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ETIKA |
Luis von Granada |
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18B3M10F |
Dienstagabend. Vom Elend des menschlichen Lebens. |
8.12.2009 |
Lass dir
diese Perle der Weisheit nicht entgehen – ein absoluter Höhepunkt der
Weltliteratur!
Gebet und Betrachtung vom ehrwürdigen Ludwig von Granada
aus dem Predigerorden.
Aus dem Spanischen übersetzt von Dr. phil. theol. Jakob Ecker, Professor am Priesterseminar zu Trier. (Anm.: *1851, † 17.11.1912)
Herdersche Verlagsbuchhandlung, Freiburg im Breisgau,
1912. Erstes Bändchen. Erster Teil. Zweites Kapitel. B. Sieben
Abendbetrachtungen. Seite 231-238.
Dienstag. Das menschliche Leben
6. Das Leben ist armselig.
Wenn nun auch unser Leben alle genannten Mängel hat, so wäre es immer noch etwas, wenn das, was vom Leben übrig bleibt, ganz Leben wäre. (Anmerkung: welch herrlicher Satz! Luis von Granada war ein Genie.)
Was aber all jenes Ungemach noch übersteigt, ist der Umstand, daß das, was noch Leben ist, sowohl was den Geist als was den Leib betrifft, so vielen Armseligkeiten und Mühsalen unterworfen ist, daß man es eher Tod als Leben nennen kann. Daher ist, wie ein Dichter sagt, das Leben nichts anderes, als gut durch das Leben kommen. So ist das Leben in jeder Hinsicht arm und kurz: nur in Bezug auf Mühsal und Elend ist es reich und lang.
Kurz ist es zweifellos, um zu leben, kurz zum Genießen, kurz, um Weisheit zu erwerben: aber wenn es auch für alle guten Dinge kurz ist, so finde ich es für etwas lang, nämlich, um Qualen zu leiden.
O gefährliche Meerenge, die um so größere Gefahr für die Durchfahrt bringt, in je kürzerer Zeit man sie bewerkstelligt! Wahrlich, wenn wir Augen hätten, um uns selbst zu sehen, wir müßten immer weinen über uns als Menschen, die durch Gottes Gericht zu so großen Übeln verurteilt sind.
Damit wir aber in jeder Hinsicht elend seien, mußte das Übel noch zu den anderen kommen, daß wir sind, was wir sind, und wie Wahnsinnige unser Unglück gar nicht fühlen.
Besser fühlten dasselbe die beiden Philosophen Heraklit und Demokrit, wiewohl sie Heiden waren. Es heißt von ihnen, daß der eine immer weinte und der andere immer lachte; sie sahen klar ein, daß unser Leben nichts anderes ist als Eitelkeit und Elend.
Wie groß sind die Sorgen, in denen die Menschen leben, die Kümmernisse, die Befürchtungen, die Tränen, die Leidenschaften, die Vermutungen, die Bosheiten und alle andern Mühsale und Betrübnisse der Seele? Diesen Leidenschaften ist der Mensch so sehr unterworfen, daß er häufig ohne Grund sich denselben hingibt und fürchtet, wo nichts zu fürchten ist; und wenn niemand ist, der ihn von außen quält, so quält er sich selbst in seinem Innern. Der fromme Job sagt: „Warum machst du mich zum Angriffspunkt für dich, daß ich mir selbst zur Last bin?“ (Job 7, 20.)
Wer zählt die äußeren Leiden des Körpers auf? Welche Mühe ist nötig, um das Brot zu verdienen, mit dem man sein Leben erhalten kann? Die Vöglein und die wilden Tiere erhalten sich ohne Arbeit und Mühe; und der Mensch muß zu diesem Zwecke Tag und Nacht schwitzen und Land und Meer umkehren. Das ist jenes Elend, das der Psalmist beweinte mit den Worten: „Unsere Jahre sind geschäftig wie die Spinne.“ (Ps. 89, 9.) Denn wie auch dieses Tier Tag und Nacht an dem Gewebe arbeitet, das es fertigt, es verzehrt sich selbst, um es zu vollenden; und diese große und mühsame Arbeit hat keinen andern Zweck, als die Herstellung eines ganz feinen Netzes zum Fangen der Fliegen.
