ETIKA

Bruder Luis von Granada

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Frömmigkeit und Andacht

9.9.2012

 

Gebet und Betrachtung vom ehrwürdigen Ludwig von Granada aus dem Predigerorden.

Aus dem Spanischen übersetzt von Dr. phil. theol. Jakob Ecker, Professor am Priesterseminar zu Trier. (Anm.: *1851, † 17.11.1912)
Zwei Bände. Zweites (Schluß-) Bändchen. Aszetische Bibliothek. Herdersche Verlagsbuchhandlung, Freiburg im Breisgau, 1912. S. 79-87

Drittes Kapitel. Die Hindernisse für die Frömmigkeit.

Nachdem wir von den Hilfsmitteln zur Erlangung wahrer Frömmigkeit geredet haben, wollen wir nun von den gewöhnlichen Hindernissen reden, die sich der Frömmigkeit entgegenstellen, damit wir so das Studium und die Übung der Frömmigkeit seitens der frommen Christen in jeder Weise fördern.

2. Die Gewissensbisse

Dem erwähnten Hindernisse ist ein anderes entgegengesetzt, das nicht weniger schädlich ist, nämlich allzu große Angst und Sorge, die manche haben wegen der läßlichen Sünden, in die sie fallen. Das bringt ihnen oft noch größeren Schaden als die Sünden selbst. Da nämlich die Schuld Gewissensbisse veranlaßt, gibt es manche, welche diese so sehr empfinden, daß sie ihr Herz gar zu sehr mit Bitterkeit, mit Angst und Verdruß erfüllen. Das ist ein großes Hindernis für die himmlische Süßigkeit und für die Ruhe beim Gebete.

Da ferner die Sünde ein tödliches Gift ist, das sofort das Herz angreift und entmutigt, so gibt es viele, die alsbald verzweifeln und alle Kraft und allen Mut verlieren, um gut zu handeln. Denn wie es nichts gibt, was mehr zu jedem Guten beiträgt, als Mut und Kraft, so gibt es auch nichts, was mehr die Arme lähmt, als Unmut und Verzweiflung.

Darum legten die Väter der Wüste ihren Schülern sehr ans Herz, stets guten Mut zu haben; denn durch diesen ist der Mensch gleichsam immer im Steigbügel, zu allem bereit, was er tun soll. Das alles fehlt dem, der den Mut sinken läßt. Daher sagen wir mit Recht, daß viele sich größeren Schaden bereiten durch unverständigen Reueschmerz über ihre Sünden als durch die Sünden selbst.

Dieser Unverstand entsteht einmal aus Kleinmut, ein andermal aus geheimem Stolze. Dieser bringt dem Menschen unvermerkt den Glauben bei, er sei etwas und dürfe nicht in die und die Fehler fallen. Das Gegenteil davon setzt der Demütige voraus; dieser findet es nicht auffallend, daß er in Fehler fällt, denn dies und mehr als dies hatte er von seiner Schwäche erwartet. Dieser Kleinmut kommt auch daher, daß die Menschen die Gnade der Erlösung durch Christus nicht kennen und nicht das Mittel anzuwenden verstehen, das er uns in seinem Leiden und seinem Tode hinterließ, um uns zu heilen von diesen Ohnmächten und Ängsten.

Das erste Heilmittel soll darin bestehen, daß wir diesen Heiland und den Wert seiner Verdienste erkennen, damit wir die Hoffnung auf seine Barmherzigkeit nicht verlieren auch bei schweren Sünden, um wieviel weniger bei läßlichen. Diese Hoffnung gibt uns der heilige Evangelist Johannes mit den Worten:

„Meine Kindlein! Dies schreibe ich euch, damit ihr nicht sündiget! Wenn aber auch jemand gesündigt hat, so haben wir einen Fürsprecher beim Vater, Jesus Christus, den Gerechten. Er ist die Sühne für unsere Sünden und nicht nur für die unsrigen, sondern auch für die Sünden der ganzen Welt.“ (1 Jo 2, 1 2.)

Welches Mißtrauen kannst du nun haben unter den Flügeln und Verdiensten eines solchen Mittlers? Alle Sünden, die es in der Welt gibt, sind vor seinen Verdiensten nicht mehr als ein kleiner Strohhalm vor einem unendlich großen Feuer. Warum willst du denn verzagen, da du solche Genugtuung, solche Verdienste auf deiner Seite hast?

Du wirst sagen: Weil ich jeden Tag und jede Stunde sündige, ohne mich deshalb zu bessern. Sage mir: wenn Christus täglich von neuem leiden würde für die Sünden, die du jeden Tag begehst, hättest du dann Grund zu verzagen? Gewiß nicht. Nun mußt du aber überzeugt sein, daß der Tod, den er einst erlitt, nicht weniger Früchte bringt, als wenn er ihn jeden Tag von neuem leiden würde; denn, wie der Apostel sagt, „mit einem einzigen Opfer hat er auf ewig die vollendet, die geheiligt werden“ (Hebr 10, 12.) Durch das Opfer seines Todes hat er uns nämlich einen ewigen Schatz und ein ewiges Heilmittel hinterlassen.

Du sagst, daß du täglich sündigst, während du täglich so viele Gnaden von Gott empfangest, das sei dir unerträglich, da müssest du verzagen. Ich sage dir aber im Ernste: Wie es nichts gibt, das die Bosheit des Menschen mehr beweist, als daß er so viel sündigt, während er stets Wohltaten empfängt, so gibt es auch nichts, was die Größe der Güte Gottes besser zeigen könnte, als daß er fortwährend mit Wohltaten den überhäuft, der immer Sünden begeht.

Unsere Bosheit läßt die Güte Gottes in hellerem Lichte erstrahlen; denn in der Tat, weder am Himmel noch auf der Erde, weder in den Vögeln noch in den Fischen noch in den Blumen zeigt sich die Schönheit und der Adel des Erbarmens des göttlichen Herzens besser als im Ertragen der Sünder und im Verzeihen ihrer Schuld.

Mit ein wenig Klugheit und Geschicklichkeit kannst du aus der Erbitterung über eine Schuld wie aus einem Gifte ein Heilmittel gegen diese machen, indem du dich dadurch zur Erkenntnis der höchsten Güte erhebst, die mit solcher Langmut die so großen und so zahlreichen ihr zugefügten Beleidigungen erträgt, die der, welcher sie begangen, nicht ertragen kann.

Ja während der, welcher sich selbst ertragen muß, müde wird, wird Gott nicht müde, ihm zu verzeihen. Du kannst also diese bittere Pille mit dem Honig dieser Betrachtung umgeben, daß du die Bitterkeit nicht so sehr schmeckst. Wenn du es so machtest, so würdest du manchmal mehr Süßigkeit aus der Betrachtung dieser Güte verkosten, als du Bitterkeit aus der Betrachtung deiner Bosheit empfindest.

Du mußt also in diesem Falle tun, was ein treuer, wenn auch nachlässiger Diener tut, der einen sehr guten und liebevollen Herrn hat. Wenn er einen Fehler begeht, so fängt er einerseits an, traurig zu sein wegen des Fehlers, den er begangen; anderseits erinnert er sich, daß er einen so guten Herrn hat, der ihm so oft verziehen, und von dem er sicher weiß, daß er ihm ebenso gern den gegenwärtigen Fehler vergeben wird, wie er die früheren vergab.

Bei dieser Erwägung wendet sich das Blatt; es ändert sich das Gefühl, das er anfangs hatte: der Schmerz, den ihm der Gedanke an die Schuld verursachte, geht über in Freude, die er empfindet, wenn die Güte seines Herrn betrachtet.

Dieselbe Betrachtung mußt du anstellen, wenn dich allzusehr der Schmerz über die begangenen Sünden betrübt. Du mußt so gleichsam ein Gegengift bereiten und dem Feinde den Garaus machen mit seinen eigenen Waffen. Was dich früher veranlaßte, mehr zu fürchten und zu verzagen, muß dich jetzt bewegen, mehr zu lieben. Mit dem Wasser, das du auf diesem Wege herbeischaffst, wirst du zwei Tugenden tränken, nämlich die Liebe und die Demut; der Fehler, in den du gefallen bist, wird zur Folge haben, daß du dich demütigst und besser dein Elend kennen lernst, aber auch, daß du mit größerer Liebe den liebest, von dem du so fest hoffst, daß er dir deine Sünde verzeiht.

Zudem muß man wohl wissen, daß es zwei Arten von läßlichen Sünden gibt, die voneinander weit verschieden sind. Denn es gibt Christen, die ganz unvorsätzlich und ganz gegen ihren Willen sündigen, aus reiner Schwachheit und Unachtsamkeit oder infolge früherer böser Gewohnheiten, die noch nicht ganz in der Seele ausgestorben sind; diese veranlassen ihn gleichsam zur Sünde, ohne daß er es merkt.

Es gibt aber auch andere, die ein weiteres Gewissen haben. Diese begnügen sich damit, daß sie nichts tun, was Todsünde ist; im übrigen wollen sie essen und trinken, müßiggehen und schwatzen. Sie verlieren viel Zeit mit diesen Dingen, die gewöhnlich viele läßliche Sünden im Gefolge haben; diese sind bei solchen Gelegenheiten, in denen man sich gehen läßt, ganz unvermeidlich. Solange solche Christen in dieser Stimmung sich befinden, werden ihnen diese Sünden nie verziehen, auch wenn sie noch so oft beichten würden, weil sie keinen festen Vorsatz haben, sich zu bessern, sondern eher den entgegengesetzten Vorsatz, die Sünden wieder zu begehen.

