ETIKA

Luis von Granada

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18B2

Führer für Sünder

17.8.2015

18B2E3D

Du hast kein Recht auf Gottes Barmherzigkeit

S. 67-71

Die Lenkerin der Sünder,
von dem ehrwürdigen Vater Ludwig von Granada, aus dem Predigerorden.
Erste Abtheilung, enthaltend eine ausführliche Ermahnung zur Tugend und zur Beobachtung der Gebote Gottes. Drittes Buch. III. Kapitel.

§. 4. Beschluß alles dessen, was in dem gegenwärtigen Kapitel gesagt worden ist.

Lassen wir nunmehr diesen Gegenstand mit dem Ausspruch des weisen Sirach beschließen, also lautend:

„Sei nicht ohne Furcht über die vergebenen Sünden, häufe nicht Sünde auf Sünde! Sprich auch nicht: Die Barmherzigkeit des Herrn ist groß, Er wird die Menge meiner Sünden aus Erbarmung verzeihen. Denn Barmherzigkeit und Zorn werden geschwind von Ihm herannahen, und Sein Zorn siehet auf die Sünder.“ (Eccl. V, 5-7.)

Wenn wir diesemnach sogar wegen vergebener Sünden voll Furcht sein sollen, wie kannst du so unbesorgt sein, da du doch täglich Sünde auf Sünde häufest? Bedenke wohl, was der Weise sagt: „Sein Zorn siehet auf die Sünder,“ denn in diesem Aussprich liegt Alles, was wir oben gesagt haben.

Wiewohl sich Gottes Barmherzigkeit auf die Gerechten wie auf die Ungerechten d. i. die Sünder ausdehnt, indem Er diese zu Sich ruft und ihrer Bekehrung harret, jene aber beschützet und beschirmt, so beziehen sich nichtsdestoweniger die hohen Gnaden und ausgezeichneten Wohlthaten, welche in der heiligen Schrift den Menschen verheißen werden, insbesondere auf die Gerechten, die mit gleicher Treue von Gott geleitet und beschützt werden, als sie treu des Herrn Gebote beobachteten.

Er erfüllt getreulich die ihnen gethanen Verheißungen und zeigt Sich ihnen in gleichem Maaße als wahrer Vater, wie sie sich Ihm als folgsame Kinder erweisen. Was wir hingegen in der heiligen Schrift von Drohungen, Verfluchungen und der göttlichen Strafgerechtigkeit lesen, bezieht sich hauptsächlich auf die Lasterhaften und die wie du ihnen nachahmen.

Wie groß ist also die Verblendung und Gefühllosigkeit, wenn du durch so viele dir gemachten Drohungen nicht aufgeschreckt wirst und dich mit Versprechungen tröstest, die dir nicht gegeben worden sind! Das erwäge vor Allem, o Unglückseliger, was in Bezug auf dich und deines Gleichen gesagt worden ist, und maße dir nicht dasjenige an, was nur dem Gerechten galt!

·        Dir gilt der Zorn, darum fürchte;

·        den Gerechten aber die Liebe, darum mögen sie frohlocken und ohne Besorgniß sein.

Verlangst du noch fernere Beweise dieser Wahrheit, so vernimm, was David sagt:

„Die Augen des Herrn sehen auf die Gerechten und Seine Ohren leihen sich ihren Bitten. Aber das Antlitz des Herrn ist wider die Uebelthäter, um ihr Gedächtniß zu tilgen von der Erde.“ (Ps. XXXIII, 16. 17.)

Einen ähnlichen Ausspruch finden wir im Buche Esdras:

„Die Hand unseres Gottes“ – heißt es daselbst – „ist über Allen, die Ihn suchen im Guten. Und Seine Macht, Seine Stärke und Sein Grimm über Allen, die ihn verlassen.“ (I. Esd. VIII, 22.)

Wie also kannst du es wagen, noch länger in deinen Sünden zu verharren? Wie kannst du dich länger selbst täuschen und noch ferner zögern? Beziehe nicht auf dich die Verheißungen der Barmherzigkeit und Milde, die du in der heiligen Schrift findest, denn so lange du in diesem Zustande der Verdammniß bleibst, spricht die göttliche Liebe und Huld in ihrer unendlichen Lieblichkeit nicht zu dir. Für Jakob ist dieser Theil bestimmt, nicht für Esau; nur den Guten fällt dieses Glück anheim, du aber, der Uebels thut, hast kein Recht daran.

