ETIKA
18B39

THOMAS BECKET

www.etika.com
23-8-2001

Conrad Ferdinand Meyer

Siegen mit der Macht des Geistes

Novelle über den hl. Thomas Becket.
Zur Meditation besonders für anti-ökumenische Katholiken

Conrad Ferdinand Meyer: Der Heilige

Auszüge

Hans der Engelländer, aus edelm Schweizer Geschlecht stammend, hatte den Wucherer Manasse umgebracht, der in Schaffhausen saß und keine Barmherzigkeit zeigte. Er floh, wurde Mönch, brach sein Klostergelübde, wurde Bogner und Armbruster, vervollkommnete in der Wunderstadt Granada seine Fertigkeiten. Er erzählt:

III

... in jeder, auch der geringsten Kunst ist ein Ziel der Vollendung verborgen, das uns ruft und lockt, ihm Tag und Nacht sehnsüchtig nachzuziehen.

Gott hat den Heiden viele Kunst und Wissenschaft gegeben, Mathematik, Mechanik, Baukunde, alle Lehre, wo gezählt und gewogen wird, um ihnen, wie ich meine, vor dem ewigen Tode einen kurzen Stolz zu gönnen.

Das Märchen vom Prinzen Mondschein. Ein junger Fremdling sei von einer gegen Mitternacht gelegenen Insel nach Kordova gekommen und habe sich dort bei dem Kalifen in Gunst gesetzt durch den Zauber seiner Gestalt und Rede und durch seine Meisterschaft im Schachspiele. Daneben habe er trotz seiner anmutigen Jugend eine solche Schärfe des Verstandes und politische Weisheit besessen, daß der von ihm beratene Kalife ohne Krieg und Blutvergießen durch die bloße Anwendung der Staatskunst in nicht langer Zeit der mächtigste der maurischen Könige geworden sei. Darum habe er den Prinzen Mondschein - so nannten die Kordovaner den Fremdling um der Blässe und Sanftmut seines Antlitzes willen - ganz närrisch liebgewonnen und ihm ohne Bedenken die schönste seiner Schwestern zum Weibe gegeben, Prinzessin Sonne. ... Sonne und Mond seien aber nicht über einen Jahreslauf zusammengeblieben, da die Geburt eines Mädchens die Prinzessin das Leben gekostet. Hierauf hätten hundert neidische Höflinge gegen den Fremden, dessen Stellung sie erschüttert glaubten, sich heimlich verschworen. Der Kluge habe sie entlarvt, doch in milder Gesinnung für ihr Leben gebeten. Da seien eines Tages von königlichen Sklaven zehn Maultiere, mit ebenso vielen Säcken beladen, durch die Pforten seines Palastes getrieben worden, und als das Gesinde die Säcke geöffnet, seien die abgeschnittenen Köpfe seiner hundert Feinde auf den Marmorboden des Hofes gerollt. Der Beschenkte aber sei beim Anblick der blutigen Gabe erblassend in seine Gemächer zurückgetreten und habe nach eingebrochener Nacht sein Kind aus der Wiege gehoben, ein Pferd bestiegen und die schlummernde Kordova verlassen. Mit ihm aber habe Glück und Macht dem König auf immer den Rücken gekehrt.

Armbruster Hans kommt nach London. Sein neuer Meister erzählt ihm vom Kanzler. Um seinen von der Vaterseite sächsischen Ursprung zu verwischen, habe dieser von den Händen eines normännischen Bischofs, als ein Leichtfertiger, die ersten Weihen empfangen. Dann, reich geworden durch den Tod seines Vaters, sei er durch Aquitanien und Spanien an die maurischen Höfe gezogen, von seinem mütterlichen heidnischen Blut getrieben, und beim Könige von Kordova in die höchste Gunst gekommen. Nach der Heimkehr sei es ihm mit Hilfe dort erlernter geheimer Wissenschaft gelungen, König Heinrich II. unvergänglich an sich zu ketten.

Der normannische Ritter Gui Malherbe, das ist Veit Unkraut, entführt die schüchterne Hilde, Tochter des sächsischen Bognermeisters. Der Armbruster erzählt:

Mein armer Meister warf sich vor dem prächtig geschirrten Zelter des Kanzlers in den Staub und heischte, seinen grauen Bart raufend, mit erstickter Stimme und mit tränenbedeckten Wangen Gerechtigkeit gegen den Räuber seines Kindes, der mit trotziger Miene, aber unruhigen Auges in der dritten Reihe hinter seinem prunkenden Gebieter herritt. ...

Als dann der verzweifelte Sachse auf die Füße sprang, die geballten Fäuste gegen ihn schüttelte und ihm nachschrie: ,Schade, Pfaffe, daß du kein Kind hast, das dir ein Normanne verderben kann´, da berührte Thomas Becket, wie von einem lästigen Insekt umschwärmt, leise sein arabisches Roß, um es in etwas raschere Gangart zu setzen. ...

Hilde kehrt nach jammervollen Tagen zurück.

Ich habe nie erfahren, ob der Normanne Malherbe seine Gefangene freiwillig zurückgab, weil er ihrer müde geworden, oder ob der Kanzler in seiner verborgenen Weise einen Druck auf ihn ausgeübt hatte.

IV

Hans erfindet eine Armbrust, führt sie auf Schloß Windsor dem König von Engelland vor und wird als Dienstmann angestellt. Er zeigt seine Armbrust auch dem Kanzler. Dieser:

"Ich liebe das Denken und die Kunst und mag es leiden, wenn der Verstand über die Faust den Sieg davonträgt und der Schwächere den Stärkeren aus der Ferne trifft und überwindet."

Herr Thomas konnte kein Blut vergießen. In den Bezirken seiner weiten Besitztümer spielte und weidete das Wild in den Waldlichtungen wie im Paradiese, und wann er seine Forste besuchte, näherten sich die Rehe und freuten sich, ihm aus der Hand zu fressen.

König Heinrich hatte Frau Ellenor geheiratet, das geschiedene Weib des Königs von Frankreich. Sie haßte den Kanzler von Herzen. Dieser erzog die vier Kindes des Königs: Junker Heinrich war ein Geck und Schauspieler. Junker Gottfried von unsteter Art. Den dritten, das Löwenherz, hatte Herr Thomas besonders lieb. Einen nichtsnutzigeren, bösern Buben als Junker Hans trug die Erde nicht. Wie er lachte! Ich habe nicht gemeiner lachen hören. Der Kanzler betrachtete das Kind mit traurigen Augen. Aber er gab seinen Ekel dem innerlich Mißschaffenen nicht zu fühlen, sondern ließ sich mehr zu ihm herunter und bedachte ihn mehr als die andern.

V

Frau Ellenor war ein eifersüchtiger Teufel, ob sie auch selber ihrem Eheherrn keine Treue hielt. Sie bestach von Herrn Heinrichs Leibknechten, was sich bestechen ließ, dermaßen, daß ihr seine Absprünge alle bekannt wurden und sie ihre Nebenbuhlen in feindseliger, mörderischer Weise verfolgen konnte. Mehr als eine fand der König tot, oder sie verwelkte plötzlich in seinen Armen.

