ETIKA

Luis von Granada

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Führer für Sünder

15.5.2015

18B2F4A

Mittel gegen die Unkeuschheit

S. 173-179

Die Lenkerin der Sünder,
von dem ehrwürdigen Vater Ludwig von Granada, aus dem Predigerorden.
Zweite Abtheilung,
Erstes Buch.
IV. Kapitel.

Mittel gegen die Unkeuschheit.

Die Unkeuschheit ist eine unordentliche Begierde nach fleischlicher Lust. Unter allen Lastern ist dies eins der allgemeinsten und häufigsten und das sich am heftigsten und unbezwingbarsten zeigt, denn kein Kampf ist für den Christen schwerer, als den er mit der Unkeuschheit zu bestehen hat, da er beinahe unaufhörlich fortdauert und der Sieg darüber selten ist.

Wenn also dieses schändliche und schmutzige Laster sich in dir regt und deinen Sinn zu berücken sucht, so tritt ihm mit folgenden Betrachtungen entgegen.

Zuerst bedenke, daß dieses Laster nicht allein die Seele befleckt, welche der Sohn Gottes mit Seinem eigenen Blute gereinigt hat, sondern auch den Körper, in welchen der allerheiligste Leib Jesu Christi und Sein überaus kostbares Blut wie in eine geheiligte Wohnung aufgenommen wird. Ist es daher schon ein schweres Verbrechen, eine materielle Kirche Gottes zu entweihen: welcher schändliche Frevel muß es sein, diesen Tempel, den Gott zu Seiner lebendigen Wohnung erwählt, zu verunreinigen! „Denn jede Sünde,“ – sagt der Apostel, - „die der Mensch thut, ist außer dem Leibe; wer aber Unzucht treibt, der sündiget wider seinen eigenen Leib.“ (I. Kor. VI, 18)

Bedenke, daß diese Sünde nicht begangen wird, ohne daß mehrere Personen dabei Aergerniß und Schaden nehmen, wodurch das Gewissen in der Stunde des Todes sich äußerst schwer wird bedrückt fühlen. Denn wenn das Gesetz des Herrn befiehlt, Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn zu geben: wie wird derjenige, der so viele Seelen, die Jesus Christus mit Seinem eigenen Blute wieder an sich gekauft hatte, in´s Verderben stürzt – wie wird der Gott hinlängliche Genugthuung leisten können?

So genußbringend und freudenvoll auch dieses Laster im Anfange scheint, so ist doch das Ende desselben äußerst bitter; auf eine leichte Weise schleicht es sich bei uns ein, aber sind wir einmal darin verwickelt, so hält es sehr schwer, sich davon los zu machen: „Eine tiefe Grube ist die Buhlerin, und ein enger Brunnen das fremde Weib.“ (Sprüchw. XXXIII, 27.) Leicht ist der Eingang zu demselben, aber schwer ist es herauszukommen. Wirklich giebt es nichts, wodurch die Menschen sich leichter fangen lassen, als durch dieses verlockende Laster, das im Beginnen so süß und angenehm zu sein scheint; sind sie aber einmal von demselben umstrickt, wer vermag sie alsdann davon loszubringen! Daher es auch mit Recht mit einem Fischernetz verglichen wird, in welches die Fische leicht gerathen, aber alsdann nicht mehr heraus können.

Hieraus ist leicht zu ermessen, welche Menge von Sünden aus diesem einzigen Laster entspringen, da von dem Augenblick an, wo es entsteht und nun durch alle mögliche Mittel seinen schändlichen Zweck zu erreichen sucht, bis zur wirklichen Ausübung des Frevels Gott auf tausendfache Weise in Gedanken, Begierden, Worten und Werken beleidigt wird.

Bedenke auch, welche zahllosen sonstigen Uebel diese verführerische Pest nach sich zieht.

