ETIKA

Luis von Granada

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18B2

Führer für Sünder

23.6.2015

18B2E3C

Von den in dieser Welt sichtbaren Werken der göttlichen Strafgerechtigkeit

S. 57-67

Die Lenkerin der Sünder,
von dem ehrwürdigen Vater Ludwig von Granada, aus dem Predigerorden.
Erste Abtheilung, enthaltend eine ausführliche Ermahnung zur Tugend und zur Beobachtung der Gebote Gottes. Drittes Buch. III. Kapitel.

§. 3. Von den in dieser Welt sichtbaren Werken der göttlichen Strafgerechtigkeit.

Doch lassen wir die heilige Schrift auf einen Augenblick bei Seite und treten in diese sichtbare Welt, worin wir die größten Beweise der göttlichen Strafgerechtigkeit auffinden werden. Ich kann dir als Wahrheit versichern, daß alle diejenigen, deren Vernunft auch nur vom dem kleinsten Strahl der göttlichen Erkenntniß erleuchtet wird, in banger Besorgniß in dieser Welt leben und die Wirkungen der göttlichen Strafgerichte fürchten, da sie darin keinen andern Ausweg finden, als ein demüthiges und einfaches Bekenntniß ihres Glaubens.

·        Wer aber sollte nicht beängstiget sein, wenn man sieht, wie der Erdkreis voll Ungläubigkeit ist, wie die Teufel eine so reiche Erndte an Seelen machen, womit sie die Hölle anfüllen, und wie endlich der größte Theil der Erde sogar nach der Erlösung des Menschengeschlechts wieder in die frühere Finsterniß zurückgefallen ist!

Denn wie wenig zahlreich ist die Christenheit, wenn wir dagegen die Völker rechnen, die noch im Unglauben leben, da das von den Christen bewohnte Land nur einen kleinen Theil der Erde ausmacht, die übrigen Theile sich aber unter der Herrschaft der Teufel befinden und unter der Tyrannei des Fürsten der Finsterniß seufzen!

Da glänzt nicht die Sonne der Gerechtigkeit, da leuchtet nicht das Licht der Wahrheit und der Thau der Gnade fällt nicht herab, so wie er auch nicht auf den Bergen Gelboe herabfällt, wo so viele Seelen eine Beute der Teufel werden, die sie ergreifen und in´s Feuer stürzen. Denn wie zur Zeit der Sündfluth keiner, der sich außer der Arche Noah´s befand, dem Untergange entging, und keiner von den Einwohnern von Jericho, außer der Rahab und denen, die in ihrem Hause waren, gerettet wurde: so ist es auch außer allem Zweifel, daß es keine Rettung für den gibt, der außerhalb des Hauses Gottes, welches die Kirche ist, aufgefunden wird.

·        Untersuchst du überdies diesen kleinen Theil der Erde, welchen die Christen einnehmen, genauer, so wirst du finden, wie schlecht es um die Christenheit steht, und wie an diesem mystischen Körper von der Fußsohle bis zum Scheitel kaum ein einziges gesundes Glied gefunden wird. (Is. I, 6.)

Wie manche Städte wirst du nicht auffinden, worin kaum noch einige Spuren der wahren Lehre angetroffen werden; wie manche Völker, auf die man mit vollem Recht jene Worte des Propheten anwenden kann: „Gehet auf den Gassen Jerusalems herum, und sehet, forschet und suchet in ihren Straßen, ob ihr einen Mann findet, der Recht thut und nach Glauben fragt, so will ich ihr gnädig sein.“ (Jer. V, 1.)

Sieh nur einmal nach, wie es in den Wohnungen deiner Nachbarn zugeht – geschweige denn an jenen  öffentlichen Orten, wo nur Trug und Schwelgerei und sonstige Lasterhaftigkeit herrscht. Forsche nur einmal nach und du wirst, wie Jeremias sagt, keinen finden, der etwas Gutes rede, sondern nur Verläumdungen, Falschheiten, Verwünschungen, Flüche und Gotteslästerungen vernehmen. Hier ertönt nur Zwist und Hader, dort nur Drohungen und Verunglimpfungen: „Keiner ist, der Buße über seine Sünden thue und spreche: Was hab´ ich gethan?“ (Jer. VIII, 6.)

