ETIKA

Luis von Granada

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18B2

Führer für Sünder

29.5.2015

18B2E3A

Gegen jene, welche auf die Barmherzigkeit hoffen und in Sünden verharren

S. 48-52

Die Lenkerin der Sünder,
von dem ehrwürdigen Vater Ludwig von Granada, aus dem Predigerorden.
Erste Abtheilung,
enthaltend eine ausführliche Ermahnung zur Tugend und zur Beobachtung der Gebote Gottes.
Drittes Buch.
III. Kapitel.

§. 1. Gegen diejenigen, welche wegen der Hoffnung auf die göttliche Barmherzigkeit in ihren Sünden verharren.

Man findet auch Menschen, die in ihrem gottlosen Leben verharren, indem sie sich mit der Hoffnung auf die göttliche Barmherzigkeit und mit den Verdiensten des bittern Leidens Jesu Christi trösten. Auch diese müssen wir wie jene andere ihres Irrthums überführen. –

Du sagest also, Gottes Barmherzigkeit sei unermeßlich, da sie Ihn bewog, Sich für die Sünder an´s Kreuz schlagen zu lassen. Ja, ich gestehe es, Gottes Barmherzigkeit muß unendlich groß sein, da sie es erträgt, daß du eine so große Gotteslästerung aussprechest, indem du behauptest, die göttliche Güte leiste deiner Lasterhaftigkeit Vorschub, und indem du das Kreuz, welches Gott über Sich nahm, um dadurch das Reich der Sünde zu zerstören, als ein Mittel ansiehst, solche zu befestigen und zu beschützen. Anstatt also dem Heilande dafür, daß Er Sein Leben für dich aufgeopfert hat, tausendfach das deinige hinzugeben, wenn du es könntest, nimmst du daher Veranlassung, Ihm das einzige Leben, das du besitzest und sogar von Ihm bekommen hast, zu versagen! Dieses muß den Heiland unendlich mehr schmerzen, als der Tod, den er für dich erlitten hat; denn während Er Seinen eigenen Tod ruhig erträgt, äußert Er die bittersten Klagen über deine Vergehungen, da Er beim Propheten sagt: „Auf meinem Rücken schmiedeten die Sünder, machten´s lang mit ihrer Bosheit.“ (Ps. CXXVIII. 3.)

Sage mir doch, wer lehrte dich einen solchen Vernunftschluß ziehen, du könnest, weil Gott gütig ist, ungescheut sündigen und in deinen Missethaten fortfahren? Ganz anders scheint mir der heilige Geist zu schließen, indem er daraus, daß Gott gütig ist, die Folge herleitet, daß Er eben deshalb verdient, über Alles geliebt und geehrt zu werden und Seinen Geboten der uneingeschränkteste Gehorsam gebührt; und gerade deswegen, weil Er gütig ist, es höchst gerecht ist, daß ich es auch sei und auf Ihn hoffe, da Er, wenn ich schon der schwerste Sünder bin, dennoch bereit ist, mich wieder in Seine Gnade aufzunehmen, wenn ich mich mit ganzem und aufrichtigem Herzen wieder zu Ihm wende. Eben weil Gott gütig und so sehr gütig ist, ist es ein doppeltes Verbrechen, so große Güte zu beleidigen, so daß, je mehr du Gottes Güte, in welche du dein Vertrauen setzest, für groß hältst, um so größer auch die Sünde ist, die du wider sie begehest. Gerecht aber ist es, daß eine so schwere Sünde bestraft werde, denn es liegt in dem Wesen der göttlichen Gerechtigkeit – die nicht, wie du wähnest, Gottes Güte entgegen steht, sondern sich mit ihr verpaart und sie rächt – eine so ungeheure Beleidigung nicht ungestraft zu lassen.