Zuerst befleckt sie den guten Ruf und raubt die Ehre, die unter allen Dingen dem Menschen am schätzbarsten ist, denn von allen Lastern ist keines, das so große Schande zur Folge hat, wie das Laster der Unzucht.

Außerdem entnervt es auch die Kräfte des Menschen, raubt ihm seine natürliche Schönheit, untergräbt die Gesundheit des Körpers, erzeugt zahllose Krankheiten, die eben so eckelhaft als schändlich sind; es nagt an der Blüthe der Jugend und macht sie welken vor der Zeit; es führt ein frühzeitiges Greisenalter herbei; zerstört die Kräfte des Geistes, stumpft die Schärfe des Verstandes ab und macht den Menschen dem vernunftlosen Thiere gleich.

Es hält ihn endlich von allen edlern Thaten und Bestrebungen ab und stürzt ihn in ein Meer viehischer Lüste, so daß er nicht dazu kommen kann, an etwas zu denken oder von etwas Anderm zu reden, als was sich auf sein schändliches Treiben bezieht.

Die Jugend macht es stumpfsinnig und ehrlos und das höhere Alter lächerlich.

Indessen begnügt sich dieses Laster nicht blos damit, die Menschen selbst an Leib und Sele zu verderben, sondern es raubt ihnen ebenfalls ihr Vermögen und bringt sie auch in dieser Hinsicht zum Untergange; denn kein Reichthum ist so groß, kein Schatz so überfüllt, den Liederlichkeit nicht in kurzer Zeit durchbrächte, da sich mit einem buhlerischen Leben jederzeit auch Ueppigkeit und Schlemmerei verpaart. Daher sind die der Unzucht ergebenen Meenschen beinahe immer verschwenderisch und stets darauf bedacht, wie sie in Sauf- und Festgelagen ihren Gaumen kitzeln und durch große Kleiderpracht äußerlich prunken sollen. Durch nichts wird aber Reichthum geschwinder vergeudet, als durch Fraß, Trunkenheit und Kleiderpraht.

Ein buhlerisches Weib ist unersättlich; so viele Kostbarkeiten, Juwelen, Halsgeschmeide, Ringe und was sonst noch man ihr schenken mag – sie hat niemals genug.

In der vorliegenden Übersetzung fehlt der Satz: Und sie liebt mehr diese Geschenke als die Liebhaber selbst, von denen sie kommen.

Was ein ausschweifendes Leben für Folgen hat, ersehen wir aus dem Beispiele des verlorenen Sohnes, von dem es in dem Evangelium heißt: „Er brachte durch sein ausschweifendes Leben all sein Vermögen durch.“ (Luk. XV, 13.)

Bedenke ferner, daß, je öfter du dich in Gedanken und Werken der fleischlichen Lust hingiebst, je weniger Ersättigung du darin finden wirst; denn die Wollust ist unersättlich und ihr Hunger wird nur immer größer, da der sinnliche Trieb niemals erlöscht, im Gegentheil, wenn man ihn oft für ganz erloschen hält, mit neuer Gluth wieder erwacht.

Auch das bedenke, daß ein solches sinnliches Vergnügen nur einen Augenblick, die Strafe aber, die es zur Folge hat, ewig fortdauert. Fürwahr! zu ungleich ist der Tausch, für eine so kurze Zeit dauernde, schmähliche Lust in diesem Leben die Freude eines guten Gewissens und im zukünftigen ewigen Ruhm zu verlieren, und dabei noch endlose Strafen  zu ertragen zu haben! Mit Recht sagt der heilige Gregorius:

„Augenblicklich ist das, was ergötzt, aber ewig das, was quält.“

Betrachte dagegen den hohen Werth und die Würde der jungfräulichen Reinheit, die durch dieses Laster verletzt wird und verloren geht! Diejenigen, welche diesen kostbaren Schatz bewahrt haben, genießen schon hienieden jene Seligkeit der Engel und sind durch ein besonderes Vorrecht als Belohnung ihrer Reinheit himmlischen Wesen gleich, denn – wie der heilige Bernhard sagt – „im Fleische leben ohne den fleischlichen Gelüsten nachzugeben, heißt vielmehr ein engelgleiches als ein menschliches Leben führen.“

