ETIKA

Glaubenswahrheiten

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13.4.2015

18B37

Warnungen aus „El Mes de Mayo“

Barcelona 1854
Übers. R. L.

 

El Mes de Mayo consagrado a Maria,
obsequio que á esta gran Reina
tributa todos los años la Corte de Maria canónicamente erigida en la parroquial iglesia de Santa Maria del Mar de esta ciudad.
Cuarta edicion. Barcelona. Imprenta de los herederos de la V. Pla, calle de Cotoners.
1854. Con licencia.

Das Christentum in wenigen Glaubenswahrheiten auf den Punkt gebracht

5. Tag
Betrachtung über die Zeit

Die Zeit vergeht und mit der Zeit vergehe auch ich. Fünfzehn, zwanzig, dreißig, vierzig Jahre meines Lebens sind schon vergangen und kehren nie wieder. Und wie viele bleiben mir noch? Ich weiß es nicht; aber ich weiß, dass es wenige sind. Die Zeit ist kurz, ich selbst sage es, dass die Tage wie im Fluge vergehen, ohne dass es mir bewusst wird. Aber im Vergleich mit der Ewigkeit ist die Zeit nicht nur sehr kurz, sie ist wie nichts.

Kurze Zeit und wertvolle Zeit; denn in dieser so kurzen Zeit kann ich ewiges Glück erlangen. Jeder Augenblick, der gut angewendet wird, kann mir einen höheren Grad an Glorie im Paradies verschaffen. Eine halbe Stunde, die gut ausgenützt wird, um das Konto meiner Seele auszugleichen, kann sie den Händen des Dämons entreißen und sie in die Hände Gottes legen. Ein wenig Zeit, die ich jeden Tag dem Gebet, einer Messe, einem geistigen Buch widme, kann mich fernhalten von der Sünde und mir das Heil sichern.

Kurze Zeit und entsetzliche Zeit. In jedem Augenblick kann ich sündigen, kann ich sterben und ich kann mich verdammen. Unglücklicher, der ich bin: In kurzer Zeit könnte ich ein Heiliger werden, und ich bin noch ein Sünder! Ich habe die Zeit verloren mit Nichtigkeiten, Kindereien, Zerstreuungen und Sünden; welche Frucht habe ich aus der Zeit gezogen, die ich bisher so vergeudet habe? Wenn ich nicht ernstlich daran denke, die Zeit künftig besser zu nutzen, wird ein Tag kommen, an dem ich Gott um eine einzige Stunde anflehen werde, um mich zu bekehren, und diese Stunde wird in alle Ewigkeit nie kommen.

6. Tag
Betrachtung über die Sünde

Prüfe dich, Christ, ob du irgend eine Todsünde begangen hast. Wenn du zu deinem Unglück eine begangen hast, weißt du wirklich, was du getan hast? Du hast dich bemüht, mit allen deinen Kräften deinen Gott und Herrn zu zerstören und zu vernichten, den Schöpfer und Erlöser, deinen Vater und Wohltäter, indem du verantwortungslos mit seinen Wohltaten umgegangen bist, ihm in unverschämter Manier nicht gehorcht hast, dich gegen ihn erklärt hast, ihn als Vater verleugnet hast, die Gnade und das Erbe der Herrlichkeit verloren hast, keine guten Werke vorzuweisen hast und aus dem Himmel verbannt bist und dabei bist, in den Abgrund gestürzt zu werden. Kann es ein größeres Unglück geben?

Und wenn du noch in der Todsünde steckst, wehe dir! Gott ist dein Feind, und du bist Sklave des Dämons. Wie kannst du es wagen, zu lachen, zu spielen oder ruhig zu schlafen? Siehst du nicht, dass du, wenn Gott müde ist, dich zu ertragen, in einem Augenblick sterben kannst und dass er dich verdammen kann?  Tausende von Engeln fielen in die Hölle wegen einer einzigen Sünde: und du hältst dich für sicher, der du so viele Sünden begangen hast? O beklagenswerte Blindheit!

Aber wenn wir uns auch nicht im Zustand der Sünde befinden, sind wir immer in der Gefahr zu fallen. Eine stürmische Versuchung oder eine andere unerwartete Gefahr kann uns zu Fall bringen, wenn wir es am wenigsten denken. Der Engel sündigte im Himmel, Adam im Paradies und Petrus und Judas in der Nachfolge Christi. Auch du, und wenn du ein Engel, ein Unschuldiger, ein Apostel wärest, kannst auf einmal in einen Dämon verwandelt werden. Zittere also vor einer solch großen Gefahr.

