ETIKA

Luis von Granada

www.etika.com

18B2

Führer für Sünder

13.1.2013

18B2D13

Womit Gott die Bösen züchtigt

S. 212-218

Die Lenkerin der Sünder,
von dem ehrwürdigen Vater Ludwig von Granada, aus dem Predigerorden.
Erste Abtheilung,
enthaltend eine ausführliche Ermahnung zur Tugend und zur Beobachtung der Gebote Gottes.
Zweites Buch.
Von den zeitlichen und geistlichen Gütern, die der Tugend in diesem Leben verheißen sind, insbesondere aber von den zwölf der Tugend verliehenen ausgezeichneten Vorrechten.

Dreizehntes Kapitel.

Von der Vorsehung, womit Gott die Bösen beobachtet und ihre Missethaten züchtigt.

Bleibst du gefühllos bei der Fürsorge, welche Gott den Tugendhaften hienieden angedeihen läßt, so möge dich die Furcht vor der Vorsehung – wenn wir sie so nennen sollen – womit der Herr die Bösen beobachtet, abschrecken! Er mißt sie nach ihrem eigenen Maaß und behandelt sie in gleicher Weise, wie sie gegen Seine göttliche Majestät Vergessenheit und Vernachläßigung an Tag legen, indem er diejenigen vergißt, die Seiner vorher vergaßen, und die vernachläßigt, die auch Ihn vernachläßigt haben.

Um dieses deutlich zu erkennen zu geben, befahl der Herr dem Propheten Hosea, ein unzüchtiges, ehebrecherischer Weib zu nehmen, um dadurch den geistigen Treubruch anzudeuten, den sich das Volk Israel hatte zu Schulden kommen lassen, da es seinen rechtmäßigen Bräutigam und Herrn verließ.

Gott wollte auch, daß der Prophet mit diesem ehebrecherischen Weibe Kinder zeugte, und befahl, das dritte derselben mit einem Namen zu benennen, der im Hebräischen „nicht mein Volk“ bedeutet, um dadurch anzuzeigen, daß, da die Kinder Israels durch ihre Sünden Gott nicht anerkannten und Ihm nicht getreulich dienten, Er sie Seinerseits auch nicht anerkennen und für Sein Volk halten würde.

Zur Bestätigung dieses Ausspruches sagt der Herr durch Seinen Propheten gleich nachher:

„Eure Mutter sollt ihr strafen, ja strafen sollt ihr sie; denn sie ist nicht mein Weib, und so bin ich auch nicht ihr Mann.“ (Hosea 1.) (Anmerkung ETIKA: Eine der ersten uns bekannten Annullierungen einer Ehe, wie sie später Jesus erlaubt hat „bei Ehebruch“ bzw. „bei Unzucht“, was die katholische Kirche leider noch nicht umgesetzt hat.)

Als wollte er sagen: So wie sie die Treue einer braven Ehegattin nicht bewährt, so beweise ich ihr auch nicht die Liebe und den Schutz, den ein guter Gatte seiner Gattin angedeihen läßt.

Wie deutlich zeigt uns hierdurch der Her, daß er einem Jeden nach seinem eigenen Maaße abmißt, da Er sich gegen die Menschen erzeigt, wie die Menschen sich gegen Ihn erzeigen.

Die Bösen leben also gleichsam von Gott verlassen und verstoßen und sind in dieser Welt

·       wie ein Erbtheil ohne Erbe,

·       wie eine Schule ohne Lehrer,

·       wie ein Schiff ohne Steuermann,

·       wie eine Heerde ohne Hirt, die der Gefräßigkeit der Wölfe immerdar ausgesetzt ist.

Dieses zeigt ihnen Gott auch durch den Mund eines Seiner Propheten an, indem Er spricht:

„Ich will auch nicht weiden; was stirbt, das sterbe; was dahin fällt, das falle dahin; die übrig bleiben, müssen je einer seines Nächsten Fleisch fressen!“ (Zach. XI., 8.9.)

Auch Moses verkündigte dieses dem Volke in seinem Gesange mit den Worten:

„Ich will, spricht der Herr, Mein Angesicht vor ihnen verbergen, und werde ihr Ende sehen, denn es ist ein verderbtes Geschlecht und ungetreue Kinder!“ (Deut. XXXII, 20)

„Ich werde ihr Ende sehen“, das heißt: Ich werde müßig dabei stehen bleiben und zusehen, welchen Ausgang ihr Treiben nehmen wird, ohne ihnen weder Schutz noch Unterstützung angedeihen zu lassen. – (Vgl. die Feststellung vom „unzerstörbaren Fels des universalen Bösen“ in unserer Rezension des Buches über Luigi Novarese mit der Ergänzung von Barbara Weigand: „Gerecht auch gegenüber Satan“, ETIKA 95F3, Schluss)

Noch deutlicher gibt der Herr die Art, wie Er diejenigen behandelt, so sich von Ihm abwenden, dadurch zu erkennen, daß er den Isaias dem Volke das Bild eines Weinbergs, der ungeachtet des sorgsamsten Anbaues keine guten Früchtetragen wollte, vorhalten ließ und sprach:

„Wohlan, Ich will euch jetzt zeigen, was ich meinem Weingarten thun will: Seinen Zaun will ich hinwegnehmen, daß er zum Raube werde; seine Mauern will ich niederreißen, und er wird der Zertretung preisgegeben sein; und ich will ihn wüst liegen lassen, daß er nicht geschnitten, noch umgegraben werde, sondern Dornen und Disteln darauf wachsen; und den Wolken will ich gebieten, daß sie nicht darauf regnen.“ (Is. IV, 5. 6.)

