ETIKA

Luis von Granada
Meditationen und Gebete

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18B3M11A

Mittwochabend. Der Tod.
Die Angst vor dem Sterben.

17.12.2009

Gebet und Betrachtung vom ehrwürdigen Ludwig von Granada aus dem Predigerorden.

Aus dem Spanischen übersetzt von Dr. phil. theol. Jakob Ecker, Professor am Priesterseminar zu Trier. (Anm.: *1851, † 17.11.1912)
Herdersche Verlagsbuchhandlung, Freiburg im Breisgau, 1912. Erstes Bändchen. Erster Teil. Zweites Kapitel.
B. Sieben Abendbetrachtungen. Seite 254-262.

Mittwoch. Der Tod.

1.  Die Angst vor dem Sterben

Beginnen wir also beim Anfang dieses Kampfes. Betrachte, wie der Tod bei den meisten Menschen kommt, wenn sie sich sicher fühlen und am wenigsten an seine Ankunft denken. „Der Tag des Herrn“, sagt der Apostel, „kommt wie ein Dieb“ (1 Thess 5, 4.), der immer darauf lauert, zu kommen, wenn die Menschen sich am sichersten fühlen und am sorglosesten sind, um so seinen Angriff am besten auszuführen. So geschieht es denn meistens, daß zur Zeit, wenn der Mensch am wenigsten ans Sterben denkt und diesen Schritt ganz und gar vergessen hat, wenn er seine Rechnungen für die Zukunft macht und Geschäfte von vielen Jahren und Tagen unternimmt, plötzlich der Tod über ihn kommt, den Faden all jener Hoffnungen und Torheiten abschneidet und aller menschlichen Pläne spottet. So geht in Erfüllung, was der fromme König Ezechias sagte: „Abgeschnitten wie vom Weber wird mein Leben; da ich noch im Beginne bin, schneidet er mich ab.“ (Is 38, 12.)

Der erste Schlag, mit dem der Tod zu treffen pflegt, ist die Angst vor dem Sterben. Sterben ist hart für den, der das Leben liebt. Dieses Wort ist so schmerzlich, daß die Freunde des Fleisches oft nichts von ihm wissen wollen, wiewohl es zum Nachteile der armen Seele geschieht. Großen Mut besaß der König Saul; als ihm aber der Schatten Samuels erschien und ihm voraussagte, daß er am nächsten Tage in der Schlacht sterben werde, da kam so große Furcht und Angst über ihn, daß ihn in derselben Stunde alle Kraft verließ, und er wie tot zur Erde fiel. (1 Sm 28, 20.)

Was wird nun der empfinden, der an diesem Leben hängt, wenn man ihm eine ähnliche Nachricht bringt? Dann wird ihm bald vor Augen stehen die ewige Verbannung aus dieser Welt und die Trennung von allem, was in ihr ist. Dann wird der Mensch inne, daß seine Stunde gekommen und für sein Haus der Tag bereits angebrochen ist, an dem er sich von allem trennen muß, was ihm lieb war in diesem Leben.

Der Leib wird einmal sterben; aber das Herz wird so oft sterben, als es die Liebe zu irgend einem Dinge zu verlieren fürchten muß; denn alle diese Dinge wird des Todes Messer abschneiden. Ein Backzahn pflegt beim Ausreißen um so mehr zu schmerzen, je tiefer er ins Zahnfleisch eingewachsen war. Da nun das Herz des Bösen so tief eingewurzelt ist in die Dinge dieses Lebens, muß er sehr großen Schmerz empfinden, wenn er sieht, daß bereits die Stunde herangekommen ist, in der er sich von jedem derselben trennen muß. Dann werden die Dinge, welche man am liebsten hatte, dem Herzen die tiefsten Wunden schlagen; was sonst ein Trost in Nöten zu sein pflegt, ist in dieser Stunde der grausamste Henker.

