ETIKA

Luis von Granada
Meditationen und Gebete

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18B3M11B

Mittwochabend. Der Tod.
Die Angst vor der Rechenschaft.

26.12.2009

Gebet und Betrachtung vom ehrwürdigen Ludwig von Granada aus dem Predigerorden.

Aus dem Spanischen übersetzt von Dr. phil. theol. Jakob Ecker, Professor am Priesterseminar zu Trier. (Anm.: *1851, † 17.11.1912)
Herdersche Verlagsbuchhandlung, Freiburg im Breisgau, 1912. Erstes Bändchen. Erster Teil. Zweites Kapitel.
B. Sieben Abendbetrachtungen. Seite 262-268.

Mittwoch. Der Tod.

2.  Die Angst vor der Rechenschaft.

Nach diesem Leiden folgt ein anderes, das ebenso groß ist, besonders bei denen, die ein schlechtes Leben führten: sie gelangen spät zur Erkenntnis ihrer Verirrungen und Täuschungen des vergangenen Lebens.

·       O wie bestürzt werden die Bösen sein, wenn der Schmerz der Strafe ihnen die Augen öffnet, welche die Liebe zur Sünde ihnen verschlossen hatte!

Wie klar werden sie dann einsehen, wie falsch die Götter waren, denen sie dienten, wie trügerisch die Güter, denen sie nachgingen, und wie sie auf dem Wege, auf dem sie Erholung zu finden gedachten, ihr Verderben fanden. Die Diener des Königs von Syrien kamen, um den Propheten Eliseus gefangen zu nehmen. Als Gott sie auf das Gebet des Propheten geblendet hatte, sprach der Prophet zu ihnen:

„Folget mir, ich will euch zu dem Manne führen, den ihr suchet!“

Und er führte sie nach Samaria. Da betete Eliseus:

„Herr, öffne ihre Augen, daß sie sehen!“

Da öffnete ihnen der Herr die Augen, und sie sahen sich plötzlich in Samaria (2 Kg 6, 19 20.), mitten unter ihren Feinden. Nun sage mir: wie erschrocken, wie verwirrt werden diese gewesen sein, als sie die Augen öffneten und sahen, wohin sie schließlich gekommen waren, während sie geglaubt hatten, eine gute Belohnung zu erhalten für den, welchen sie suchten? Welcher Vergleich wäre besser im stande, uns den Verlauf und die Täuschungen dieses Lebens vorzustellen?

Wir alle wandeln in dieser Welt den Weg unserer Lüste und Begierden: die einen suchen Gold, die andern Ehre, andere Vergnügen, andere Ämter und Würden; und jeder glaubt, er sei auf dem rechten Wege, um zu erreichen, was er wünscht.

Aber wenn die Gegenwart des Todes und die Gefahr der Rechenschaft die Eitelkeit unserer Hoffnungen enthüllen, dann werden wir, von der Rechenschaft ereilt, unsere Täuschung klar erkennen; wir werden sehen, daß wir auf dem Wege, auf dem wir Ruhe zu finden gedachten, unser Verderben finden. O wir Unglücklichen, wie blind wandeln wir jetzt dahin und wie werden wir dann Augen haben! Wie ganz anders werden dann unsere Urteile, wie ganz anders unsere Meinungen sein!

Da werden wir einsehen,

·       wie armselig alles ist, was es in dieser Welt gibt,

·       wie falsch ihre Güter sind,

·       wie unvernünftig ihre Wege,

·       wie trügerisch ihre Versprechungen,

·       wie bitter ihre Freuden,

·       wie kurz ihre Herrlichkeit ist.

Da werden wir erkennen, wenn auch spät,

·       wie ihre Reichtümer Dornen waren,

·       ihre Lüste Gift;

wir werden erkennen, wie wir mit verschlossenen Augen, ohne zu wissen, wohin wir gingen, schließlich uns am Ende des Weges auf dem Platze in Samaria, vor dem Gerichte Gottes befinden, umgeben von allen unsern Feinden.

·       Wie verwirrt und betrogen werden sich die Bösen in jener Stunde sehen!

Wie kann ein jeder dann in Wahrheit sagen:

Ich Elender! Welchen andern Nutzen bringen mir jetzt alle meine vergangenen Vergnügen, als daß ich für diese Stunde gegen mich den Richter aufgebracht habe, der über mich das Urteil sprechen soll? Nun werden die Vergnügungen ein Ende haben; es bleibt von ihnen kein Rest, kein Andenken, das mich erfreuen könnte, nichts anderes, als wären sie nimmer gewesen; und auf der andern Seite bleiben sie wie Dornen, die mein Herz durchbohren, meine Sache zweifelhaft machen und meine Seele jetzt quälen und sie vielleicht für immer quälen werden. Das ist die Frucht, die ich von meinen Lüsten pflückte; von meiner ehemaligen Naschhaftigkeit sind mir nur die Zähne stumpf geworden. Die Lüste haben nun aufgehört; sie sind dahin und werden nimmer wiederkehren; und vielleicht wird mir für Vergnügungen, die nur einen Augenblick währten, ewige Qual bereitet. Welche Blindheit hätte größer sein können. Wieviel besser wäre es gewesen, nie geboren worden zu sein, als den beleidigt zu haben, den ich in dieser Stunde so nötig habe? Wieviel besser wäre es gewesen, wenn die Erde sich aufgetan und mich verschlungen hätte, bevor ich daran dachte, dich zu beleidigen! O unglücklicher Tag! O unselige Stunde,  in der ich dich, o Herr, beleidigte! Wie war es möglich, daß ich nicht an diese Stunde dachte? daß ich mich nicht erinnerte an dieses Gericht? Wie konnten meine Augen sich blenden lassen durch einen so geringen Glanz! Ist das der Weg, den ich für den richtigen hielt? Hier enden die Ehren der Welt? So wenig gilt in dieser Stunde, was in der Welt so hoch geschätzt ward?

