ETIKA

Luis von Granada

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Führer für Sünder

17.6.2015

18B2F6

Mittel gegen Fraß und Völlerei

S. 189-194

Die Lenkerin der Sünder,
von dem ehrwürdigen Vater Ludwig von Granada, aus dem Predigerorden.
Zweite Abtheilung,
Erstes Buch.
VI. Kapitel.

Von den Verwahrungsmitteln gegen Fraß und Völlerei.

Fraß und Völlerei ist eine unmäßige Begierde nach Speise und Trank. Vor diesem Laster warnt uns der Heiland mit den Worten: „Hütet euch, daß euere Herzen nicht beschwert werden durch Fraß und Völlerei und durch Sorgen dieses Lebens.“ (Luk. XXI, 34.)

Wenn dich dieses Laster beschleichen will, so widerstehe ihm durch folgende Betrachtungen:

Zuerst bedenke, wie durch eine einzige Sünde der Gefräßigkeit der Tod über das ganze menschliche Geschlecht gekommen ist. Es ist daher von der größten Wichtigkeit, daß du im Kampfe gegen diese Sünde Sieger bleibest; denn unterliegst du derselben, so wirst du allen andern Lastern, die dich mit weit größerer Heftigkeit bestürmen, einen nur schwachen Widerstand entgegen setzen. Darum zeige dich stark, wenn dich dieses Laster versuchen will! Hast du einmal die Feinde, die aus dir selbst entstehen, überwunden, so wirst du um so leichter jene(n), die sich dir von außenher entgegenstellen, zu begegnen im Stande sein; denn wer in sich selbst Feinde hat, wird vergeblich gegen alle übrigen ankämpfen. Daher versuchte auch der Teufel den Heiland zuerst durch die Sünde der Unmäßigkeit, glaubend, daß er dadurch allen übrigen Lastern Eingang verschaffen werde.

Betrachte auch die seltene und außerordentliche Enthaltsamkeit unseres Herrn Jesu Christi, der Seinen heiligen Leib mit der äußersten Strenge behandelte und nicht allein in der Wüste so anhaltend fastete, sondern noch bei vielen andern Gelegenheiten zu unserm Heile und um uns ein Beispiel zu geben, den größten Hunger ertrug. Wenn also Derjenige, Der durch Seine alleinige Gegenwart die Engel speiset und die Vögel des Himmels ernähret, für dich gehungert hat: um wie viel mehr mußt du für dich selbst etwas zu leiden bereit sein? Wie kannst du auf den Namen eines Dieners Jesu Christi Anspruch machen, wenn du dein ganzes Leben in Unmäßigkeit zubringest, während dein Heiland Hunger und Durst gelitten hat? Während Er alle möglichen Leiden und Mühsale um deines Heiles willen erduldet hat, willst du nichts deshalb ertragen? Scheint dir das Kreuz der Enthaltsamkeit zu schwer, so erinnere dich an den Essig und die Galle, womit Christus am Kreuze Seinen Durst löschen mußte. „Es giebt keine noch so bittere Speise“ – wie der heilige Bernhard sagt – „die, wenn man sie in Gedanken mit jenem Essig und jener Galle, die dem sterbenden Erlöser gereicht wurde, vergleicht, nicht lieblich und angenehm wird.“

Erinnere dich auch an die Enthaltsamkeit aller heiligen Väter der Wüste, die, in die tiefste Einöde zurückgezogen, mit Jesu Christo ihr Fleisch mit allen seinen Begierden kreuzigten, durch die Gnade Gottes viele Jahre lang ihr Leben mit nichts anderm als Wurzeln fristeten und eine wunderbare Enthaltsamkeit bewiesen. Haben aber diese Heiligen auf solche Weise Christo nachgeahmt, um sich dadurch den Eingang in den Himmel zu verschaffen: wie kannst du wähnen, auf dem Wege der Schwelgereien und Sinnlichkeiten dahin zu gelangen?

Bedenke auch, wie viele Armen es in der Welt giebt, die es für ein Glück erachten, wenn sie ihren Hunger und Durst mit Brod und Wasser zu stillen im Stande sind; dann wirst du einsehen, wie großmüthig der Herr gegen dich verfahren ist, da Er dir viel mehr schenkte, als jenen, und wie unbillig es sein würde, wenn du des Herrn Freigebigkeit nur zur Befriedigung deiner Gaumenlust benutzen wolltest.

Bedenke, wie oft du das allerheiligste Altarssakrament mit deinem Munde empfangen hast. Wolle es daher nicht zugeben, daß durch dieselbe Pforte, wodurch das Leben bei dir eingekehrt ist, auch der Zunder jeglicher Sünde und mithin der Tod Eingang finde!

Bedenke ferner, daß es nur einiger Bissen bedarf, um die Eßlust zu stillen, und jeglicher Gaumenkitzel nur wenige Augenblicke dauert. Wie, und zur Stillung eines auf so leichte Weise zu befriedigenden Bedürfnisses und einer so kurz dauernden Lust soll die ganze Erde, das Meer und der Luftkreis nicht genügend herbeischaffen können?

