ETIKA

Luis von Granada
Meditationen und Gebete

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18B3M10D

Dienstagabend. Vom Elend des menschlichen Lebens.
4. Das Leben ist veränderlich

8.12.2009

Gebet und Betrachtung vom ehrwürdigen Ludwig von Granada aus dem Predigerorden.

Aus dem Spanischen übersetzt von Dr. phil. theol. Jakob Ecker, Professor am Priesterseminar zu Trier. (Anm.: *1851, † 17.11.1912)
Herdersche Verlagsbuchhandlung, Freiburg im Breisgau, 1912. Erstes Bändchen. Erster Teil. Zweites Kapitel.
B. Sieben Abendbetrachtungen. Seite 226-229

Dienstag. Das menschliche Leben

4. Das Leben ist veränderlich.

Unser Leben hat noch einen andern Mangel. Es ist veränderlich, es bleibt nie in demselben Zustande. Der fromme Job sagt dies in einem traurigen Gedenkbuch, in dem er von den Leiden des menschlichen Lebens handelt, mit folgenden Worten:

„Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt nur kurze Zeit und ist gesättigt mit Mühsalen. Wie eine Blume geht er auf und welkt dahin; er flieht wie der Schatten und hat nicht Bestand.“ (Job 14, 1 2.)

Abgesehen von allem andern Elend: was ist veränderlicher in der Welt? Man sagt, das Chamäleon wechsele in einer Stunde öfters die Farbe; auch der Mond hat jeden Tag eine andere Gestalt. Aber was ist das im Vergleich mit den Veränderungen des Menschen? Welcher Proteus wechselte so oft seine Gestalt, wie der Mensch es sozusagen stündlich tut?

·       Bald ist er krank, bald ist er gesund, jetzt zufrieden, dann unzufrieden, einmal traurig, ein andermal fröhlich, bald furchtsam, bald vertrauensselig, jetzt argwöhnisch, dann sicher, bald ruhig, bald zornig, einmal will man, und dann will man nicht.

·       Oft versteht er sich selber nicht.

Kurz, es gibt so viele Veränderungen, als Zufälligkeiten in jeder Stunde eintreten; denn jede einzelne bringt im Menschen Veränderung hervor.

·       Die Vergangenheit quält ihn, die Gegenwart beruhigt ihn, und die Zukunft macht ihm Angst.

Hat er kein Vermögen, so lebt er in Mühsal; hat er Vermögen, so ist er übermütig; verliert er es, so ist er voll Leid.

Welcher Mond, welches Meer ist solchen Wechseln und Veränderungen unterworfen? Das Meer verändert sich nur, wenn Stürme es aufregen; aber hier gibt es bei Sturm wie bei Stille Veränderungen und Qualen.

Was soll ich sagen von der steten Bewegung unseres Lebens? In welchem Augenblicke machen wir keinen Schritt zum Tode?

Bedenkst du wohl, daß die Bewegung der Erde nur ein flinkes Spinnrad ist, an welchem fort und fort unser Leben sich abspinnt? Betrachte, wie ein Rocken mit Wolle an einem Spinnrad sich abspinnt, so daß bei jeder Drehung ein wenig sich abspinnt, bei einer andern wieder ein wenig, bis alles weggesponnen ist.

Auf gleiche Weise spinnt sich am Rade des Himmels fortwährend unser Leben ab. Bei jeder Drehung läuft ein Stückchen davon ab. Darum sagt der fromme Job:

„Meine Tage eilen schneller als ein Läufer.“ (Job 9, 25.)

Denn wie große Eile auch der Bote hat, zuweilen muß er doch Halt machen; aber unser Leben macht nie Halt; niemals wird uns eine Stunde geschenkt. Der hl. Hieronymus schreibt:

„Wenn ich jetzt etwas anordne, etwas schreibe, überlese und verbessere, so ist diese Zeit von meinem Leben dahin.

Soviel Punkte der Schreiber macht, so viele Schäden und Nachteile erfährt das Leben.

Wie diejenigen, welche in einem Schiffe fahren, mögen sie sitzen oder liegen, immer weiter reisen und sich immer mehr dem Ziele ihrer Fahrt nähern, so reisen wir weiter in diesem Leben die ganze Zeit, die wir verleben, und nähern uns mehr und mehr dem allgemeinen Hafen dieser Fahrt, dem Tode.

Wenn also leben nichts anderes ist als zum Tode reisen, und wenn die Todesstunde auch die Stunde unseres Gerichtes ist: was heißt dann leben anderes, als zum Gerichte Gottes gehen, uns seinem Gerichte immer mehr nähern?

·       Welche Torheit kann nun größer sein, als auf dem Wege zum Gerichte den zu beleidigen, der uns richten soll, und noch mehr seinen Zorn gegen uns herauszufordern?

Öffne die Augen, Elender, betrachte den Weg, den du gehst, denke, wohin du gehst, und empfinde Scham oder habe wenigstens Mitleid mit dir selbst! Betrachte, wie schlecht das, was du tust, zu der Rechenschaft paßt, die du bald ablegen mußt.

Spanischer Text – en castellano - Index 18BDeutsch 1