ETIKA

Luis von Granada
Meditationen und Gebete

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18B3M11D

Mittwochabend. Der Tod.
Leib und Seele nach ihrer Trennung.

30.12.2009

Gebet und Betrachtung vom ehrwürdigen Ludwig von Granada aus dem Predigerorden.

Aus dem Spanischen übersetzt von Dr. phil. Theol. Jakob Ecker, Professor am Priesterseminar zu Trier. (Anm.: *1851, † 17.11.1912)
Herdersche Verlagsbuchhandlung, Freiburg im Breisgau, 1912. Erstes Bändchen. Erster Teil. Zweites Kapitel.
B. Sieben Abendbetrachtungen. Seite 271-278.

Mittwoch. Der Tod.

4. Leib und Seele nach ihrer Trennung.

Wenn endlich der schwere Kampf zu Ende ist, reißt sich die Seele los vom Fleisch; sie verläßt ihre alte Wohnung, und der Leib bleibt alles Glückes beraubt, das er hatte.

Nun wollen wir betrachten, welches Los jedem der beiden Teile zufallen wird. Zunächst betrachte, wie der Leib zurückbleibt, nachdem die Seele sich von ihm getrennt hat. Was wird mehr geehrt als der Leib eines Fürsten, solange er lebt? Und was ist geringer als derselbe Leib, wenn er stirbt? Wo ist dann die frühere Majestät, die Anmut, das Ansehen? Zittert man noch vor ihm? Redet man noch auf den Knien mit ihm und mit so vielen Ehrenbezeigungen? Wie schnell vergeht diese ganze Pracht, als wäre sie ein Traum, ein Possenspiel, das in einer Stunde vorbei ist!

Alsbald macht man das Sterbekleid bereit. Dieses ist der kostbare Edelstein, den man aus diesem Leben mitnehmen kann; mit ihm wird auch der reichste Mann bezahlt in dieser Stunde. Mit Recht sagt also der Psalmist:

„Sei getrost, wenn einer reich wird, wenn sich die Herrlichkeit seines Hauses mehrt; denn wenn er stirbt, nimmt er von allem dem nichts mit, und seine Herrlichkeit steigt ihm nicht nach.“ (Ps. 48, 17 18)

Nun wirft man eine Grube aus, die sieben oder acht Fuß lang ist – und wäre es auch für Alexander den Großen, dem eine Welt nicht groß genug war -, und hiermit begnügt sich der Leib. Hier erhält er sein Haus für immer, von diesem Grund und Boden nimmt er Besitz in Gesellschaft der übrigen Toten.

Hier empfangen ihn die Würmer; hier legt man ihn schließlich in ein armseliges Bettuch; die Erde nimmt ihn auf in ihren Schoß; es begrüßen ihn die Gebeine der Verstorbenen; es umarmt ihn der Staub seiner Vorgänger; sie laden ihn ein in jenes Haus, das für jeden Lebenden bestimmt ist.

Die letzte Ehre, welche die Welt in jener Stunde ihm erweisen kann, besteht darin, daß man eine Erdschicht auf ihn wirft und ihn sorgfältig mit dieser bedeckt, damit die Menschen seinen Geruch nicht wahrnehmen und seine Häßlichkeit nicht sehen. Die größte Wohltat, welche ihm dort ein Freund erweisen kann, besteht darin, daß er ihn ehrt durch eine Handvoll Erde. Diese Zeremonie beobachten die Gläubigen bei den Verstorbenen, damit Gott auch ihnen selbst Freunde schenke, die ihnen diese Liebe erweisen. Woraus könnte man besser unsere Armseligkeit erkennen, als daß man hier sieht, daß die Menschen sich zeitig vorsehen, damit sie dieser kleinen Wohltat nicht entbehren? O Habsucht der Lebenden, o Armut der Toten! Wie kommt es, daß der für das so kurze Leben so große Wünsche hat, welcher in jener Stunde sich mit so wenigem zu begnügen hofft?

Nun nimmt der Totengräber Spaten und Stampfe und fängt an, Gebeine auf Gebeine zu häufen und sie mit Erde zu bedecken. Das lieblichste, bestgepflegte Gesicht, das gegen Sonne und Luft sorgfältig geschützt wird, kommt hier unter die Stampfe des rohen Totengräbers, damit es gut mit der Erde in Gemeinschaft trete.