7. Tag
Von den Strafen für die Sünde

Wenn ein Mann, den man beleidigt hat, sich rächen will, kann er es oft nicht; aber Gott ist nicht so: Wenn er will, kann er die Sünde strafen und sich an seinen Feinden rächen. Er kann uns die Gesundheit nehmen, die Güter, unsere Eltern oder das Leben selbst. Wenn er will, kann er dies in einem Augenblick tun. Denjenigen, der sich in einer Todsünde befindet, kann er mit einem plötzlichen Tod bestrafen. Wenn er es tun will, wer hindert ihn daran? Und du Unglücklicher, weißt du, was diesbezüglich der Wille Gottes ist? Nein. Wenn du es also nicht weißt, wie wagst du es, zu sündigen und ruhig in deiner Sünde zu schlafen?

Nun gut, du musst wissen, dass Gott die Sünde bestrafen will. Wenn du gesündigt hast, nimm es für sicher an, dass Gott sich an dir rächen muss, und dass er dich in diesem oder im jenseitigen Leben bestrafen wird. Entweder Buße oder Hölle. Adam und Eva verlangten Verzeihung und retteten sich; aber die zeitliche Strafe für ihre Sünde dauert noch heute an. Du sagst: eine Sünde mehr oder weniger macht nicht viel aus. Unsinniger! Macht dir eine Strafe mehr oder weniger wirklich nichts aus?

Noch in dieser Welt straft Gott die Sünde. Die Krankheiten, die Unglücksfälle in den Familien, jene verlorene Arbeit, jene Hoffnungen, die sich zerschlagen haben, die Verleumdung gegen dich, diese so lästigen und ständigen Versuchungen, die du spürst, was sind sie anderes als Strafen der Sünde, die du, weil du blind bist, nicht erkennst? Du wirst vielleicht sagen, dass es Sünder gibt, denen es gelingt, ihre Gelüste zu befriedigen, und deren Geschäfte trotzdem alle erfolgreich verlaufen? Das stimmt; aber dieser falsche Wohlstand ist die größte und schrecklichste Strafe, denn er dient ihnen dazu, in ihrem schlechten Leben zu verharren, Sünden auf Sünden zu häufen und mehr Brennholz für das Höllenfeuer anzusammeln. Es gibt auch Andere, die keine Gewissensbisse mehr fühlen und die sich anscheinend über die göttliche Gerechtigkeit lustig machen und alle ihrer Drohungen. Aber wehe ihnen! wehe ihnen! Schon schwebt die Strenge des Zornes Gottes über ihren Köpfen. Wenn es auf der Welt jemanden gibt, der die Macht und Fürsprache Marias nötig hat, dann sind es sicher diese Unglücklichen.

8. Tag
Betrachtungen über den Tod

Wir müssen sterben: Wir müssen für immer die Verwandten, Freunde und Bekannten verlassen, die wir in der Welt haben, und sogar das eigene Leben aufgeben. Meine Wohnung wird ein Grab voller Würmer sein; mein Haus wird die Ewigkeit sein; glücklich oder unglücklich, ich weiß es nicht. Dies ist eine Wahrheit, zu der man keinen Glauben braucht, um sie zu glauben, denn sie offenbart sich täglich vor unseren Augen. Es sterben die Alten und die Kinder, die Armen und die Reichen, die Sünder und die Gerechten; es starb die heiligste Maria, es starb Jesus Christus; auch ich werde sterben müssen.

Aber wo? wie? zu Hause? in der Kirche? im Bett? unterwegs? Ich weiß es nicht. An langsamem Fieber? an einer akuten Krankheit? bei einem Unfall? bei einem Sturz? Ich weiß es nicht. Und wann wird dies sein? In 30 Jahren? in 20 Jahren? noch in diesem Jahr? in diesem Monat? heute nacht? Ich weiß es nicht. Nur Gott weiß es, der gesagt hat, dass der Tod kommen wird wie ein Dieb in der Nacht, wenn man am wenigsten daran denkt.