Eines Tages auf der Pirsch, der König wird wie üblich vom Armbruster begleitet:

Auf einer goldgrünen Waldwiese stand ein Schlößchen, wie ich seinesgleichen wohl im Königreiche Granada gesehen hatte. Der König klopfte mit dem Griffe seines Schwertes an. Ein grauer Sachse öffnete und bog stumm und zitternd das Knie vor dem König:

"Du, Äscher? Du wirst deinen König doch nicht draußen stehen lassen? Ich bin naß und hungrig! Wem gehört denn dieser schmucke Schrein? Dem Kanzler? ... Bei Sankt Jörg, ich muß glauben, der strenge Herr habe sich mit einer Waldfei eingelassen! Welche Melusine hat ihm zu Lust und Ruhe dies da hingezaubert? Flugs, melde mich ihrer elfischen Lieblichkeit!"

Der Sachse blickte den König mit flehenden Augen an und stammelte, das könne ihn das Leben kosten.

"Bei meinem Königswort, das soll es nicht. Mich kann das Gebot, das du erhalten, nicht angehen!"

drängte Herr Heinrich und setzte seinen Fuß über die Schwelle, während er mir einen Wink gab, draußen zu verharren.

Das Abenteuer schien mir ergötzlich. ... Ich elender Tor!

Als sich nach geraumer Zeit die Pforte wieder öffnete, war es tiefe Nacht geworden. ... Als wir im Frührot in das Tor der Burg einritten, ... gab er mir aus leuchtenden Augen einen Blick, und während seine Linke mir den Mund zuschloß, warf mir seine Rechte eine mit Edelsteinen besetzte Spange zu, die er sich vom Hute gerissen. Das Gold, das er im Beutel trug, hatte er alles dem alten Äscher in die Hände geschüttet.

Das war der Anfang. Aber von der Sonnenwende jenes Jahres bis zu seinen fallenden Blättern habe ich den König oft durch jenen friedlichen Forst begleitet und den Ritt häufiger noch allein gemacht, um seinen Besuch anzusagen oder die Zeichen seiner brünstigen liebe, seltene Perlen des Meeres, und was der Erdenschoß Kostbares gibt, seiner verborgenen Buhle zu überbringen. ...

Der König hatte gegen Mitternacht von seiner Buhle Abschied genommen, denn es stand seine Reise nach der Normandie bevor.

Der Armbruster erblickt unweit des Schlößchens einen alten Gegner.

Niemand anders umkreiste das Lustrevier meines Königs als der Normanne Malherbe, mir verhaßtes seit Hildes Entführung als jener Kriegsknecht auf dem Passionsbilde zu Allerheiligen, welcher unserm Herrn und Heiland ins Gesicht speit... Der Kanzler hatte den Verworfenen aus seinem Gefolge entfernt, und es verlautete, er habe bei Frau Ellenor Dienst und Gunst gefunden. Ich sah, was da bevorstand. Erfuhr Frau Ellenor das Versteck der Waldelfe, so wettete ich keinen Pfennig auf ihr zartes Leben.

Auf dem Weg zum Schlößchen befahl der König, die Herrin mit einer Zofe nach eingebrochener Nacht auf seine nächste Burg zu bringen, von wo er sie werde über Meer geleiten lassen.

Rasch waren wir am Ziel. Der Herr fand für sein Haupt einen weichen Pfühl und ich einen harten, den Sattel meines Pferdes.

Als sich die nebelfeuchten Wipfel des Waldes vergoldeten, trat der König aus der Pforte, und an seinem Arm hing ein liebliches Geschöpf, nicht über fünfzehn Jahre alt. Das schönste Mädchenhaupt, das ich je erblickt habe, lehnte an die Schulter des Königs und heftete auf seine lusttrunkenen Augen zwei flehende und furchtsame.

"Ich lasse dir diesen hier (den Armbruster). Er ist mein treuer Knecht und wird dich hüten wie seinen Augapfel. Laß dich heut abend ohne Furcht zu Rosse heben. Es muß sein, ich will es, Grace! Ein kurzes, und wir sind unter einem warmen Himmel wieder vereinigt."

Er küßte sie, schwang sich zu Pferde und sprengte von dannen, während ihm das Kind mit beiden Armen Grüße nachsendete. Mir aber war alles Blut aus dem Herzen gewichen. Die Wahrheit durchfuhr mich wie ein scharfer Strahl. Vernehmt es: der König hatte den Kanzler nicht bei einer prächtigen und ehrgeizigen Schönheit ausgestochen, Leid und Sünde! Er hatte sich an des Thomas Becket unschuldigem Kinde vergriffen. Wißt: Gnade, wie sie der König genannt hatte, war des Kanzlers leibhaftiges Ebenbild, soweit ein junges, unwissendes Antlitz einem erkälteten und welterfahrenen gleichen kann. ... Gnade, zu jung, um des Kanzlers Schwester zu sein, war sein eigen Fleisch und Blut. Herr Heinrich, ein christlicher König, hatte schlimmer als heidnisch an einer unmündigen Seele und einem kaum reifen Leibe gesündigt.

Obgleich ein armer Knecht, zürnte ich mit meinem Herrn, und meine Fäuste ballten sich, als hätte man mir das eigene Kind zerstört. Alsbald ergriff mich auch eine große Kümmernis, und ich hätte blutige Tränen weinen mögen, daß mein König, den ich lieb hatte, durch den Mord der Unschuld den göttlichen Zorn herausfordere. Ich suchte den hohen Herrn zu entschuldigen mit seinem starken Blute, seiner Allmacht, seinen blinden, unklugen Stunden, doch vergeblich! Es klang mir in den Ohren: dein Herr hat eine Todsünde begangen!

Meine Sinne öffneten sich: ich sah Gnades Schutzengel, der sich aus Betrübnis und Scham mit beiden Händen ein weißes Tüchlein vors Gesicht hielt, und hörte die Posaunen des Gerichtes mächtig erdröhnen.

Äscher sah scheu und elend aus.

"Hätte ich doch dem Teufel widerstanden", jammerte er in elender Reue, "und meinem Herrn gleich den ersten Besuch des deinigen geoffenbart. Mein Leib wäre daraufgegangen - jetzt hab´ ich auch meine Seele verkauft! - Aber woher den Mut nehmen, mich der höchsten Gewalt zu widersetzen! Verwirrender Schrecken wandelt vor deinem Könige her! Fluch über die Stunde meiner Geburt! Alles, selbst die Kenntnis des Guten und Bösen, haben uns diese Normannen geraubt. ... aber auch mein Herr, der Kanzler, trägt eine Schuld. Er, welcher die verkörperte Weisheit ist, hat Gnade schlecht erzogen. Kein Kruzifix, kein Meßbuch, keinen Heiligen halten wir im Hause! Mit arabischen Lettern bedeckte Pergamente brachte er dem Kinde, heidnische Märchen, die den grausamen Weltlauf zu einem süßen Abenteuer verfälschen - und das Kind ergötzte sich bei Tag und Nacht an diesem schönen Lug und Trug."

Herr Heinrich hatte den Glauben eines Kindes mißbraucht. Gnade war von beiden Eltern her heidnischen Blutes, und die unterwürfigen arabischen Weiber beugen sich vor dem Zepter bis in den Staub. Der König ist ihnen an Gottes und des Gesetzes Statt und mehr als Vater und Mutter. So begriff ich, daß Gnade das böse Geheimnis des Königs vor dem Vater bewahrt hatte.

Ich führte meine Rosse neben ein klares Wässerlein, speiste sie. Es tat mir wohl, für zwei kluge und treue Geschöpfe zu sorgen, die nichts wußten von Verrat und Sünde...

Ich hatte meinen Standort gewechselt, den Kanzler im Auge behaltend, dem jetzt Äscher Rechenschaft abzulegen schien...

Thomas trifft seine Tochter.

Eine Weile saßen sie schweigend, und Grace blickte, um den väterlichen Augen auszuweichen, in das perlende Wasser.