Das heißt: Ich entziehe ihm jegliche Hülfe und Pflege, die ich ihm bisher zugewendet habe, und lasse ihn veröden und verwildern.

Scheint dir nach allem diesem nicht, daß man wohl Ursache habe, diese Vorsehung Gottes zu fürchten? O sage mir, kann es wohl eine größere Gefahr und Verlassenheit geben, als wenn Gott einem Seinen Schutz und Seine Fürsorge entzieht und ihn allen Verfolgungen und Drangsalen dieses Lebens preisgibt?

Denn da diese Welt einem sturmbewegten Meere oder einer Wüstenei gleicht, wo überall Räuber und Raubthiere auf uns lauern; da das menschliche Leben mit so vielen Mühseligkeiten und Leiden verknüpft ist, und sich uns so starke und zahlreiche Feinde entgegenstellen, gegen die wir zu kämpfen haben; da uns endlich so viele verborgene Fallstricke gelegt sind, und uns überall neue Gefahren und Beschwernisse umgeben, der Mensch aber dagegen nur ein schwaches, blödsichtiges, waffenloses, beängstigtes und hilfebedürftiges Geschöpf ist: was vermag dann seine Schwäche gegen so viele gegen ihn ankämpfende Gewalten, wenn er des göttlichen Schutzes und Schirmes entbehrt?

Was kann der Schwächling gegen Riesen? Wie sollte sich der Blinde vor den ihm gelegten Schlingen hüten können, und wie mag ein Verlassener und Waffenloser gegen machtvolle Feinde zu bestehen? –

Und doch ist dies noch nicht das ganze Unglück, denn Gott begnügt sich nicht blos damit, Seine Augen von den Ungerechten und Sündern abzuwenden und sie in mancherlei Verirrungen und Leiden stürzen zu lassen, sondern Er selbst bewirkt dieses noch und bewaffnet die Geschöpfe gegen sie, so daß die Augen, die früher auf ihr Wohl wachten, jetzt nur zu ihrem Verderben und Untergang auf sie gerichtet sind, wie es Gott offenbar durch den Propheten Amos (X, 4.) verkündet:

„Ich will Meine Augen zum Unglück, und nicht zu ihrem Heil auf sie werfen.“

Gleichsam als hätte Er sagen wollen:

„Statt der Vorsorge, womit ich früher zu ihrer Beschützung wachte, will Ich sie jetzt nur beobachten, um ihnen ihre Missethaten zu entgelten und sie zu züchtigen.“

Noch deutlicher spricht dieses der Prophet Hosea (V, 12) aus, da er sagt:

„Ich bin dem Ephraim wie ein Holzwurm und wie Fäulniß dem Hause Juda.“ –

Da aber eine solche Verfolgung nur langwierig und milde scheinen könnte, so fügt er eine viel größere und schrecklichere in folgenden Worten hinzu:

„Denn Ich bin dem Ephraim wie eine Löwin, und dem Hause Juda wie ein junger Löwe. Ich will sie wegnehmen und fortbringen, und keiner soll entkommen.“ (Eb. 14.)

Noch weniger dunkel ist das Zeugniß, welches wir beim Propheten Amos finden. Nachdem der Herr durch den Mund dieses heiligen Sehers gesagt hatte, daß er die Bösen ihrer Götzen halber mit dem Schwerte erschlagen würde, setzt Er hinzu:

„Und die Flucht ist ihnen nicht gestattet, sie werden entfliehen, und keiner wird entrinnen; denn steigen sie selbst hinab in die Hölle, Meine Hand wird sie daraus wegholen; und ob sie auch hinauf bis gegen Himmel steigen, Ich will sie herunter reißen; und wären sie versteckt auf dem Gipfel des Berges Carmel, Ich werde sie ausforschen und hinwegnehmen; und ob sie sich auch vor Meinen Augen in den Abgrund des Meeres verkriechen, Ich will der Schlange daselbst gebieten, die sie stechen soll: Also will ich Meine Augen zum Unglück und nicht zum Heil auf sie werfen!“ (IX, 2. 3.)

Welcher Mensch, der diese Worte vernimmt und bedenkt, daß sie von Gott selbst herrühren, sollte nicht erzittern, da er sieht, welche Art von Vorsehung der Herr gegen die Bösen anwendet, und sich überzeugt, wie Er diejenigen, die sich Seinen Ermahnungen nicht fügen wollen und im Bösen verharren, heimsucht und überall, wo sie sich auch nur verbergen mögen, auffindet, um sie zu verderben!