Und ich lebe, als ob ich nie sterben müsste, und ohne mich wenigstens des Todes zu erinnern? Wenn ich jetzt gleich sterben müsste, wohin – was sagt mir das Gewissen? – würde ich gehen? Vielleicht von hier aus in die Hölle. So lerne ich sie kennen; dieser Gedanke lässt mich zittern: warum nun unternehme ich nichts dagegen? Ich verschiebe die Besserung von einem Monat auf den nächsten, von einem Tag auf den andern, doch komme ich dabei dem Tod immer näher, und fahre nichtsdestotrotz fort in meiner Sünde. Wehe mir! wenn ich in einem solchen Zustand sterbe, worüber habe ich mich zu beklagen?

9. Tag
Betrachtung über das Jüngste Gericht

Am Tag des Gerichts muss ich mich vor dem unerbittlichen Richter verantworten. Welchen Schrecken wird mir sein Anblick verursachen! Er war mein Vater, und ich liebte ihn nicht; er war mein Herr, und ich verließ ihn; er war mein Gott und ich verachtete ihn. Mit einem einzigen Blick stellt er meine Undankbarkeit, meine Untreue, meine Niedertracht vor meine Augen. Werde ich dann zu Maria laufen? Aber wie fasse ich den Mut dazu, wenn ich mit meinen Sünden ihren Sohn so oft gekreuzigt habe? Wird mich mein Schutzengel verteidigen? Aber wie, wenn ich nie auf ihn gehört habe? Der Dämon war immer mein Freund; nun wird er dort mein Ankläger sein.

Meine Sünden werden vor der ganzen Welt ausgebreitet. Welche Schande vor meinen Gefährten, die mich für einen Engel gehalten haben, vor meinen Eltern, die mich für unschuldig gehalten haben, vor dem Beichtvater, den ich getäuscht habe. Und es werden alle Sünden ohne Ausnahme aufgezählt, sogar die geheimsten Gedanken, sogar die verborgensten Wünsche; jene Sünde, die ich allein begangen habe; jene Sünde, die ich mit einem Gefährten begangen habe; die ich in jener Wohnung, …, in einem Betrieb, in jenem Geschäft, in jener Kirche begangen habe. Welch ungeheure Beschämung!

Danach wird das Urteil ausgesprochen: Rettung oder Verdammung. Jesus Christus wird es verkünden, der Richter über die Lebenden und die Toten. Dieser Herr wird mich entweder als gesegnet oder als verdammt bezeichnen. Was wird mein Schicksal sein? Mit Jesus ins Himmelreich eingehen, oder mit Satan in die Verliese der Hölle? Aber kann das Urteil nicht aufgeschoben werden? Nein, nicht für einen Augenblick. Kann man nicht Berufung einlegen? Nie in Ewigkeit. Welche Freude wird es in mir auslösen, wenn der Heiland mir sagt: Komm, Gesegneter meines Vaters, das Reich zu besitzen, das für dich bereitet ist! Aber welches Entsetzen wird mich ergreifen, wenn ich seine Worte höre: Verfluchter, hinweg von mir ins ewige Feuer! O mein Gott! Was wird mein Urteil sein? …

10. Tag
Betrachtung über die Hölle

Sünder, siehst du jenen schrecklichen Kerker voll von Feuer und Rauch? Er ist für dich bereit, wenn du dein Leben nicht änderst. Schau ihn gut an: immer bist du dort getrennt von Gott, immer verabscheut von Gott, immer verflucht und aufgegeben von Gott, in Gesellschaft der Dämonen, die deine Folterknechte sein werden, und in Gesellschaft der übrigen Verworfenen, deinen Todfeinden. Umgeben von Flammen wirst du brennen, ohne dich zu verzehren: Dort wird deine Seele brennen und dort wird dein Körper brennen, der Komplize deiner Sünden. Das Feuer dringt in dich ein an allen Stellen, und du wirst glühen wie ein Eisen in der Schmiede. Denn in diesem schrecklichen Gefängnis ist alles Feuer: aus Feuer ist der Boden, aus Feuer sind die Wände, aus Feuer ist die Decke, aus Feuer sind die Ketten, mit denen die elenden Verdammten gefesselt sind. Wie wirst du es aushalten können zwischen jenen höllischen Feuern, wenn du nicht einmal die Hitze der Flamme einer Kerze ertragen kannst?