So tut der armselige Mensch nichts anderes, als daß er Tag und Nacht geistig und körperlich arbeitet; und diese ganze Arbeit dient zu weiter nichts, als Fliegen zu fangen, d. h. um etwas zu erwerben, was sehr wenig Wert hat. Und zuweilen kommt es vor, daß nach langen Wegen und Mühen, wenn das Gewebe fertig ist, ein starker Wind darüber herfällt und das Gewebe und mit ihm auch seinen Herrn mit sich fortreißt: und so gehen Arbeit und Arbeiter zusammen in einem Augenblick zu Grunde.
Und wenn auch das Leben bis auf
diese Drangsale sicher wäre, so wäre unser Elend noch immer nicht so groß. Wenn
das Leben aber auch vor Hungersnot gesichert ist, so ist es doch nicht sicher vor
ansteckenden Krankheiten und unzähligen anderen Gefahren, denen es auf Schritt
und Tritt ausgesetzt ist.
Wer ist im stande, alle Arten
von Krankheiten zu zählen, welche die
Natur für den Leib des Menschen in Bereitschaft hält? Die Bücher der Ärzte
sind angefüllt mit Krankheiten und Gegenmitteln. Täglich wächst die Wissenschaft durch das Auftreten neuer Übel. Und unter
allen Heilmitteln ist kaum ein einziges angenehm, ja oft sind sie unangenehmer
als das Leiden selbst. So kann man eine
Qual nicht loswerden ohne eine andere, die noch größer ist.
Wenn ein Mensch so gesund ist, daß er von diesen Übeln
nicht angefochten wird, so ist er doch nicht sicher vor jenen andern Unfällen, mit denen täglich die zu
kämpfen haben, welche von Krankheiten verschont bleiben.
· Wie viele Menschen verschlingt täglich
das Meer?
· Wie viele sind in Gefahr durch Erdbeben, Anschwellen von Strömen,
Einsturz von Häusern, durch Stiche
und Bisse giftiger Tiere?
· Wie viele Mütter erkauften das Leben, welches sie ihren Kindern gaben, durch
ihren eigenen Tod?
Und wie die Tiere gegen uns kämpfen, so gereichen alle Dinge,
welche zu unserem Dienste geschaffen sind, uns zum Schaden, so daß man meinen
sollte, sie hätten sich alle gegen uns verschworen. Da dem so ist, so würde es
ein Gegenmittel sein, wenn die Menschen sich zusammentäten und so einträchtig
in Frieden lebten, wie sie von Natur zusammengehören. Doch nein: sie selbst
haben ihre Waffen gegen sich gekehrt; unter allen Geschöpfen gibt es keines,
gegen das der Mensch grausamer wäre als gegen den Genossen seiner eigenen
Natur.
· Wie viele Arten von Maschinen, Kriegswerkzeugen
und Waffen haben die Menschen
erfunden, um andere Menschen anzugreifen und sich gegen sie zu verteidigen?
· Wie vielen raubt täglich des Feindes
Schwert das Leben? (Anmerkung ETIKA:
Friedensnobelpreisträger Obama will weitere Zigtausende Soldaten in ein fremdes
Land schicken, das die Amerikaner überhaupt nichts angeht, nach Afghanistan, um
die einheimischen Taliban zu bekämpfen.)
· Wie viele Drohungen, Plünderungen, Beleidigungen, Wunden, Tötungen,
Schmähungen und Gefangenschaften
müssen täglich Menschen von andern Menschen erleiden?
· Weder Land noch Meer, weder Straßen
noch öffentliche Plätze sind sicher vor Räubern,
Wegelagerern, Seeräubern und Feinden.
Überall findet der grausame Zorn Werkzeuge, um an seinem
Feinde süße Rache zu nehmen. Was
anderes bezwecken die vielen Schwerter, die vielen Geschütze, die Menge von
Kriegsbedarf und Pulver, so viele Meister und Erfinder neuer Waffenstücke und
Kriegslisten, als in jeder Weise das Elend des menschlichen Geschlechtes zu
vermehren, damit, wenn Luft und Himmel uns schonen, die Genossen unserer
eigenen Natur uns verfolgen?
Von einem einzigen Manne namens Julius Cäsar, der unter allen Herrschern wegen seiner Milde sehr gepriesen wurde, wird
berichtet, daß er allein mit seinem Heere eine
Million und hunderttausend Menschen tötete. Bedenke, um wieviel schlimmer
es gewesen sein würde, wenn er grausam gewesen wäre, da er schon so handelte,
während man ihn wegen seiner Milde lobte.
