ETIKA

Luis von Granada

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Führer für Sünder

16.5.2015

18B2F4B

Besondere Mittel gegen die Unkeuschheit

S. 179-182
Teil II in eigener Übersetzung

Die Lenkerin der Sünder,
von dem ehrwürdigen Vater Ludwig von Granada, aus dem Predigerorden.
Zweite Abtheilung,
Erstes Buch.
IV. Kapitel. §. 2.

Von einigen andern besondern Mitteln gegen die Unkeuschheit.

Außer den oben angegebenen Mitteln, die man gewöhnlich zur Bekämpfung dieses Lasters anempfiehlt, giebt es auch noch andere, wirksamere und besondere, von welchen wir nunmehr ebenfalls handeln wollen.

Das erste ist, daß man vom Anfange an dem Laster Widerstand entgegensetze, denn wird dieser Feind, so wie er zuerst uns zu versuchen kommt, nicht sogleich zurückgeworfen, so wächst er an Stärke und Heftigkeit.

„Denn so wie der Trieb nach fleischlicher Lust einmal im menschlichen Herzen erwacht ist und wächst, läßt er den Menschen an nichts anderes denken, als wie er seine Leidenschaft befriedigen soll“ – spricht der heilige Gregorius.

Daher muß der Zunder des Bösen, wenn er noch erst im Gedanken schlummert, im Entstehen erstickt werden; denn gleichwie die einmal angezündete Lunte das Feuer an sich hält, so nähret und pflegt der Gedanke die gefaßte Begierde, die, wenn sie gut ist, das Feuer der Liebe entzündet, wenn aber böse, die Flamme der Wollust anfacht.

Auch ist es nothwendig, daß die äußern Sinne, besonders das Gesicht oder die Augen, sorgfältig bewacht werden, damit sie das, was ihnen gefährlich sein kann, nicht sehen. Denn oft sieht der Mensch etwas ohne seinen Willen, wodurch die Seele verletzt wird.

Wer daher ohne Scheu und Behutsamkeit die Frauenzimmer ansieht, der erschüttert oder vernichtet sogar seine Standhaftigkeit, weshalb uns der Weise mit Recht den Rath ertheilt, da er sagt:

„Siehe keine Jungfrau an, daß dich ihre Reize nicht zum Falle bringen. Auf den Straßen der Stadt schaue nicht umher, und irre nicht auf ihren einsamen Plätzen herum. Von einem wohlgestalteten Weibe wende deine Augen ab, und betrachte keine fremde Schönheit.“ (Eccli. IX, 5-8.)

Um uns hiervon zu überzeugen, dürfte schon allein das Beispiel und die Lehre des frommen Hiob hinreichen, der, so heilig er auch war, doch auf´s sorgfältigste seine Augen bewachte, wie er von sich selbst berichtet:

„Ich habe einen Bund mit meinen Augen geschlossen“ – sagt er- „daß ich auch keinen Gedanken hätte von einer Jungfrau.“ (Hiob. XXXI, 1.)

Wobei er weder sich selbst, noch dem langen Wandel in einem tugendhaften Leben traute. Genügt dir dieses noch nicht, so laß uns das Beispiel Davids noch hinzufügen. Wiewohl dieser überaus heilig und ein Mann nach Gottes Willen war, so verfiel er doch, nachdem er ein einzig Mal ein Weib angesehen hatte, in drei höchst schwere Sünden, nämlich: in Ehebruch, Aergerniß vor der Welt und Mord.

Auch die Ohren müssen mit vieler Vorsicht bewacht werden, damit sie nichts Unsittliches und Unzüchtiges vernehmen. Solltest du in den Fall kommen, so etwas zu hören, so gieb durch deine Mienen zu erkennen, wie großes Mißfallen du daran hast; denn was man gerne und beifällig hört, ist man auch leicht zu thun geneigt.

Halte auch deine Zunge im Zaum, damit sie nichts Unsittliches und Schändliches rede; denn schlechte Reden verderben gute Sitten. Die Zunge deckt des Menschen Herz auf und verräth alle Regungen desselben; denn wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund. Dein Herz sei jederzeit mit heiligen Gedanken beschäftigt und dein Leib mit frommen Uebungen.

„Denn“ – wie der heilige Bernhard sagt – „in eine unbeschäftigte Seele senden die bösen Geister verderbliche Gedanken, in denen sie sich aufhalte, damit sie, wenn sie auch nicht durch Werke, doch durch Gedanken sündige.“

Bei jeder Versuchung, besonders in einer solchen schwebe dir immer dein Schutzengel vor Augen, so wie der Teufel, als dein Ankläger, die beide auch wirklich überall um dich sind, alle deine Werke sehen und dem Richter, der Alles sieht, vorhalten.