Dann begann der Kanzler in arabischer Sprache:

"Mein Kind, du wirst nur noch wenige Tage hierbleiben... Ich lasse dir zehn tapfere Leute. Du wirst dich nach und nach an Waffenlärm gewöhnen müssen, mein scheuer Vogel. Das ist das Los jeder Burgfrau in der Willkür und Zuchtlosigkeit dieser Tage.  Und es ist die Zeit gekommen, daß ich mich von dir, meine Wonne, trenne und dich vermähle. ... du gedenkst doch immer noch des ehrlichen Calas...

Der Herr verreist morgen nach dem Festlande, und ich folge ihm in wenig Tagen. Du aber begleitest mich, dicht verschleiert, mit deinen Frauen und weichst nicht von meiner Seite, bevor ich dich in die Hut eines tapfern und feinen Mannes gebe.

Erschrick mir nicht, ich verstehe zu wählen. Ich werde zusehen, wem ich dich anvertraue, und auch aus der Ferne meine Hand schirmend über dich halten, denn ich bin mächtig in allen normännischen Landen.

Und in ein Kloster begehrst du dich nicht einzuschließen? Nein, sagen mir deine Blicke, du hast keine Sünde zu büßen und Licht und Sonne nötig."

Sie flüsterte:

"So sprachest du, mein Herr und Vater, nicht immer. Hattest du nicht beschlossen, mich einst vor das Angesicht des Königs zu stellen, und rühmtest du nicht seine Gunst als die eines gütigen und majestätischen Herrn? Auch Herrn Richard hast du vor mir gelobt..."

"Sprach ich so", erwiderte Herr Thomas ernsthaft, "so sprach ich töricht und beirrt von meinem väterlichen Wohlgefallen an dir. Ich habe mich eines Besseren besonnen. Du darfst nicht an den Hof, in diesen Pesthauch, wo nichts Reines gedeiht. ... Meinst du, daß ich dich liebe? Unermeßlich! Mein Einziges, mein Alles!"

Und er drückte ihr einen sanften Kuß auf die Stirne.

Äscher. Der stöhnende Alte verdroß mich mit seinem ängstlichen Gemurmel und seinen eintönigen Selbstanklagen.

... Darüber entschlummerte ich, und der Traumgott betrog mich mit allerhand Gaukelspiel. Es ist ja bekannt, daß geträumte Trauer Freude bedeutet, geträumte Lust Tränen.

Es war eine böse Nacht, die schlimmste meines Lebens. ... Jetzt holte ich die zitternde Gnade, hob sie auf meinen Arm und lief mit ihr, was ich konnte, dem Walde zu. Ein Pfiff und sausender Schwung! Hätte doch der Pfeil mich getroffen! Das leichte Wesen in meinen Armen ergriff krampfhaft meinen Hals. Warmes Blut überströmte mich, und die hervordringende Spitze des Pfeiles, der dem Kinde des Kanzlers die Kehle durchbohrt hatte, ritzte meine Wange. Ein ersticktes Röcheln, und es war mit Gnade zu Ende!

... erreichte ich den Wald, von Pfeilen umschwirrt und gefolgt von dem keuchenden Atem Äschers. ... Da höre ich einen mißtönigen Schrei hinter mir. Ich wende mich und sehe Äschers Rappen, sonst ein frommes Tier, bolzgerade aufsteigen mit gesträubten Mähnen und plötzlich in wilder Angst sich rückwärts überschlagen. Ein vorüberhuschender weißer Schein hatte ihn erschreckt. Es mag eine blanke Hirschkuh gewesen sein... Neben einem Haufen Feldstein wälzte sich das Roß und lag ein Toter mit entstelltem Gesicht. Da stieg mir das Haar zu Berge. Ich trieb mein Tier an, ohne mich mehr nach dem verendenden Rappen noch dem gerichteten ungetreuen Knechte umzusehen.

VI

Ich schaute in das Halbdunkel der Burgkapelle. Aber da lag kein Kruzifix und kein ewiges Licht... lag die tote Gnade. Ihr Haupt ruhte auf einem Purpurkissen und trug ein Krönchen von blitzendem Edelgestein.

Neben den lieblichen Todesantlitz aber lag ein anderes hingesunken, von demselben Sonnenstrahle gebadet, lebloser und gestorbener als das der Leiche, ein Antlitz, über das die Sterbenot der Verzweiflung gegangen, und von dem sie, nach getanem Werke, wieder gewichen. Es war der Kanzler...

Ich wurde getrieben, in arabischer Sprache einen Vers des Korans auszusprechen, der Anblick der erblaßten Gnade mag mich an das Paradies der Ungläubigen und seine Engel erinnert haben:

"Schön sind sie und lieblich, ja, sie sind schön wie Lilien und Hyazinthen. Sie senken die Lider, und ihr reines Antlitz hat die Blässe des Straußeneis, das im Sande wohlgeborgen ist."

Er wandte sich zu dem, der ihn mit diesem Koranvers getröstet hatte. Ich nahte mich ihm, bog das Knie und überreichte mit banger Furcht den königlichen Brief.

Eine Weile brauchte der Entrückte, sich in diese Welt zurückzufinden. Nun wurde er der drei Leoparden des königlichen Siegels ansichtig - die Hand, in welche ich das Schreiben gelegt hatte, zuckte, wie von einem Skorpion gestochen, und schleuderte es in heftigem Schmerze von sich. Gleich einem Manne, der auf der Folter liegt und unsagbare Qual erduldet, verzog er seine edeln Brauen. Die vorwurfsvollen Augen richteten sich auf mich, und in ihrer Tiefe entglomm eine Flamme, grausam und gramvoll wie die Hölle. Dieser Blick traf mich mit der Gewalt eines Wurfgeschosses, ich entsetzte mich in der Seele und floh ohne Urlaub von dannen.

VII

Nun erschreckt Ihr, Herr, und vermutet, zu dieser Stunde sei die Feindschaft ausgebrochen zwischen dem König und Thomas Becket - Ihr würdet irren. Eine Weile zwar mieden sie einer des anderen Atem und Angesicht... Denn der Glaube meines Herrn an die Weisheit und Treue des Kanzlers blieb unerschüttert. Und seinerseits nahm Herr Thomas nie williger jede Bürde der Arbeit und Feindschaft auf sich, die ihm aus seinem Eifer für die Größe des Königs entsprang. Er hatte damals keinen leichten Stand, da er zum Vorteil der königlichen Rechte mit der vornehmen normännischen Pfaffheit angebunden und sich verbissen hatte. Es blieben pfäffischer Totschlag und Weiberraub ohne Ahndung, oder, schlimmer noch, wurden so sanft bestraft, daß es einem bösen Scherz glich und die ungedämpfte Brunst der Geschorenen immer weiter um sich griff.

Der Kanzler berannte den schlichten Geist des Heiligen Vaters in zahlreichen Staatsschriften mit schlagenden Tatsachen: Geiz, Habsucht, Raub, Hinterlist, Unzucht und Gewalttat, wie sie die Pfaffen König Heinrichs an sich hatten, seien etwas anderes als der reine und unschuldige Wandel des Heilands und seiner zwölf Boten.

Thomas Becket sagt dem König und seinen Söhnen mit milder Ruhe, seine Zeit, die wachsenden Staatssorgen, seine Reisen, eine früher ihm unbekannte Müdigkeit erlaube ihm nicht länger, ihre Erziehung persönlich zu leiten. ... Von jener Stunde an brach Hader aus zwischen den vier Königskindern, und die Liebe des Kanzlers versöhnte sie nicht; den sie waren ihm gleichgültig geworden, und er überließ sie ihren Trieben. ...