Cicero erwähnt einen berühmten Philosophen,
der ein Buch über die Todesarten der
Menschen geschrieben hat. In diesem Buch zählt er viele Todesarten auf, die
in der Welt vorkommen:
· Überschwemmungen,
· Seuchen,
· Zerstörungen,
· Vereinigung wilder Tiere, die
plötzlich Leute überfielen, sie töteten und auffraßen.
Zum Schlusse sagt er, daß eine weit größere Zahl von
Menschen durch andere Menschen getötet worden sind, als durch alle übrigen
Todesarten zusammen. Was ist trauriger, worüber muß man sich wundern? Ist
dieses das soziale Wesen, das geboren ist ohne Krallen, ohne Waffen und ohne Gift, um mit den übrigen lebenden Wesen in
Frieden und Eintracht zu leben?
Was kommt aber zu all diesem noch hinzu, wenn wir die
Armseligkeiten jedes Alters und jeder Lage dieses Lebens durchgehen? Wie
unwissend ist das Kind, wie leichtsinnig der Knabe, wie unbesonnen der Jüngling, wie beschwerlich ist das Alter! Was
ist das Kind anders als ein unvernünftiges Tier in Menschengestalt? Ist nicht
der Jüngling wie ein losgelassenes zügelloses Pferd?
Was anderes ist das schwerfällige Greisenalter als eine Sammlung von Schmerzen und Krankheiten? Der
Mensch hat den innigsten Wunsch, jenes Alter zu erreichen, wo man
hilfsbedürftiger ist und sich weniger zu helfen weiß als im übrigen Leben. Der
Greis verläßt die Welt, es verlassen ihn seine Verwandten, es verlassen ihn
sogar seine Glieder und Sinne. Ja er selbst verläßt sich; denn es fehlt ihm der
Gebrauch des Verstandes. Nur Krankheiten begleiten ihn. Dieses ist das Ziel,
auf welches das menschliche Glück und der Ehrgeiz des Lebens die Augen
gerichtet hält.
Wir würden nicht fertig werden,
wenn wir schildern wollten, wie wenig zufrieden man in allen
Lebensverhältnissen ist. Ein jeder
wünscht seine Lage mit der eines andern zu vertauschen; er meint, dann wäre
er zufriedener. So machen es die Menschen wie ein Kranker, der sich im Bette bald auf diese, bald auf jene Seite legt;
er glaubt nämlich, durch diese Veränderungen werde er mehr Ruhe finden. Er
findet sie nicht, weil er in sich selbst die Ursache seiner Unruhe hat; es ist
die Krankheit.
Kurz, das Leben ist so beschaffen, daß der
weise Sirach
mit gutem Grunde sagen konnte:
„Große
Mühsal ist geschaffen für alle Menschen, und ein schweres Joch liegt auf den
Söhnen Adams vom Tage ihrer Geburt bis zum Tage ihres Begräbnisses.“ (Sir 40,
1.)
Der hl. Bernhard
wagte zu sagen, dieses Leben scheine ihm nur
wenig schlimmer als das Leben in der Hölle, wenn nicht die Hoffnung wäre,
die wir in diesem Leben haben, den Himmel gewinnen zu können.
Wiewohl nun dieses alles Strafe für die Sünde ist, so ist es doch immer eine
gnädige und heilende Strafe; denn so hat die höchste Vorsehung alles gefügt, um
unsere Herzen von der unordentlichen Liebe dieses Lebens abzuziehen. Darum legte sie in seine Brust so viel
Bitterkeit, um uns von ihr zu entwöhnen. Darum hat sie das Leben so häßlich
für uns gemacht, damit wir nicht unsere Liebe an dasselbe hängen sollten; darum
wollte sie, daß wir so viele üble Behandlungen in ihm erführen, damit wir es
lieber verlassen (Anmerkung: natürlich
nicht durch Selbstmord, denn das wäre das Schlimmste und brächte uns um den
Himmel, siehe das betreffende Kapitel in dem Roman „Jedem nach seinen Taten“)
und uns immer nach dem wahren Leben
sehnen sollten.
Denn wenn wir dieses Leben trotzdem, daß es so ist, wie
es ist, so ungern verlassen und immer noch den
Früchten und Fleischtöpfen Ägyptens nachweinen (Ex 16, 3.), was würden wir
erst tun, wenn es ganz köstlich und nach
unserem Geschmack wäre? Wer würde es Gottes wegen verachten? Wer würde es vertauschen mit dem Himmel? Wer
würde sagen mit dem hl. Paulus:
„Ich habe
das Verlangen, aufgelöst zu werden und bei Christus zu sein“? (Phil 1, 23.)