Und was werden wohl deine Gedanken sein in jenen gefräßigen Flammen? Darüber nachdenken, dass du dich mit wenig Mühe hättest retten können, du es aber nicht wolltest; dich erinnern an jene Predigt, an jene geistlichen Übungen, an jenes gute Buch, an jene Eingebung, mit der Gott dich rief, und auf die du nicht hören wolltest. Von dort aus in den Himmel schauen zu den vielen Gefährten deines Standes, Alters, Berufs, Charakters und der Vereinigung, der du angehörtest, und gleichzeitig auf dich in der Hölle. Und dabei wütend auf dich selber sein, dich verfluchend und deinen Schutzengel, die Heiligen, die du verehrt hast, die heiligste Maria und Jesus Christus. O welch unglückliches Leben, o welch elende Beschäftigung ist es, die man in der Hölle hat!

Und wenn du in jenes Feuer fällst, wird es für kurze Zeit sein? Werden es hundert Jahre sein? Mehr. Werden es tausend Jahre sein? Mehr. Wird es eine Million Jahre sein? Mehr. Eine Milliarde? Viel mehr. Billiarden? Mehr, viel mehr. Wie lange also wird es dauern? Solange Gott Gott ist; für immer, für die ganze Ewigkeit. Und in dieser langen Zeit wird es keinen Augenblick der Unterbrechung und des Ausruhens geben? Nein, nie. ... Wird man mir wenigstens einen Tropfen Wasser geben? Nein, nie. O Feuer, o Hölle, o Ewigkeit!

11. Tag
Betrachtung über die Zahl der Verworfenen

Meine Seele, senke den Blick, sieh in die Verliese des Inferno, und fange an, die Zahl der Verdammten zu zählen. Schau, wie viele es sind aus der alten Zeit bis zur Ankunft des Messias. Jener ist Kain. Von zwei Brüdern wurde einer gerettet, und der andere verdammte sich. Dort sind diejenigen, die in der Sintflut umgekommen sind. Mit Ausnahme einer einzigen Familie haben sich alle oder fast alle verdammt. Jene, die du dort siehst, sind die Bewohner von Sodom und Gomorrha. Schau weiter, wie viele ägyptische, amalekitische, kananäische, assyrische, phönizische, griechische und römische Götzenanbeter es gibt. Siehe auch, wie viele Hebräer aus dem auserwählten Volk sich dort befinden.

Auch wirst du weitere unzählige Personen aus der Zeit von Jesus Christus dort entdecken. Die Heiden, die sich nicht bekehrt haben, die Philosophen, die halsstarrig auf ihren Ansichten beharrten, die Juden, die Jesus verfolgten. Viele, die mit dem Heiland sprachen und Umgang hatten, viele, die Augenzeugen seiner Wunder waren. Dort ist Pilatus, Statthalter von Judäa; dort ist Kaifas, der Oberpriester; Herodes, der König; Judas, Jünger des Herrn; und ein Schächer, der das Glück hatte, an seiner Seite zu sterben, aber die Gelegenheit nicht nutzte.

Zähle endlich die Seelen, die seit der Zeit von Jesus Christus bis heute verdammt wurden. Sieh dort die vielen Rebellen gegen das Evangelium; die vielen freiwillig Blinden, die die Wunder nicht glaubten; und wie viele Verfolger der Kirche: alle römischen Kaiser der ersten drei Jahrhunderte, und die Philosophen, Redner und Dichter, die in der Welt so viel Aufsehen und Lärm erregten. Siehe auch, wie viele Katholiken es gibt, obwohl sie Glauben hatten, Eingebungen empfingen, das Wort Gottes hörten und die Sakramente empfingen. Schau, wie viele Fürsten und Herren; und es fehlen auch nicht Kleriker, Ordensbrüder und Bischöfe. Und noch jetzt: Wie viele, viele Seelen sind dabei, in die Hölle zu stürzen!

Ach, meine Seele, fürchten wir uns, und arbeiten wir mit heiligem Schrecken daran, das wichtige Geschäft unseres Heils zu betreiben!