Der hl. Augustinus erzählt, daß zur Zeit, als er sich anschickte, die Welt mit allen ihren Freuden zu verlassen, es ihm vorgekommen sei, als seien alle diese Freuden vor ihm erschienen und hätten gesagt:

„Wie? Und für immer sollst du uns aufgeben? Und nimmer sollst du uns wiedersehen?“

Bedenke also, was ein Herz von Fleisch fühlen wird, wenn die Dinge, welche es am meisten liebt, ihm in jener Stunde vor die Augen treten, und es sieht, daß es aller beraubt wird, so daß es sagen muß:

„Es wird keine Welt, keine Luft, keine Sonne, keinen Himmel mehr für mich geben, keine Kinder, keine Gattin, keine Freuden. Von allem werde ich entblößt; alles dies soll jetzt der Tod mir rauben. Nun ist die Reihe an mich gekommen; voll ist die Zahl meiner Tage. Ich werde allen Dingen sterben, und alle Dinge sterben mir. Nun, o Welt, lebe wohl! Hab und Gut, lebet wohl! Freunde, Gattin und Kinder lebet wohl! Im sterblichen Fleische werden wir uns nicht wiedersehen.“

Dann erfolgt eine noch weit schrecklichere Trennung, nämlich die Trennung der Seele vom Leibe, die Trennung einer so alten, liebgewonnenen Gemeinschaft. Alles hatte der Teufel dem frommen Job genommen, nur nicht das Leben, und es dünkte ihm, im Vergleich zu diesem sei alles, was er ihm geraubt, nicht viel, so daß er sagen mußte: “Haut um Haut! – und alles, was der Mensch hat, gibt er dahin für sein Leben.” (Job 2, 4.)

Das Leben liebt man naturgemäß am meisten; seinen Verlust empfindet man am schmerzlichsten. Wenn zwei Wanderer, die eine Zeitlang miteinander reisten, sich einsam fühlen und trauern, wenn sie sich trennen müssen: wie traurig muß es sein, wenn zwei so gute Freunde, wie Leib und Seele, sich trennen müssen, sie, die vom Mutterschoße bis zu dieser Stunde zusammen den Lebensweg gingen und die einander so große Wohltaten zu verdanken haben! Wie traurig wird es sein, wenn der Geist zum Fleische spricht:

„Ohne dich werde ich mich verlassen fühlen“;

und wenn das Fleisch zum Geiste sagt:

„Was werde ich sein ohne dich, da ich mein ganzes Sein durch dich erhielt?“

Hierauf stellt sich der Mensch naturgemäß vor, was aus seinem Körper werden wird, nachdem die Seele sich von ihm getrennt hat. Er sieht, daß das beste Los, das ihm zuteil werden kann, nichts weiter ist als ein kleines Grab. Er staunt über ein so niedriges Los; denn wen er einerseits betrachtet, wie hoch er seinen Leib schätzte, und andererseits sieht, wie gering und armselig die Stätte ist, wo er bleiben muß, wird er sich nicht genug wundern können.

·       Schau, wie eng und dunkel das Haus ist, das man ihm in der Erde bereitet; wie er sich dort in der Gesellschaft vor Würmern, Gebeinen und Totenschädeln befindet; es ist ein schrecklicher Anblick für die Lebenden.

·       Der Leib, den der Mensch so üppig nährte, der Bauch, den er wie einen Gott ehrte, der Gaumen, dessen Kitzel Land und Meer dienten, dieses Fleisch, für welches Gold und Seide gestickt und ein weiches Lager zubereitet wurde – alles wird mit Füßen zertreten, von Würmern verspeist. In der Tat, man muß staunen, daß eine so edle Natur zu so niedriger Bestimmung herabsteigt.

Es ist nicht Sache der Weisen, sich zu wundern; die tägliche Gewohnheit nimmt großen Dingen das Wunderbare. Trotzdem wunderte sich jener große Weise über dieses so tägliche und gewöhnliche Elend, da er sprach:

„Wenn der Mensch (dem Leibe nach) hinstirbt wie das Tier“ (Prd 3, 19.): was nutzt es mir, nach der Weisheit getrachtet zu haben?

Wenn der Leib bei dieser Trennung einen Ausgang nähme, der von Vorteil oder Nutzen wäre, so könnte das wohl eine Art von Trost gewähren; aber darüber muß man eben staunen, daß ein so ausgezeichnetes Geschöpf so sehr erniedrigt wird. Dies ist das große Elend, worüber mit Recht der fromme Job sich wunderte, indem er sprach:

„Für den Baum zwar gibt´s ein Hoffen; wird er abgehauen, grünt er wieder, und seine Zweige sprossen. Ob auch seine Wurzel in der Erde altert und sein Stumpf im Staube abstirbt: vom Duft des Wassers schlägt er wieder aus und treibt Laub, als wär´ er frisch gepflanzt; jedoch der Mensch, wenn tot und entseelt er ist und vermodert, wo ist er?“ (Job 14, 7-10.)

