ETIKA

Luis von Granada

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18B2

Führer für Sünder

30.5.2015

18B2E3B

Von der göttlichen Strafgerechtigkeit in der Bibel

S. 52-57

Die Lenkerin der Sünder,
von dem ehrwürdigen Vater Ludwig von Granada, aus dem Predigerorden.
Erste Abtheilung,
enthaltend eine ausführliche Ermahnung zur Tugend und zur Beobachtung der Gebote Gottes.
Drittes Buch.
III. Kapitel.

§. 2. Von den Werken der göttlichen Strafgerechtigkeit, deren in der heiligen Schrift Erwähnung geschieht.

Das erste Werk der göttlichen Strafgerechtigkeit, dessen die heilige Schrift Erwähnung thut, ist die Verdammung der abgefallenen Engel. Der Anfang von Gottes Wegen zeigte sich in jenem schrecklichen, blutdürstigen Ungeheuer, dem Fürsten der Dämone, wie er im Buche Hiob beschrieben ist. Da aber alle Wege des Herrn Barmherzigkeit und Gerechtigkeit sind, so hatte sich bis zu jener ersten Sünde Gottes Strafgerechtigkeit noch nicht offenbart, sondern blieb im Busen des Herrn wie ein Schwert in der Scheide verborgen. Jene erste Sünde war aber Ursache, daß das Schwert herausgezogen wurde, und schrecklich war der erste Schlag, der damit geschah.

Denn siehe, der schönste Juwel im Hause Gottes, die vorzüglichste Zierde des Himmels, das herrlichste Bild, in welchem sich Gottes Schönheit abspiegelte, stürzte pfeilschnell aus dem Himmel und zwar um eines einzigen hochmüthigen Gedankens willen. Aus dem Fürsten aller Engel wurde der Fürst der Dämone, aus dem herrlichsten Gebilde Gottes das scheußlichste Ungeheuer; aus dem mit höchster Herrlichkeit Bekleideten das verworfenste Wesen; aus dem, der in Gottes Freundschaft am nächsten stand, wurde sein verhaßtester Feind! Welches Staunen mußte sich der himmlischen Geister bei dem Sturze dieses so begabten Wesens bemächtigen, da ihnen bewußt ist, was er war und was nunmehr aus ihm ward! Mußten sie in ihrem Schrecken nicht mit den Worten des Isaias ausrufen: „Wie bist du gefallen vom Himmel, du Morgenstern, der du des Morgens früh aufgingst?“ (Is. XIV, 12.)

Nun wirf einen Blick in das irdische Paradies, und du wirst einen Fall sehen, der nicht weniger schrecklich gewesen wäre, hätte Gott gegen das daraus entstandene Uebel kein Heilmittel angewendet. Denn fielen die Engel, so geschah es, weil sie wirklich gesündigt hatten, aber was kann ein Geschöpf, das erst noch geboren wird, verbrochen haben, daß es als ein Kind des Zornes geboren werden soll? Es braucht nicht selbst eine wirkliche Sünde begangen zu haben, sondern es reicht hin, daß es von einem Menschen abstamme, der gesündigt und dadurch den allgemeinen Stamm des menschlichen Geschlechtes, der von ihm ausging, verdorben hat; schon dieses, sage ich, reicht hin, daß das Kind mit Sünden auf die Welt komme. So unendlich groß ist Gottes Glorie und Majestät, daß, da ein einziges Geschöpf sich gegen sie vergangen hatte, das ganze Geschlecht verdiente, schwere Ahndungen dafür zu tragen.

Wenn, wie wir im Buche Esther lesen, Aman, jener Günstling des Königs Ahasverus, sich nicht blos damit begnügte, an dem Mardochäus, von dem er doch allein war beleidigt worden, Rache zu nehmen, sondern die ihm zugefügte Beleidigung, die darin bestand, daß jener ihm die schuldige Ehrerbietung versagt hatte, für so groß hielt, daß er sich durch die Vertilgung aller Juden glaubte rächen zu müssen: wie sollte es uns denn wundern, daß Gottes unendliche Majestät eine gleiche Strafe verlangte?

