ETIKA

Luis von Granada
Meditationen und Gebete

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Dienstagabend. Vom Elend des menschlichen Lebens.
3. Das Leben ist gebrechlich

8.12.2009

Gebet und Betrachtung vom ehrwürdigen Ludwig von Granada aus dem Predigerorden.

Aus dem Spanischen übersetzt von Dr. phil. theol. Jakob Ecker, Professor am Priesterseminar zu Trier. (Anm.: *1851, † 17.11.1912)
Herdersche Verlagsbuchhandlung, Freiburg im Breisgau, 1912. Erstes Bändchen. Erster Teil. Zweites Kapitel.
B. Sieben Abendbetrachtungen. Seite 222-226

Dienstag. Das menschliche Leben

3. Das Leben ist gebrechlich.

Unser Leben ist aber nicht nur ungewiß, sondern auch gebrechlich und hinfällig. Sage mir, gibt es ein so dünnes und so leicht zerbrechliches Glas wie das menschliche Leben? Ein Luftzug, eine Abendluft, ein scharfer Sonnenstrahl genügt oft, uns das Leben zu rauben.

Ja die Augen und der bloße Anblick einer Person reichen schon hin, um einem Geschöpfe das Leben zu nehmen. Es ist nicht nötig, das Schwert zu ziehen, zu den Waffen zu greifen; ein Blick ist imstande zu töten. Welches Kastell ist da sicher genug, um den Schatz unseres Lebens in ihm aufzubewahren, da schon der Anblick aus der Ferne hinreicht, es zu zerstören?

Im Kindesalter, wann der Bau noch neu und weich ist, ist das nicht so sehr auffallend. Wohl aber muß man sich darüber wundern, daß, wenn das Werk im Verlaufe vieler Jahre sich gesetzt und gefestigt hat, die geringsten Ursachen hinreichen, um es zu zerstören.

Fragst du, woran dieser oder jene gestorben ist, so antwortet man dir, an einem Glas kalten Wassers, an einer überreichen Mahlzeit, an einer übergroßen Freude oder Trauer. Manchmal weiß man gar keine Ursache anzugeben, wenn ein Mann sich am Abend gesund niederlegte und seine Frau ihn am Morgen tot im Bette fand.

Gibt es ein Glas, gibt es ein irdenes Gefäß in der Welt, das zerbrechlicher ist? Doch man kann sich ja nicht darüber wundern, daß der Mensch so gebrechlich ist, da er auch aus Erde gemacht ist; eher muß man sich darüber wundern, daß er aus einem solchen Stoffe und so kunstvoll eingerichtet ist und doch so lange aushält, wie er wirklich dauert.

Warum gerät eine Uhr so oft in Unordnung? Es kommt daher, daß sie so viele Räder und Teile hat und so kunstvoll zusammengesetzt ist, so daß, wiewohl sie von Metall ist, doch eine Kleinigkeit genügt, um sie in Unordnung zu bringen. Um wieviel empfindlicher ist aber das Kunstwerk unseres Leibes, wieviel gebrechlicher der Stoff unseres Fleisches? Wenn also die Einrichtung noch feiner und der Stoff gebrechlicher ist als bei der Uhr: warum wundern wir uns, daß irgend ein Teilchen in diesem Räderwerk gehemmt wird, und so der Gang unseres Lebens aufhört? Man muß sich also wundern, nicht daß die Menschen so schnell enden, sondern daß sie so lange aushalten, da sie so künstlich eingerichtet und aus so schwachem Stoffe sind.

Das ist jene armselige Gebrechlichkeit, von welcher der Prophet Isaias spricht:

„Horch, man sagt: Rufe! Und ich sprach: Was soll ich rufen? Alles Fleisch ist Gras, und all sein Liebreiz wie die Blume des Feldes. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt: aber das Wort unseres Gottes besteht auf ewig.“ (Is. 40, 6 8.)