Wie oft aber werden dieser Gaumenlust wegen die Armen beraubt, alle möglichen Ungerechtigkeiten begangen, und die Schwächern dem Hunger preisgegeben, damit die Mächtigern in Ueberfluß schwelgen können! Schrecklich und bejammernswerth ist es fürwahr, daß der ganze Mensch mit allen seinen Sinnen wegen eines so kleinen Theils seines Körpers, wie der Gaumen ist, in die Hölle gestürzt und wegen eines augenblicklichen Genusses ewige Strafen leiden soll! Siehst du nicht ein, wie thöricht es ist, deinen Körper, der bald nachher eine Speise der Würmer sein wird, mit so verfeinerten und kostbaren Speisen zu nähren, deine Seele aber, die bald vor den Richterstuhl Gottes treten soll, zu vernachlässigen, und während der Bauch mit den köstlichsten Leckerbissen angefüllt wird, die Seele leer zu lassen und sie ewigen Höllenqualen freiwillig preiszugeben?

Obgleich eigentlich die Seele verurtheilt wird, so sei doch versichert, daß auch der Körper seine Strafe zu erleiden hat; denn so wie der Körper um der Seele willen erschaffen ist, so wird er auch mit ihr gestraft werden. Vernachlässigest du daher den edlern Theil deiner selbst und pflegest dagegen den unedlern Theil mit der größten Sorgfalt, so machst du, daß beide verloren gehen und tödtest dich mit deinem eigenen Schwerte, indem das Fleisch, das deiner Seele zum Beistand ist gegeben worden, deinem Leben Schlingen legt und dir eben so zu den Qualen folgt, als es hienieden dich in den Lüsten begleitet.

Erinnere dich endlich der großen Dürftigkeit des Lazarus, der sich mit den Brodsamen, die vom Tische des Reichen fielen, zu sättigen begehrte, allein dem Niemand etwas gab; als er aber gestorben, trugen ihn die Engel in Abrahams Schooß. Der Reiche aber, der sich in Purpur und köstliche Leinwand kleidete und seine Tage in glänzendem Wohlleben zubrachte, ward in die Hölle begraben; denn Hunger und Sattigkeit, Genuß und Enthaltsamkeit haben nicht den gleichen Ausgang, da dem Genusse nach dem Tode Elend folgt, der Enthaltsamkeit aber Freude und Glück. Wenn du z. B. früherhin auf´s Köstlichste und in Ueberfluß gepeist und getrunken hast, was bleibt dir dann jetzt von diesem Genusse übrig? Zweifelsohne nichts als Gewissensvorwürfe, die dich vielleicht in Ewigkeit quälen werden. Was du also über das erforderliche Maaß hinaus verpraßt und verschlemmt hast, ist verloren; was du aber deiner Begierlichkeit entzogen und den Dürftigen gereicht hast, ist dir bestens aufbewahrt als ein Schatz, der dir in der Ewigkeit wieder zurückgegeben wird.

Damit du aber nicht aus Unvorsichtigkeit in die Schlingen dieses Lasters fallest, so merke dir, daß sehr oft dasjenige, was du für ein Bedürfniß hältst, welches gestillt zu werden verlangt, nur die Begierlichkeit ist, die befriedigt zu werden strebt und um so leichter täuscht, als sie sich hinter dem Deckmantel eines wirklichen Bedürfnisses zu vestecken sucht und sich selbst in ihrer wahren Beschaffenheit verborgen hält. Dieserhalb muß man große Klugheit und Vorsicht anwenden, um die Gaumenlust zu unterdrücken und die Sinnlichkeit der Herrschaft der Vernunft zu unterwerfen. Wünschest du also, daß das Fleisch der Seele unterthan sei, so mache, daß deine Seele Gott unterwürfig sei; denn soll die Seele das Fleisch beherrschen, so ist es durchaus erforderlich, daß sie hinwiederum von Gott beherrscht werde. Durch diese wunderbare Ordnung wird der Mensch umgewandelt werden, indem nämlich Gott die Vernunft leitet, die Vernunft die Seele und diese hinwiederum den Körper beherrscht. Allein der Körper sträubt sich gegen die Herrschaft der Seele, sobald diese der Vernunft nicht gehorcht und die Vernunft hinwiederum sich nicht von dem Willen Gottes lenken läßt.

Reizt dich die Gaumenlust, so stelle dir vor, wie vorübergehend das dir dadurch bis jetzt verschaffte Vergnügen war, da nicht die gringste Spur davon übrig geblieben ist. Die Genüsse des Gaumens sind überhaupt einem gehabten Träume ähnlich, denn sind sie vorüber, so lassen sie die Seele traurig und unbefriedigt; überwindet man aber die Lust, so erregt dieses Bewußtsein in der Seele Freude und Heiterkeit, nach dem Ausspruch jenes Weisen, also lautend:

·        „Hast du etwas Sittlichgutes gethan, das mit Mühe verbunden war, so schwindet die Mühe und das Sittlichgute bleibt; hast du aber etwas Schmähliches mit Genuß gethan, so bleibet die Schmach und der Genuß schwindet.“

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