seinem Schöpfer zu entflammen und ihn zu vermögen, seinem ganzen Streben nur Ein Ziel, nämlich die Tugend vorzusetzen. Allein so verstockt ist nun einmal das menschliche Herz, daß alles dieses, so mächtig auch die Wirkung davon sein sollte, oft sogar nicht im Stande ist, es zu rühren.

Wir wollen daher zu den vorhergehenden noch einen andern, nicht minder wirksamen Beweggrund zur Tugend hinzufügen, nämlich die reiche Belohnung, welche der Tugendhafte zu erwarten hat, und die in der Erlangung des ewigen Himmelreiches besteht. Bei der Betrachtung dieser Glückseligkeit sind besonders zwei Umstände zu beachten, nämlich die Herrlichkeit und Urschöne des himmlischen Paradieses selbst, und die Größe und Hocherhabenheit des Herrschers, Der dort mit Seinen Auserwählten thront.

Vermag auch keine menschliche Zunge des Paradieses Schönheit und überschwenglichen Reichthum zu schildern, so können wir uns doch durch Vernunftschlüsse einen, wiewohl nur schwachen Begriff von diesem Aufenthalte der Seligen machen. Sieht man zuerst auf den Endzweck, den das Dasein dieses Ortes der Glückseligkeit hat, so kann man daraus schon auf dessen Beschaffenheit schließen.

Als Gott aber diesen Ort in´s Dasein rief, hatte er keinen andern Endzweck, als daß dadurch Sein Ruhm und Seine Herrlichkeit offenbaret würde; denn rief Er auch, wie Salomon sagt, alle Dinge zur Verkündigung Seines Ruhmes hervor, so scheint Er doch den Himmel insbesondere und vorzugsweise zu Seiner Verherrlichung erschaffen zu haben; denn in ihm strahlt des Schöpfers unendliche Würde, Pracht und Größe in unvergleichlicher Weise.

So wie einstens der König Ahasverus – dessen Reich sich erstreckte von Indien bis nach Mohrenland, und der über hundert sieben und zwanzig Provinzen herrschte – den Fürsten und angesehensten Machthabern seines Reiches in der Stadt Susa ein großes Gastmahl gab, das hundert achtzig Tage lang dauerte und wobei jede erdenkliche Pracht und Kostbarkeit herrschte, um dadurch seinen Vasallen die Größe, Macht und Herrlichkeit seines Reiches und den Ueberfluß an Reichthum, über den er zu gebieten hatte, zu zeigen: so beschloß auch der höchste der Könige ein Mahl im Himmel zu veranstalten, das nicht bloß eine gewisse Zeit,  sondern in alle Ewigkeiten dauern sollte, auf daß sich dadurch die Unermeßlichkeit Seines Reichthums, Seiner Großmuth und Güte offenbare. Dies ist jenes Mahl, von dem Isaias (XXV, 6.) spricht, wenn er sagt:

„Und der Herr der Heerschaaren wird bereiten allen Völkern auf diesem Berge ein fettes Mahl, ein Mahl von Wein und fettigem Mark, von geläutertem Wein;“

nämlich ein Mahl, das aus den köstlichsten und lieblichsten Speisen besteht.

Wenn also Gott der Herr dieses Mahl zur Verherrlichung Seines Ruhmes bereitet, so muß solches über allen Ausdruck glänzend und prachterfüllt, und Alles, was dazu gehört, in unendlicher Weise herrlich und schön sein, da Gottes Ruhm auch unendlich ist.

Noch einleuchtender wird uns des Himmels Herrlichkeit werden, wenn wir Gottes Allmacht erwägen – eine Allmacht, vermöge welcher Er mit einem einzigen Worte diesen wunderbaren Weltenbau hervorrief, den Er eben so leicht wieder mit einem Worte in sein voriges Nichts zurückschleudern könnte.

Nicht eine, sondern Millionen solcher Welten hätte er auf gleiche Weise in´s Dasein rufen, und sie eben so wieder wie einen Hauch verschwinden machen können! Und was dieser unendlich große Gott thut, das thut Er sonder Mühe; denn mit eben der Leichtigkeit, womit Er die kleinste Ameise erschafft, bildet Er auch die hochbegabtesten Engel: Ihm verursacht das Hervorbringen des Unermeßlichen keine Beschwerde; Ihn drücken Sonnenkörper nicht mehr, als das Stäubchen der Luft! Wollen und Können ist bei Ihm nur Eins, und Sein Gedanke reicht hin, das Unaussprechliche in´s Dasein zu bringen!

Ist also Gottes Allmacht so unnennbar groß, überstrahlt die Glorie Seines heiligsten Namens Alles, was die Zunge zu sprechen und der Gedanke zu fassen vermag, ist unendlich Seine Liebe, überschwenglich Seine Güte: so muß auch wohl die Wohnung, die diese Herrlichkeit umfaßt, und das Mahl, das Er dort bereitet, in gleicher Weise herrlich und glänzend sein!