Da wirst du durch Erfahrung dich selbst überzeugen, daß die Menschen an nichts Anderes denken, als an Dinge dieser Welt, von nichts Anderem reden, als wie sie ihr Hab und Gut vermehren sollen; wie bei allen ihren Werken Gottes gar keine Erwähnung geschieht, es sei denn in Flüchen, Verwünschungen und Lästerungen, über welche Art von Erinnerung an Seinen heiligsten Namen Sich der Herr durch seinen Propheten mit folgenden Worten beklagt: „Sie erinnern sich Meiner, aber nicht wie sie sollten, sondern indem sie fälschlich schwören in Meinem Namen“ (Zach. V, 4.); so daß man kaum dem äußern Scheine nach erkennen kann, ob es Christen sind oder Heiden; denn so wie man Glocken, in der Entfernung gesehen, wohl als solche erkennen kann, ihren Gehalt und Werth aber erst zu beurtheilen im Stande ist, wenn man sie hört: so erkennt man auch solche Menschen, die zwar den Namen Christen führen, für das, was sie sind, sobald man in der Nähe ihre Flüche und Gotteslästerungen vernimmt. Wie können aber solche jenen zugezählt werden, von denen Isaias sagt:  „Alle, die sie anschauen, werden sie kennen, daß sie der Samen sind, den der Herr gesegnet hat.“ (Is. LXI, 9.) Wenn also diesemnach das Leben der Christen so beschaffen sein soll, daß diejenigen, so es von Weitem anschauen, erkennen mögen, daß es Kinder Gottes sind: wofür sind denn die zu halten, die eher Spötter und Verächter Jesu Christi, als Seine Anhänger zu sein scheinen?

Gibt es also so zahlreiche und große Sünden in dieser Welt, wie solltest du darin die Wirkungen der göttlichen Strafgerechtigkeit nicht erkennen? Denn Niemand kann in Abrede stellen, daß – so wie es die höchste Wohlthat ist, die Gott dem Menschen angedeihen lassen kann, wenn Er sie vor Sünden bewahrt – es auch die größte Strafe ist und von dem offenbaren Zorne des Herrn zeugt, wenn Er erlaubt, daß der Mensch in die Sünde verfalle. So lesen wir im zweiten Buch der Könige, daß, als der Zorn des Herrn gegen Israel entbrannte, Er zugab, daß David in die Sünde des Hochmuths verfiel, indem er sein Volk zu zählen befahl. Auch im Buche, Ecclesiasticus genannt, wird, nachdem mancherlei Uebel aufgezählt werden, gleich darauf gesagt: „Dies Alles wird von den Barmherzigen weggenommen werden, und sie werden in die Sünden nicht verwickelt werden.“ (Eccl. XXIII, 16.) Denn so wie die Tugend in und durch sich selbst ihren Lohn findet, so ist es auch nicht selten eine Strafe der Sünde, daß Gott zgibt, daß sie in sich selbst ihre Strafe finde und aus einer immer mehrere entstehen.

So sehen wir, daß die größte Strafe, welche über das größte Verbrechen, das jemals in dieser Welt begangen wurde, in nichts Anderm bestand, als was der Prophet mit folgenden Worten gegen die Urheber dieser schrecklichen Frevelthat aussprach: „Laß sie aus einer Sünde in die andere fallen, und zu Deiner Gerechtigkeit (nämlich in die Beobachtung Deiner Gebote) nicht eingehen.“ (Ps. LXVIII, 28.) Und was ist die Folge davon? Dies erklärt der Prophet gleich darauf: „Sie sollen vertilgt werden aus dem Buche der Lebendigen, und zu den Gerechten nicht geschrieben werden.“ (Eb. 29.)

Ist es also eine so große Strafe und ein so hervorleuchtendes Zeichen des göttlichen Zornes, daß Gott die Sünde durch die Sünde bestraft, wie sollten dir denn die Beweise der göttlichen Strafgerechtigkeit bei den zahllosen Sünden, womit die Welt angefüllt ist, entgehen können? So wie diejenigen, die sich auf offener See befinden, nichts um sich sehen, als Himmel und Wasser, so wirst auch du, wenn du um dich blickst, überall nur Sünden sehen. Und du solltest darin nicht Gottes Strafgerechtigkeit erkennen? Offenbaret sie sich nicht gerade darin am unverkennbarsten, daß diese Welt nur ein Meer voll Sünden ist?

