ETIKA

Luis von Granada

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Führer für Sünder

12.1.2016

18B2G15A

Pflicht des Menschen gegen Gott

S. 278-288

Die Lenkerin der Sünder,
von dem ehrwürdigen Vater Ludwig von Granada, aus dem Predigerorden.
Zweite Abtheilung,
Zweites Buch.
Fünfzehntes Kapitel.
§. 1.

Von der Pflicht des Menschen gegen Gott.

Nachdem wir dasjenige aufgestellt haben, was wir uns selbst und unserm Mitmenschen schuldig sind, wollen wir nunmehr von unsern Pflichten gegen Gott reden. Sie machen den vorzüglichsten und edelsten Theil der christlichen Gerechtigkeit aus und sind in den drei theologischen Tugenden, nämlich: dem Glauben, der Hoffnung und der Liebe enthalten, deren Objekt Gott ist, so wie in jener Tugend, welche die Theologen Religion  nennen und die in der Verehrung Gottes besteht. Allen mit dieser Tugend verbundenen Verpflichtungen leistet der Mensch Genüge, wenn er gegen Gott ein kindliches Herz hegt. So wie nämlich der Mensch sich selbst genugthut, wenn er gegen sich selbst das Herz eines guten Richters hat, und so wie er seine Pflicht gegen seinen Nächsten erfüllt, wenn er ein Mutterherz für ihn hat: so wird er auch, um gleicher Weise zu reden, Gott ein Genüge thun, wenn er Ihn mit einem solchen Herzen liebt, wie ein Kind seinen Vater zu lieben pflegt. Ein solches Herz dem Menschen gegen Gott zu verleihen, ist aber eine der vorzüglichsten Wirkungen des Geistes Jesu Christi.

·        Nun siehe, wie das Herz des Kindes zu seinem Vater beschaffen ist; mit welcher Liebe es sich zu ihm hingezogen fühlt; welche fromme Scheu und Ehrfurcht, welchen Gehorsam und Eifer für die Ehre desselben es an den Tag legt, und wie uneigennützig es ihm seine Dienste weiht; mit welchem Vertrauen es in jeglicher Noth seine Zuflucht zu ihm nimmt; wie geduldig es seine Züchtigungen und Alles, was er über es verhängt, erträgt!

Ein solches Herz, eine solche Gesinnung hege auch du gegen Gott, und du wirst diesen Theil der Gerechtigkeit vollkommen erfüllen. Um aber ein solches Herz in sich zu bereiten, scheinen mir besonders neun Tugenden nothwendig zu sein.

1.   Die erste und vorzüglichste derselben ist die Liebe;

2.   die zweite die Furcht und Ehrerbietung;

3.   die dritte das Vertrauen;

4.   die vierte der Eifer für die Ehre Gottes,

5.   die fünfte die reine Absicht bei der Ausübung des Gottesdienstes;

6.   die sechste das Gebet und die Zuflucht zu Gott in allen Nöthen;

7.   die siebente die Dankbarkeit für alle Wohlthaten,

8.   die achte der Gehorsam und die Ubereinstimmung unseres Willens mit dem Willen Gottes;

9.   die neunte endlich die Demuth und Geduld in allen Leiden und Drangsalen, welche uns Gott sendet.

Was wir also nach dieser Ordnung zuerst und am nothwendigsten zu thun haben, ist, daß wir Gott in solcher Weise lieben, wie er befiehlt, daß wir Ihn lieben sollen, nämlich: aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele und aus allen unsern Kräften, so daß Alles, was im Menschen ist, Gott in seiner Weise verehren und lieben soll: Die Vernunft, indem sie Ihn denkt; der Wille, indem er Ihn liebt; die Gefühle, indem sie sich zu Allem neigen, was seine Liebe gebietet; die Kräfte der Glieder und Sinneswerkzeuge, indem sie sich darin üben, das zu thun, was Seine Liebe angeordnet hat. Da sich über diesen Gegenstand in unserm Gedenkbuch des christlichen Lebens eine besondere ausführliche Abhandlung befindet, so verweisen wir den eifrigen Leser dahin .

