ETIKA

Luis von Granada
Meditationen und Gebete

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18B3M10

Dienstagabend. Vom Elend des menschlichen Lebens

26.8.2009

Gebet und Betrachtung vom ehrwürdigen Ludwig von Granada aus dem Predigerorden.

Aus dem Spanischen übersetzt von Dr. phil. theol. Jakob Ecker, Professor am Priesterseminar zu Trier. (Anm.: *1851, † 17.11.1912)
Herdersche Verlagsbuchhandlung, Freiburg im Breisgau, 1912. Erstes Bändchen. Erster Teil. Zweites Kapitel.
B. Sieben Abendbetrachtungen. Seite 205-213.

Dienstag. Das menschliche Leben

Punkte. Heute denke nach über die Beschaffenheit und die Armseligkeiten dieses Lebens. Du wirst dadurch erkennen, wie eitel und vergänglich die Herrlichkeit der Welt ist, die sich auf einen so schwachen Grund stützt, und wie wenig der Mensch von sich selber halten muß, da er so vielen Armseligkeiten unterworfen ist.

Betrachte also zunächst, wie schwach und armselig der Mensch geboren wird und wie vielen Gebrechen und Leiden sein Körper unterworfen ist.

1 . Erwäge, wie kurz dieses Leben ist. Es dauert höchstens 70, zuweilen 80 Jahre; denn das weitere ist Mühsal und Schmerz. Hiervon ist noch abzurechnen die Zeit der Kindheit, die mehr ein tierisches als ein menschliches Leben ist; ferner die Zeit, die man im Schlafe zubringt, in der wir weder die Sinne noch den Verstand gebrauchen. Somit ist das Leben noch kürzer, als es zu sein scheint. Wenn du dazu dieses Leben vergleichst mit der Ewigkeit des künftigen Lebens, so wird es dir kaum noch wie ein Augenblick erscheinen. Hieraus wirst du ersehen, wie töricht jene sind, die den Hauch dieses so kurzen Lebens genießen wollen und sich dadurch der Gefahr aussetzen, die Seligkeit jenes Lebens zu verlieren, das ewig dauern wird.

2 . Betrachte, wie ungewiß dieses Leben ist, wodurch eine neue Armseligkeit jener ersten hinzugefügt wird. Es ist nämlich nicht genug, daß das Leben an sich schon so kurz ist, wie es ist: auch das bißchen Leben ist uns noch nicht sicher, sondern ungewiß. Denn wie viele können ein Alter von 70 oder 80 Jahren erreichen, wie wir sagten? Wie vielen wird der Lebensfaden abgeschnitten, wenn sie kaum zu reden angefangen haben? Wie viele schwinden hin in der Blüte der Jahre, wie man sagt, oder als unreife Trauben?

„Ihr wisset nicht“, sagt der Heiland, „wann der Hausherr kommt, abends oder um Mitternacht oder früh beim Hahnenschrei“ (Mk 13,35.), d. h. ihr wisset nicht, ob der Herr kommt zur Zeit eurer Kindheit, oder im späteren Jugendalter oder im Mannes- oder Greisenalter.

Um das besser einzusehen, ist es gut, wenn du dich des Todes vieler Personen erinnerst, die du in dieser Welt kanntest, besonders deiner Freunde und Bekannten und mancher berühmten und ausgezeichneten Leute, über die der Tod in verschiedenen Lebensaltern hereinbrach und alle ihre Vorsätze und Hoffnungen vereitelte. Ich kenne jemand, der hatte sich ein Buch angelegt, in das er alle ihm bekannten wichtigen Personen jeglichen Standes aufgeschrieben hatte, die bereits gestorben waren. Zuweilen las er es durch und ließ kurz die ganze Tragödie ihres Lebens, die Gleisnerei und den Trug dieser Welt und den Ausgang und das Ende der menschlichen Dinge an seinem Geiste vorüberziehen. Hierdurch erkannte er, mit welchem Recht der Apostel schreibt:

„Es vergeht die Gestalt dieser Welt.“ (1 Kor. 7, 31.)

Hiermit wollte er sagen, daß die Dinge dieses Lebens nicht lange dauern. Er wollte diese nicht wahre Dinge nennen, sondern nur Gestalten, die kein Sein, sondern nur Schein haben, und darum sehr trügerisch sind.

3 . Bedenke, wie gebrechlich und hinfällig dieses Leben ist. Du wirst finden, daß kein Gefäß aus Glas so empfindlich ist. Ein Luftzug, ein Sonnenstrahl, ein Trunk kalten Wassers, die Ausdünstung eines Kranken genügt, um uns das Leben zu rauben.

Das sieht man durch die tägliche Erfahrung an vielen Personen, bei denen im blühendsten Alter eines von den genannten Dingen hinreichte, um ihren Tod zu veranlassen.