Was könnte diesem Werke auch wohl fehlen, da es in jeglicher Hinsicht als etwas Vollendetes erscheinen muß? Was Kraft und Stärke zu vollbringen vermag, daran kann es nicht gefehlt haben, weil der Baumeister allmächtig ist; noch weniger kann es an Verstand und Umsicht bei der Anlage und Ausführung gemangelt haben, denn derjenige, welcher den Bau vollführte, ist die Weisheit selbst; auch an gutem Willen zur Hervorbringung des Vollkommensten kann es nicht gefehlt haben, weil der Erbauer unendlich gütig ist; Mangel an Reichthum konnte ebenfalls kein Hindernis sein, denn in Ihm ist aller Schätze überschwengliche Fülle: Wie also muß der Bau sein, dem zu seiner höchsten Vollendung nichts mangeln kann? Wie muß ein Werk beschaffen sein, das aus solchen Händen hervorging, zu dessen Vollbringung die Allmacht des Vaters, die Weisheit des Sohnes und die Güte des heiligen Geistes sich vereinigten? Wo Alles, was die Güte will, was die Weisheit erdenkt und anordnet, von der Allmacht vollbracht wird, obgleich alles dieses, von verschiedenen Personen ausgehend, eins und dasselbe ist und sich in der Gottheit vereinigt!

Wie können noch aus einem andern Umstande, der mit dem vorhergehenden viele Aehnlichkeit hat, auf die hohe Schönheit des himmlischen Wohnsitzes schließen, nämlich: daß Gott denselben nicht blos (sic) zu Seiner eigenen Verherrlichung, sondern auch zum Ruhme und zur Ehre Seiner Auserwählten erschuf. Nun erwäge man, wie sehr es sich Gott angelegen sein läßt, diejenigen, die Ihn lieben, zu ehren und die von dem Heiland gegebene Verheißung zu erfüllen, da Er spricht:

„Wer Mir dienet, den wird mein Vater ehren.“ (Joh. XII, 26.)

Diese Verheißung sehen wir schon hier auf Erden in Erfüllung gehen, indem Gott Seinen Freunden zuweilen Macht und Gewalt über alle Wesen verleiht; wie zum Beispiel dem Josue, auf dessen Geheiß die Sonne am Himmel stehen blieb, so daß „der Herr“, wie die heilige Schrift sagt, „der Stimme eines Menschen zu Willen war.“ (Josue X, 14.)

Mit gleicher Gewalt sehen wir auch den Isaias ausgerüstet, als er dem Könige Ezechias die Wahl ließ, ob er wolle, daß der Schatten der Sonne zehn Linien vorwärts oder eben so viele Linien rückwärts gehen sollte; denn das Eine war ihm durch die Kraft des Herrn eben so leicht, wie das Andere (IV. B. d. Könige XX, 8-11).

Und wie groß war nicht die Macht des Propheten Elias, da auf seinen Befehl die Wolken des Himmels sich schlossen und kein Regen die Erde benetzte, und er ein andermal wieder die Wolken am Himmel sich zu sammeln gebot, daß häufiges Wasser ihnen entströmte? (III. B. d. Könige XVII, 1. XVIII, 45.)

·       Ja, nicht nur im Leben ertheilt der Herr Seinen Auserwählten solche Macht und Gewalt. Er ehrt sie so sehr, daß Er sogar ihren Gebeinen und ihrer Asche eine wunderbare Kraft verleiht!

Wer preist nicht den Allmächtigen, da Er durch die Gebeine des verstorbenen Propheten Elisäus einen andern Verstorbenen, der des Propheten Leichnam angerührt hatte, zum Leben auferweckte! (III. B. d. Könige XIII, 20. 21.)

Und wer erkennt nicht Gottes unendliche Huld, mit der Er Seine Heiligen überhäuft, wenn man liest, daß an dem Jahrestage, wo der heilige Blutzeuge Clemens, an einen Anker gebunden, in´s Meer gestürzt worden war und den Martertod erlitten hatte, die Meereswogen drei Meilen weit zurückwichen, damit die hinzugetretenen Leute die Gebeine eines anderen Heiligen, der um Christi Lehre willen ebenfalls in die See war gestürzt worden, erblicken konnten!

Es gefiel sogar dem Allmächtigen, in der ganzen Christenheit jährlich ein Fest zu Ehren der Ketten, womit der heilige Petrus im Kerker gefesselt worden war, feiern zu lassen; woraus sich entnehmen läßt, wie sehr die Körper der Heiligen bei Gott in Ansehen stehen, da Er sogar die Ketten, die doch sonst nur ein Werkzeug der Schmach sind, weil sie den Leib des heiligen Apostels berührt hatten, in so hohen Ehren zu halten befahl.