Das zweite, was nach dieser heiligen Liebe erfordert wird, ist die Furcht, die aus dieser Tugend entsteht, denn je mehr wir Jemanden lieben, um desto mehr sind wir in Bezug auf ihn in Furcht, und zwar nicht allein, ihn zu verlieren, sondern auch, ihn zu beleidigen. Es zeigt sich dieses in der Liebe eines guten Kindes zu seinem Vater, einer Gattin zu ihrem Gatten, die, je mehr sie ihn liebt, um so größere Sorgfalt und Aufmerksamkeit darauf verwendet, daß nichts im Hause aufgefunden werde, woran er Anstoß nehmen könnte. Diese Furcht ist die Bewahrerin der Unschuld und daher ist es nothwendig, daß sie in unsern Herzen die tiefsten Wurzeln schlage, wie solches einstens David von Gott erflehte, indem er sprach: „Durchbohre mein Fleisch mit der Furcht vor Dir: denn ich fürchte mich vor Deinen Gerichten.“ (Ps. CXVIII, 120.) Es genügte dem heiligen Könige nicht, daß die Furcht des Herrn seinem Herzen eingegraben wäre, sondern er wollte, daß sie sein Fleisch durchbohrte, auf daß er sie wie einen wirklich vorhandenen körperlichen Schmerz stets empfinden und sie die Besorgniß bei ihm wach halten möchte, denjenigen zu beleidigen, den er fürchtete, da, wie es in der heiligen Schrift heißt: „die Furcht des Herrn die Sünde verjagt“ (Eccl. I, 27.). Denn je mehr wir Jemanden fürchten, desto sorgfältiger hüten wir uns, ihn zu beleidigen.

Zu dieser heiligen Furcht gehört es, nicht nur böse Werke nicht zu begehen, sondern auch die guten genau zu untersuchen, ob sie vielleicht nicht ganz rein seien und sie auch in der gehörigen Art vollbracht werden, wodurch sie allein nur als wirklich gute Werke betrachtet werden können, damit nicht das an sich Gute durch unsere Schuld böse und unnütz werde. Mit Recht sagt der heilige Gregorius: „Ein Gerechter soll die Schuld fürchten, wo auch keine Schuld ist.“ Eine solche Besorgniß hegte auch Hiob, da er sagte: „Ich fürchtete alle meine Werke, wissend, daß Du nicht schonest des Sünders.“ (Hiob IX, 28.)

Zu dieser Furcht gehört ferner, daß, wenn wir dem Gottesdienste beiwohnen und in der Kirche sind, besonders wenn das hochwürdigste Altarssakrament ausgestellt ist, wir nicht reden, nicht umhergehen oder auf eine unanständige Weise jeden Augenblick um uns her sehen, und unsere Blicke nach allen Seiten hin schweifen lassen, wie so Viele thun; sondern wir sollen daselbst in Furcht verweilen und mit tiefster Ehrfurcht vor der göttlichen Hocherhabenheit, in deren Gegenwart wir stehen, erfüllt sein, da Gott in besonderer Weise dort gegenwärtig ist.

Verlangst du zu wissen, wie eine solche heilige Regung in uns entstehe, so wisse, daß, wie wir bereits früher gesagt haben, die Hauptwurzel derselben die Liebe Gottes ist; dann trägt auch die Furcht, wie sie der Diener vor dem Herrn empfinden muß, dazu bei, da sie der Anfang der kindlichen Furcht ist und solche in unser Herz eingeführt. Um diese Regung in uns zu erhalten und zu vermehren, ist es auch nützlich, sich die Erhabenheit der göttlichen Majestät, die Tiefe von Gottes Urtheilen, die Größe Seiner Gerechtigkeit und die Menge unserer Sünden vorzustellen und zu bedenken, welchen Widerstand wir den göttlichen Eingebungen entgegenstellen. Daher ist es sehr rathsam, unsere Seele mit diesen Betrachtungen öfters zu beschäftigen, wodurch diese heilige Furcht in unserm Herzen Wurzel fassen und dauernd darin erhalten wird. Uebrigens haben wir auch bereits in der vorhergehenden Abtheilung über diesen Gegenstand ausführlich gehandelt.

