ETIKA

Luis von Granada
Meditationen und Gebete

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18B3M10B

Dienstagabend. Vom Elend des menschlichen Lebens.
2. Das Leben ist ungewiß

8.12.2009

Gebet und Betrachtung vom ehrwürdigen Ludwig von Granada aus dem Predigerorden.

Aus dem Spanischen übersetzt von Dr. phil. theol. Jakob Ecker, Professor am Priesterseminar zu Trier. (Anm.: *1851, † 17.11.1912)
Herdersche Verlagsbuchhandlung, Freiburg im Breisgau, 1912. Erstes Bändchen. Erster Teil. Zweites Kapitel.
B. Sieben Abendbetrachtungen. Seite 218-221

Dienstag. Das menschliche Leben

2. Das Leben ist ungewiß.

Obgleich nun das Leben nur so kurze Zeit dauert, so würde doch unser Elend erträglich sein, wenn wir diese Zeit sicher hätten, wie es beim Könige Ezechias der Fall war, welchem Gott fünfzehn weitere Lebensjahre bewilligte. Doch dem ist nicht so. Wiewohl das Leben so kurz ist, wie wir gesagt haben, so ist auch das kurze Leben nicht gewiß, sondern zweifelhaft. Der Prediger sagt:

„Der Mensch kennt nicht seine Zeit. Wie die Fische, die im bösen Netze gefangen werden, und wie Vögel, die gefangen werden in der Schlinge, so werden die Menschenkinder verstrickt zur Zeit des Unglücks, wenn es sie plötzlich überfällt.“ (Prd 9, 12.)

Bekannt ist der Satz, welcher sagt: Nichts ist sicherer als der Tod, und nichts ist ungewisser als die Todesstunde.

Deshalb verglich ein Philosoph das Leben der Menschen mit den Wasserblasen, die in den Pfützen entstehen, wenn es regnet. Die einen vergehen sofort, andere dauern ein wenig länger, und dann verschwinden sie; wieder andere dauern noch etwas länger, die einen mehr, die andern weniger. Wenn sie so auch alle nur kurze Zeit dauern, so ist in dieser Kürze doch große Verschiedenheit.

Wenn also das Ziel unseres Lebens und die Stunde unserer Rechenschaft so ungewiß ist: wie kommt es, daß wir in solcher Sorglosigkeit und Nachlässigkeit leben? Wie wenig denken wir an die Worte des Heilandes:

„Wachet, denn ihr wisset nicht, wann der Sohn des Menschen kommt!“ (Mt 24, 42.)

O wenn doch die Menschen erwägen würden, wie wichtig diese Worte sind! Weil ihr die Stunde nicht kennet, sagt er, so wachet und seid immer bereit! Er wollte damit sagen: Weil ihr die Stunde nicht kennet, so wachet in jeder Stunde; und weil ihr den Monat nicht kennet, so wachet in allen Monaten; und weil ihr das Jahr nicht kennet, so seid in allen Jahren bereit! Denn wenn ihr auch nicht wisset, welches von diesen Jahren es ist, in dem man euch rufen wird, so ist es doch gewiß, daß man in einem von diesen Jahren euch abrufen wird.

Damit man besser einsehe, wie triftig der vom Heiland angegebene Grund ist, wie triftig der vom Heiland angegebene Grund ist, weshalb wir uns immer bereithalten sollen, wollen wir ein Beispiel anführen. Wenn man dir auf einem Tische dreißig bis vierzig Speisen vorsetzte und die die Versicherung gäbe, eine derselben enthalte Gift: würdest du es wohl wagen, von einer derselben zu essen, auch wenn du noch so großen Hunger hättest? Ganz gewiß nein; denn die Furcht, diese eine zu treffen, würde dich bestimmen, von allen nicht zu essen.

Sehen wir nun, wie viele Jahre dir im höchsten Falle vom Leben übrig bleiben können. Du wirst sagen, genau gerechnet können es dreißig bis vierzig sein. Wenn es nun gewiß ist, daß in einem dieser Jahre dein Tod eintritt, und du nicht weißt, in welchem: warum fürchtest du in keinem derselben, da doch eines derselben dir den Tod bringt? Du wagst es nicht, eine der vierzig Speisen anzurühren, auch wenn du vor Hunger sterben würdest, weil du weißt, daß in einer derselben der Tod ist: und in keinem der vierzig Jahre hast du Furcht, wiewohl es gewiß ist, daß du in einem derselben sterben mußt? Was kann man gegen diesen Grund einwenden?

Höre einen andern Grund, der ebenso stichhaltig ist! Sag an: weshalb wird ein Kastell fortwährend bewacht, wenn es an feindlichen Grenzen steht? Aus keinem andern Grunde, als weil man nicht weiß, wann die Feinde kommen werden, um über dasselbe herzufallen. Weil man das Wann nicht kennt, findet man sich veranlaßt, immer zu wachen; denn wenn man die Zeit der Ankunft der Feinde sicher wüßte, so könnte man inzwischen sorglos sein und die Mühe des Wachens für diese Zeit aufsparen.

Nun bitte ich dich um Gottes willen, beurteile jetzt richtig, was ich sagen werde.

·       Wir sehen, daß du jede Nacht dein Kastell bewachst, weil du ungewiß bist, ob die Feinde heute kommen oder morgen, ob es in diesem Jahre oder im nächsten geschieht: warum wachst du nicht beständig über deine Seele, da du doch nicht weißt, wann ihre Stunde kommen soll?

Dieselbe Ungewißheit wie dort besteht auch hier, ja hier ist sie noch viel größer, und die Sache ist unvergleichlich wichtiger. Wie kann man  nun begreifen, daß man dort immer wacht, und hier immer schläft? Was könnte der Vernunft mehr zuwider sein? Bedenke, daß deine Seele mehr wert ist als alle Kastelle und Königreiche der Welt, und wenn du den Preis betrachtest, mehr als alle Engel! Bedenke, daß du mehr Feinde hast, die Tag und Nacht darauf ausgehen, sie zu überfallen! Bedenke, daß man auf keinem Wege den Tag und die Stunde dieses Angriffes erfahren kann! Bedenke, daß es hier darauf ankommt, ob du in dieser Stunde vorbereitet bist oder nicht.

Denn nach der Parabel im Evangelium gingen die Jungfrauen, welche bereit waren, mit dem Bräutigam zur Hochzeit; die nicht bereit waren, mußten draußen bleiben. Woran fehlt es hier, daß du nicht immer wachest, da doch der Zweifel größer, die Gefahr größer, der Grund triftiger und alles übrige unvergleichlich wichtiger ist?

Spanischer Text – En el idioma castellano - Index 18BDeutsch 1