Wahrlich, es war nicht Thomas, der sich etwas merken ließ von seinem Widerwillen gegen den König, oder der es in irgendeinem Falle an williger Ehrfurcht hätte fehlen lassen. Allabendlich saß dieser Unentbehrliche am königlichen Tische und erheiterte den Herrn mit den feinen Spielen seiner Rede.

Der König von Frankreich setzt Becket zu, in seine Dienste überzutreten. König Heinrich:

"Morgen send ich dich nach Paris. Laß sehen, ob es ihm gelingt, dich zu verführen und mit Schmeicheleien zu Fall zu bringen!"

Thomas Becket: "... Gib mich nie aus deiner Hand in die Hand eines Herrn, der mächtiger wäre als du! ..."

Auch ich konnte mir aus der Rede des Kanzlers nichts machen und legte es mir erst später aus, daß der heimlich zu Tode Verwundete verdeckter und zweifelnder Weise von der dunkeln und langsamen Rache Gottes sprach.

Herr Fauconbridge bezichtigte Herrn Thomas des Hochverrats, während er selbst mit dem Hofe von Frankreich gefährliche Ränke spann. ... gebärdete sich zwiefach sicher und frech, bis er mit einer Tat offener Felonie die Krone angriff und man ihm dann freilich sein Blutgerüst zimmern mußte. Dergestalt verlor Herr Fauconbridge sein Erbe und sein Haupt durch die langmütige Barmherzigkeit des Kanzlers. Als dieser dem König später erzählte, er habe die verwegenen Pfade des rebellischen Barons von Anfang an gekannt und im Auge behalten, der König aber ihn fragte, warum er den Verräter nicht früher entlarvt habe, antwortete der Kanzler:

"O Herr, wozu? ... Es regen sich unter dem Tun eines jeglichen unsichtbare Arme. Alles Ding kommt zur Reife, und jeden ereilt zuletzt seine Stunde."

VII

Becket:

"... weil die Kirche ein Doppelwesen ist, das aus Leib und Seele besteht. Der Leib ist ein Heer von Geschorenen und Ehelosen, ein paar tausend von Münstern und Klöstern, ein Bündel von Gebräuchen, Gelübden und auf Fabeln und Fälschungen beruhenden Ansprüchen. Die Seele der Kirche aber ist Tugend, Bescheidenheit, Erbarmen, Keuschheit - kurz alles, was jener andere lehrte, den sie gekreuzigt haben. ... (zum König) ... wähle du (als Nachfolger des gestorbenen Primas von Canterbury) einen öffentlichen Sünder, einen unbestrittenen Lasterhaften, wie unsern Abt...
Mein König, diesem tierischen Menschen wird es nicht gelingen, die Rechte seines Stuhls als göttliche zu verteidigen. Du wirst sie ihm entreißen - und dann: weg mit ihm!"

Er stieß diese Worte verachtungsvoll von seinen feinen Lippen und fügte hinzu:

"Der Unreine wird sich überdies selbst zerstören. Begnügt er sich doch nicht, o Herr, wie deine anderen Bischöfe, Buhlerinnen zu halten, sondern überfällt und verdirbt die unschuldige Jugend."

Der König:

"Wohin denkst du, Thomas? Diesen Stuhl, worin der selige Lanfranc und St. Anselm gesessen haben, sollte ich mit einem Schweine besetzen? Das bleibe ferne von meinem königlichen Willen! ... Ich sage dir, wahrlich keiner wird auf dem Stuhle des Primas sitzen als du! Du auf dem Stuhl von Canterbury, und der Thron St. Petri kracht in seinen Fugen; du unter der Mitra, und dem Heiligen Vater wackelt die seinige auf seinem Kopfe!"

Der Kanzler:

"Wenn ich nun durch ein Wunder zu einem wahren Bischof würde? Das käme dir unerwartet und ungelegen! ... Unter den Flügeln deiner Macht habe ich dies Reich lange Jahre regiert, mit welchen Mitteln? Mit Gewalt, Bestechung, Wortbruch... und mit schlimmern, die ich nicht auszusprechen mag. So werden die Reiche der Welt verwaltet (Anmerkung etika.com: natürlich auch heute noch), aber ich bin es müde. Was ist mir dieses Engelland? Ich bin kein Normanne, nicht einmal ein Sachse! Fremdes Blut fließt in meinen Adern. Und die Schätze, mit denen du mich, Großmütiger, überhäufst, für wen sammle ich sie? Für den Rost und die Motten!"

IX

Meinem Herrn und Könige wurde berichtet, sein Kanzler habe alle Pracht des weltlichen Lebens mit einem Male und gänzlich von sich abgetan. Der Primas wandle mit magerem, verfastetem Angesicht in einer groben Kutte durch die Straßen von Canterbury, seine Gäste, die sächsischen Bettler, wo er gehe und stehe, hinter sich herziehend...

König Heinrich:

"Blicke mir ins Auge, Thomas! Entweder willst du mein Feind werden, oder du hast mit unsinnigem Fasten die herrliche Klarheit deines Geistes getrübt. In Kürze: bringe mir die geistliche Gerichtsbarkeit um, Thomas! Dafür, nur dafür habe ich dich auf meinen schönen Stuhl von Canterbury gesetzt. Ich will nicht, indem ich die Frevel meiner Pfaffheit ungerochen (sic) lasse, die Blitze des göttlichen Gerichtes auf mich und mein Haus herablenken. Jüngst noch hat ... ein normännischer (Kleriker) sich an der Unschuld eines Kindes vergriffen."

"Herr", versetzte der Primas, und seine eingefallene Wange flammte, "sei gewiß, daß ich die Sünden meiner Kleriker härter ahnde als kein weltliches Gericht tun würde!... Abscheuliche Dinge!... (Anmerkung etika.com: Wir fordern dasselbe zum x-ten Male vom Papst in Rom, und wenn er nicht endlich reagiert, rufen wir zum Schutz der Kinder über alle Kinderschänder unter den Klerikern das Strafgericht Gottes herab.) ... Ob er mir aber die in meine Klöster geflüchteten Sachsen ihren Peinigern, deinen Baronen, auszuliefern gebietet, das frag´ ich mich und zweifle."

Jetzt erkannte Herr Heinrich deutlich, daß der Primas ihm die geistliche Gerichtsbarkeit nicht zurückgeben wollte und seinen heiligen Spott mit ihm trieb.

In diesem Augenblicke begannen die im Burghofe harrenden Sachsen eine neue Litanei. Vexilla Dei prodeunt.

Da geriet der König in bleiche Wut.

"Du wiegelst mir die Sachsen auf, Rebell! Verräter!"

schrie er und tat einen Schritt gegen den Primas ... als wolle er den ruhig vor ihm Stehenden erwürgen.

Da öffnete sich eine Türe. Frau Ellenor stürzte herein und warf sich, in Tränen aufgelöst, dem Primas zu füßen.

"Ich bin die größte der Sünderinnen!", schluchzte sie...

X

An jenem Tag verwundete ein Giftpfeil das Herz König Heinrichs. Erst war der Stich nur klein, und mitunter schien es, als wolle er heilen. Aber in der Tiefe eiterte er fort und fraß immer schmerzhafter ins Fleisch, bis zuletzt von diesem einzigen Punkte aus Herrn Heinrichs ganzes Wesen untergraben und sein Königsleben zerstört wurde.