Die dritte zu diesem göttlichen Werk erforderliche Tugend ist das Vertrauen. So wie nämlich ein Kind in allen seinen Bedürftigkeiten und Bedrängnissen seine Zuflucht zu seinem Vater, besonders wenn dieser reich und mächtig ist, nimmt und vertrauensvoll Abhülfe seiner Leiden erwartet: so hegt auch der Mensch gegen Gott ein gleiches Herz, indem er in der Zuversicht, einen so machtvollen Vater zu haben, in dessen Händen Himmel und Erde ist, in jeglicher Drangsal voll Vertrauen Abhülfe von Ihm erwartet, und die volle Ueberzeugung hegt, daß, wenn er sich an Ihn wendet und auf die Barmherzigkeit des himmlischen Vaters hofft, er von jeglichem Uebel befreit oder solches ihm noch zum Guten oder größern Heile gereichen werde.

Wenn aber das Vertrauen des Kindes zu seinem Vater so groß ist, daß es glaubt, ruhig schlafen zu können: um wie viel größer muß unser Vertrauen in Gott sein, da Er mehr unser Vater ist, als es alle Väter hienieden sind, und Er bei weitem mehr Macht und Reichthum besitzt, als die Reichsten und Mächtigsten auf Erden?

Entgegnest du hierauf, die geringe Anzahl deiner guten Werke und Verdienste und die Menge deiner Missethaten benehmen dir dergestalt den Muth, daß du es nicht wagest, dir so viel von Gott zu versprechen: so wende dagegen das Mittel an, wenn dich ein solcher Gedanke befällt, ihn sogleich aus dem Gemüthe zu verbannen, indem du dich ganz Gott und Seinem eingebornen Sohne, unserm Heiland und Mittler, hingiebst, worauf dein Muth sich neu belebt und du in Ihm dich stark fühlen wirst.

So wie man denjenigen, welche einen reißenden Strom hinunterfahren und durch die Schnelligkeit des Laufes vom Schwindel ergriffen werden, dadurch ermuthigt, daß man sie auffordert, ihre Blicke von dem Wasserstrome abzuwenden und vielmehr auf das Ufer oder den Himmel zu richten: so sollen auch die Kleinmüthigen in ihrer Angelegenheit ermahnt werden, nicht auf sich selbst oder ihre Sünden zu sehen, sondern zur Belebung ihres Vertrauens nur auf die grenzenlose Güte und Barmherzigkeit Gottes, die sich auf alle Uebel dieser Welt erstreckt und seine untrüglichsten Verheißungen hinzublicken, durch welche Jenen, die Seinen Namen anrufen und ihre Zuflucht zu Ihm nehmen, Gnade und Hülfe versprochen wird, worauf jeder Zweifel schwinden muß.

Bedenke auch, wie viele Wohlthaten du bis jetzt schon aus Seinen Händen empfangen hast, und lerne aus der Barmherzigkeit, die sich bereits so oft an dir bewährt, auch für die Zukunft hoffen.

Vor Allem aber richte deinen Blick auf Christum mit allen Seinen Leiden und Verdiensten, auf welche sich hauptsächlich das Vertrauen gründet, daß wir Gnade von Gott erlangen werden, da es einerseits offenbar ist, daß diese Verdienste so groß sind, daß sie unmöglich größer sein können, und anderseits in ihnen die Schätze der Kirche enthalten sind, die allen denen als Heilmittel und Unterstützung gereicht werden, die ihrer bedürfen. Dies sind die Hauptgrundlagen durch welche die Heiligen in ihrer Hoffnung so gekräftigt werden, daß sie sich stärker als der Berg Sion fühlten.

