ETIKA

Luis von Granada
Meditationen und Gebete

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18B3M10E

Dienstagabend. Vom Elend des menschlichen Lebens.
5. Das Leben ist trügerisch

8.12.2009

Gebet und Betrachtung vom ehrwürdigen Ludwig von Granada aus dem Predigerorden.

Aus dem Spanischen übersetzt von Dr. phil. theol. Jakob Ecker, Professor am Priesterseminar zu Trier. (Anm.: *1851, † 17.11.1912)
Herdersche Verlagsbuchhandlung, Freiburg im Breisgau, 1912. Erstes Bändchen. Erster Teil. Zweites Kapitel.
B. Sieben Abendbetrachtungen. Seite 229-231

Dienstag. Das menschliche Leben

5. Das Leben ist trügerisch.

Alle erwähnten Übel würde ich im Leben noch erträglich finden, wenn es nicht noch ein anderes gäbe, das nach meiner Meinung noch größer ist: es besteht darin, daß das Leben so trügerisch ist, daß es ganz anders erscheint, als es wirklich ist.

Wie man sagt, daß Scheinheiligkeit eine doppelte Schlechtigkeit ist, so ist es auch gewiß, daß ein trügerisches Glück ein doppeltes Elend ist.

Denn wenn das Leben als das erscheinen würde, was es wirklich ist, und uns nicht betrügen würde, so ist gewiß, daß wir uns seinetwegen nicht ins Verderben bringen würden; wir würden ihm nicht trauen, sondern stets argwöhnisch gegen dasselbe sein.

Aber es ist so voll von Heuchelei und Trug, daß es sich uns für schön ausgibt, wiewohl es häßlich ist; daß es lang erscheint, obgleich es kurz ist; daß es sich uns darstellt, als bleibe es immer in demselben Zustande, während es sich in jeder Stunde ändert. Schaust du vielleicht, sagt der hl. Hieronymus, wann du ein Kind wirst, wann ein Knabe, wann ein Mann oder Greis? Täglich sterben wir und täglich verändern wir uns, und bei alledem halten wir uns für ewig.

Von hier stammen jene stolzen Gebäude der Megarenser, von denen ein Philosoph sagt, sie bauten, als wenn sie immer leben sollten, und sie lebten, als wenn sie am andern Tage sterben müßten.

Woher anders kommt so große Gottvergessenheit, so große Habsucht, so viel Sorge, Reichtum anzuhäufen, und so große Sorglosigkeit in der Vorbereitung auf den Tod, als weil wir glauben, unser Leben sei sehr lang? Diese falsche Vorstellung ist schuld daran, daß wir glauben, wir hätten für alles Zeit: für die Welt, für die Eitelkeit, für die Laster und für viele andere nichtige und seltsame Dinge, und daß dann noch genug Zeit bleibe für Gott.

Wie wir einen Überschlag über ein Stück Tuch machen, das wir über einen Tisch ausbreiten, indem wir einen Teil hierfür, den andern dafür bestimmen, so machen wir auch einen Überschlag über unser Leben, als wenn wir die Herrschaft und die Entscheidung über das Leben und die Zeiten hätten.

Diese Täuschung entsteht aus einer stillschweigenden Überredung und Zuversicht, die jeder in sich selbst hegt. Sie beruht nicht auf einem Beweise oder wahren Grunde, sondern ist aus bloßer Eigenliebe hervorgegangen. Wie diese den Tod verabscheut, so will sie auch nicht an ihn denken und nicht glauben, daß er so bald ihr Haus heimsuchen wird, weil es ihr schmerzlich sein würde, wenn sie das glaubte. So kommt es, daß wir von andern leicht glauben, sie könnten bald sterben; denn da wir dieselben nicht so sehr lieben, schmerzt uns nicht so sehr der Glaube an diese Wahrheit.

Bei sich selbst rechnet man jedoch anders; denn da man sich selbst sehr liebt, so muß man schmerzlich berührt werden, wenn man einer Sachen Glauben schenken muß, die einem viel Leid macht. Aber häufig finden sich solche Menschen betrogen, und ihr Traum schlägt ins Gegenteil um; denn die andern, deren Leben sie wenig Vertrauen schenkten, bleiben hier, und die, welche hier zu bleiben meinten, kommen ihnen zuvor.

Es ist wie mit denen, die zum ersten Mal in einem Schiffe fahren: bei der Ausfahrt aus dem Hafen kommt es ihnen vor, das Land mit seinen Gebäuden entferne sich von ihnen; und doch ist es nicht so, sondern im Gegenteil, sie selbst bewegen sich, und das Land bleibt an seiner Stelle.

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