Über diese Worte sagt der hl. Ambrosius:

„Wahrlich, so ist es. Die Herrlichkeit des Menschen im Fleische blüht wie das Gras. Wie groß er auch erscheinen mag, er ist klein wie Gras, früh reif wie eine Blume, vergänglich wie Heu. Er hat nur Frische im Aufblühen, aber keine Festigkeit und Beständigkeit in der Frucht.“

Denn welche Festigkeit kann es beim Fleische geben? Welches Gut kann dauerhaft sein in einem so schwachen Wesen? Heute wirst du einen Jüngling in seines Alters höchster Blüte sehen, in großer Kraft und einnehmendem Äußern: und wenn ihn in dieser Nacht eine Krankheit befällt, wirst du ihn morgen mit verändertem Angesicht erblicken; er, der vorher sehr lieblich und schön erschien, erscheint nun ganz armselig und häßlich. Was soll ich sagen von andern Unfällen und Veränderungen, denen unser Körper unterliegt?

·       Die einen werden von Mühen und Leiden gebrochen, andere entkräftet die Armut, andere quält ein schlechter Magen, andere verdirbt der Wein, andere schwächt das Alter, andere verweichlicht das gute Leben, andern raubt die Ausschweifung Farbe und Gesundheit.

Ist es also nicht wahr, daß das Gras verdorrte, und die Blüte abfiel? Ihr werdet andere sehen mit vornehmen Vorfahren, aus berühmtem Geschlechte, aus edlem Blute, aus altem Geschlechte, reich an Freunden, auf beiden Seiten umgeben von Dienern, stets in Gesellschaft von Hausgenossen und Freunden: und wenn der Wind des Glückes sich ein wenig dreht, so werden sie sofort von ihren Freunden verlassen, von ihresgleichen schlecht behandelt, von allen aufgegeben.

Ihr werdet einen andern sehen in der Fülle seines Reichtums, den aller Mund preist wegen seiner Freigebigkeit und Großmut, der in Ehren strahlt, der mächtig dasteht, auf hohem Richterstuhle thront und von allen glücklich gepriesen wird: und während er jetzt mit lautem und herrlichem Lobpreis gefeiert wird, ändern sich die Zeiten so, daß er schließlich in dasselbe Gefängnis kommt, in welchem er andere gefangen gehalten hatte.

Bei wie vielen kommt es vor, daß sie jetzt mit aller Pracht der Welt in ihre Häuser einziehen, und eine Nacht, die dazwischen kommt, verdunkelt den Glanz dieses ganzen Ruhmes; ein bloßes Seitenstechen, das sich plötzlich einstellt, zerstört diese ganze gedichtete Fabel.

O trügerische Hoffnungen der Menschen, sagt Cicero (Anmerkung: spanische Ausgaben: Plinius), o zerbrechliches Glück! O Eitelkeit all unserer Kämpfe und Bestrebungen. Oft sinken sie auf halbem Wege hin und zerschellen; sie werden zu Schanden im Laufe, bevor sie den Hafen erblicken können.

Welche Torheit begehen die Kinder Adams, daß sie auf so schwachem Grunde so hohe Türme errichten: sie bemerken nicht, daß sie auf Sand bauen, und daß zur gelegenen Zeit der Wind alles umwerfen wird, was auf schlechtem Grund erbaut ist! O wie schlecht machen die Menschen zuweilen ihre Rechnung, weil sie ihre Augen nicht nach innen richten und zunächst die Rechnung mit sich selber machen wollen.

Und wenn das eine so große Blindheit ist, um wieviel größer ist die Verblendung jener Unglücklichen, die viele Jahre in der Sünde verharren, wiewohl sie wissen, daß zwischen ihnen und der Hölle nur das gebrechliche Leben ist.

Stellen wir uns jetzt vor, ein Mensch hange an einem dünnen Faden und unter ihm befände sich ein sehr tiefer Brunnen, so daß er beim Zerreißen des Fadens in den Brunnen stürzen müßte. Sage mir, wie wäre es wohl dem zu Mute, der sich in solcher Lage sähe? Wie wäre er in Angst, wie verwirrt, wie wäre er bereit, alles hinzugeben, um dieser Gefahr zu entrinnen!

Und du Elender, der du es wagst, den Gesetzen Gottes zuwider so viele Tage und Jahre in der Sünde zu verharren: siehst du nicht, daß du dich in derselben Gefahr befindest? Wenn dieser dünne Lebensfaden reißt, so stürzest du sofort in den Abgrund der Hölle.

·       Wie kannst du noch schlafen?

·       Wie kannst du noch spielen und lachen?

·       Wie ist es möglich, daß du eine so große Gefahr nicht siehst?

Spanischer Text – En el idioma castellano - Index 18BDeutsch 1