Uebrigens ist es höchlich zu verwundern, wie, da so Vieles und Großes unser Vertrauen beleben muß, und wir so gerechte Gründe zu hoffen  haben, wir dennoch so schwach und kleinmüthig sein können, und wir, sobald uns Gefahr droht, sogleich nach Aegypten fliehen und Zuflucht in den Schatten Pharao´s suchen. (Is. III.) So finden wir viele Diener Gottes, die starkmüthig im Fasten, eifrig im Gebete, freigebig in Unterstützung der Armen und der Ausübung mancher andern Tugenden beflissen sind; allein sehr wenige, die ein so festes Vertrauen fassen, wie die heilige Susanna bewies, deren Herz, als sie zum Tode verurtheilt und zum Richtplatz geführt wurde, voller Zuversicht zu Gott war. Wer noch mehr Beweise dieser Tugend zu finden wünscht, dem bietet der Inhalt der ganzen heiligen Schrift deren dar, besonders die Psalmen und Propheten, in denen nichts so häufig vorkommt, als die Hoffnung in Gott und die gewisse Zuversicht des göttlichen Beistandes für alle Jene, die auf Ihn hoffen.

Die vierte Tugend ist der Eifer für die Ehre Gottes, indem wir nämlich alle Gedanken darauf richten, daß die Ehre der göttlichen Majestät vermehrt und allen andern Dingen vorgezogen, daß sie geheiligt und gebenedeit werde, daß Sein Wille geschehe, wie im Himmel also auch auf Erden, und uns kein größrer Schmerz treffen könne, als zu sehen, daß die Ehre des Herrn verletzt und gemißachtet wird. Ein solcher Wille herrschte in den Herzen der Heiligen, in denen gesagt ist: „Der Eifer für Dein Haus verzehret mich.“ (Ps. LXVIII.) Denn ihre Herzen waren darüber so betrübt, und der dadurch erregte Selenschmerz nagte so sehr an ihrem Körper, daß dadurch ihre Gesinnungen offenbar wurden. Wenn auch wir von solchem Eifer erglühten, so würde sich jenes glorreiche Zeichen, wovon Ezechiel (X.) redet, auf unserer Stirne zeigen, und wir würden frei von jeder Strafe und Geißel der göttlichen Gerechtigkeit leben.

Die fünfte Tugend ist die Reinheit der Absicht, welche darin besteht, daß wir in allen unsern Werken nicht uns selbst oder unsern eigenen Nutzen, sondern das Wohlgefallen und den Ruhm Gottes unsres Herrn suchen, indem wir die feste Ueberzeugung hegen, daß, so wie diejenigen, welche ein gewisses Spiel, unter dem Namen: „wer gewinnt verliert“ spielen, gewinnen, sobald sie verlieren und entgegengesetzt verlieren, wenn sie gewinnen, auch wir, je weniger wir Rücksicht auf unsern eigenen Vortheil nehmen und nur die Ehre Gottes in´s Auge fassen, desto mehr Gewinn erwerben werden und so umgekehrt. Wir müssen daher mit größter Sorgfalt hierauf sehen und alle unsere Werke auf´s genaueste abwägen, damit unsern Handlungen und Gedanken kein anderes Ziel vorschwebe, als Gott allein: denn die Eigenliebe ist so fein und schlau, daß sie immerdar nur sich selbst im Auge hat.

Es giebt Viele, die sehr reich an guten Werken sind; sobald aber solche an dem Probierstein der göttlichen Gerechtigkeit geprüft werden, wird man sie vielleicht von jener Reinheit der Absicht entblößt finden, die jenes Auge im Evangelium ist, das, wenn es lauter ist, den ganzen Körper licht macht, wenn aber schlecht, den ganzen Körper finster macht. (Matth. IV, 22-27).

