ETIKA

Luis von Granada
Meditationen und Gebete

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18B3M10G

Dienstagabend. Vom Elend des menschlichen Lebens.
7. Des Lebens letztes Elend ist der Tod.

8.12.2009

Gebet und Betrachtung vom ehrwürdigen Ludwig von Granada aus dem Predigerorden.

Aus dem Spanischen übersetzt von Dr. phil. theol. Jakob Ecker, Professor am Priesterseminar zu Trier. (Anm.: *1851, † 17.11.1912)
Herdersche Verlagsbuchhandlung, Freiburg im Breisgau, 1912. Erstes Bändchen. Erster Teil. Zweites Kapitel.
B. Sieben Abendbetrachtungen. Seite 238-242.

Dienstag. Das menschliche Leben

7. Des Lebens letztes Elend ist der Tod.

Allen diesen Trübsalen folgt das letzte und schrecklichste: das Sterben. Dieses ist das Übel, das ein Dichter beweinte mit den Worten:

„Die schönsten Tage entfliehen dem armen Sterblichen zuerst; dann folgen Krankheiten und ein trauriges Alter und die Mühsal und der grausame Tod.“ (Verg. Georg. lib. 3.)

Dies ist das Ziel des menschlichen Lebens, von welchem Job sagt:

„Ja, ich weiß, zum Tode willst du mich führen, dorthin, wo das Haus bestellt ist allem, was da lebt.(Job 30, 23.)

Wie groß die Mühsale sind, die dieses einzige Übel in sich faßt, würde ich mich nicht getrauen, jetzt aufzuzählen. Ich will nur sagen, daß ein Geisteslehrer in einer Rede über den Tod in die Worte ausbricht:

O Tod, wie bitter ist die Erinnerung an dich! Wie schnell erfolgt deine Ankunft! Wie geheim sind deine Wege! Wie ungewiß ist deine Stunde! Wie allgemein ist deine Herrschaft! Die Mächtigen können dir nicht entfliehen, die Weisen wissen dir nicht auszuweichen, die Tapferen verlieren dir gegenüber ihre Kraft; für dich ist niemand reich, denn niemand kann mit Geld das Leben erkaufen. Überall findest du Zutritt, überall gehst du einher, überall findest du dich ein. Du weidest das Gras ab, verzehrst die Winde, verdirbst die Luft, veränderst die Jahrhunderte, änderst die Welt, ja du schlürfst sogar das Meer. Alle Dinge haben ihr Wachstum und ihre Abnahme, doch du bleibst immer in demselben Zustand. Du bist ein Hammer, der immer trifft, ein Schwert, das nie stumpf wird, ein Fallstrick, durch den alle fallen, ein Kerker, in den alle kommen, ein Meer, auf welchem alle in Gefahr schweben, eine Strafe, die alle erleiden, ein Tribut, den alle entrichten.

„O grausamer Tod, hast du kein Mitleid, daß du kommst zur besten Zeit und Geschäfte hintertreibst, die den besten Erfolg versprechen? Du raubst in einer Stunde den Gewinn von vielen Jahren; du schneidest ab die Nachfolge der Geschlechter; du machst die Königreiche erbenlos, füllst die Welt mit Waisen, schneidest den Faden der Studien ab, vereitelst das Streben fähiger Köpfe, verbindest mit dem Anfang das Ende, ohne Mittelglieder zuzulassen. Kurz, du bist derart, daß Gott deinetwegen seine Hände in Unschuld wäscht und sich damit rechtfertigt, daß er sagt, nicht er habe dich gemacht, sondern durch des Teufels Neid und List habest du Eingang in die Welt gefunden.“

Diese und unendlich viele andere Trübsale bringt unser Leben. Die Betrachtung derselben muß dem Menschen hauptsächlich zu einem doppelten Zwecke dienen: erstens zur Erkenntnis und Verachtung des Ruhmes der Welt; zweitens zur Erkenntnis und Verachtung seiner selbst.

Willst du schnell erkennen, was von der Herrlichkeit zu halten ist? Betrachte aufmerksam die Verhältnisse des menschlichen Lebens, dann wirst du klar einsehen, was für eine Herrlichkeit das ist. Sage mir: Kann der Ruhm des Menschen länger und dauerhafter sein als sein Leben? Offenbar ist das nicht möglich; denn der Ruhm ist wie etwas Zufälliges, das sich an dem lebenden Subjekt findet; wenn das Subjekt aufhört, müssen notwendig auch seine Eigenschaften aufhören. Daher kann kein Reichtum, kein Vergnügen weiter reichen als bis zum Grabe; denn hier geht die Grundlage zu Ende, welche Reichtum und Vergnügen möglich machte, nämlich das Leben.

