ETIKA

Luis von Granada

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Führer für Sünder

1.10.2016

18B2F10

Lässliche Sünden

S. 218-220

Die Lenkerin der Sünder,
von dem ehrwürdigen Vater Ludwig von Granada, aus dem Predigerorden.
Aachen 1853
Zweite Abtheilung,
Erstes Buch.
X. Kapitel.

Von den läßlichen Sünden.

Wiewohl diejenigen Sünden. vor welchen wir bis jetzt gewarnt haben, die hauptsächlichsten sind, so soll man doch den übrigen, läßlichen Sünden deswegen nicht die Zügel schießen lassen. Im Gegentheil beschwöre ich dich bei der Barmherzigkeit Gottes, nicht zu jenen gehören zu wollen, die, wenn sie hören, daß irgend ein Vergehen keine Todsünde ist, es sogleich ohne das geringste Bedenken begehen. Sei eingedenk das Ausspruches der Weisen: „Wer das Geringere nicht achtet, verfällt nach und nach in das Größere.“ (Eccli. XIX, I.)

Erinnere dich des Sprüchwortes: Weil der Nagel fehlte, ging das Hufeisen verloren, und weil das Hufeisen fehlte, ging das Pferd und durch dieses der Reiter zu Grunde. Wenn ein altes Haus den Einsturz droht, so zeigt sich dieses zuerst an kleinen Stückchen, die abbröckeln und fallen, was so lange fortdauert, bis endlich das ganze Gebäude zusammenstürzt.

Ist es auch wahr, daß sieben tausend läßliche Sünden noch keine Todsünde ausmachen, so ist es nicht weniger der Wahrheit gemäß, was der heilige Augustin sagt:

·        „Verachte nicht die läßlichen Sünden, weil sie klein sind,  sondern fürchte sie, weil sie zahlreich sind, denn kleinere Thiere, wenn ihre Anzahl groß ist, tödten öfters auch. So klein auch Sandkörner an sich sind, so vermag doch ihre Menge ein Schiff in den Grund zu senken; und schwellen die Regentropfen, so klein sie auch sind, die Flüsse nicht an und stürzen ganze Häuser zusammen? Von der Menge also, nicht von der Größe, ist der Fall zu befürchten.“

Und zwar nicht, weil viele läßliche Sünden eine Todsünde ausmachen, sondern weil sie zu einer solchen vorbereiten und nicht selten darein verfallen lassen. Auch ist es nicht weniger wahr, was der heilige Gregorius sagt: „Ein geringeres Vergehen kann oft eine größere Schuld herbeiführen als ein schwereres.“ Denn ist eine Sünde an sich groß, so erkennt derjenige, der sie begangen, desto eher seine Schuld und sucht sich zu bessern; eine kleinere hingegen wird beinahe als gar klein angesehen, daher sie um so schlimmer ist, als sie sorgloser und häufiger begangen wird.

So klein auch übrigens die läßlichen Sünden, so verursachen sie doch der Seele einen großen Schaden; denn sie benehmen ihr die Andacht, stören den innern Frieden, löschen die Flamme der Liebe Gottes aus, schwächen das Herz, rauben dem Geiste seine Kräfte, zerstören den Eifer des christlichen Lebens und widerstehen endlich in gewissem Maaße dem heiligen Geiste und hindern Ihn, in uns zu wirken. Wir müssen uns daher alle mögliche Mühe geben, sie zu fliehen, denn kein Feind ist so schwach, der, wenn er nicht geachtet (beachtet) wird, uns nicht verletzen könnte.

Wünschest du nun zu wissen, worin die läßlichen Sünden bestehen, so will ich es dir sagen, nämlich: in einem geringern Grade des Zornes, der Unmäßigkeit und Eitelkeit; in unnützen Worten und Gedanken; in übertriebenem Lachen und Scherzen; in nutzloser Verschwendung der Zeit; in zu langem Schlafen; in kleinern Lügen und ungegründeten Schmeicheleien und dergleichen mehr.

Wir haben demnach dreierlei Arten von Sünden: erstens solche, welche gewöhnlich läßliche Sünden sind, und drittens solche, die in der Mitte liegen, da sie bisweilen Todsünden, bisweilen nur läßliche Sünden sein können.

Alle diese müssen wir zu meiden trachten, besonders die mittlern, am meisten die Todsünden, denn durch diese allein wird der Friede zwischen Gott und den Menschen zerstört und und alle Gnadengüter nebst den eingegossenen Tugenden gehen verloren, wenn auch übrigens der Glaube und die Hoffnung noch bleiben, es sei denn, daß sie durch ihnen entgegengesetzte Handlungen vernichtet würden.

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