Es giebt viele Personen, die, da sie hohe Würden und Ehrenstellen im Staate und in der Kirche bekleiden und überzeugt sind, daß die Tugend ihnen zur Zierde und Ehre gereicht, solche ausüben und sich bestreben, als tugendhafte Menschen zu erscheinen, indem sie sich alles Schlechten und Niedrigen, wodurch ihre Ehre verletzt werden könnte, enthalten. Solche befleißen sich der Tugend, damit sie von ihrem Ansehen nichts verlieren; sie steigen dadurch bei ihren Vorgesetzten in stets höhere Gunst und erlangen immer neue Würden und Ehren. Auf solche Weise aber entstehen ihre guten Werke nicht aus dem Gefühle einer wahren Liebe und Gottesfurcht, noch haben sie dabei den Ruhm und die Ehre des Herrn und den Ihm gebührenden Gehorsam vor Augen, sondern allein menschlichen Ruhm. Was aber auch auf solche Weise geschieht, wie es auch in den Augen der Menschen erscheinen mag: in den Augen Gottes ist es nur ein Rauch und Schatten der Gerechtigkeit, nicht die Gerechtigkeit selbst. Denn vor Gott sind die Werke blos allein durch die Kraft der moralischen Tugenden nicht verdienstlich, so wie Ihm auch die guten Handlungen nicht durch sich selbst wohlgefällig sind, und sollte Einer sogar sein eigenes Kind opfern, sondern allein jener vom Himmel gesandte Geist der Liebe und Alles, was aus dieser Wurzel entsteht, findet in Seinen Augen Beifall. Im Tempel des Allerhöchsten war nichts, was nicht Gold oder mit dem reinsten Gold überzogen war. So darf auch nichts in dem lebendigen Tempel unserer Seele sein, was nicht Liebe ist. Darum soll der Diener Gottes nicht sowohl auf das sehen, was er thut, als auf den Endzweck, den er dabei im Auge hat; denn auch die einfachsten und niedrigsten Werke werden höchst vortrefflich, wenn sie aus reiner Absicht geschehen, und so umgekehrt, da Gott nicht auf die materielle Handlung, sondern auch die Absicht sieht, die aus der Liebe entspringt. Es heißt dies in gewisser Weise jene edle und unendlich lautere Liebe des Sohnes Gottes nachahmen, der im Evangelium befiehlt, daß wir uns einander so lieben sollen, wie Er uns zuvor geliebet hat, d. h. aus reiner Gnade und nicht irgend eines Vortheils wegen. Glückselig wer bei Allem, was er thut, sich bestrebt, solche Liebe nachzuahmen! Wer so verfährt, glaube festiglich, daß er von Gott in hohem Maaße geliebt wird, weil er Ihm in der Vollkommenheit der Tugend und in der Lauterkeit der Absicht ähnlich ist, und die Uebereinstimmung der Gesinnungen gegenseitige Liebe erzeugt.

Wenn daher der Christ etwas Gutes thut, so soll er seine Augen von jedem menschlichen Urtheil abwenden und sie einzig auf Gott richten und nicht zugeben, daß die Werke, die bei Gott in so hohem Werthe stehen, menschlichen Rücksichten unterworfen seien. Da man indessen nicht leicht eine solche Reinheit der Absicht erlangt, so soll der Mensch in allen seinen Gebeten Gott inständigst darum bitten, besonders in jenem Gebete, welches der Heiland selbst Seinen Aposteln lehrte, und worin es heißt: Dein Wille geschehe, wie im Himmel also auch auf Erden, damit, gleichwie alle himmlischen Heerschaaren den Willen Gottes vollbringen aus reinster Absicht, blos allein Seines Wohlgefallens wegen, auch der Mensch, so viel es in seinen Kräften liegt, hier auf Erden diese himmlische Gewohnheit und Weise nachahme, nicht als sei es uns nicht erlaubt, aus einer andern Ursache, als um Gott zu gefallen, nach Seinem Himmelreiche zu trachten, sondern weil unsere Werke um so vollkommener werden, je mehr sie von jeglichem Eigennutz frei sind.