Dieser frevelhafte Wahn, man könne deswegen, weil Gott barmherzig ist, unbesorgt fortsündigen, ist nichts Neues in der Welt, sondern etwas Gewöhnliches. Hierin bestand ehemals der Unterschied zwischen den wahren und falschen Propheten, daß jene dem Volke Drohungen Gottes verkündigten und Seine Gerechtigkeit mit den stärksten Farben schilderten, die falschen Propheten aber aus eigenem Antriebe fälschliche Versöhnung und Barmherzigkeit verhießen. Da aber nun Gottes Strafgerichte bewiesen, daß die Einen Wahrheit gesprochen, die Andern aber das Volk hintergangen hatten, so sprachen die wahren Propheten: „Wo sind eure Propheten, die euch weissagten und sprachen: Nicht wird der König Babylons über euch und dieses Land kommen?“ (Jer. XXXVII.)

Du sagst, Gottes Barmherzigkeit sei groß. Glaube mir, dir hat Gott die Augen nicht geöffnet, auf daß du die Größe Seiner Gerechtigkeit sehen mögest. Denn könntest du dieses, so würdest du mit dem Propheten ausrufen: „Wer kennet die Gewalt Deines Zornes, und misset Deinen Zorn in der Furcht vor dir?“ (Ps. LXXXIX. 11.) Damit du aber von diesem gefährlichen Irrthum befreit werdest, wollen wir diesen Gegenstand etwas näher betrachten.

Weder du noch ich haben die göttliche Gerechtigkeit gesehen, wie sie an sich selbst ist, um angeben zu können, wie weit sie sich erstrecke. Ja, wir kennen Gott Selbst in dieser Welt nicht anders, als aus Seinen Werken.

Wir wollen daher in jene geistige Welt, die uns die heilige Schrift offenbart, treten, und dann wieder in diese Körperwelt, in der wir leben, zurückkehren, um aus den Wahrnehmungen, die wir in beiden machen, auf die göttliche Gerechtigkeit schließen zu können. Wohl ist eine solche Betrachtung von großem Nutzen, denn außer dem Zwecke, den wir in Folge der gegenwärtigen Untersuchung damit verbinden, wird sie uns auch in einer andern Hinsicht nützlich sein, indem sie von neuem in unsern Herzen die Gottesfurcht erregt, die nach dem Ausspruch der Kirchenlehrer, der Schatz, Hüter und das Gleichgewicht unserer Seele ist.

Denn so wie ein Schiff ohne Ballast nicht sicher ist, indem es von jedem Winde hin und hergetrieben wird und jeder Gefahr blosgestellt ist, so ist auch die Seele immerdar gefährdet, wenn sie der Gottesfurcht entbehrt, die sie im Gleichgewichte hält, auf daß sie nicht von Menschengunst und den göttlichen Gnadenbezeugungen wie vom Winde dahingerissen werde und untergehe. So stark sie sich auch fühlen mag, so ist sie doch nicht ohne Gefahr, wenn ihr dieses Gewicht fehlt. Nicht aber die Jüngern allein, sondern auch die reifern Alters sind und Greise müssen nothwendiger Weise in dem Hause Gottes in Furcht leben; nicht allein die Sünder und Strafbaren, die wohl mit Recht in Furcht sein müssen, sondern auch die Gerechten, die weniger Ursache haben sich zu fürchten, dürfen doch nicht ohne Furcht sein. Die Sünder sollen sich fürchten, weil sie gesündigt haben, die Gerechten aber sollen sich in der Furcht erhalten, auf daß sie nicht sündigen: Jene müssen wegen der vergangenen Uebel, diese wegen der zukünftigen Gefahren mit Furcht erfüllt sein.

Wünschest du aber zu wissen, wie eine solche heilige Furcht in dir entstehe, so sage ich dir, daß, wenn sie durch die göttliche Gnade der Seele eingeflößt worden ist, sie durch die Betrachtung der Werke der göttlichen Gerechtigkeit, von denen wir jetzt handeln wollen, genährt wird und wächst. Lasse recht oft den Gedanken daran deine Seele beschäftigen, und du wirst finden, wie diese heilsame Furcht allmählig in dir zunimmt.

Fortsetzung folgt

In Originalschreibweise

Die Lenkerin der Sünder.
Verfaßt von
dem ehrwürdigen Vater
Ludwig von Granada
aus dem Prediger-Orden.

Erster Band.
Fünfte verbesserte Auflage.
Mit Approbation des hochwürdigsten General-Vikariats in Köln.
Aachen, 1853.
Verlag der Cremerschen Buchhandlung.
(Frz. Cazin.)

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