Höre auf, ein Sünder zu sein, und du darfst auch auf dich beziehen, was Gottes Güte spricht; laß ab von deinem lasterhaften Leben, und Seine väterliche Huld wird sich zu dir neigen und Seine Vorsehung dich beschützen. Thust du es aber nicht, so willst du gewaltsamer Weise das Gut Anderer an dich reißen. „Hoffe auf den Herrn“ – sagt David – „und thue Gutes!“ (Ps. XXXVI, 3.) Und an einer andern Stelle: „Opfert ein Opfer der Gerechtigkeit und hoffet auf den Herrn.“ (Ps. IV, 6.)

Dies ist die beste Art zu hoffen, aber nicht, indem man von Gottes Barmherzigkeit Mißbrauch macht und, während man in Sünden verharret, in den Himmel zu kommen hofft.

Soll deine Hoffnung gut sein, so fliehe die Sünde und wende dich zu dem Herrn. Fährst du aber fort, ein lasterhaftes Leben zu führen, so gründet sich deine Hoffnung auf nichts und ist nur falsche Zuversicht; es heißt dies nicht auf Gottes Barmherzigkeit hoffen, sondern sie vielmehr lästern. Denn so wie die Kirche von keinem Nutzen für diejenigen ist, die aus ihr heraustreten und ihre Lehren nicht beachten, sondern sich einem sündvollen Leben hingeben: so ist es auch gerecht, daß Gottes Barmherzigkeit jenen nicht nutze, die, sich auf sie stützend, zu freveln fortfahren.

·        Dies sollten besonders die Verkündiger des Wortes Gottes wohl beherzigen, da sie, ohne zu bedenken, vor wem sie reden, über dem Verkündigen von Gottes Barmherzigkeit Dessen Gerechtigkeit zu vergessen scheinen, woraus denn die Lasterhaften Gründe herzunehmen suchen, in ihren Missethaten fortzufahren. (Anmerkung: Papst Franziskus und seinen Kardinälen und Bischöfen ins Stammbuch!)

Wohl sollten sie beachten, daß, gleichwie es einem entkräfteten und krankhaften Körper um so größern Nachtheil bringt, je mehr er sich mit Speisen überladet, auch ein in Sünden verhärtetes Gemüt, je mehr es durch solche fälschliche Zuversicht genährt wird, um so mehr sich verhärtet und in seinen Sünden zu verharren Veranlassung nimmt.

Zum Schlusse wollen wir nun noch den folgenden Ausspruch des heiligen Augustin hersetzen:

Durch ihr Hoffen und durch ihr Verzweifeln gehen die Menschen zu Grunde: Durch ihr eitles und trügerisches Hoffen im Leben, und noch mehr durch ihr Verzweifeln im Tode.“

Darum, o mein christlicher Bruder, laß fahren jene anmaßende und grundlose Hoffnung und bedenke, daß Gott ebenso so gerecht als barmherzig ist.

So wie, wenn du zu Seiner Barmherzigkeit aufblickst, du hoffen darfst, so sollst du auch fürchten, wenn du Seine Gerechtigkeit betrachtest.

Denn, wie der heilige Bernhard sagt, Gott hat zwei Füße, der eine ist die Barmherzigkeit, der andere die Gerechtigkeit, von beiden sollen wir aber nicht einen allein umfassen, damit die Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit uns eben so wenig nur fürchten lasse, als die Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit den Menschen Veranlassung gebe, in einem sündhaften Leben fortzufahren.

In Originalschreibweise

Die Lenkerin der Sünder.
Verfaßt von
dem ehrwürdigen Vater
Ludwig von Granada
aus dem Prediger-Orden.

Erster Band.
Fünfte verbesserte Auflage.
Mit Approbation des hochwürdigsten General-Vikariats in Köln.
Aachen, 1853.
Verlag der Cremerschen Buchhandlung.
(Frz. Cazin.)

Leider keine Angabe des Übersetzers.

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