Zu Nacht fuhr er, kaum eingeschlummert, aus unruhigen Träumen empor, sprang von seinem Lager und stellte, rastlos in der Kammer auf und nieder schreitend, den undankbaren Liebling, der ihn als nächtliche Scheingestalt heimgesucht und erschreckt hatte, zur Rede, bald beleidigt und drohend, bald aber auch liebreich mit kosenden Worten.

... hielt sich Herr Thomas abseits vom königlichen Angesichte, so zürnte und klagte Herr Heinrich, daß sein Vertrautester, früher die Seele seiner Ratschläge, der ihn kenne wie keiner, sein Herz verrate, sich von ihm entferne und sondere, die Schärfe einer übermenschlichen Klugheit gegen ihn wendend.

Und doch ließ es der Primas nicht fehlen an versöhnlichen Worten und unterwürfigem Entgegenkommen. Dann fuhr der König zu und faßte hastig die bedingungsweise gebotene Hand, welche der über dies triumphierte Zugreifen Erschrockene schon wieder erkältet zurückzog.

Eine vermittelnde Formel, welche die englische Königsmacht und die Rechte der barmherzigen Kirche zu gleichen Teilen geschont und gesichert hätte, wäre schon vorhanden und der Klugheit des Kanzlers erfindlich gewesen, wie ich meine. War doch der König nicht unmenschlich und Thomas kein erhitzter Eiferer! Aber die Herzen der beiden Herren kannten sich nicht mehr, und wann sie den letzten Schritt zueinander tun wollten, trat das Gespenst ihrer gestorbenen Liebe als blasse Feindschaft zwischen sie.

Gehetzt und gezischelt, Glut gelegt und ins Feuer geblasen wurde gleichfalls nach Hofgebrauch. Der normännische Adel insgesamt hatte seinen Haß und Abscheu geworfen auf den gottseligen Rebellen, der den entlaufenen Hörigen der eroberten Güter die unerstürmbare Zuflucht seiner Klöster öffnete . Täglich und stündlich wurde dem Herrn hinterbracht, wie der Bischof zunehme und groß werde im Volk der Sachsen und seine gleisnerischen Hände überall und allezeit hilfreich und segnend ausstreckte. Er unterwühle das Reich mit einem heimlich brütenden frommen Aufruhr der Seelen, gefährlicher als ein offener und körperlicher, weil er sich nicht mit Waffen niederwerfen lasse.

... Endlich entschloß sich Herr Heinrich, forderte den Primas vor ein Gericht seiner Barone, ließ ihn als Reichsverräter verurteilen und vertrieb ihn auf ewig aus seinen Landen. Am selben Tage aber, da Herr Thomas wie ein Verbrecher über Meer entfliehen mußte, wich Frau Ellinor von ihrem Gemahl und verließ Schloß Windsor mit einem weit vernehmbaren Wehegeschrei.

Thomas Becket verlangte vom französischen König Ludwig "dem Jüngling", dem früheren Mann Ellinors, dem Kapetinger, nichts als eine Klosterzelle, wohin er sein Haupt berge. Dergestalt ging er denn, vom Heiligen Vater aufgeopfert, am Wanderstabe des Elends von Kloster zu Kloster, und oft verloren sich seine Spuren. Während so seine Leiblichkeit in Frankreich abnahm und schwand, wuchs seine Macht und geistige Gegenwart in Engelland. Herr Thomas wohnte wie das Christkind im Stalle, niedrig und prächtig, in allen englischen Hütten und Herzen.

Zwei Unheilskunden langten in Windsor an. Die eine erzählte, Jungkönig Heinrich sei, den wetterwendischen Herrn Gottfried mit sich ziehend, nach Paris geritten, um die jenseits der Meeresenge gelegenen Länder des Normannenreiches unnötiger- und schmählicherweise von dem Kapetinger zu Lehen zu nehmen. Die andere lautete, der verborgene Herr Thomas sei in einer französischen Stadt zu Pfingsten an den Tag getreten und habe unter dröhnendem Glockenschlage die brennenden Kerzen auf dem Hauptaltare des Doms mit dem Hauche seines Mundes gelöscht, den Bischof von York, der in die Rechte des Stuhles von Canterbury gegriffen, mit dem Banne schlagend.

... der alte König ... gebärdete sich wie ein wahnsinniger Mann. Er tobte, entgürtete sich vor seinen Knechten, warf sich stöhnend auf sein Lager, zerfetzte die seidenen Decken, riß mit den Zähnen die Wolle aus den Polstern und zerschlug sich die Brust mit verzweifelten Fäusten.

"Löset mir den verruchten Vampir vom Herzen!", heulte er, den Schaum vor dem Munde, und meinte Herrn Thomas, "er zernagt mir Leib und Seele."

XI

Am Abende des Tages, da mein Herr und König durch sein blindes Wüten sich selbst geschändet und vor seinen Knechten erniedrigt hatte, saß ich niedergeschlagen auf einem Mäuerchen bei den Stallungen. ... Herr Richard:

"Eine reißende Bestie! ... Jammer und Schande! ... Bleibt es so, oder wird es schlimmer mit ihm, ei, wie leichtes Spiel haben die Brüderlein, dem Vater die Krone vom Haupte zu reißen und mir mein Erbteil zu entwinden! ... Aber umkommen lasse ich es nicht, das Reich der Normannen! Diesseits und jenseits des Meeres soll es zusammenhalten und die Welt beherrschen! ... Ich ruhe und raste nicht, bis ich die zweie zueinandergezogen und versöhnt habe! ... er muß wiederum des Vaters Kanzler werden; denn allein seiner großen und einzigen Weisheit ist es möglich, das Wirrnis zu lösen!"

Wir durchritten Frankreich. ... Da stieß ich mit einem zusammen in einer Herberge ..., mit einem, der von unten her Gewalt über die Geister empfangen hatte, der mit scharfem Schwerte und noch schärferer Zunge, wo er stand und ging, wie ein Engel der Zwietracht Bande der Natur zerschnitt und den Frieden mordete. ... Dieser:

"...Denn die Völker der Erde vertilgen sich, und der Haß ist der allmächtige König der Welt! Hoch lebe der Haß, der glühende Atem der Erde! ... Bei den Flügeln Luzifers, ich verstricke König Heinrich und seine Söhne in die Ringe eines Drachen, giftiger als der, welcher den Priester Laokoon und seine Kinder erdrückte."

Bericht von einem seltsamen Zeichen in Arles: ein marmornes Mädchenhaupt mit Locken wie züngelnden Nattern entdeckt. Das ausgegrabene Schreckensweib, meinten die Leute, bedeute ein kommendes großes Sterben in ihren sonnigen Ländern.

Der Züricher Chorherr Burkhard, der Zuhörer des Armbrusters - es war am drittletzten Tag des Jahres 1191:

"An jenen Küsten wimmelt es, wie verlautet, von Ketzern jedes Irrtums, besonders von hartnäckigen Manichäern. Ich liebe den Frieden, bin den Menschen hold und freue mich, die läßlichen Sünden zu vergeben. Hier aber wird die Gnade verworfen, und ich könnte es wahrscheinlich geistigen und weltlichen Herren nicht verargen, wenn sie sich zusammentäten, um diese Verstockten aus dem Mittel der Christenheit zu heben, daß ihre Stätte sie nicht länger kenne."

Richard trifft Thomas und überredet ihn zu kommen. Dieser verspricht dem König schriftlich den heiligen Friedenskuß . Der Armbruster hat sich unterdessen in einen Kreuzgang verzogen.