Die lebhafte Vorstellung und Ueberzeugung von deren Gegenwart bewirkt, daß du es nicht wagest, vor ihren Augen etwas Schändliches zu begehen. Denn wie solltest du dich unterfangen, etwas im Angesichte deines Schutzengels, deines Anklägers und deines Richters zu thun, worüber du vor dem allergeringsten Menschen erröthen würdest?

Stelle dir auch jenen furchtbaren Richterstuhl und die Flammen ewiger Qual vor, denn jede Pein wird durch die Vorstellung einer größern Pein verscheucht, gleichwie ein Nagel den andern forttreibt. Auf solche Weise wird das Feuer der fleischlichen Lust durch den Gedanken an das der Hölle gedämpft.

Hüte dich überdieß, daß du so selten als möglich mit einer Frauensperson, besonders wenn sie von einem gefährlichen Allter ist, dich ganz allein befindest.

„Denn“ – wie der heilige Chrysostomus sagt – „gerade dann überfällt der Teufel am verwegensten sowohl Mannspersonen als Frauenzimmer, wenn er sie allein sieht; hat er Niemanden zu fürchten, der vor ihm warnt, so ist der Versucher am kecksten.“ –

Darum hüte dich, mit Frauenspersonen ohne Zeuge zusammen zu sein; denn die Einsamkeit reizt zu jeglichem Uebel. Verlasse dich nicht auf deine bisheran bewiesene Tugend und Standhaftigkeit, so lange du dich auch darin bewährt gezeigt haben magst. Wissen wir doch, daß sogar jene Greise in schnöder Begierde zur Susanna entbrannten, als sie dieselbe allein im Garten erblickten.

Fliehe daher allen Umgang mit Weibern, denn gefährlich ist es, sie zu sehen, zu hören und anzurühren, und wer mit ihnen verkehrt, dem drohen mancherlei Gefahren der Verführung. Hiervor warnt uns auch der heilige Gregorius, wenn er sagt:

„Wer seinen Leib der Keuschheit geweiht hat, der wolle nicht mit Weibsbildern zusammenwohnen, damit nicht ein plötzlicher Ueberfall sein Herz um so mehr überrasche, als durch die Gegenwart eines Gegenstandes, wornach die schnöde Begierde verlangte, dieselbe noch mehr angefacht wird.“ –

Darum fliehe den Umgang mit Weibern und hüte dich vor ihren Blicken, Verlockungen, Geschenken und dergleichen, denn es sind Alles Leimruthen, womit sie die Herzen der Männer zu fangen suchen, oder Blasbälge, womit sie das, wenn auch beinahe ganz erloschene Feuer der Sinnlichkeit anfachen.

Bist du einem sittsamen und tugendhaften Frauenzimmer gewogen, so halte deine Neigung für sie in deinem Herzen verborgen und unterlaß es, sie öfters zu besuchen und dich mit ihr auf eine zu vertraute Weise zu unterhalten.

Die Hauptsache ist es immer, daß man die Gelegenheit zu meiden suche, wobei man nicht behutsam genug sein kann. Man ahme daher lieber jenen heiligen Männern nach, die, um nicht in etwas Unerlaubtes zu verfallen, sich lieber auch das versagten, was ihnen sonst erlaubt sein mochte, wie dieß aus vielen Beispielen, die uns das Leben solcher Tugendhaften aufweist, zu ersehen ist.

In Originalschreibweise

Die Lenkerin der Sünder. Verfaßt von dem ehrwürdigen Vater Ludwig von Granada aus dem Prediger-Orden. Erster Band. Fünfte verbesserte Auflage. Mit Approbation des hochwürdigsten General-Vikariats in Köln. Aachen, 1853. Verlag der Cremerschen Buchhandlung. (Frz. Cazin.)

Hier endet die deutsche Übersetzung, die Manches verkürzt und zusammenfasst. Da Bruder Luis von Granada aber noch zwei, heute seltsam wirkende Beispiele hinzufügt, so bringen wir den fehlenden Teil in eigener Übersetzung. Dieser ist zwar auch nicht in der Volksausgabe von Espasa-Calpe, Madrid, 1966, enthalten, wohl aber in dem schmucken Bändchen von Aguilar, Madrid, 1962, sowie in den älteren Ausgaben wie jener der Libreria Religiosa, Barcelona, 1893, II. Band, und in der von etika.com abgedruckten Version des Buches von 1777 aus der Druckerei von Manuel Martin in Madrid.