Nun ist das Leben derart, wie du es gehört hast, nämlich kurz, ungewiß, gebrechlich, unbeständig, trügerisch und elend; wie lange wird nun das Gebäude dauern können, das man auf diesen Grund erbaut, und die zufälligen Eigenschaften, die einem so schwachen Wesen anhaften? Sie werden höchstens so lange dauern wie das Leben; zuweilen werden sie aber auch schon vor ihm ein Ende haben, wie es häufig mit den Glücksgütern geschieht, die eher zu Ende sind als das Leben.

Wenn nun wahr ist, was ein Dichter sagt, daß dieses Leben nur ein Traum von einem Schatten ist: was wirst du dann von dem Ruhme der Welt sagen, der noch kürzer ist als das Leben? Was würdest du von einem schönen Gebäude halten, wenn es auf einem trügerischen Fundament errichtet wäre? Welchen Wert hätte für dich ein reichgearbeitetes Bild von Wachs, wenn es der Sonne ausgesetzt würde, wo ebenso, wie das Wachs zerschmilzt, auch die ganze Figur zerstört würde?

Aus welchem andern Grunde halten wir so wenig von der Schönheit der Blumen, als darum, weil diese so hinfällig sind, daß sie alsbald ihre Schönheit verlieren, sobald man sie von ihrem Stengel trennt? Unmöglich findet sich eine dauernde Schönheit an gebrechlichen und hinfälligen Stoffen. Der Ruhm des Menschen wird bald so sein, wie das Leben des Menschen ist; denn wenn auch der Ruhm nach dem Leben noch fortdauert: was nutzt dieser Ruhm, von dem niemand etwas empfindet? Welchen Nutzen hat Homer davon, daß du jetzt noch seine Ilias sehr lobst? Ohne Zweifel keinen andern als den, welchen der hl. Hieronymus meint, wenn er von Aristoteles sagt:

Armer Aristoteles, der du gelobt wirst, wo du nicht bist, nämlich in der Welt, und vielleicht gemartert wirst, wo du bist, nämlich in der Hölle!“

Noch andere unschätzbare Vorteile kannst du aus dieser Betrachtung ziehen. Wenn du aufmerksam alle diese erwähnten Trübsale betrachtest, werden sich dir bald die Augen öffnen und du wirst über die Blindheit der Menschen staunen und sagen: Worauf ist dieses elende Geschlecht Adams so stolz? Woher dieser große Geistesdünkel und dieser große Hochmut des Herzens, diese große Verachtung der andern, diese Hochachtung vor sich selbst und diese große Gottvergessenheit? Worauf bist du stolz, Staub und Asche? Weshalb erhebst du dich und machst dich groß, du winziger Erdenmensch? Warum zertrümmerst du nicht wie ein Pfau das Rad deiner Eitelkeit, wenn du an deinen Füßen siehst, von welch niedriger Herkunft du bist? Warum suchst du mit so großer Mühe den Ruhm der Welt, der durch so viel Elend verwässert wird? Was kann so süß sein, daß es nicht verbittert wird durch so viele Bitterkeiten?

Wenn ferner dieses Leben ein Tränental, ein Kerker für Verurteilte, ein Verbannungsort für Verdammte ist: wie stimmen mit dem Orte der Tränen solche Eitelkeit, solche Pracht der Welt, solche Hausgeräte und Schmucksachen, so viel Lachen und Vergnügen, so viel Feste und Torheiten, so viel Einsammeln in Scheunen hier und so große Vergessenheit in Betreff des Jenseits, als wenn du einzig und allein geboren wärest, um hienieden mit den Tieren zu leben, und nicht um im Himmel teilzunehmen am Leben der Engel?

·       Ein großes Unheil ist es, daß so viele Beweise des Elendes im menschlichen Leben nicht genügen, um dir die Augen zu öffnen und dich von so großer Blindheit zu befreien.

Spanischer Text – Primera parte en castellanoSegunda parte - Index 18BDeutsch 1