ETIKA

Luis von Granada
Meditationen und Gebete

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18B3M11C

Mittwochabend. Der Tod.
Die Todesstunde.

29.12.2009

Gebet und Betrachtung vom ehrwürdigen Ludwig von Granada aus dem Predigerorden.

Aus dem Spanischen übersetzt von Dr. phil. theol. Jakob Ecker, Professor am Priesterseminar zu Trier. (Anm.: *1851, † 17.11.1912)
Herdersche Verlagsbuchhandlung, Freiburg im Breisgau, 1912. Erstes Bändchen. Erster Teil. Zweites Kapitel.
B. Sieben Abendbetrachtungen. Seite 268-271.

Mittwoch. Der Tod.

3. Die Todesstunde.

Wenn nun die Krankheit aufs höchste gestiegen ist, beginnt die Kirche ihren Kindern beizustehen mit Gebeten und Sakramenten und allem, was sie vermag. Und weil die Not so groß ist, da es sich in diesem Augenblick um die Entscheidung über die ganze Zukunft handelt, so beeilt sie sich, alle Heiligen anzurufen, damit diese dem Kranken in dieser großen Gefahr beistehen mögen. Wie eine liebevolle Mutter, die wegen der Gefahr, in der ihr Kind schwebt, voller Angst ist, will die Kirche in der Litanei, welche sie für den Sterbenden beten läßt, an allen Pforten anklopfen und ruft alle Heiligen an, damit sie als Fürsprecher für das Heil jenes Hilfsbedürftigen sich vor dem Angesichte Gottes niederwerfen.

Nun salbt der Priester alle Sinne des Kranken mit dem heiligen Öle und bittet Gott, er möge ihm vergeben, was er mit jedem der Sinne gesündigt. So spricht er bei der Salbung der Augen:

„Durch diese heilige Ölung und um seiner großen Erbarmung willen verzeihe Gott dir alles, was du durch das Gesicht gesündigt hast!“

Unter ähnlichen Gebeten salbt er auch die übrigen Sinne. Wenn nun der unglückliche Sünder durch das Gesicht oder durch die Zunge oder einen anderen Sinn ausgelassen war, und er stellt sich in dieser Stunde alle jene Ausschweifungen vor, und er sieht die geringe Frucht, die ihm durch ihre Hand zuteil ward, und die Not, in welche er durch sie gekommen ist: muß er da nicht den tiefsten Schmerz empfinden? Was würde er geben, wenn er nie die Augen vom Boden erhoben, nie seinen Mund zu einem bösen Worte geöffnet hätte?

Hierauf stellt sich der Todeskampf ein; er ist der schwerste aller Kämpfe des Lebens. Man zündet bereits die Sterbekerze an, man hat das Leichenkleid bereits in Bereitschaft. Man sagt dem Kranken, die Stunde der Trennung sei gekommen: er möge sich Gott empfehlen und seine gebenedeite Mutter anrufen, die in dieser Stunde denen beizustehen pflegt, die sie anrufen.

Die Ohren des Kranken vernehmen vielleicht schon das Jammergeschrei oder das Seufzen einer armen Gattin, welche das Entsetzliche des neuen Witwenstandes und der Einsamkeit zu fühlen beginnt. Wenn die Seele sich vom Fleische trennt, empfindet jedes Glied schmerzlich ihren Ausgang. Und dann erneuern sich die Ängste der Seele, während sie im Todeskampfe liegt, weniger wegen ihres Hinscheidens, als wegen der Stunde der Rechenschaft, der sie entgegengeht. Da zittern und zagen selbst die Allermutigsten.

Als der heilige Hilarion in dieser Lage war, fing er an zu zittern und gegen das Hinscheiden sich zu sträuben. Da bezwang sich der heilige Mann und sprach:

„Geh hinaus, o Seele, geh hinaus! Was fürchtest du? Seit siebzig Jahren dienst du dem Herrn, und du fürchtest noch den Tod?“

Wenn nun diesen Hingang derjenige fürchtet, der so viele Jahre Christus gedient hatte: was wird einer tun, der ihn vielleicht ebensolange beleidigt hat? Wohin soll er gehen? Wen soll er anrufen? Welchen Entschluß soll er fassen? O hätten die Menschen einen Begriff davon, wie groß diese Angst und diese Not ist!

Stelle dir vor, wie dem Isaak zu Mute gewesen sein mag, als sein Vater ihm Hände und Füße band und ihn auf das Holz legte, um ihn zu opfern. Über sich sah er das Messer des Vaters blinken; unter sich sah er im Geiste schon des Feuers Flammen brennen. Er sah keinen Helfer.

Noch viel bedrängter muß sich die Seele des Bösen in dieser Stunde fühlen; denn überall, wohin er seine Augen wendet, sieht er nur Gründe zu Unruhe und Furcht.

·       Schaut er nach oben, so erblickt er das Schwert der göttlichen Gerechtigkeit, das ihn bedroht;

·       schaut er nach unten, so erblickt er das offene Grab, das auf ihn wartet;

·       schaut er in sich hinein, so gewahrt er sein Gewissen, das ihm Vorwürfe macht;

·       schaut er um sich, so kommt es ihm vor, als warteten dort die Engel und die Teufel; beide Teile warten darauf, wem die Beute zufallen wird.

·       Wendet er den Blick zurück, so sieht er, wie die Diener und die Verwandten und die Güter dieses Lebens, welche hier zurückbleiben, nicht im stande sind, ihm zu helfen; denn er muß allein aus diesem Leben scheiden, alles andere bleibt in dieser Welt zurück.

Wenn er schließlich seinen Blick nach innen kehrt und sich selbst betrachtet, so erschrickt er vor sich selbst und möchte, wenn es möglich wäre, vor sich selber fliehen; den Leib zu verlassen, ist ihm unerträglich, im Leibe zu bleiben, ist ihm unmöglich, den Hingang hinauszuschieben, ist ihm nicht gestattet.

Die Vergangenheit wird ihm wie ein Hauch erscheinen, die Zukunft erscheint ihm unendlich, wie sie ist.

Was soll nun der Unglückliche tun, von so vielen Nöten umringt? O Torheit und Blindheit der Kinder Adams, die für einen so entscheidenden Augenblick sich nicht zeitig vorsehen wollen!