4 . Betrachte, wie veränderlich das Leben ist, wie es nie in demselben Zustande verbleibt. Zu diesem Ende (besser: Zweck) mußt du dir zunächst vergegenwärtigen, , welchen Veränderungen unser Körper unterworfen ist, der nie in derselben Verfassung beharrt. Weit größer ist aber die Veränderlichkeit unseres Geistes. Er ist immer in Bewegung wie das Meer; er wird beunruhigt durch allerlei Winde und Wellen von Leidenschaften, die uns stündlich verwirren. Endlich ist der Mensch allen Schwankungen des Glückes unterworfen, das nie in demselben Zustande beharrt, sondern von einem Orte zum andern rollt.

Zu allem dem betrachte, wie unser Leben sich beständig fortbewegt; Tag und Nacht steht es nicht still, sondern immer mehr verliert es von seinem Rechte, wird abgenutzt wie ein Kleid durch den Gebrauch, und jede Stunde nähert es sich mehr und mehr dem Tode.

·       Was ist demnach unser Leben anderes als eine Kerze, die sich fort und fort verzehrt, und um so schneller zu Ende geht, je heller sie brennt und leuchtet?

·       Was ist unser Leben anderes als eine Blume, die sich in der Frühe öffnet, am Mittag hinwelkt und am Abend verdorrt ist? Diesen Vergleich macht der Prophet in den Psalmen, indem er sagte: „Die Jahre sind wie das Gras: am Morgen

5 . Betrachte, wie trügerisch das Leben ist. Das ist vielleicht die schlimmste Eigenschaft, die es hat. Es täuscht uns: es ist häßlich, und es kommt uns schön vor; es ist kurz, und ein jeder glaubt, er lebe lang; es ist so elend, und es erscheint so liebenswürdig, daß es keine Gefahr, keine Mühe, keinen Verlust gibt, denen sich die Menschen seinetwegen nicht aussetzten, müßten sie dabei auch manches tun, wodurch sie das ewige Leben verlieren können.

6 . Betrachte, wie das Leben trotz seiner kurzen Dauer so vielem Elend unterworfen ist, sowohl für die Seele als für den Leib; das ganze Leben ist nichts anderes als ein Tränental, ein Meer von unsäglicher Mühsal. Der hl. Hieronymus berichtet, daß Xerxes, jener sehr mächtige König, der die Berge abtrug und über die Meere Wege bahnte, einen hohen Berg bestieg, um von dort ein Heer zu überschauen, das er aus unzähligen Völkern zusammengebracht hatte. Nachdem er es sich gut angesehen, fing er an zu weinen. Als man ihn fragte, warum er weine, erwiderte er:

„Ich weine, weil in hundert Jahren von allen, die ich hier sehe, keiner mehr am Leben sein wird.“

Hierzu bemerkt der hl. Hieronymus:

O könnten wir einen so hohen Turm besteigen, daß wir von dort die ganze Erde zu unsern Füßen zu sehen vermöchten! Von dort aus sähest du die Nöte und Mühsale der ganzen Welt, Völker, durch Völker vernichtet, Königreiche, zerstört durch die Königreiche. Du sähest, wie man die einen quält, die andern tötet; die einen ertrinken im Meere, die andern geraten in Gefangenschaft. Hier sähest du Hochzeiten, dort Trauer; hier werden die einen geboren, dort sterben die andern; die einen haben Überfluß an Reichtum, die andern gehen betteln. Endlich sähest du auch nicht nur das Heer des Xerxes, sondern alle jetzt in der Welt lebenden Menschen, mit denen es in kurzer Zeit ein Ende hat.

Durchgehe auch alle Krankheiten und Leiden des menschlichen Körpers, alle Betrübnisse und Sorgen des Geistes, die Gefahren, die es gibt in allen Ständen und in allen Lebensaltern: dann wirst du noch klarer sehen, wie groß das Elend dieses Lebens ist. Wenn du so deutlich siehst, wie wenig das ist, was die Welt zu bieten vermag, wirst du es um so leichter verachten.

Zu allen diesen Trübsalen kommt die letzte, das ist der Tod. Er ist das letzte aller schrecklichen Dinge sowohl für den Leib als für die Seele. Denn der Leib wird in einem Augenblick aller Dinge beraubt, und für die Seele muß sich dann entscheiden, was für immer aus ihr werden soll.

 

 

Einleitung. Wie groß das Elend ist, in welches die menschliche Natur durch die Sünde geraten ist, kann keine Zunge schildern. Mit Recht sagt der hl. Gregor, daß nur die beiden ersten Menschen, die aus Erfahrung den edeln Zustand kannten, in welchem Gott den Menschen schuf, dies Elend recht erfaßten. Sie erinnerten sich des Glückes ihres Lebens, das sie im Paradies geführt, und erkannten klarer das Elend der Verbannung, in welche sie geraten waren.