Ich brauche nicht erst in die Hölle hinabzusteigen, um mich von Gottes rächender Vergeltung zu überzeugen, da mir diese Welt schon hinreichende Beweise davon darbietet. Willst du aber durchaus blind für Alles sein, was dich umgibt, so betrachte nur dich selbst; denn bist du in Sünden befangen, so ist das Schwert der göttlichen Gerechtigkeit über dir gezückt, und so lange du ungestraft fortlebest, so lange – je länger aber desto mehr – bist du davon bedroht. In diesem elenden Zustande befand sich auch der heilige Augustinus eine Zeit lang, wie er von sich selbst mit folgenden Worten bezeugt: „Versenkt war ich in das Meer meiner Süünden, und Dein Zorn hing schwer über mir und ich wußte es nicht. Betäubt ward ich durch das Kettengeklirr meiner Sterblichkeit, ich sah nicht Deinen Zorn und erkannte nicht meine Schuld, und dies war die Strafe für meine Schuld.“ (Conf. II. II, 2.)

Wenn also Gott dich mit solcher Strafe belegt, indem Er erlaubt, daß du so tief im Sündenschlamme versenkt seiest und, von deinen eigenen Frevelthaten umringt, sie dennoch nichts sehest: wie vermagst du dann länger einen so widerwärtigen Zustand als gefahrlos zu betrachten? Wer der Barmherzigkeit Gottes würdig ist, der preise sie und berufe sich auf sie; wer aber die Strenge der göttlichen Gerechtigkeit fühlt, der rede auch von dieser Gerechtigkeit. Wenn Gottes Barmherzigkeit so langmüthig dich in Sünden fortleben läßt, warum sollte Seine Gerechtigkeit nicht auch zugeben, daß du in die Hölle stürzest? O möchtest du einsehen, wie kurz der Weg von der Schuld zur Strafe, von der Gnade zur Verherrlichung ist! Ist es eine richtige Folge, daß der in der Gnade lebende Mensch zur ewigen Glückseligkeit gelangt, warum sollen wir uns denn wundern, wenn der in Sünden Lebende am Ende zur Hölle hinabgestoßen wird? Die Gnade ist der Ursprung und die Gewährschaft der ewigen Glückseligkeit; die Sünde aber ist der Weg zur Hölle, und die Hölle ihr Lohn.

Was muß uns übrigens mehr mit Schrecken erfüllen, als daß, obwohl die Strafen der Hölle so schrecklich sind, Gott dennoch zugibt, daß die Zahl der Verdammten so groß, die der Auserwählten hingegen so klein sei! Wie klein aber die Zahl der letztern ist, verkündigt dir – im Falle du in meine Worte Zweifel setzen möchtest – Derjenige Selbst, Der „zählet die Menge der Sterne und sie alle mit Namen benennet.“ (Ps. CXLVI, 4.)

Wen erfaßt nicht Entsetzen und Beben, wenn er jene Worte vernimmt, die zwar Allen bekannt sind, allein entweder nicht verstanden oder nicht oft genug beherzigt werden? Als nämlich der Heiland gefragt wurde, ob deren wenige seien, die selig werden, sprach er: „Gehet ein durch die enge Pforte, denn weit ist die Pforte und breit der Weg, der zum Verderben führet, und ihrer sind viele, die darauf wandeln. Wie eng ist  die Pforte, und der Weg wie schmal, der zum Leben führet! Und wenige sind, die ihn finden!“ (Matth. VII, 13, 14, Luk. XIII, 23.)

Als durch die Sündfluth die ganze Erde überschwemmt wurde, entgingen nur echt Personen dem allgemeinen Verderben, wodurch uns, wie der heilige Petrus andeutet (I. Petr. III.), ein Gegenbild von der geringen Zahl derjenigen gegeben wird, die, im Vergleich mit denen, die verloren gehen, zur ewigen Seligkeit gelangen. Sechsmal hundert tausend Menschen führte der Herr aus Egypten in die Wüste, um sie in´s gelobte Land zu bringen, wobei die Weiber und Kinder nicht einmal mitgezählt waren; obgleich aber Gott ihnen auf dieser Wanderung auf vielfältige Weise beistand, so verloren sie doch durch ihre Schuld das Land, welches der Herr ihnen in Seiner Gnade verheißen hatte, indem von diesen Hunderttausenden nur zwei das gelobte Land erreichten. Dieses legen beinahe alle Kirchenväter so aus, daß uns dadurch angedeutet werden soll, wie groß die Zahl der Verdammten im Vergleich mit den wenigen ist, welche die ewige Seligkeit erlangen, oder daß „viele berufen sind, aber wenige auserwählt.“

II

Aus dieser Ursache werden die Gerechten in der heiligen Schrift häufig Juwelen und Edelsteine genannt, um dadurch anzudeuten, daß sie eben so selten wie diese in der Welt sind, und ihre Anzahl sich zu den Lasterhaften verhält, wie die Anzahl der Edelsteine zu den gewöhnlichen Steinen. Dasselbe bestätigt auch Salomon, wenn er sagt, daß die Zahl der Narren unendlich sei. (Eccli. I.)