Die sechste Tugend ist das Gebet, vermittels dessen wir zur Zeit  der Drangsal unsere Zuflucht zu unserm Vater nehmen, gleichwie die Kindlein thun, die, wenn ein Schrecken sie befällt, sogleich zu ihrem Vater flüchten. Das Gebet ist deshalb nothwendig, damit wir in steter Erinnerung an unsern Vater bleiben, und uns, in Seiner Gegenwart stehend, öfters mit Ihm unterhalten, denn auch dieses gehört mit zu der Eigenschaft eines guten Sohnes und seiner Verpflichtung gegen Seinen Vater. Da wir bereits andern Orten (Nämlich in dem Werk: Ueber das Gebet und die Betrachtung (ETIKA 18B3), und in dem Gedenkbuch des christlichen Lebens.) von dieser Tugend gehandelt haben, so wollen wir hier nicht weiter davon reden.

Die siebente Tugend ist die Dankbarkeit, zu welcher gehört, daß man für alle von Gott empfangenen Wohlthaten ein dankbares Herz habe, und eben eine solche Zunge, die beinahe jederzeit damit beschäftigt sei, Danksagungen dafür auszusprechen, indem sie mit dem Propheten ausruft: „Ich will den Herrn preisen zu aller Zeit, immer soll Sein Lob in meinem Munde sein.“ (Ps. XXXIII, 2.) Und an einer andern Stelle: „Laß voll sein meinen Mund von Lob, daß ich singe Deine Herrlichkeit, Deine Größe den ganzen Tag.“ (Ps. XX, 8.)

Da nämlich Gott uns unser Leben schenkt und es fortwährend erhält; da Er täglich, ja jeden Augenblick durch die Bewegung der Himmel und den Dienst aller uns zur Benutzung hingegebenen Geschöpfe Seine Wohlthaten auf uns regnen läßt: wer sollte sich denn erwehren können, Den ohne Unterlaß zu preisen, Der uns immerdar erhält, schützt, leitet und uns tausend Güter verleiht? Gott unsern Dank darzubringen, sei daher die Grundlage aller unserer Uebungen und mit der Danksagung beginne jedes unserer Gebete, so daß wir jederzeit, Morgens, Mittags, Abends und in der Nacht Gott unsern Dank für alle besonderen und allgemeinen Wohlthaten, sowohl der Natur als der Gnade darbringen.

Für die größern und besonders ausgezeichneten Wohlthaten und Gnadenbezeugungen sollen wir Ihm auch größern Dank zollen, dergleichen sind: daß Er für uns Mensch geworden ist: daß Er all Sein Blut für uns vergossen hat; daß er im Altarssakramente unter uns verweilen will; besonders aber ist bei allen diesen Wohlthaten der Umstand zu beachten, daß Gott uns solche verliehen hat, ohne durch irgend einen eigenen Vortheil dazu bewogen zu werden, sondern aus lauter Güte und Liebe.

§ 2. Von den vier Stufen des Gehorsams.

S. 288-296

§ 3.

Von der Geduld in der Widerwärtigkeit.
S. 296-304

S. 391 daß man, um diese Geduld stets beizubehalten, immerdar auf alle Widerwärtigkeiten und Leiden, die uns von irgend einer Seite treffen können, gefaßt sei. Denn was kann man von einer so verdorbenen Welt, von dem Neide der bösen Geister und der Bosheit der Menschen anderes erwarten? Daher soll derjenige, welcher weise ist, sich gegen alle schlimmen Zufälle waffnen, wie der, welcher durch ein feindliches Land reisen muß. …

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