Aber die Kinder dieser Unglücklichen, die nie gewußt haben, was Glückseligkeit ist, die alle im Elende geboren wurden, wissen nicht, was Elend ist. Ja viele von ihnen sind so wahnsinnig, so töricht, daß sie, wenn es möglich wäre, sich in diesem Leben verewigen, aus der Verbannung ihr Vaterland, aus dem Gefängnis ihre Wohnung machen möchten.

Diejenigen, welche gewohnt sind, an einem Orte von üblem Geruche sich aufzuhalten, empfinden infolge dieser Gewohnheit keine Unannehmlichkeit mehr (Anmerkung ETIKA: Bruder Luis spendet damit den Höllenbewohnern einen gewissen Trost) : so fühlen auch jene Unglücklichen das Elend dieses Lebens nicht, weil sie sich so sehr daran gewöhnt haben, in ihm zu leben.

Damit nun nicht auch du in diesen Irrtum und andere noch größere Irrtümer fallest, die aus jenem entspringen, durchgehe aufmerksam die Menge dieser Armseligkeiten. Betrachte zunächst den Ursprung des Menschen und die Verhältnisse, in denen er lebt.

Erwäge also zuerst, aus welchem Stoffe der Menschenleib gebildet ist; denn aus dem Adel oder der Niedrigkeit des Stoffes kann man oft den Zustand des Werkes erkennen. Die Heilige Schrift sagt, daß Gott den Menschen aus Erdenstaub bildete. Gott schuf somit den Menschen aus dem geringsten Stoffe. Somit sind Könige, Kaiser und Päpste, wie hoch sie auch stehen und wie berühmt sie auch seien, nur Erdenstaub.

Die Ägypter sahen dies sehr wohl ein. Es wird von ihnen geschrieben, daß sie in jedem Jahre ihr Geburtsfest feierten und dabei Gräser in den Händen hielten, die an sumpfigen Wassern wachsen. Hierdurch sollte die Ähnlichkeit und Verwandtschaft angedeutet werden, welche zwischen dem Menschen und dem Grase besteht, da beide aus dem Boden ihren Ursprung haben.

Wenn nun der Stoff, aus welchem wir bestehen, derart ist: warum erhebst du dich, Staub und Asche?

Und wie arm und elend und armselig in allen Dingen, wie hilflos in jeder Hinsicht kommt der Mensch zur Welt! Die Tiere wissen bald nach ihrer Geburt das aufzusuchen, was sie bedürfen; sie sind dazu ausgerüstet und befähigt. Einige gehen, andere schwimmen, andere fliegen; kurz, jedes weiß ohne Lehrer das zu finden, was ihm zum Leben nötig ist.

Nur der Mensch weiß nichts, er kann nichts tun, er wird auf fremden Armen getragen. Wieviel Zeit braucht er, um gehen zu lernen? Wielang währt es, bis er sprechen kann? Man muß ihn auch essen lehren. Nur etwas kann er aus sich selber: weinen! Erst später fängt er an zu lächeln. Daraus kann man ersehen, daß die menschliche Natur mehr zu Tränen als zur Freude geneigt ist. O Torheit der Menschen, sagt ein Weiser, die bei solchen, so niedrigen Anfängen meinen, sie seien zum Stolze geboren!

Betrachte ferner mit rechten Augen den menschlichen Leib, den die Menschen so hochschätzen, ob er wirklich so schön ist, wie er äußerlich erscheint.

Von einem großen Philosophen, namens Plotin, wird berichtet, daß er sich der Niedrigkeit seines Leibes schämte und es ungern hörte, wenn man von seiner Familie redete. Niemals ließ er sich bewegen, von seiner Person ein Bild anfertigen zu lassen. Er sagte, es sei schon genug, einen so häßlichen, des Adels der Seele so unwürdigen Leib zeitlebens mit sich zu schleppen; man solle ihn nicht nötigen, ein dauerndes Andenken an diese Schmach auf immer zurückzulassen.

Vom Abte Isidor schreibt man, er habe einmal beim Essen sich der Tränen nicht enthalten können. Auf die Frage, weshalb er weine, erwiderte er:

„Ich weine, weil ich mich schäme, hier verderbliche, tierische Nahrung zu essen, während ich doch geschaffen bin, in der Gesellschaft von Engeln zu weilen und mit ihnen göttliche Speise zu genießen.“

Betrachte nun die so sehr beklagenswerten Eigenschaften des menschlichen Lebens, hauptsächlich diese sieben: wie kurz, wie ungewiß, wie gebrechlich, wie unbeständig, wie trügerisch und wie kläglich das menschliche Leben ist; und dann, wie schließlich das Ende der Tod ist.

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