Auf dieses Leid folgt ein anderes, das nicht geringer ist: die Furcht vor der Rechenschaft, die von uns gefordert wird. Dies ist eine von den größten Qualen, die du zu ertragen hast. Ganz davon abgesehen, daß es etwas so Schreckliches ist, mit Gott ins Gericht zu gehen, vermehren diese Furcht in jener Stunde die Teufel, welche sie vorher durch die Hoffnung auf die göttliche Barmherzigkeit fernhielten. Dann rufen sie uns ins Gedächtnis zurück die Größe der Gerichte Gottes und seine Gerechtigkeit; sie weisen darauf hin, daß diese so groß ist, daß er seines eigenen Sohnes nicht schonte um der fremden Sünden willen.

„Wenn das aber am grünen Holze geschieht, was wird da aus dem dürren werden?“ (Lk 23, 31.)

Da wird nun der Böse anfangen zu zittern und bei sich sprechen:

Ich Elender! Wenn es wahr ist, was die Heilige Schrift oft und laut verkündet, daß Gott einem jeglichen vergelten wird nach seinen Werken: was kann ich da zu empfangen hoffen, der ich so viele böse Werke getan?

Wenn das Evangelium sagt, daß der Baum nach seiner Frucht beurteilt wird: was für ein Urteil kann ich erwarten, der ich so viele schlechte Früchte brachte?

Wenn der Psalmist lehrt, daß den Berg des Herrn nur der besteigen wird, welcher unschuldige Hände hat und lautern Herzens ist: wohin werde ich gehen, der ich so befleckte Hände, ein so schmutziges Herz habe?

Wenn der Weise sagt, daß der, welcher seine Ohren verschließt, um das Gesetz nicht zu hören, rufen, aber nicht verhört werden wird: was kann der hoffen, der die Ohren gegen Gott so verschlossen, so offen für die Lügen der Welt hielt?

Mit welchem Gesichte werde ich also vor dir erscheinen, o mein Gott, und dich bitten, mich anzuhören, da du mir so oft gerufen, und ich dich nicht hörte? Wie kann ich dich bitten, mich in dein Haus aufzunehmen, da du so oft vor dem meinigen riefst, und ich dir die Tür vor den Augen zuschlug? Wie soll ich dich nun finden in der Zeit der Not, da du so oft meiner bedurftest und mich nicht fandest? Unter welchem Titel werde ich dich bitten können am Ende meines Tagewerkes, mir den Himmel zu geben, da ich mein ganzes Leben opferte, um deinem Feinde zu dienen?

O mit welchem Rechte, Herr, wirst du mir dann sagen können: der Welt und dem Teufel hast du gedient; geh zu ihnen, daß sie dir den Lohn geben!

Auf diese Art antwortete der Prophet Eliseus dem König Joram. Dieser hatte sein ganzes Leben dem Dienste und der Verehrung der Götzen gewidmet; aber in der Zeit der Not nahm er seine Zuflucht zum Propheten Gottes, um von ihm Hilfe zu erlangen. Doch der Prophet erwiderte ihm:

„Was willst du mit mir? Geh zu den Propheten deines Vaters und zu den Propheten deiner Mutter! Ihnen bist du ja gefolgt; nun bitte sie auch, daß sie dir helfen!“ (2 Kg 3, 13.)

Wie sehr ahmen wir diesen bösen König im Leben und im Tode nach! Im Leben dienen wir der Welt, und im Tode rufen wir Gott an. Welche andere Antwort erwarten wir da in jener Stunde, als die, welche er in ähnlichem Falle gab:

Was willst du mit mir, da du mir nie gedient hast? Suche schnell die Ratgeber auf, denen du gefolgt bist, und die Götzen, die du geliebt hast, denen du gedient und die du angebetet hast, und sage ihnen, sie sollen dir den Lohn für deinen Dienst geben.

„Wenn du rufst“, sagt Gott durch Isaias, „mögen dich deine Götzen erretten: doch sie alle trägt ein Wind davon, ein Hauch nimmt sie hinweg.“ (Is 57, 13.)

Da fängt der Mensch an, sich Zeit zur Reue zu wünschen. Wenn sie ihm gegeben würde, so würde er, wie er meint, sich nicht mit einer gewöhnlichen Reue begnügen, sondern das härteste Leben der Welt führen.

Da sie ihm aber nicht gewährt wird, so denkt er an die Zeit und die Veranlassungen, die er ehedem zur Reue hatte, und wie er sie unbenutzt vorübergehen ließ. Dieser Verlust macht ihm großes Leid, und er erkennt, daß er eine solche Strafe verdient, weil er die Zeit, die er hatte, so schlecht benutzt hat. Ach, wie viele von uns werden auf diese Weise sich selbst betrügen! Die Zeit, welche Gott uns gibt, vergeuden wir mit eiteln Dingen und Scherzen, und hinterher fehlt sie uns, wann wir sie am meisten nötig haben. Und so ergeht es uns wie den Pagen und Palastdienern, denen ein Licht gegeben wird, mit dem sie sich zur Ruhe begeben sollen: sie verbrauchen es, um die ganze Nacht dabei zu spielen, und dann müssen sie das Licht entbehren, wenn sie es nötig hätten.