Seine Säulen waren mit reichem Gesimse gekrönt, auf welchem, in abwechselnder Reihe, je ein Geschöpf der obern oder untern Regionen saß, hier ein psallierender Engel, dort ein lächerlicher oder boshaft grinsender Wechselbalg.

Herr Richard neigte sich über die blasse Hand des Kanzlers und benetzte sie mit Tränen kindlichen Dankes. Da mußte ich, wehe über den Häuptern der zweie ein steinernes kleines Scheusal erblicken, das, auf dem Gurt eines Pfeilers hockend, mit seinem Krötenbeinchen höhnisch nach ihnen stieß und dazu die Zunge reckte. Dieses mißfiel mir, obschon es ein Zufall war.

Es war an einem grauen Tage und auf einer trübseligen Heide, daß die Herren zusammentrafen. Herr Thomas winkte seine Mönche weg, und der König wies seine Ritter zurück, denn ihn dürstete nach dem Friedenskusse.

Herr Heinrich konnte sich jetzt nicht länger halten: mit gespitzten Lippen näherte er sein zerfallenes, aufgedunsenes Gesicht dem kasteiten, heiligen Haupte des Kanzlers. Es war häßlich und abstoßend, das Antlitz meines Königs, aber so rührend und sehnsüchtig... Was jetzt geschah, Herr, was in dem Innern des Kanzlers vorging, wer kann es sagen?

Ich meine, daß dieser Verein von Häßlichkeit und Begierde ihn an die Erwürgung der kindlichen Gnade erinnerte. Er entzog ekelnd seine Lippen dem Könige und betrachtete das nahe Haupt mit Schauder, als erblicke er den Inbegriff jeder Unterdrückung und Schandtat.

Doch der König in seiner blinden Sehnsucht ergriff die Arme und suchte den Mund des Kanzlers, als ihn dieser mit einem Schrei des Entsetzens zurückstieß.

Wie nun Herr Heinrich mit Schmerz und Zorn gewahr wurde, daß ihm der Primas trotz des gegebenen Wortes den Frieden nicht gewähren konnte, verhärtete sich plötzlich sein Gemüt, und er stieß verzweifelnd die Worte aus:

"Was hab ich mit dir zu schaffen, Thomas? Was verfolgst du meine Seele?"

Der Kanzler aber war seines Willens wieder mächtig und seines Pfades sicher geworden. Er erwiderte mit ruhiger Hoheit:

"Du kennst seit langem meine Natur, o Herr, die in die Stapfen eines Größeren treten muß. Ich bin dessen nicht gewiß, ob der Nazarener, dem ich gehöre und nachzufolgen suche, es über sich gebracht hätte, deine scheusäligen Lippen zu berühren.

Den Verräter Judas hat er geküßt, der ihn, die Unschuld und Liebe selbst, verkauft und in den Tod geliefert hat; aber ob er einen Mund geküßt hätte, der die Seele seines Kindes vergiftete und den Leib der Unschuld verdarb, daran muß ich zweifeln.

Und da er zugleich ein Gott ist, wie die Kirche lehrt, so kann er den Mord seines Lammes nicht vergeben ohne eine schwere und völlige Sühne,

weil er sich selbst, das heißt die Gerechtigkeit, die sein Wesen ist, nicht zerstören kann.

Und ich, der ein Mensch, aus heidnischem Blute und nicht so gelassen bin, als ich scheine, ich soll über mich bringen, was mein Meister nicht vermocht hätte! Und doch, es soll geschehen. Aber um ein Lösegeld, Seelen gegen Seele! Sammle deine Sinne, König, höre mich an und überlege.

Siehe, ich habe noch andere Kinder, deine Sachsen, deren Seelen du selbst einst meiner Hut anvertraut hast. Aber wie soll sie der verbannte Hirte weiden? Und wie sollen diese Seelen gedeihen, wenn ihre Leiber das Eigentum deiner Wölfe, deiner unersättlichen Barone sind? Seit dein Ahn, der Eroberer, viele Tausende dieser überwundenen Sachsen einer Handvoll eiserner Normannen unterworfen hat, wohnen die Beraubten nicht mehr auf eigenem Grunde. Du verstümmelst die Männer wegen eines erlegten schädlichen Wildes kraft deiner barbarischen Jagdgesetze und scheuchst Jünglinge und Mägde in den Schatten der Klöster, weg von der Sonne und von der ererbten nährenden Erde, die sie friedlich bauen und bevölkern sollten.

Laß mich gewähren! Höre mich an: ich will dir und dem Sohne, der dir bleibt, ein Volk schaffen. Nicht mit Eroberung und Gewalttat, sondern mit Weisheit und Gerechtigkeit, mit dem sanften Stabe des Bischofs will ich überwinden. Weil ich die Seelen beherrsche, so fürchte ich mich nicht vor den Schwertern deiner Normannen. Ich bin in diesen Tagen des blinden Zornes und der plumpen List noch immer der Klügste der Sterblichen.

O mein König, wie töricht hast du gehandelt, da du, um meine Macht zu zerstören, deinen Sohn Heinrich gekrönt hast! ... dein Primas bin ich auf immer.

Siehe hier", er hob eine Rolle aus seinem Busen, "den Bannstrahl des Papstes in Rom, den er gegen dich wirft, weil du an die Rechte meines Stuhls getastet hast... Heute ist der Heilige Vater ein Mietling deines königlichen Vetters von Frankreich... Du hast die Seele des Latiners nicht verstanden und spartest das Geld zur Unzeit. Gib dich, mein Herr und Gebieter, in meine Hände zurück, und ich trete dir diese käufliche Brandfackel aus!"

Über diesen erstaunlichen Worten war das Angesicht des Königs bald aufgeflammt und bald erbleicht. ... Feindschaft und Grauen gewann wieder die Übermacht, und seine Seele blieb zwiespältig.

"Siehe, mein Fuß ist müde", fuhr Herr Thomas mit weicher Stimme fort. "Ich bin eine erlöschende Flamme, doch scheint mir lebenswert, in diesem Zeitalter des Hasses und Zwiespalts ein Reich zu gründen, wo Gott und dem Menschen nicht (Anmerkung: wie heute bei uns) ins Abgesicht gespien und geschlagen werde. ... Begehrst du eine mildere Todesstunde als die deiner Ahnen? Über dir schwebt eine andere als meine Rache. Ich sühne sie dir. Ich schirme dich... Ich bin dein Freund. Denn, siehe, dein Sohn Richard hat für dich gebeten."

Diese schöne und geistliche Rede hätte vielleicht meinen armen König überwunden, hätte nur der kluge Herr Thomas das Löwenherz nicht ins Spiel gezogen!

Mein Herr Heinrich, obwohl er seinen Dritten über alles liebte, war durch den unkindlichen Verrat und Abfall der Jungherren Heinz und Gottfried argwöhnisch geworden ... in seinem Herzen schwoll und kochte ein schwarzes Mißtrauen.

"Wohin drängst du mich, Thomas?" begann er, "ich soll meine Normannen erzürnen? Was sinnst du? ... Meine sächsischen Knechte freigeben?... Willst du mich verderben? ... Ich erkenne dich, du willst mich und mein Reich zerstören! Seit Gnade, die Gott verdamme, dahin ist, brütest du Tag und Nacht über meinem Untergange, du Heuchler, du Verderber, du rachsüchtiger Heide!"

Das Antlitz des Herrn Thomas aber leuchtete wie das eines Engels, und er sagte mit strahlenden Augen:

"Ich vergebe dir den Tod Gnades und deine Lästerung, wenn du meine Brüder, die Sachsen, freigibst und fortan göttliche und menschliche Wege wandelst! Willst du, König Heinrich?..."