12. Tag
Betrachtung über die Undankbarkeit des Christen gegenüber Gott

Was kannst du mehr tun, mein Gott, um mich zu retten? Ich weiß es nicht zu sagen. Wenn du mich aus Barmherzigkeit rufst mit Pfiffen, beleidige ich dich mit einem grundlosen Vertrauen in deine Barmherzigkeit: Wenn du mich zu Boden wirfst mit der Strenge deiner Gerechtigkeit, zweifle ich an deiner Barmherzigkeit, und ich fahre fort zu sündigen. Wenn du mein Herz erweichst, höre ich deshalb nicht auf zu sündigen; wenn du mir drohst, auch nicht. Jetzt benetze ich die Füße eines Kruzifixes mit Tränen, und danach öffne ich dir mit meinen Rückfällen erneut die Wunden. Welcher Abgrund von Bosheit ist das, von Undankbarkeit und Niedertracht, was ich nicht verstehen kann?

Mein Gott, was bleibt dir noch übrig, um mich zu retten? Du hast mich geschaffen im Schoß der Kirche; du hast mir Licht gegeben, dich zu erkennen, Eingebungen, die mich aufrütteln, Hilfsmittel, um den Versuchungen zu widerstehen, Sakramente, die mich heilen und rechtfertigen, Beispiele und Vorbilder, die mich ermutigen zum Guten, und Drangsale, damit ich mich zu dir hinwende. Ich habe gesündigt, du hättest mich strafen können, doch du hast mir verziehen. Mit anderen bist du streng gewesen, bei mir hast du immer Barmherzigkeit walten lassen. Nichts ist dir schließlich geblieben, um mich zu bekehren, und mir ebenso wenig, um zu widerstehen und stärker zu werden.

Um was soll ich dich noch bitten, um gerettet zu werden, mein Gott? Dein Blut? Alles hast du schon vergossen für mich. Deine Seele? Du hast sie dem Vater für mich übergeben. Deinen Leib? Er wurde gekreuzigt für mich. Dein Fleisch? Immer steht es bereit als meine Nahrung im Sakrament des Altars. Ich weiß nicht, welche neue Wohltat ich von dir erflehen soll, um nicht zu sündigen; und ungeachtet all dessen beleidige ich dich weiterhin; es scheint, dass ich mich in meinem Herzen über dich beklage, als ob mir deine Gnade fehlte. Ach, wie verrückt bin ich, wenn ich nicht erkenne, dass ich am Abgrund wandle wegen meiner Schuld, wegen meiner Bosheit!

13. Tag
Betrachtung über das Ärgernis

Die Sünde, mit der man jemandem Ärgernis gibt, ist eine sehr schwerwiegende Sünde, denn damit raubt man dem Heiland der Menschen eine Seele. Diese Seele kostete ihn die Todesangst, schmachvolle Gefangennahme, Beschimpfungen und Schmähungen, grausamste Folterqualen, Blutvergießung, Verlust des Lebens. Und du wagst es, ihm diese Seele wegzunehmen? Und damit zu bewirken, dass das Leiden des Herrn nutzlos ist? Und sein liebenswürdigstes Herz zu betrüben? So wirst du dem Dämon ähnlich, der seit Beginn der Mörder der Seelen ist: ille homicida erat ab initio (Johannes 8, 44). Auch du bist seit deiner Kindheit und Jugend ein Menschenmörder mit jenen unreinen Handlungen und Gesprächen, mit jenen Gebärden, mit jenen Blicken, mit jenen Begierden. Auf diese Weise hast du unschuldigen Seelen das Leben genommen. Welcher Verrat! Welcher Frevel!

Die Sünde, mit der man Anstoß erregt, ist eine Brutstätte des Lasters. Die Sünde, die jener Jugendliche beging auf deine Anregung hin, ist deine Sünde: und alle, die er später noch beging und die auf deinen Rat und deine Belehrung zurückzuführen sind, sind deine Sünden. Wegen dir sündigte er, und in der Folge wurde er im Sündigen Lehrmeister für andere; folglich gehen alle Sünden, die jene begingen, auf dein erstes Ärgernis zurück und sind damit auch deine Sünden. Oh, welche unzählige Menge von Sünden lastet schon auf dir!