Doch wie sehr muß sich unsere Bewunderung steigern, wenn wir sehen, daß Gott sich nicht damit begnügt, den Ketten, die Seine Heiligen getragen, der Asche, den Gebeinen und Leibern derselben hohe Ehre zu erwiesen, sondern sogar dem Schatten des Körpers Petri die Kraft verlieh, die Kranken, welche von demselben überschattet wurden, von ihren Krankheiten zu befreien! (Apostelgesch. V, 14. 16.) O unendlich bewunderungswürdiger Gott, wie groß ist Deine Güte, da Du einem Menschen verleihen wolltest, was Du für Dich selbst weder nahmst noch ausübtest! Denn nirgendwo lesen wir in der heiligen Schrift, daß der Schatten Jesu Christi Kranke geheilt habe, während dasselbe doch von dem heiligen Petrus bezeugt wird.

Wenn also Gott sich so sehr geneigt zeigt, Seine Heiligen zu einer Zeit und an einem Orte zu ehren, die doch nicht zur Belohnung, sondern vielmehr zur Ertragung von Mühsal und Elend bestimmt sind: wie groß muß dann die Herrlichkeit sein, die Er ihnen da bereitet, wo Er ihnen erst Vergeltung angedeihen läßt, und wo sie geehrt werden sollen, auf daß Er selbst in ihnen verherrlicht werde!

Und wenn derjenige, der so sehr wünscht, seine Getreuen zu ehren und zu verherrlichen, in so unendlichem Maaße zur Verleihung alles Erdenklichen im Stande ist: da läßt sich wohl leicht ermessen, wie hehr, glänzend und unaussprechlich großmüthig der Lohn sein muß, den der himmlische Vater Seinen Auserwählten bereitet hat! Wie unbegrenzt ist nicht des Herrn Großmuth gegen diejenigen, welche Ihm Gehorsam beweisen!

Er befahl dem Patriarchen Abraham, daß er Ihm seinen eingebornen Sohn, den er lieb hatte, opfern sollte; und als Abraham, dem Befehle folgend, sich anschickte, das Opfer zu vollbringen, da hörte er Gottes Stimme vom Himmel, die zu ihm sprach:

„Nun erkenne Ich, daß du den Herrn fürchtest, und du hast deinen eingebornen Sohn nicht verschonet um Meinetwillen! Ich habe bei Mir Selbst geschworen, dieweil du solches gethan, und nicht geschonet hast deinen eingebornen Sohn um Meinetwillen, will Ich dich segnen, und vermehren deinen Samen wie die Sterne am Himmel, und wie der Sand die Gestade des Meeres: dein Samen soll besetzen die Thore seiner Feinde; und in deinem Samen sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden, weil du Meiner Stimme gehorchet hast!“ (Gen. XXII, 16-18.)

So vergilt Gott Seinen Getreuen, und ein solcher Lohn ist fürwahr des allmächtigen Gottes würdig! Denn Gott bleibt Gott in allen Dingen: so im Belohnen, wie im Bestrafen!

Als David einstens in einer Nacht bedachte, daß er selbst in einem Hause von Cedern wohne, die Lade Gottes aber nur zwischen den Tüchern des Gezeltes aufgestellt sei, da erwachte in ihm der Gedanke, Gott dem Herrn eine Wohnung zu bauen. Es geschah aber in dieser Nacht, daß Jehova´s Wort an Nathan erging und Er sprach:

„Gehe hin und sprich zu Meinem Knechte David: So spricht der Herr: Du willst Mir ein Haus bauen, daß Ich darin wohne! Wenn deine Tage voll sein werden und du bei deinen Vätern ruhest, will Ich nach dir deinen Samen erwecken, der aus deinem Leibe kommen soll, und will bestätigen sein Reich. Dieser soll meinem Namen ein Haus bauen und Ich werde befestigen den Thron seines Reiches bis in Ewigkeit. Ich will ihm Vater sein und er soll Mein Sohn sein. Aber meine Barmherzigkeit will Ich nicht von ihm nehmen. Und dein Haus soll treu und dein Reich bis in Ewigkeit sein vor deinem Angesicht und dein Thron soll fest sein für und für.“ (II. Bd. d. Könige VII.)

So sprach Gott und ließ in Erfüllung gehen, was Er verheißen hatte, denn bis zur Ankunft Christi herrschten in Israel die aus dem Stamme Davids waren, bis ihnen Christus folgte, Dessen Reich bis in Ewigkeit dauern wird.

Wenn also das himmlische Paradies der Lohn eines frommen, Gott geweihten Lebenswandels ist, so ist es nicht schwer, auf die Alles überstrahlende Herrlichkeit desselben zu schließen, da wir wissen, daß Gott in Seinen Belohnungen überaus großmüthig und freigebig ist.

Teil II folgt

In Originalschreibweise

Die Lenkerin der Sünder.
Verfaßt von
dem ehrwürdigen Vater
Ludwig von Granada
aus dem Prediger-Orden.

Erster Band.
Fünfte verbesserte Auflage.
Mit Approbation des hochwürdigsten General-Vikariats in Köln.
Aachen, 1853.
Verlag der Cremerschen Buchhandlung.
(Frz. Cazin.)

Index 18 B ETIKA-Bibliothek