TEIL II
Der fromme Geistliche und die Frauen
Der Bischof, der Apollo-Tempel und die Dämonen

Fliehe also jeden verdächtigen Umgang mit Frauen, denn sie ansehen schadet den Herzen; ihnen zuhören zieht sie an; mit ihnen reden entflammt sie; sie berühren reizt sie; und endlich ist alles von ihnen ein Fallstrick für die, die mit ihnen Umgang haben. Deshalb sagt der hl.  Gregor (3. lib. Dialogorum cap. 7.):

Die ihr Leben der Enthaltsamkeit geweiht haben, wagen es nicht, bei Frauen zu wohnen; da die Hitze im Körper wohnt, bilde sich niemand ein, dass er das Feuer des Herzens ganz ausgelöscht hätte.

Fliehe auch die kleinen Geschenke, Besuche und Briefe von Frauen; denn alles dieses ist ein Band, um die Herzen zu erobern, und ein Windhauch, um das Feuer der bösen Begierde anzufachen, wenn die Flamme am Verlöschen ist.

Und wenn du eine rechtschaffene und heilige Frau liebst, liebe sie in deiner Seele, ohne zu versuchen, sie oft zu besuchen und ohne mit ihr auf vertrautem Fuße zu verkehren.

Und weil der Schlüssel zu dieser ganzen Angelegenheit hauptsächlich darin besteht, solche Gelegenheiten zu fliehen, werde ich zwei Beispiele anführen, die der hl. Gregor in seinen Dialogen bringt (4. Dialogorum cap. 11.) und die diesem Zweck vorzüglich dienen.

Er erzählt dort, dass es in der Provinz Misia einen Priester gab, der mit großer Gottesfurcht eine Kirche verwaltete, die ihm anvertraut war. Und da sich dort eine tugendhafte Frau befand, die sich um die Wäsche und die Dinge der Kirche kümmerte, liebte er sie wie eine Schwester; aber er hütete sich vor ihr wie vor einer Feindin; und so erlaubte er in keiner Weise, dass sie zu ihm kam: Damit hatte er jede Gelegenheit zum vertrauten Umgang und zum Meinungsaustausch von vornherein ausgeschlossen. Denn das ist den heiligen Männern eigen, dass sie, um den unerlaubten Dingen ferner zu sein, sich auch von den erlaubten abwenden, und aus diesem Grund ließ er es nie zu, dass sie ihm in irgendeiner Bedürftigkeit diente.

Dieser ehrwürdige Priester hatte ein hohes Alter und schon 40 Jahre als Priester gewirkt. Er bekam eine so schwere Krankheit, dass es augenscheinlich dem Ende zuging. Und in diesem Zustand kam jene gute Frau und näherte ihr Ohr seiner Nase, um festzustellen, ob er noch atmete oder ob er schon gestorben war. Wie er dies spürte, entrüstete er sich heftig, mit aller Kraft, die er noch hatte, und sagte streng zu der Frau: Geh weg von hier, Frau; denn noch glimmt das Herdfeuer; nimm das Stroh hinweg.

Und als sie ging, nahm er noch einmal seine Kraft zusammen und sagte mit großer Freude: Zu guter Stunde kommen meine Herren, zu guter Stunde kommen sie. Wie habt ihr es für gut befunden, zu diesem euren so kleinen Diener zu kommen? Ich komme schon, ich komme schon. Vielen Dank, vielen Dank. Und als er diese Worte viele Male wiederholte, fragten ihn die Umstehenden, mit wem er sprach. Erstaunt erwiderte er: Seht ihr denn nicht die seligen Apostel Petrus und Paulus? Und indem er sich zu diesen wandte, sagte er wieder: Ich komme schon, ich komme schon. Und als er dies gesagt hatte, gab er seine Seele Gott.

Dieses Beispiel eines so sittenstrengen Mannes mit einem so glorreichen Ende beschreibt der hl. Gregor im vierten Buch der Dialoge. So war der Tod desjenigen, der sich so gefürchtet hatte, seinem Leben sehr angemessen.

Aber noch ein anderes Beispiel fügt er im dritten Buch der Dialoge (3. Dial. c. 7) von einem religiösen Bischof an, der allerdings nicht so zurückhaltend war. Auch dies werde ich berichten zur Strafe und zur Lehre für jene, die nicht so sittsam sind. Für jenes Beispiel, so heißt es, gab es fast ebenso so viele Zeugen wie es Einwohner in der Stadt gab, wo sich dieses zutrug.