Die Sünde, mit der man Ärgernis gibt, ist eine gewaltige Schuld gegenüber Gott. Wer mit seiner Sünde einen Skandal auslöst, erklärt Gott selbst den Krieg, stellt sich auf die Seite des Dämons und hilft diesem, die göttliche Glorie zu verkleinern. Du, skandalöser Sünder, hast die Gott geweihten Altäre und Tempel entweiht mit deinen Unehrerbietigkeiten, deinem Gelächter, deinen Unterhaltungen und vielleicht, vielleicht mit noch schlimmeren Dingen. Du bist der, der Jesus Christus die Seelen raubt, der sie seinem Herzen entreißt, der sie dem Dämon ausliefert, der sie des Himmelreichs beraubt.

Und folglich, soweit es dein Anteil ist, stiehlst du dem Himmel seine Trophäen, seine Siegespreise, entziehst Gott den ihm zustehenden Lob und Segen, und die seine treuen Diener sein sollten, verdirbst du und opferst sie dem Teufel, damit sie die Hölle bevölkern und ewig den Herrn der Himmel und Erde lästern und ihm fluchen.

Begreifst du jetzt die unermessliche Schuld, die du mit so vielen Ärgernissen auf dich gehäuft hast? Schaue nun trotz allem, ob du mit deinem guten Beispiel, mit Ermahnungen und Ratschlägen soweit kommst, dass du wenigstens eine Seele gewinnst, trotz der vielen, die du verloren hast. Zur Bezahlung deiner Schuld leiste dem Herrn einen so kleinen Dienst. …

 

14. Tag
Menschliche Rücksichtnahmen

Du möchtest dich bekehren, tust es aber nicht. Wer hindert dich daran? Menschliche Rücksichtnahmen. Wenn ich jenes Haus nicht mehr besuche, werden sie sagen, dass der Beichtvater es mir verboten hat. Wenn ich jene schlechten Gesellschaften aufgebe, werden sie glauben, dass ich mich in die Wüste zurückziehe. Wenn ich jene schlüpfrigen Zweideutigkeiten unterlasse, werden sie sagen, dass ich wenig Talent habe. Wenn ich bei meinem Äußeren Wert auf Sittsamkeit lege, wenn ich nicht mehr zu den Abendgesellschaften gehe, wenn ich mich nicht mehr bei den so beliebten Spaziergängen blicken lasse, werden sie über mich lachen und spotten, wovor ich wohl Angst habe. Also: Willst du in die Hölle fahren aus Rücksicht auf die anderen? Welcher Wahnsinn!

Du willst heilig sein, und nie fasst du den Entschluss dazu: Wer stört dich dabei? Rücksicht auf andere Menschen. Wenn ich alles aufgebe, die Unterhaltungen, das Café, den Stammtisch oder das Kränzchen, das Theater und die sonstigen Schauspiele, werden sie sagen, dass ich wie ein Wilder lebe. Wenn ich nicht luxuriöse, elegante Kleider anziehe, werden sie mich einen Bauern heißen. Wenn sie mich sehen, dass ich Krankenhäuser und die Kirche besuche und zu den … Sakramenten gehe, werden sie mich einen Heuchler nennen. Und du begreifst nicht, dass du wegen solch eitler Besorgnisse die Gelegenheit verlierst, in diesem Leben und im anderen heilig zu sein? Welche übergroße Unklugheit!

Wenn du dich also des Kruzifixes schämst, wird er sich deiner schämen; er hat es gesagt: Wer sich meiner und meiner Worte schämt, dessen wird sich der Sohn der Jungfrau schämen. (Siehe Lukas 9,26)

Herr, wirst du am Tag des Gerichts sprechen, Herr, kennst du mich nicht? Ich bin ein Christ. Ich kenne dich nicht, wird Jesus Christus sagen. Du hast dich geschämt, meine Kennzeichen zu tragen, einer Messe auf den Knieen beizuwohnen, den Kopf zu neigen, wenn du meinen heiligen Namen hast aussprechen hören, dich mit Andacht zu bekreuzigen, die Kopfbedeckung abzunehmen, um das Angelus-Gebet zu beten. Und jetzt sagst du, du wärest ein Christ? Geh hin mit deinen Genossen, die keinen Anstand haben, keine Bescheidenheit kennen und ein liederliches Leben führen; geh hin zu den Dämonen: Sie kennen dich, ich kenne dich nicht.