Groß war ohne Zweifel der Tribut, der Adams Kindern auferlegt ward um der Sünde willen. Wohl erkannte der ewige Richter die Strafe, welche er dem Menschen auferlegte mit den Worten:

„Staub bist du, und zu Staub sollst du wieder werden.“ (Gn 3, 19.)

Doch dies ist nicht das größte Übel, das man hier zu fürchten hat; weit schlimmer ist es, wenn die Seele die Augen vorwärts richtet und anfängt, die Gefahren des andern Lebens zu erwägen, und sich vorstellt, was künftig aus ihr wird. Wer zum erstenmal die Küste verläßt und sich auf die hohe See begibt, wo man allenthalben nichts erblickt als Himmel und Wasser, der empfindet gewöhnlich Furcht. Ähnlich ist es auch hier. Denn wenn der Mensch die Ewigkeit der Jahrhunderte überschaut, die auf den Tod folgen, und jene neue, unbekannte Region betrachtet, die nie ein Lebender betrat, und die er jetzt durchwandern muß, und die ewige Herrlichkeit oder die ewige Pein, welche ihm dort zuteil werden soll; wenn er bedenkt, daß der Stein da, wohin er fällt, auf immer liegen bleibt, und er weiß nicht, nach welcher der beiden Seiten er fallen wird: so kann er sich einer großen Unruhe nicht erwehren.

Benadad, der König von Syrien, war krank, und die Ungewißheit, ob er an dieser Krankheit sterben werde oder nicht, bereitete ihm solche Qual, daß er den Anführer seines Heeres mit vierzig reich beladenen Kamelen zum Propheten Eliseus schickte und mit demütigen Worten ihn bitten ließ, er möge ihn von der Unsicherheit, in der er sich befinde, befreien und ihm Gewißheit geben, ob er von dieser Krankheit genesen werde oder nicht.

Wenn nun die Liebe zu einem so kurzen Leben eines Menschen in so große Sorge versetzt: wie groß muß die Sorge sein, die ein Weiser haben muß, wenn er sich in einem Zustand erblickt, daß er in Wahrheit sagen kann:

In zwei Stunden ist mir eines von zwei Dingen beschieden: entweder ewiges Leben oder ewiger Tod; welches von beiden mein Los sein wird, weiß ich nicht sicher.“

Welche Qual kann dieser Angst gleich sein? Man denke sich den Fall, ein König werde in feindlichem Lande gefangen genommen und seine Gesandten gingen hin, ihn auszulösen. Die Feinde bestimmten nun, die Angelegenheit solle durch das Los entschieden werden; wenn ein gutes Los herauskomme, solle der König frei sein und von seinen Gesandten in sein Reich zurückgeführt werden; im entgegengesetzten Falle aber solle er auf einen großen Scheiterhaufen geworfen werden, der bereits vor ihm angezündet ist. Wenn man dann die Hand in den Becher steckt, um die Lose zu werfen: wie wäre da die ganze Welt gespannt, welches Los da herauskomme! Und wenn der König selber gegenwärtig ist und das zweifelhafte Schicksal abwartet, das seiner harrt, wie verwirrt, in welcher Angst würde er sein, wie bereit wäre er, Gott alles mögliche zu versprechen und anzubieten, um glücklich aus solcher Not herauszukommen!

Und doch, wie schlimm dies alles auch sein mag, was ist es anders als ein Schatten, wenn man es mit der Gefahr vergleicht, von welcher wir hier reden? Wie viel größer ist das Königreich, nach dem wir streben! Und wie weit größer ist der Scheiterhaufen, den wir fürchten! Wie viel peinlicher ist die Ungewißheit in dieser Sache!

Auf der einen Seite erwarten uns die Engel, um uns ins Himmelreich zu führen; auf der andern die Teufel, um uns auf den Scheiterhaufen der Hölle zu werfen, und niemand weiß, welches der beiden Lose binnen einer Stunde ihm zufallen wird. Erwäge, wie es dir in dieser Lage zu Mute sein mag, wie furchtsam, wie demütig, wie zerschmettert du sein wirst vor dem Angesichte dessen, der allein im stande ist, aus dieser Gefahr dich zu erretten. Es gibt wohl in der Welt keine Zunge, welche dies der Wahrheit gemäß schildern kann.

Spanischer Text, erste Hälfte / Texto castellano, primera parte -  Zweite Hälfte – Segunda parte