Der erste Mensch wurde also wegen des Genusses einer einzigen verbotenen Frucht aus dem Paradiese verstoßen, wofür noch bis auf den heutigen Tag die ganze Welt die Strafe trägt, und das Kind, das nach so vielen tausend Jahren geboren wird, bringt die Makel des Vaters mit auf die Welt und ist ein Kind des Zornes, nicht nur da, wo es wegen seines Alters noch nicht selbst sündigen kann, sondern vor seiner Geburt und, sage ich, nach Verlauf von so vielen tausend Jahren! Eine solche Beleidigung konnte nicht durch die Länge der Zeit in Vergessenheit gerathen, wiewohl sie unter Millionen Menschen getheilt und so oft wiederholt und mannigfach bestraft worden ist.

Ja, alle Leiden, welche die Menschen seit Anbeginn der Welt bis jetzt gelitten, alle die unzählbaren Tode, die sie befallen, alle Seelen, die auf ewig in der Hölle namenlose Qualen jetzt und in der Zukunft ertragen – sind ursprünglich nur Folgen jener ersten Sünde und Beweise und Zeugnisse der göttlichen Strafgerechtigkeit. Und selbst nachdem das menschliche Geschlecht durch das Blut unseres Heilandes Jesu Christi erlöst worden, geschieht dennoch alles dieses noch immer fort! Wäre aber dieses Rettungsmittel nicht angewendet worden, was würde dann wohl für ein Unterschied zwischen dem Menschen und den bösen Geistern sein, da der eine aus sich selbst eben so wenig Aussicht zur Rettung hatte, als die andern?

Scheinen dir diese Beweise der göttlichen Strafgerechtigkeit nicht hinreichend und für deine Vernunft genügend? Allein außer dem schweren Joche selbst, das die Kinder Addams zu tragen haben, entstanden auch daraus noch sonstige mannigfache Strafen wegen anderer Sünden, die aus jener ersten entsprangen:

·        Die ganze Erde wurde mit den Wassern der Sün(d, t)fluth überschwemmt;

·        über jene fünf Städte, die sich mit den schändlichsten Sünden befleckt hatten, ließ der Herr einen Feuerregen vom Himmel fallen (Anmerkung ETIKA: Achtung, Synodalen, in eurem eigenen Interesse!);

·        Dathan und Abiroa wurden von der Erde lebendig verschlungen wegen einer zwischen ihnen und Moises entstandenen Zwistigkeit. (Num. XVI.)

·        Die beiden Söhne Aarons, Nadab und Abjuh, verzehrte das Feuer des Herrn, weil sie beim Opfern nicht die gehörige Feierlichkeit beobachtet hatten, und weder ihre eigene priesterliche Würde, noch die Gottesfurcht ihres Vaters, noch die Huld, in welcher ihr Oheim Moises bei Gott stand, vermochten sie vor der Strafe zu schützen. (Lev. X.)

·        Ananias und Saphira, sein Weib, fielen todt nieder, weil sie den Petrus belogen hatten, so klein auch dieses Vergehen scheinen mag. (Apostelgesch. V.)

Was aber sollen wir von Gottes verborgenen Strafgerichten sagen?

·        Salomon, der weiseste unter allen Menschen und den Gott so sehr liebte, daß er deswegen der Geliebte des Herrn genannt wurde, verfiel durch einen unerforschlichen Rathschluß Gottes in die verabscheuungswürdigsten Ausschweifungen und allergrößte der Sünden, nämlich die Abgötterei. Was soll man wohl mehr fürchten als dieses?

Und dennoch – könnte man jene häufigen Strafgerichte, die täglich in der Kirche Gottes vollstreckt werden, erschauen, vielleicht würden uns diese nicht weniger in Angst und Furcht versetzen, als jenes, denn da würde man viele, die vorher gleich schönen Sternen am Himmel glänzten, von ihrer Höhe in grause Tiefe herunterfallen sehen; da würde man sehen, wie manche, die zuvor vom Brode der Engel am Tische des Herrn aßen, so tief in Niedrigkeit versinken, daß sie ihren Bauch mit Träbern, der Nahrung der Schweine, anzufüllen begehren; wie andere, deren Keuschheit reiner und lauterer als Gold war, sich so umwandeln, daß sie nur der werthlosen Kohle gleichen. Daß solche Menschen aber so tief fielen, daran waren ihre eigenen Sünden Schuld, denn Gottes Anordnung und Rathschluß legt den Menschen in ihren Werken keinen Zwang auf und  benimmt ihnen auch nicht das freie Wahlvermögen.