Die Keuschheit allein zeigt an diesem Ort und zu dieser Zeit der Sterblichkeit den Zustand unsterblicher Verherrlichung; sie allein giebt uns ein Abbild jener seligen Gefilde, wo keine Vermischung der Geschlechter statt findet, und läßt irdische Geschöpfe die Süßigkeit himmlischen Daseins empfinden. Ihrer Reinheit wegen ist denjenigen, die ihre Keuschheit bewahrt haben,  im Himmel ein besonderes Vorrecht verliehen, von dem der heilige Johannes redet, wenn er sagt:

„Diese sind es, welche sich mit Weibern nicht befleckt haben, denn jungfräulich sind sie; diese sind es, welche dem Lamme folgen, wohin es gehen möge.“ (Apok. XIV, 4.)

So wie sie in diesem Leben sich vor andern Menschen ausgezeichnet haben, indem sie in jungfräulicher Reinheit ihrem Heilande folgten, so werden sie auch im künftigen Leben Ihm näher sein, sich Seines Umgangs erfreuen und in ihrer körperlichen Reinheit sich namenlos beglückt fühlen. Diese Tugend macht die Menschen nicht allen Christo ähnlich, sondern auch zu lebendigen Tempeln des heiligen Geistes. Denn Er liebet vor Allem die Reinheit, und so wie Er die Unkeuschheit mehr denn alle Laster haßt, so weilt Er auch am liebsten in einer reinen, von der sinnlichen Lust unbefleckten Seele. Daher auch Jesus Christus, Der ausgegangen ist vom heiligen Geiste, die jungfräuliche Reinheit so sehr liebte und werth hielt, daß Er aus Liebe zu derselben jenes hohe Wunder that, nämlich von einer unbefleckten Jungfrau geboren zu werden.

Hast du deine jungfräuliche Reinheit verloren, so fürchte nach erlittenem Schiffbruch die Gefahren, in die du dich gestürzt hast, und da du das Gut der Natur nicht unverdorben hast erhalten wollen, so bestrebe dich wenigstens, nachdem es befleckt worden, so viel wieder gutzumachen als möglich, indem du nach begangener Sünde zu Gott zurückkehrest und um so mehr es dir angelegen sein lässest, gute Werke zu thun, je größerer Strafe du dich durch deine Vergehungen würdig gemacht hast.

Denn oft geschieht es, nach der Meinung des heiligen Gregorius, daß eine Seele, nachdem sie sich mit einer Sünde befleckt hat, von inbrünstigem Eifer entflammt wird, während sie in ihrem frühern Stande der Unschuld lau und nachläßig war. Und da Gott, ungeachtet du so schwere Verbrechen begangen, dich dennoch noch erhalten hat und bereit ist, dir Verzeihung angedeihen zu lassen, so hüte dich sorgfältig, sie noch einmal zu begehen, damit der Herr dich nicht allein wegen dieser neuen, sondern auch um der frühern Sünden willen auf einmal strafe, und das letzte Vergehen auch die Züchtigung der vorhergegangenen trage.

Mit diesen und ähnlichen Betrachtungen sollen wir uns gegen diese schändliche Sünde waffnen. –

Nach diesen allgemeinen Mitteln gegen die Unkeuschheit wollen wir nun auch von einigen besondern, die man gegen dieses Laster anwenden soll, reden.

In Originalschreibweise

Die Lenkerin der Sünder.
Verfaßt von
dem ehrwürdigen Vater
Ludwig von Granada
aus dem Prediger-Orden.

Erster Band.
Fünfte verbesserte Auflage.
Mit Approbation des hochwürdigsten General-Vikariats in Köln.
Aachen, 1853.
Verlag der Cremerschen Buchhandlung.
(Frz. Cazin.)

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