Er sagt also, dass es in einer Stadt in Italien einen Bischof namens Andreas gegeben hat, der immer ein sehr religiöses und tugendreiches Leben gelebt hatte und der in seiner Hausgemeinschaft eine Frau hatte, die ebenfalls religiös war. Er war sich ihrer Tugend und Keuschheit sicher und gab sich damit zufrieden. Diese Gelegenheit nutzte der Feind und fand eine Pforte, um sein Herz zu versuchen. Er begann, ihre Gestalt den Augen seiner Seele einzuprägen und ihn zu schlechten Gedanken anzustacheln.

Es geschah damals, dass ein Jude, der von Kampanien nach Rom wanderte und die Nacht in der Nähe der Stadt dieses Bischofs verbringen musste, aber keine Schlafstatt fand, zu einem alten Tempel gelangte, der dort einem Götzen erbaut worden war; dort legte er sich zum Schlafen nieder. Und da er die schlechte Nachbarschaft in dem Haus des Götzen fürchtete und obgleich er nicht an die Macht des Kreuzes glaubte, machte er über sich das Zeichen des Kreuzes, weil er oft gesehen hatte, wie sich die Christen in der Zeit der Gefahr damit bezeichnen.

Aus Angst konnte er nicht schlafen. Um Mitternacht sah er, wie eine große Schar von Dämonen in den Tempel kam. Einer, der der Obere schien, setzte sich auf einen Stuhl inmitten des Tempels und begann jene bösen Geister zu fragen, wie viel Böses jeder in der Welt angestellt habe. Jeder erzählte, was er getan hatte. Einer stellte sich in die Mitte und sagte, dass er sich um die Seele des Bischofs Andreas bemüht habe, indem er die Gestalt einer frommen Frau, die er in seinem Haushalt hatte, in seine Seele eingeprägt habe. Jener böse Obere lauschte mit großer Aufmerksamkeit und meinte, der Gewinn sei um so größer, je religiöser die Person sei. Der böse Geist, der diesen Bericht erstattete, fügte hinzu, daß er am Vortag zur Stunde der Vesper das Herz des Bischofs so stark angerührt habe, daß sich dieser der Frau fröhlich genähert habe und ihr ganz freundschaftlich mit der Hand einen leichten Schlag auf die Schulter versetzt.

Daraufhin begann dieser alte Feind des Menschengeschlechts, den Versucher zu ermahnen, er solle das angefangene Werk zum Ende führen, womit er eine einzigartige Krone unter allen seinen Genossen erhalten werde.

Der Jude sah alles dieses und zitterte vor Furcht. Jener böse Geist, der den Vorsitz führte, schickte die anderen aus, um festzustellen, wer derjenige sei, der es gewagt habe, an diesem Ort zu nächtigen. Und als sie ihn aufmerksam ansahen, riefen sie: „Ach, ach, leeres Gefäß, aber gut versiegelt.“ Und als sie das gesagt hatten, verschwand die ganze Gesellschaft der bösen Geister.

Der Jude stand auf und eilte zur Stadt. Er fand den Bischof in der Kirche, nahm ihn beiseite und fragte ihn, ob er von einer Versuchung belästigt werde. Der Bischof gestand aus Scham nichts. Daraufhin sagte der Fremde, dass er seine Augen in böser Absicht auf eine Dienerin Gottes gerichtet habe. Auch das stritt der Bischof ab. Nun sprach der Jude: Warum leugnest du, hast du ihr doch gestern zur Stunde der Vesper mit der Hand einen leichten Schlag auf den Rücken versetzt. Dies rief bei dem Bischof Bestürzung hervor, er sah sich ertappt und gestand seine Schuld, die er vorher abgeleugnet hatte. Daraufhin erklärte ihm der Jude, wie er zu dieser Erkenntnis gekommen war.

Als er dies vernommen hatte, legte sich der Bischof auf die Erde und betete zu Gott; und dann entließ er aus seinem Haus nicht nur jene Frau, sondern auch jede andere Frau aus seinen Diensten; in dem Apollo-Tempel richtete er eine Gebetsstätte zu Ehren des hl. Andreas ein; er blieb fortan frei von jeder Versuchung.

Gleichzeitig brachte er den Juden, durch dessen Vision und Ermahnung er geheilt worden war, zur Erkenntnis Gottes. Er unterrichtete ihn in den Geheimnissen des Glaubens, taufte ihn mit dem heiligen Wasser und nahm ihn in die Gemeinschaft der Kirche auf. Und so geschah es, dass der Jude, indem er für das fremde Heil gesorgt hatte, das eigene empfing. Und unser Herr Gott bewirkte, dass der eine, der auf gutem Wege wandelte, den anderen im guten Leben erhielt.

Viele andere Beispiele ähnlicher Geschichten aus der Vergangenheit wie der Gegenwart könnte ich an dieser Stelle berichten, aber diese sollen für jetzt genügen.

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