In diesem Augenblicke wurde der Haufe der normännischen Herren unruhig, die es verdroß, den König so lange mit dem geächteten Bischof, dessen Klugheit sie fürchteten, verhandeln zu sehen, und deren Ehrerbietung gegen ihren Fürsten schon merklich gesunken war. Sie rasselten mit den Speeren und Schilden, tummelten ihre Rosse und schrien:

"Finissez, Seigneur Roi, finissez!"

Herr Heinrich erschrak und bedeutete den Primas, schleunig von ihm zu weichen.

"Zurück mit dir", rief er, "in dein französisches Kloster! ... Und daß deine Sohlen nimmermehr den englischen Boden berühren, du Volksverführer! Weder hier noch jenseits will ich je mit dir wieder zusammenkommen und zu schaffen haben, du Zauberer und Schicksalsrabe!..."

... Thomas Becket aber wendete sich von dem Könige mit einem wehen Lächeln.

"Ich glaube, die Stunde meiner Befreiung nahet. Wo hätte ich Zager sonst den Mut genommen, das Haupt zu erheben und meinen Herrn und König zu erzürnen!"

So schieden sich Herr Heinrich und Herr Thomas voneinander ohne den Frieden, den sie doch beide redlich gesucht hatten.

XII

Mich drückte der Kummer wie ein zu enger Brustpanzer, denn ich gab die Sache meines Königs verloren, wohl wissend..., daß das an einem Sonnenstrahl der Güte schmelzende Eis der Herzen, von neuer Kälte überfallen, sich zwiefach verhärtet. Mit meinen Augen hatte ich es gesehen, wie der Primas dem Löwenherzen zuliebe sein innerstes Naturwesen hatte zwingen wollen, die Lippen meines Königs zu berühren, und wie er es nicht gekonnt.

Von Dohlen und Krähen umflattert, sprengte Herr Heinrich über das Blachfeld, das sich langsam mit Schnee bedeckte.

In der Stadt Rouen hielt sich Herr Heinrich bis zur Weihnacht, die nicht ferne war, in guter Zucht und christlicher Zerknirschung... Das festliche Mahl war zu seiner Mitte gelangt, da regte sich der Böse und schickte einen Störefried. Gestiefelt und gespornt keuchte der Bischof von York durch die Halle. Und stellte sich, rot wie ein Puter, mit erzürnten Gebärden vor den tafelnden König.

"Helfet mir, gerechter König Heinrich", überschrie sich der Kleine. "Nicht genug am Primas, hat nun auch der Heilige Vater in Rom seinen Bannstrahl auf mein Haupt geschossen. Thomas Becket, den Gott verpeste, hat die Bulle verstohlenerweise auf seinem eigenen Leibe in Euer englisches Königreich getragen und eben jetzt, zur heiligen Freudenzeit, wird sie in allen Kirchen, wo Sachsen Messe lesen, zu meiner und des Königs Schmach feierlich verkündet. Und wie ist der Sohn der Bosheit nach Canterbury gekommen? ... Als ein Triumphator mit Roß und Wagen und einem langen sächsischen Heerzuge!..."

Hier gelang es dem verständigen Kleriker (an seiner Seite), seine Stimme hörbar zu machen. Dem sei nicht so, wandte er ein...

Jetzt kam die lodernde Flamme zum Ausbruch.

"Ich habe ihm verboten, meinen Boden zu betreten!" schrie der König mit bebender Stimme. "Er hat wie ein schmeichelndes Hündlein das Brot aus meiner Hand gegessen, und dieser Teufel von Undankbarkeit tritt mich mit Füßen, zerreißt mein Haus und zerstört mein Reich."

Er blickte irr über die verstummte Tafelrunde und schleuderte seinen Rittern die beschimpfenden Worte zu:

"Ich mäste Knechte! Sie zehren am Mark meiner Länder und strecken die Füße aus unter meinem vollen Tisch; aber keiner dieser Fresser und Schwelger ist Manns genug, mir einen Verräter vom Halse zu schaffen!"

... Hinter dem Stuhle des Königs stehengeblieben, sah ich am untern Ende der plötzlich gelichteten Tafel viere zusammensitzen, die sich Blicke zornigen Einverständnisses zuwarfen und im Flüstertone, als hielten sie geheimen Rat, aufgeregte Worte tauschten.

Da ist zum ersten Herr Wilhelm Tracy, der Spötter, dann Herr Richard aus der Bretagne, Herr Rinald, der Schöne, ein Liebling der Weiber, und letztens Herr Hug, der Einsilbige. ... Ich sah die viere im Schloßhof ungeduldig auf ihre Rosse harren und sie dann hastig besteigen.

Als ich am Abend dieses schlimmen Christtages in der Kammer meines Herrn erschien, fand ich ihn, wie den Zornmütigen zu geschehen pflegt, stumm und niedergeschlagen.

"Alle Heiligen und Engel wollen Euch behüten, daß Ihr Euch keinen Märtyrer auf die Seele ladet! Noch ist es nicht zu spät!"

"Erreiche die vier und bring sie mir zurück. Du ereilst sie mir - ich will es! ... wisse eines: ich will nicht, daß dem Primas ein Leides geschehe. Wird ein Haar dieses ehrwürdigen Hauptes gekrümmt, so büßest du dafür und baumelst mir am nächsten Galgen!"

In Canterbury: Thomas Becket hält unter vielen Klerikern und dienenden Brüder Tafel.

Jetzt trat ich vor und warf mich dem Primas zu Füßen.

"Ehrwürdiger Vater, ich komme von meinem König! Ihm ist bange um euch! Er sendet mich auf eiligen Schiffen und dampfenden Rossen, daß ich Euch mit meinem Leibe decke und die königliche Macht über Euer Haupt breite!... Auf, fromme Brüder", und ich wendete mich an seine Kleriker, "auf! Stehet mir bei! Führet Euern Bischof in sein innerstes, festestes Gemach! Und ihr andern, helfet mir die Tore versperren und die Türen verrammeln!..."

Der Primas machte mit wenigen gelassenen Worten meinen Anschlag zunichte.

"Besser als dir ist der Wille deines Herrn mir bekannt. Ich lese deutlich in seinem Herzen! Gottes ewiger Ratschluß und der Vorsatz meines Königs erfülle sich an mir!"

"Bei den fünf heiligen Wunden!" schrie ich, außer mir geratend, "der König will nicht, daß Ihr hier erwürgt werdet! Trägt er die Schuld, wenn Ihr die trotzige Absicht habt, Euern Leib und des Königs Seele wissentlich und freventlich zu verderben?"

Da wandte sich plötzlich Herr Thomas gegen mich und schlug mich mit biblischen Worten:

"Hebe dich von hinnen, du Schalk und böser Knecht, denn du bist mir ärgerlich!"

Erschrocken sprang ich auf die Füße und wich zurück...

Die vier normannischen Herren traten in die Halle...

Herr Wilhelm Tracy:

"Gehorche deinem Könige und Lehensherren..., wie wir alle tun! Bist du nicht lediglich ein Geschöpf seiner Gnade? Wer hat dich aus dem Nichts gezogen und aus einem Sachsen zu einem Menschen gemacht? Woher kommt dir die erhabene Macht dieses Stuhles? Du Undankbarer, Feindseliger, sprich und bekenne: aus wessen Händen hast du sie empfangen?"

Da rief Herr Thomas mit durchdringender Stimme, daß es durch die Halle zitterte:

"Aus den Händen meines Königs zu seinem Gericht!"