Auf einen Edelmann, den während seines Lebens kein Lüftchen berühren, dem kein Härchen auf das Kleid fallen durfte, ohne daß sofort die Bürste darüber her war, wirft man hier einen Haufen schmutziger Erde.

Ein anderer, der süße Düfte liebte, ist hier umgeben von Modergeruch. Das also ist das Ende des Putzes und der Herrlichkeit der Welt.

Nachdem die Freunde den Toten in diesem engen Hause zur Ruhe bestattet, lassen sie ihn zurück im Lande der Vergessenheit, in jenem finstern Kerker, in welchem er von ewiger Einsamkeit umgeben sein wird. O Welt, was wird aus deiner Herrlichkeit? Reichtum, was wird aus deiner Macht? Freunde, wo habt ihr mich gelassen? Wie schwand so schnell eine so alte Begleitung! Wie brach so bald das Rad eines so großen Glücks!

Diejenigen, welche die Königin Jezabel sahen, die infolge des gerechten Gerichtes Gottes von Hunden aufgefressen wurde, so daß von ihrer ganzen Schönheit nichts übrig blieb als der Schädel und die äußersten Enden der Hände und der Füße, sie, die dieselbe ehedem gekannt hatten und nun in solchem Zustande erblickten, waren über diese große Veränderung so erstaunt, daß sie fragten:

„Das ist Jezabel?“ (2 Kg 9, 37.)

Und alle, die vorüberkamen und sahen, was die Hunde von ihr übrig gelassen hatten, wiederholten den nämlichen Ausruf und sagten:

„Das ist Jezabel? Das ist die große Königin und Herrscherin Israels? Das ist jene, die so mächtig war, daß sie sich zur Herrscherin des Vermögens ihrer Untertanen machte, indem sie ihr Blut vergoß? Zu so verächtlichem Geschicke kann der Tod die Mächtigen erniedrigen?

So steige denn, mein lieber Christ, im Geiste hinab zu den Gräbern der Fürsten und großen Herren, von denen du gehört und die du gekannt hast in dieser Welt, und schau, wie entstellt sie sind, wie schrecklich der Anblick ist, der sich dir darbietet, und du wirst sehen, daß auch du mit Recht ausrufen kannst:

„Das ist Jezabel?“

Das ist jenes lebhafte Gesicht, das ich kannte? Das sind jene hellen Augen? Das ist jene leichtfertige Zunge? Das ist jener zierliche Körper? So endeten schließlich Zepter und Krone? Das ist das Ende der Herrlichkeit der Welt? Ein Weiser sagt:

„Oftmals besuchte ich die Gräber einiger Toten. Verwundert und erstaunt über das, was ich sehe, richte ich meine Augen auf die Totengestalt, betaste die Gebeine, vereinige die Hände, füge die Lippen zusammen und fange an, bei mir zu sprechen:

Schau diese Füße: wie viele Wege haben sie zurückgelegt?

Diese Hände: was haben sie erhascht und gehütet?

Diese Augen: wie viele Eitelkeiten haben sie geschaut?

Diesen Mund: wie viele Leckereien wurden für ihn zugerichtet?

Diesen Schädel: wie viele Luftschlösser hat er sich erdacht?

Wie viele Sünden wurden begangen zur Lust dieses Staubes, dieser schmutzigen Haut, Sünden, um derentwillen die Seele dieses Leibes vielleicht jetzt auf immer Qualen leidet?

Bestürzt verlasse ich dann diesen Ort. Mir begegnen einige Leute. Ich richte meinen Blick auf sie, und ich sehe, daß auch sie, und ich mit ihnen, in kurzer Zeit in demselben Zustande, in derselben Niedrigkeit uns befinden werden. Darum wehe mir! Wozu dient der Reichtum, wenn ich hier desselben beraubt werden soll? Wozu prachtvolle Kleider und Putz, da ich dann so häßlich bin? Wozu die Vergnügen und die Schmausereien, wenn ich hier eine Speise von Würmern sein soll?“

 

Lassen wir nun den Leib im Grabe und verfolgen wir den Weg, den die Seele nach jener neuen Welt einschlägt. Diese ist gleichsam eine andere Hemisphäre, wo es einen andern Himmel gibt, eine neue Erde, eine neue Art des Lebens, eine andere Weise zu verstehen und zu erkennen.