Es ist nicht zu leugnen, daß solche Christen in großer Gefahr leben; denn, wie der hl. Thomas ganz richtig sagt, wer nicht den wahren Vorsatz hat, fortzuschreiten, lebt in großer Gefahr, Rückschritte zu machen. Wie der, welcher sich mitten in einem reißenden Strome befindet, in großer Gefahr wäre, stromabwärts zu treiben, wenn er sich keine Mühe gibt, stromaufwärts weiterzukommen, so lebt auch auf dem Wege des geistlichen Lebens derjenige in großer Gefahr, zurückzugehen, welcher nicht nach Kräften sich bemüht, vorwärts zu kommen. (S. Thom., S. th. 2, 2, q. 186, a. 3)

Jene aber, die in der andern Weise sündigen, von der wir geredet haben, durch eine gewisse Sorglosigkeit und Unachtsamkeit, die kommen leichter wieder zu sich und erlangen leichter Verzeihung; denn es ist nicht in der Macht des Menschen gelegen, wie vollkommen er auch sei, jede Art von Sünden zu meiden. Der hl. Augustinus sagt:

„Auch die Heiligen haben in der Tat manches zu beweinen; aber trotzdem sind sie Heilige, weil sie den wahren Wunsch haben, alles das zu tun, was zur vollkommenen Heiligkeit gehört.“

Um diese und andere Verschiedenheiten unter den Sündern zu kennzeichnen, schreibt der Apostel:

Ob jemand auf diesen Grund (Jesus Christus) baut mit Gold, Silber, kostbaren Steinen oder mit Holz, Heu und Stroh: es wird offenbar werden, was jeder getan hat. Denn der Tag des Herrn wird es kundmachen, da es im Feuer offenbar wird: was am Werke eines jeden ist, wird das Feuer prüfen. Bleibt das Werk bestehen, das einer aufgebaut hat, so wird er Lohn erhalten. Verbrennt das Werk jemandes, so wird er Schaden leiden: er selbst wird gerettet werden, jedoch so wie durch Feuer.“ (1 Kor 3, 12-15.)

Die mit Gold und kostbaren Steinen bauen, brauchen das Feuer nicht zu fürchten; die aber mit Holz, Heu und Stroh bauen, müssen im Feuer brennen, nur daß das Holz länger brennt, und nicht so lang das Heu und am wenigsten lang das Stroh, das in einem Augenblick in Flammen steht. Hieraus können wir den Unterschied erkennen, der zwischen den läßlichen Sünden, ihren Strafen und ihrem Fegfeuer besteht.

Es gibt nämlich Sünden, die dem Holze gleichen. Es sind die Sünden der Unvollkommenen, der Anfänger; sie haben länger im Feuer auszuhalten. Andere gleichen dem Heu, sie sind weniger schwer. Es sind die Sünden derer, die schon weiter fortgeschritten sind; sie haben auch nicht so lange das Feuer auszuhalten. Andere Sünden sind noch geringer.

Es sind die Sünden der Vollkommenen; diese Sünden haben noch weniger das Feuer auszuhalten; denn sie sind schnell getilgt. Solche Sünden sind ein unnützes Wort, eine Unvorsichtigkeit, eine Unachtsamkeit oder Nachlässigkeit in kleinen Dingen. In Sünden derart fallen auch die Vollkommenen und die Heiligen; daher haben die Unvollkommenen keinen Grund zu verzagen, wenn sie in dieser Weise eine Sünde aus Schwachheit begehen.

Dieses haben wir (Anm.: LG und sein Schutzengel?) so ausführlich behandelt, um den Kleinmütigen und Verzweifelnden ein wirksames Heilmittel zu bieten. Da jedoch der Mensch ein so blindes Geschöpf ist, daß er oft aus der Medizin Gift macht und das eine Extrem nicht meiden kann, ohne in das andere zu fallen, so müssen wir zum Schlusse ausdrücklich bemerken, daß dieses Heilmittel nicht für die Verwegenen und Lauen, sondern für die Kleinmütigen und Zaghaften verordnet ist. Wenn daher der Verwegene und Laue sich dieses Mittels bedienen wollte, so würde er eine Medizin nehmen, die bestimmt ist für einen Menschen, der an Kälte leidet, und sie anwendet bei einem Fieberkranken.

Auch wird hier den Kleinmütigen nicht für immer der Reueschmerz über die begangenen Sünden verboten, der wie eine heilsame Strafe und Warnung ist, nicht mehr in sie zurückzufallen; sie sollen nur gemahnt werden, in der Weise Schmerz über ihre Sünden zu empfinden, daß sie den Frieden des Herzens nicht stören, dieser Ruhestätte Gottes. Der Schmerz über die Sünden ist etwas Gutes; aber dieser Schmerz muß die Mittelstraße einhalten und nach keinem Extrem sich verirren. Daher rät der Apostel im zweiten Briefe an die Korinther (2 Kor. 2, 7.), einem gewissen Sünder zu verzeihen und ihn zu trösten, damit er nicht in allzu große Traurigkeit verfalle. Das tat er nicht, weil er den Schmerz über die Sünden für verkehrt gehalten, sondern weil eine allzu große Traurigkeit den Sünder nur zur Mutlosigkeit und zur Verzweiflung bringt.

Index 18B