Über dieser harten Rede gerieten die viere in Aufruhr.

Herr Wilhelm:

Thomas Becket, nimmst du den Bann von dem Bischofe zu York? Rede!

Thomas Becket, du hast den englischen Boden gegen den Willen deines Königs und den Spruch seines Parlamentes wieder betreten. Weiche aus Engelland! Zugesagt ist dir freies Geleit bis ans Meer. Wann ziehst du von hinnen? Rede!

Eine Weile harrte Herr Wilhelm auf Antwort, dann schloß er finster:

"Das ist Felonie. Dein Blut über dich!"

Die viere verließen den Saal mit gemessenen Schritten. Ich wußte, sie gingen sich zu waffnen.

Es entstand nun eine so große Stille, daß ich mein Herz wie einen Hammer gegen die Rippen schlagen hörte. Da erklang aus dem Schweigen stark und markig eine Stimme:

"Fürst der Schmerzen, nimm Wohnung in diesem Leibe!"

Dann sprach Herr Thomas zum andern Male und streckte seine schmalen Hände aus:

"Durchstich sie und gewähre mir deine Passion!"

Da erbebte ich in Ehrfurcht und getraute mich nicht länger, das Angesicht des Herrn Thomas zu besehen, weil ich fürchtete, der Dreifaltige habe in seinem Leib Einzug gehalten.

... andere umschlangen seine Hüften, um ihn mit liebender Gewalt wegzutragen.

Inzwischen schmetterten Beilschläge von draußen gegen die Türe.

Ein Diakon mahnte:

"Es läutet zur Vesper, und man erwartet Euch in der Kirche, Vater."

Thomas Becket erhob sich ohne Weigerung, ein Zug ordnete sich, und der Primas durchschritt hinter dem vorgetragenen Kreuze den langen Gang, der in den Chor der Kathedrale führte.

In den Chor des Münsters gelangt, warf er sich vor dem Fronaltar auf die Knie, von seinen Klerikern umlagert...

Alle Zeit und Frist nimmt ein Ende. Es klirrte und blitzte unter dem Portal, die viere traten geharnischt vom Wirbel bis zur Sohle, in die Pforte und stürmten mit nackten Schwertern durch das Schiff der Kirche.

"Wo ist der Verräter?" rief Herr Wilhelm Tracy.

Da hielt der tapfere Mönch Trustan das Kreuz mit beiden Händen gegen ihn empor als einen Schutz und eine Drohung. Ein Schwerthieb, ein Blutstrahl, und der vom Leibe getrennte Arm sank mit dem Kreuz auf die Erde. Jetzt griffen die viere mit flach fallenden Hieben die geängstigte Pfaffheit an und trieben die auseinanderstürzenden Geschorenen in feige Flucht. Ich aber trat neben Herrn Thomas, der mitten vor dem Hochaltare stand, die Arme öffnend, wie der Gekreuzigte über ihm, als hätte sich dieser verdoppelt.

"Der König will, daß du sterbest!", sprach Tracy und erhob das Schwert.

"Es geschehe!" antwortete Herr Thomas.

Ich umschlang ihn mit diesen beiden Armen, fühlte den Schlag niederblitzen und wurde in demselben Augenblicke unter dem Rufe: "Fort, Knecht!" von einer eisernen Faust, die nur dem Frappedür gehören konnte, gepackt und geschleudert, daß ich sausend mit dem Schädel gegen eine Säule fuhr.

Während mir die Sinne schwanden, sah ich ein Blutmeer vor meinen Augen und darin ein sterbendes, lächelndes Haupt.

... Jetzt erhoben sich aus der dunkeln Tiefe des Schiffes zerreißende Klagetöne, das Wehgeschrei wuchs und wuchs, und die Kirche füllte sich mit armem sächsischem Volke, das nach seinem Vater schrie und die Rache des Himmels auf die Mörder herabflehte. Mit unheimlicher Hast und Liebe stürzten sich neben mir die Gestalten über den heiligen Leichnam, umfaßten die toten Hände und Füße, küßten die Wunden und wuschen sie mit Tränenströmen.

Endlich brachte ich mich auf die Knie, zog mit noch umnebelten Sinnen ein Tüchlein hervor und wischte die rieselnden Tropfen von meinem Wams. Da ward mir jammervoll zumute, und ich stöhnte:

"Mea culpa, mea maxima culpa."

XIII

Ich kniete hinter meinem Herrn, während er reuig seiner Sünden gedachte, und als er das Fleisch seines Rückens zur Geißelung entblößte, lief es mir heiß und kalt über den meinen.

Inzwischen stöhnte Herr Heinrich:

"Nur den Liebling, das Löwenherz, nimm mir nicht, du mächtiger Streiter Gottes! Wie wenig habe ich dich gekannt, du heiliger Mann, in dessen Nähe und Atem ich Verworfener zu leben gewürdigt war..."

Ein Hornstoß ertönt. Ich kenne das Signal: ein Reitender aus dem Heerlager meines Königs in Frankreich. Geschwind ... empfange ich die Botschaft und stürze mit dem Schreiben zu meinem Könige zurück. Er bricht zitternd das Siegel, aber die Buchstaben schwimmen ihm vor den Augen:

"Lies!", befiehlt er, zornig vor Sehnsucht nach Sieg und Friede; aber was ich las, lautete anders:

"Ich, Richard Graf von Poitou, klage nicht in meiner Sache, sondern in der meines Erziehers und geistlichen Vaters im Himmel, dessen Mörder heil und ledig auf der Erde umhergehen, ohne ein Königsurteil, welches sie verfolge. Ich verdamme diese Lässigkeit, und damit niemand daran zweifle, verkündige ich Königen und Völkern, daß ich mich lossage von meinem Vater nach dem Blute, wie er selber von Christus und seinem Zeugen sich losgesagt hat."

Während ich stammelnd dieser grausamen Schrift Sprache gab, war der Herr mit starren, hervorquellenden Augen an mich herangetreten. Die Stimme versagte mir, er aber fuhr mir mit beiden Händen an die Gurgel.

"Das lügst du, Schandbube!"

schrie er und brach ohnmächtig zusammen.

*

Der Armbruster hatte sich aufgerichtet. Seine Erzählung hatte ihn erleichtert wie eine Beichte und in allen Muskeln gestärkt; denn er besaß trotz seiner grauen Haare ein tapferes Herz,

das die harten Sprüche der in den menschlichen Dingen verborgenen Gerechtigkeit ertragen konnte.

Herr Rollo später zum Armbruster am Rheinsturz über das Ende Herrn Heinrichs:

"Ein roter Vaterzorn hat ihn wie der Strahl getötet. Dein Abgott, der Knabe Richard, hatte ihn mit Hilfe des Kapetingers unter sich gebracht und forderte als erste Bedingung des Friedens einen väterlichen Segen, wenn es auch nur die leere Gebärde wäre.

Da erhob sich Herr Heinrich, von meinen Armen gehalten, voll stillen Grimmes auf seinem Siechbette und streckte gezwungen seine Rechte über den Sohn aus. Aber die falsch segnenden Finger zog der Sterbekrampf zusammen, und sie erstarrten in der Luft."

Nach zehn Jahren erhob der noch heute regierende Papst, dem Schrei Engellands und der Christenheit Gehör gebend, Herrn Thomas in den leuchtenden Kreis der Kirchenheiligen. Statt der geforderten drei Wunder wurden deren über hundert vermeldet und verbürgt...

Danke, Conrad Ferdinand Meyer! Heiliger Thomas Becket, rate uns!

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