Doch welchen größern Beweis von der göttlichen Gerechtigkeit kannst du wohl verlangen, als daß Gott für die Ihm zugefügte Unbild und bevor Er die Welt wieder in Seine Gnade aufnahm, als die durch den Tod Seines eingebornen Sohnes geleistet wurde?

Welche Worte sprach der Heiland zu den Weibern, die jammernd Ihm zum Richtplatze folgten: „Ihr Töchter von Jerusalem, weinet nicht über Mich, sondern weinet über euch und eure Kinder. Denn siehe, die Tage kommen, die da sagen werden: Selig die Unfruchtbaren, und die Leiber, die nicht geboren, und die Brüste, die nicht gesäuget haben! Dann werden sie sprechen zu den Bergen: Fallet über uns! und zu den Hügeln: Bedecket uns! Denn wenn sie solches thun am grünen Holz, was wird´s mit dem dürren werden?“ (Luc. XXIII, 28-31). Gleichsam als wollte der Herr sagen: Wenn der Baum des Lebens und der Unschuld, den weder der Wurm zernagt, noch der Moder der Sünde verdorben hat, so für die Vergehungen Anderer in den Flammen der göttlichen Strafgerechtigkeit brennen muß: wie wird´s mit dem unfruchtbaren und verdorrten Baume gehen, den nicht die Liebe, sondern die eigne Bosheit zum Feuer verdammte? Und wenn man in diesem Werke der Barmherzigkeit eine solche strenge Gerechtigkeit erblickt, wie wird es mit andern Werken gehen, an denen so große Barmherzigkeit nicht Theil hat?

Bist du aber so stumpfsinnig, um die Kraft dieser Beweise nicht einzusehen, so betrachte man nur einmal die Strafen der Hölle, und du wirst sehen, wie schrecklich die göttliche Gerechtigkeit eine einzige Sünde bestraft; wie sie ein Vergehen, das in einer einzigen Minute begangen wurde, mit einer ewigdauernden Strafe belegt!

So vereint sich also mit jener Barmherzigkeit, auf die allein bauend du ungestraft fortsündigen zu dürfen glaubst, diese furchtbare Gerechtigkeit! Denn was ist schrecklicher, als den höchsten Herrn und Herrscher der Welten von dem Throne seiner Herrlichkeit auf eine Seele herabblicken zu sehen, die so viele tausend und abermal tausend Jahre die furchtbarsten Höllenqualen ertragen soll, ohne daß Er durch ihr Jammern und Flehen mehr erweicht werde und Sich ihrer erbarme; da es im Gegentheil Ihm zur Zufriedenheit und Genugthuung gereicht, daß die Strafe ohne Ende, ohne Ziel und ohne Hoffnung dereinstiger Erlösung sei! O schreckliche Tiefe der göttlichen Gerechtigkeit! O bewunderungswürdiges Geheimniß! O bodenloser Abgrund! Welcher Mensch könnte so vernunftlos sein, um bei dem Gedanken an so entsetzlich schwere Strafe nicht in seinem Innersten zu erschaudern und wie zermalmt zu werden!

(Anmerkung ETIKA: Lieber Luis von Granada: die meisten heutigen Menschen sind so tief gesunken, so oberflächlich und oft so böse, dass sie deinen Text gar nicht lesen, und wenn sie ihn lesen, dass sie solche direkten Warnungen ignorieren, als ob diese antiquiert oder nicht wahr seien, oder gar darüber spotten. Wie wenige etika.com-Leser werden wohl bei diesen Sätzen tatsächlich erschaudern und wie zermalmt werden! Glückliches Mittelalter! Die Menschen standen damals der Religion und Gott viel, viel näher.)

Fortsetzung folgt

In Originalschreibweise

Die Lenkerin der Sünder.
Verfaßt von
dem ehrwürdigen Vater
Ludwig von Granada
aus dem Prediger-Orden.

Erster Band.
Fünfte verbesserte Auflage.
Mit Approbation des hochwürdigsten General-Vikariats in Köln.
Aachen, 1853.
Verlag der Cremerschen Buchhandlung.
(Frz. Cazin.)

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