15. Tag
Betrachtung über die Glorie

Was gefällt dir am besten in dieser Welt? Die Freiheit? Wenn du in den Himmel kommst, kannst du nach Belieben Spaziergänge machen durch die Luft, zum Mond, zur Sonne und zu den Sternen. Du kannst in einem einzigen Augenblick vom Himmel zur Erde niedersteigen oder umgekehrt. Du kannst in die verschlossensten und geheimsten Orte eindringen ohne Hindernis  und Angst.

Die Musik? Harmonisch und süß ist die Musik, welche die Engel und Heiligen unablässig im Paradies genießen. Ein einziger Ton, den ein Seraph einem himmlischen Instrument entlockte, entzückte den heiligen Franziskus von Assisi bis zur Ekstase.

Dir gefällt die Wissenschaft? Rette dich, und sofort bist du weiser als Salomon und gelehrter als alle Philosophen der Welt; du wirst in einem Augenblick und ohne Mühe alle exakten und erhabenen Wissenschaften erlernen.

Dich bezaubert die Schönheit der Kreaturen? Wie viel schöner ist der Schöpfer! In der Himmelsglorie wirst du ihn von Angesicht zu Angesicht sehen, wirst aus der Nähe sein göttliches Angesicht betrachten, und wenn du ihn auch nur einen Augenblick siehst, wirst du glückselig sein. Außerdem, welches Vergnügen wird es sein, die Engel zu sehen, unseren Vater Adam, den Patriarchen Abraham, den König David, die Apostel, die Märtyrer, die Heiligen, deine Anwälte; Jesus und Maria!

Willst du reich sein? Dann rette dich, und du wirst Gott selbst besitzen, welcher der Herr aller Güter der Welt ist. Er wird dein sein und nichts wird ihn dir wegnehmen können, aus keinem Grund wirst du ihn verlieren können. Er wird dein sein und du wirst sein sein in alle Ewigkeit. Deshalb ist derjenige sehr töricht, der um eines vergänglichen Gutes willen, das vielleicht nur einen Augenblick dauert, das Risiko eingeht, das Paradies zu verlieren.

16. Tag
Betrachtung über den Weg in den Himmel

Es gibt nicht mehr als zwei Wege in den Himmel: die Unschuld oder die Buße. Was habe ich aus der Unschuld gemacht? Ich kann versichern, dass ich mich nicht erinnere, jemals unschuldig gewesen zu sein: Ich verlor die Unschuld, ohne ihren Preis zu kennen, ohne den Verlust zu beweinen und ohne jeglichen Schmerz. Vielleicht habe ich dazu beigetragen, dass auch andere sie verloren haben. O welcher Verlust! Er wäre es wert, ihn mit Tränen aus Blut zu beweinen.

Und tue ich jetzt Buße für meine Sünden? Aber was rede ich von Buße? Schon das Wort erschreckt mich; und ich weiß nicht einmal, woraus sie besteht. Drei Dinge hat der wahre Büßer zu betrachten, sagt der hl. Gregor (lib. 6, cap. 2, in cap. 15, 1 Reg.): die mündliche Beichte, Änderung des Herzens, und Rache an der Sünde. Kann ich zufrieden sein mit meinen Beichten? Habe ich alle Sünden gebeichtet mit Aufrichtigkeit, ohne eine aus Scham oder wegen unzureichender Gewissensprüfung zu verheimlichen? Wenn ich es durch meine Schuld unterlassen habe, eine einzige meiner schweren Sünden zu bekennen, sind auch alle meine Beichten Entweihungen gewesen. Und gesetzt den Fall, ich habe alle gebeichtet, habe ich es mit jenem übernatürlichen und erhabenen Schmerz getan, der die Grundlage ist der Bekehrung des Herzens? Ach, wenn ich mich an keiner meiner Sünden gerächt habe, dann habe ich Grund zur Furcht, wenn ich sie nicht verabscheue, wie es sich gehört! Ich liebe dieselben Gelegenheiten zur Sünde wie vorher, ich verkehre mit denselben schlechten Gesellen, ich pflege dieselben Feindschaften, ich suche gierig die Vergnügungen und verfalle vollkommen den Eitelkeiten der Welt. Wo ist nun meine Buße?

Und so will ich ins Paradies eintreten? Auf welchem Weg gedenke ich dies zu tun? Das hat auf dem Weg der Unschuld oder der Buße zu erfolgen: auf dem Weg der Unschuld kann ich es nicht, auf dem der Buße will ich nicht: Wie kann ich mich also retten?