Kann wohl der Sünder bei solchem Bewußtsein sich der Ruhe erfreuen? Kann er wohl frei aufathmen, da er sich den Unwillen eines so machtvollen Herrn zugezogen hat, da solche Blicke auf ihn gerichtet sind, ein solcher Arm gegen ihn aufgehoben ist?

Denn ist es schon ein unaussprechliches Unglück, in die Ungnade eines solchen Gebieters zu fallen und Seiner Huld beraubt zu sein: um wie viel schrecklicher ist es, wenn die göttliche Vorsehung ihre Waffen gegen dich gerichtet hat, wenn das Schwert, das sie früher nur zu deiner Vertheidung gebrauchte, jetzt zu deinem Verderben gezückt ist, und die Augen, die vorher zu deinem Schutze wachten, nun zu deinem Unheile dich beobachten; wenn der Arm, der bisher nur dazu ausgestreckt war, um dich aufrecht zu halten, fortan zu deinem Untergange bewaffnet ist, und das Herz, das bis jetzt nur Gefühle der Friedfertigkeit und Liebe zu dir hegte, nun voller Bitterkeit und Schmerz ob deinen Vergehungen ist!

Kurz, wenn derjenige, der dir gerne ein Schild, ein Obdach, eine Zuflucht gewesen wäre, jetzt gleich einem nagenden Wurme, einer modernden Fäulniß und einer grimmigen Löwin gegen dich geworden ist!

Wer vermag ruhig zu schlafen, wenn er weiß, daß Gott während seines Schlummers das drohende Schwert und des Jeremias wachende Ruthe der Züchtigung zu seinem Verderben über seinem Haupte hält? Was vermag wohl einer gegen Gottes Ratschluß zu beschließen? Welcher Arm kann Gott abwehren? Welche Vorsicht ist im Stande, des Herrn Blicken zu entgehen? Wer wagte es jemals, gegen Gott anzukämpfen, und, wenn es einer that, wer ging wohl jemals als Sieger aus einem solchen Kampfe hervor?

„Wenn er auch“, spricht Hiob“, „mit Ihm rechten möchte, nicht könnt´ er Ihm antworten eines auf tausend. Er ist weise von Herzen und stark an Kraft. Wer widersetzt sich Ihm und hat Frieden?“ (Hiob IX, 3. 4.)

So groß aber ist das Unglück der Bösen, daß neben den Strafen, womit Gott sie in diesem Leben bedroht und heimsucht, auch die gehört, - und sie ist keine der geringsten – daß Er die Hand seiner väterlichen Fürsorge von ihnen abzieht, wie Er es selbst an verschiedenen Stellen der heiligen Schriften bezeugt. Unter anderem heißt es im achtzigsten Psalm:

„Aber Mein Volk hörte nicht auf Meine Stimme, Und Israel achtete Meiner nicht: So habe Ich sie denn überlassen ihres Herzens Gelüsten, und sie wandelten nach ihrem Sinn,“ das heißt: Sie werden immer mehr ihrem Verderben entgegen gehen.

Und beim Propheten Hosea (IV):

„Weil du das Gesetz deines Gottes vergessen, will auch Ich deine Kinder vergessen!“

So wie einer Ehefrau nichts Schlimmeres und Traurigeres widerfahren kann, als wenn sie von ihrem Manne verlassen und verstoßen wird, und einem Weinberge, als wenn er von dem, der ihn bebauen soll, vernachläßigt wird und öde liegen bleibt: so kann auch der Seele nichts Unheilvolleres widerfahren, als wenn Gott sie verläßt. Denn was ist eine Seele ohne Gott?

Sie ist gleichsam

·       ein Weinberg ohne Winzer,

·       ein Garten ohne Gärtner,

·       ein Schiff ohne Steruermann,

·       ein Heer ohne Führer.

·       ein Staat ohne Oberhaupt, oder, um den Vergleich noch besser auszudrücken,

·       ein Körper ohne Seele.

Auf solche Weise umgibt dich also Gott von allen Seiten, damit, wenn dein Herz nicht aus Liebe und Verlangen nach Seiner väterlichen Fürsorge gerührt wird, du wenigstens durch die Besorgniß, Er möchte dich verlassen und verstoßen, bewogen werdest, dich nicht von Ihm abzuwenden; denn

·       wer oft nicht aus Rücksicht eines zu erwartenden Gutes sich angetrieben fühlt, wird es aus Furcht eines ihn bedrohenden Uebels.

 

In Originalschreibweise

Die Lenkerin der Sünder.
Verfaßt von
dem ehrwürdigen Vater
Ludwig von Granada
aus dem Prediger-Orden.

Erster Band.
Fünfte verbesserte Auflage.
Mit Approbation des hochwürdigsten General-Vikariats in Köln.
Aachen, 1853.
Verlag der Cremerschen Buchhandlung.
(Frz. Cazin.)

Index 18 B ETIKA-Bibliothek