Ist aber die Zahl der Guten so gering, wie wir uns aus Allem überzeugen können, und werden so viele durch ein gerechtes Strafgericht Gottes der ewigen Seligkeit, zu der sie geboren wurden, verlustig: warum befürchtest du nicht, ebenfalls in dieser gemeinschaftlichen Gefahr und allgemeinen Sündfluth unterzugehen? Wäre die Zahl der Gerechten so groß wie die der Verworfenen, so würde noch immerhin Grund genug zur Besorgniß vorhanden sein. Doch was sage ich so groß! ja, die ewigen Höllenstrafen sind so furchtbar schrecklich, daß, wenn auch nur ein einziger aus dem ganzen menschlichen Geschlechte zu denselben verdammt würde, uns dies schon im höchsten Grade mit Schaudern und Entsetzen erfüllen würde.

Als der Heiland mit Seinen Jüngern das letzte Abendmahl hielt und zu ihnen sprach: „Einer unter euch wird mich verrathen“ (Matth. XXVI, 21.), da wurden sie alle sehr betrübt und mit Schrecken erfüllt, obgleich ihr Inneres sie, mit Ausnahme eines einzigen, von solcher Schuld freisprach. Denn ist ein bevorstehendes Uebel sehr groß, wenn es auch nur wenige oder einen einzigen treffen soll, so fühlt sich doch jeder beängstigt, es möge ihn treffen. Wenn auf einem weiten Felde eine große Menschenmenge versammelt und allen durch göttliche Offenbarung kund gethan wäre, daß in wenigen Augenblicken ein Blitzstrahl vom Himmel herabfahren und einen von ihnen erschlagen werde, so würde gewiß ein Jeder in der größten Besorgniß um sich sein.

Um wie viel mehr würde er sich aber fürchten, wenn er gewiß wäre, daß mehrere zugleich vom Blitze würden getroffen werden. Nun aber sage mir, o Mensch, der du in irdischen Dingen so große Klugheit an Tag legest, in der wichtigen Angelegenheit deines ewigen Heiles aber so unerfahren bist, hat dir Gott jemals offenbart, wie viele und welche das Schwert der göttlichen Strafgerechtigkeit treffen werde? Weißt du dieses nicht, so wirst du noch viel weniger wissen, wie viele und welche diesem Unglück entgehen und zu welchen von beiden du gehören werdest. Und dennoch fürchtest du dich nicht? Glaubst du, das Unglück, in die Hölle gestürzt zu werden, sei weniger zu befürchten, als der Blitzstrahl? Hat Gott dir ausnahmsweise Sicherheit ertheilt oder einen besonderen Schutzbrief bewilligt, wodurch du vor solchem Unfalle befreit bist? Bis jetzt glaube ich nicht, daß dir etwas Aehnliches verheißen worden, im Gegentheil verdammen dich deine Werke, und nach dem Laufe der Gerechtigkeit bist du - wofern du dein Leben nicht änderst  - verworfen. Und du solltest dich nicht fürchten? –

Du sagest, die göttliche Barmherzigkeit stärke deine Hoffnung. Diese Barmherzigkeit steht aber der Gerechtigkeit Gottes keineswegs entgegen und stört nicht ihren Gang; denn läßt die göttliche Barmherzigkeit es geschehen, daß so viele verdammt gehen, warum sollte sie nicht auch zulassen, daß du zu dieser Anzahl gehörest, da du wie sie gesündigt hast? – Siehst du nicht, daß deine unselige Eigenliebe dich verblendet und täuscht, da sie dich ganz andere Dinge vermuthen läßt, als sie in der ganzen Welt geschehen? Welches Vorrecht ist dir denn vor den übrigen Menschenkindern gegeben worden, daß du nicht denselben Weg wandern solltest, den alle diejenigen haben gehen müssen, deren Werke du nachahmest?

Wenn wir aber Gott aus seinen Werken kennen lernen, so kann ich dir noch sagen, daß, wiewohl sich vielfache Vergleichungen zwischen Gottes Barmherzigkeit und Seiner Gerechtigkeit anstellen lassen, und erstere meistentheils letztere überwiegt, es uns doch nicht entgehen kann, wie in der Nachkommenschaft Adams, von dem auch du abstammest, bei weitem mehr Gefäße des Zorns, als der Erbarmung aufgefunden werden, da so viele verdammt gehen, so wenige aber die ewige Seligkeit erlangen, was aber nicht daher rührt, weil sie Gottes Gnade und Beistand entbehren, - denn „der Heiland will“ – wie der Apostel sagt – „daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntniß der Wahrheit gelangen,“ – (I. Tim. II, 4.) – sondern weil sie sich selbst nicht helfen und die Gnade Gottes nicht benutzen wollen.

Alles dieses habe ich dir deswegen so ausführlich vorgetragen, damit du wissen mögest, daß, wenn Gott, unbeschadet Seiner Barmherzigkeit, zugibt, daß es so viele Ungläubigen und in Seiner Kirche so viele schlechte Christen gibt, und von denselben so viele verloren gehen, Er auch zugeben wird, daß auch du mit ihnen verloren gehest, wenn dein Lebenswandel wie der ihre beschaffen ist. Oder wähnest du etwa, die Himmel haben bei deiner Geburt gefrohlockt, oder Gott werde Seine Strafgerichte und die Gesetze des Evangeliums zu deinen Gunsten abändern und deinetwillen eine andere Weltordnung eintreten lassen, als sie für die übrigen Menschen ist?

Ist es aber der göttlichen Barmherzigkeit nicht entgegen, daß die Hölle sich so sehr erweitere und täglich so viele tausend Seelen von ihr verschlungen werden: wie kannst du denn glauben, deine Seele allein werde nicht hineingestürzt werden, obgleich du in deinen Missethaten beharrest? –

Damit du auch nicht einwenden mögest, Gott habe uns vorhin Seine Strenge gezeigt, sei aber jetzt milde und leichtversöhnlich, so bedenke, daß Er selbst bei Seiner Milde und Nachgiebigkeit doch alles das, was wir oben angeführt haben, geschehen läßt, und für dich keine Ausnahme statt finden wird, sondern auch deiner gleiche Strafen warten, wenn du auch den Namen Christi führst, aber als Sünder aufgefunden wirst. Oder wähnst du, Gottes Ruhm werde sich dadurch mindern, wenn Er dich verdammt? Hast du denn ein besonderes Vorrecht vor den andern voraus, wodurch Gott Sich bewogen fühlen könnte, dich, so wie du bist, ohne Rücksicht auf deine Werke, aufzunehmen? Bedenke, daß, obgleich Gott den Söhnen Davids wegen der besonderen Verdienste ihres Vaters mancherlei Vorrechte gestattet hatte, Er doch nicht zugab, daß ihre Vergehungen ungestraft blieben, da Er im Gegentheil mehrere derselben ein schlimmes Ende nehmen ließ.

Auf welche Hoffnung wagst du dich also noch zu stützen, und wie kannst du erwarten, du werdest nicht zu Grund gehen, da doch jene, mit denen du dich gleicher Missethaten schuldig machst, nicht verschont blieben, wiewohl sie bei weitem mehr als du berechtigt sein durften, dieses zu erwarten? O du irrest recht sehr, wenn du glaubest, dies sei auf Gott hoffen; das ist keine Hoffnung, sondern falsche Zuversicht, denn die Hoffnung besteht darin, daß du vertrauungsvoll erwartest, Gott werde dir, wofern du wahre Reue empfindest und dich vom Bösen abwendest – ein so großer Sünder du auch übrigens gewesen sein magst – alle deine Sünden nachlassen und dich wieder in Gnaden aufnehmen.

Eine falsche Zuversicht ist es aber, zu glauben, du werdest, obgleich du in deinen Sünden beharrest, dennoch zur ewigen Seligkeit gelangen. Denke nicht, dies sei eine kleine Sünde, da sie nur unter diejenigen gezählt wird, welche man Sünden wider den heiligen Geist nennt, denn wer auf falsche Zuversicht baut, begeht eine schwere Beleidigung und Lästerung gegen die göttliche Güte, die besonders dem heiligen Geiste zugeschrieben wird. Diese Sünden werden aber nach dem Zeugnisse des Heilandes weder in dieser noch in jener Welt nachgelassen, wodurch uns Christus andeuten will, wie schwer es hält, wegen solcher Vergehungen Verzeihung zu erlangen, da derjenige, der sie begeht, der Gnade den Eingang in sich verschließt und des Arztes spottet, der doch allein das Leben verleihen und unsere Wunden heilen kann.

In Originalschreibweise

Die Lenkerin der Sünder.
Verfaßt von
dem ehrwürdigen Vater
Ludwig von Granada
aus dem Prediger-Orden.

Erster Band.
Fünfte verbesserte Auflage.
Mit Approbation des hochwürdigsten General-Vikariats in Köln.
Aachen, 1853.
Verlag der Cremerschen Buchhandlung.
(Frz. Cazin.)

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