17. Tag
Betrachtung über die Verehrung der heiligsten Maria

Die Verehrung der heiligsten Jungfrau ist höchst wirksam; denn da diese Frau die Mutter Gottes ist, hat sie alle Schätze der Allmacht, Gnade und Barmherzigkeit ihres Sohnes in ihren Händen. Wie kann Jesus seiner Mutter irgendetwas verweigern, einer so heiligen Mutter, einer Mutter, die ihn liebkost hat, die ihn behütet, ernährt und erzogen hat, die ihn auf seinen Wanderungen begleitet hat, die am Fuß des Kreuzes stand und auch am Grab. Maria liebt ihren Sohn über alles, und der Sohn liebt seine Mutter mehr als irgend ein anderes Geschöpf.

Die Verehrung der heiligsten Jungfrau ist süß und lieblich, denn sie ist unsere Mutter. … Jesus und ich sind Kinder derselben Mutter. Dies ist der Grund, dass die Jungfrau uns nicht nur ständig Gnaden erweist, sondern dass sie diese auch mit mütterlicher Liebe begleitet. Sie hört unsere Bitten, sie antwortet uns, sie spricht zu unseren Herzen, und manchmal mit solcher Zärtlichkeit und Tröstungen, daß wir in Tränen zerfließen. … (stark gekürzt)

25. Tag
Betrachtung über das Fegefeuer

Was tut man im Fegefeuer? Man brennt in einem großen Feuer, das von der göttlichen Gerechtigkeit entzündet worden ist. Man liebt Gott, und Gott straft; man wünscht, Ihn zu sehen, kann es aber nicht; man wartet auf den Augenblick, in dem man in den Himmel kommt, weiß aber nicht, wann es soweit ist; man leidet Qualen, die viel größer sind als alle, die es auf Erden gibt; aber gezwungenermaßen, ohne Verdienst und ohne Belohnung. Schreckliche Wahrheit! Allein die Vorstellung von einem Kerker würde uns mit Traurigkeit erfüllen. Wahrscheinlich kommen wir einmal ins Fegefeuer, aber wir machen uns nichts daraus.

Warum kommt man ins Fegefeuer?

·        Eine Nonne kam dorthin, weil sie im Chor leise irgendein Wort gesagt hat;

·        ein Geistlicher, weil er beim Gloria Patri am Ende der Psalmen nicht den Kopf geneigt hat;

·        eine heilige Jungfrau, weil sie sich an einem Freitag mit zu großer Sorgfalt gewaschen hat;

·        der heilige Pellegrin und der heilige Pascasius wegen sehr leichter Vergehen;

·        der heilige Valerius, weil er zu große Zuneigung zu einem Neffen hatte;

·        ein heiliger Prediger wegen übertriebener Liebe zu seinen Schriften,

·        und so viele andere.

Und was wird aus dir nach so vielen Zornesausbrüchen, Lügen, Ungehorsam, Unehrerbietigkeiten in der Kirche, Vernachlässigung deiner Pflichten, unnützen Worten, eitlem Schmücken und fehlender Nächstenliebe? Und noch immer denkst du nicht daran, dich zu bessern?

Wie lange ist man im Fegefeuer? Wie lange wirst du darin sein? Geben wir jeder lässlichen Sünde einen Tag im Fegefeuer, und nehmen wir an, dass du jeden Tag 30 solcher Sünden begehst. Damit würden jedem Tag deines Lebens 30 Tage im Fegefeuer entsprechen; jedem Jahr 30 Jahre; bei 50 Jahren wären es 1500 Jahre; bei 60 Jahren 1800 Jahre. Unsterblicher Gott!, welche entsetzliche Vergeltung!

Füge deinen lässlichen Sünden noch irgendeine Todsünde hinzu, von deren Schuld du zwar losgesprochen bist, deren Strafe du aber noch nicht ganz abgebüßt hast: Wie viele Hunderte Jahre im Fegefeuer kommen dann noch dazu!

Du könntest diese Zahl aber leicht in diesem Leben verringern, indem du versuchst, Ablässe zu gewinnen, Abtötungen vorzunehmen, Almosen zu geben und dich dem Gebet zu widmen: und du lebst so sorglos dahin?