Nachdem sie den Leib verlassen hat, tritt sie ein in diese Gegend, wo niemals die Lebenden wandelten; es ist ein Land voll Schrecken und Todesschatten. Was wird nun der neue Fremdling in so fremdem Lande beginnen, wenn er sich nicht für diese Zeit den Schutz und die Verteidigung der Engel verdient hat?

„O meine Seele“, sagt der hl. Bernhard, „wie wird es dir ergehen an jenem Tage, wenn du allein das unbekannte Land betrittst, wo dir auf dem Wege jene furchtbaren, schrecklichen Ungeheuer begegnen? Wer wird sich an dich kehren? Wer wird dich verteidigen? Wer wird dich befreien von jenen Löwen, die rasen vor Hunger und bereit stehen, dich zu verschlingen?“

Schrecklich ist ganz gewiß dieser Weg; aber noch schrecklicher ist das Gericht, das dort gehalten wird. Wer vermag zu schildern, wie genau die Rechenschaft ist, die da gefordert wird, wie gerecht der Richter, wie geschäftig die Ankläger, wie gering an Zahl die Verteidiger sind, wie sorgfältig die Untersuchung, wie ausführlich der Prozeß über unser Leben sein wird?

„Wenn“, wie der hl. Petrus sagt, „der Gerechte  kaum gerettet wird: wo wird der Gottlose, der Sünder bleiben?“ (1 Petr 4, 18.)

Sehr bemerkenswert ist es, daß in dieser großen Not die Dinge, welche wir lieben, und um die wir uns am meisten bemühten und die uns hier helfen sollten, uns nicht allein im Stiche lassen, sondern uns am meisten quälen werden.

Der schöne Absalom hatte nichts, was er mehr liebte und schätzte als seine Haare: und gerade diese sollten nach gerechtem Urteil Gottes seinen Tod herbeiführen. Ein ähnliches Gericht wird in jener Stunde den Missetätern bereitet; denn die Dinge, welche sie in diesem Leben am meisten liebten und um derentwillen sie Gott am meisten beleidigten, werden den Ausgang ihres Prozesses schlimmer gestalten und ihnen größere Qualen bereiten.

·       Ihre Kinder, die sie auf erlaubte und unerlaubte Weise zu bereichern suchten, das böse Weib, aus Liebe zu dem sie Gottes Gesetz übertraten, Hab und Gut, Ehre und Vergnügen, die ihre Götzen waren, diese alle werden da als ihre Henker auftreten und sie grausam quälen.

Da wird Gott Gericht halten über alle Götzen Ägyptens und anordnen, daß die nämlichen Dinge, auf die wir unsern Ruhm setzten, als Ursachen unseres Verderbens auftreten.

Wenn nun das göttliche Urteil unsern Sünden entsprechend ausfallen wird: wer kann dann etwas Gutes hoffen? Einer von den Vätern der Wüste sagte, daß er dreier Augenblicke wegen beständig in Furcht lebe:

·       wenn seine Seele das Fleisch verlasse,

·       wenn sie vor dem Gerichte Gottes erscheine,

·       und wenn das Urteil über sie gesprochen werde.

Was kann es Schlimmeres geben, als wenn das Urteil dahin ergeht, daß die Seele ewig verdammt sei? Welche Ängste wird dir das bereiten? Welcher Festtag wird das sein für deine Feinde? Wie werden alsdann in Erfüllung gehen jene Worte des Propheten:

„Sie reißen über dich auf ihren Mund all deine Feinde, sie zischen und knirschen mit den Zähnen und sprechen: Verschlingen wir! Siehe, das ist der Tag, den wir ersehnten; wir haben´s erreicht und geschaut.“ (Klgl 2, 16.)

Aber du, o guter Jesus, „gib meinen Augen Licht, damit ich nicht zum Tod entschlafe, daß mein Feind nicht sagen kann: Ich hab ihn überwältigt!“ (Ps 12, 4 5)

 

Kommentar ETIKA: Auch dieses Kapitel schlägt an Weisheit und Formulierungskunst sämtliche Bestseller dieser irdischen Scheinwelt: