ETIKA

Luis von Granada
Meditationen und Gebete

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18B3M12A

Donnerstagabend.
Das letzte Gericht. Die großen Zeichen vor dem Weltende.

1.1.2010

Gebet und Betrachtung vom ehrwürdigen Ludwig von Granada aus dem Predigerorden.

Aus dem Spanischen übersetzt von Dr. phil. Theol. Jakob Ecker, Professor am Priesterseminar zu Trier. (Anm.: *1851, † 17.11.1912)
Herdersche Verlagsbuchhandlung, Freiburg im Breisgau, 1912. Erstes Bändchen. Erster Teil. Zweites Kapitel.
B. Sieben Abendbetrachtungen. Seite 290-297.

Donnerstag. Das letzte Gericht.

1.  Die großen Zeichen vor dem Weltende.

Um dir die Größe dieses Gerichtes vorzustellen, mußt du zunächst im voraus bedenken, daß es keine Sprache in der Welt gibt, die im stande wäre, die geringste der Peinen dieses Tages zu schildern.

Daher fühlte sich der Prophet Joel, als er von der Größe desselben reden wollte, so arm an Worten und so beklommen, daß er zu stammeln anfing wie ein Kind und sagte: „Ach, ach, dieser Tag!“ (Joel 1, 15.) Ähnlich redete der Prophet Jeremias, als Gott ihn zum Predigen aussenden wollte, um anzuzeigen, daß er ein Kind und ganz und gar unfähig sei zu dieser wichtigen Sendung, zu welcher Gott ihn ausersehen.

Der Prophet Joel bedient sich dieser Redeweise, um zu verstehen zu geben, daß es keine Sprache in der Welt gibt, die nicht wie Kindeslallen sei, wenn sie schildern will, was jener Tag sein wird.

An jenem Tage wird Gott alle Häßlichkeit, welche die Bösen mit ihren schlechten Taten angerichtet haben, wieder in Schönheit verwandeln. Und da dieser schlechten Taten so viele sind, muß auch die Verbesserung ihnen entsprechend sein, damit auf Kosten des Bösen die Welt so schön werde durch dessen Bestrafung, wie sie vorher durch seine Schuld häßlich geworden war. Wenn jemand einen schweren Fall tut und sich einen Arm verrenkt, so verursacht es einen größeren Schmerz, den Arm wieder einzurenken; der Schmerz einer solchen Wiederherstellung ist umso größer, je schlimmer das Übel ist.

Da nun die Bösen alle Dinge in der Welt in Unordnung gebracht haben, so muß, wenn der himmlische Wiederhersteller erscheint, um die Welt durch die Bestrafung so vieler Verwirrungen wieder in Ordnung zu bringen, die Strafe schrecklich groß sein.

Dieser Tag heißt nicht nur Tag des Zornes, sondern auch Tag Gottes, wie der Prophet Joel (Joel 1, 15.) ihn nennt. Er will damit sagen, alle andern Tage seien Tage der Menschen gewesen, an denen diese ihren Willen gegen Gott durchsetzten; aber dieser Tag heißt Tag Gottes, weil Gott an ihm seinen Willen gegen die Menschen durchsetzen wird.

Du schwörst jetzt, bist meineidig und lästerst: und Gott schweigt. Es wird kommen ein Tag, an welchem Gott das Schweigen über so viele Tage und so viele Beleidigungen brechen und seine Ehre verteidigen wird.

So gibt es also nur zwei Tage in der Welt: einen Tag Gottes und einen Tag des Menschen. An diesem seinem Tage kann der Mensch tun, was er will, und zu allem wird Gott schweigen.

An diesem Tage konnte der König Sedekias den Propheten Gottes in einen Brunnen werfen, ihm kärgliche Nahrung geben lassen und alles tun, was ihn gelüstete: und zu allen diesen Ungerechtigkeiten schweigt Gott.

Aber nach diesem Tage wird ein Tag kommen, und Gott wird den König Sedekias ergreifen, ihm sein Reich nehmen, Jerusalem zerstören und ihn in Ketten vor den König von Babylon führen: dort wird man seine Freunde und seine Kinder vor seinen Augen morden, man wird ihm die Augen ausstechen lassen, die man ihm nur für diesen schrecklichen Anblick erhalten hatte; dann wird er als Gefangener nach Babylon geschleppt und in einen Kerker geworfen bis zu seinem Tode.

Wie also der Mensch die Freiheit hatte, an seinem Tage alles zu tun, was ihn gelüstete, ohne daß ihn jemand hinderte, so wird auch Gott an jenem Tage alles tun können, was ihm gefällt, ohne daß ihn jemand hindert.

Kurz, wenn du wissen willst, was für ein Tag dieser Tag sein wird, so schicke dich an, die Zeichen zu betrachten, welche demselben vorangehen werden; denn an den Zeichen wirst du das Vorausbezeichnete erkennen, wie man an der Vesper und der Vigil den Festtag erkennt.

Zunächst weiß niemand, wann dieser Tag kommt, auch die Engel des Himmels nicht, auch nicht der Sohn (um ihn jemandem zu offenbaren), sondern nur der Vater. Jedoch werden demselben einige Zeichen vorangehen, aus denen die Menschen nicht allein die Nähe, sondern auch die Größe dieses Tages im voraus erkennen können. Denn bevor dieser Tag kommt, sagt der Heiland,

„werdet ihr hören von Kriegen, Kriegsgerüchten und Empörungen. … Es wird sich erheben Volk wider Volk und Reich wider Reich. Große Erdbeben werden sein von Ort zu Ort und Hungersnot und Seuchen; auch schreckende Erscheinungen und große Zeichen am Himmel.“ (Lk 21, 9-11.)

Und zu allen diesen Übeln wird jene so oft angekündigte Verfolgung hereinbrechen, die von dem größten Verfolger ausgeht, den die Kirche hat, vom Antichristen. Dieser wird nicht nur mit schrecklichen Waffen und Martern, sondern auch durch scheinbare, erdichtete Wunder den grausamsten Krieg gegen die Kirche führen, der jemals geführt ward.

Bedenke also jetzt, sagt der hl. Gregor, was für eine Zeit das sein wird, wenn der fromme Märtyrer seine Glieder dem Henker darbieten wird und der Henker wird Wunder vor ihm wirken!

Kurz, „es wird“, wie der Heiland sagt, „große Not sein auf der Erde, wie noch nie gewesen ist seit Anbeginn der Welt und fürder nimmer sein wird. Wenn der Herr die Tage nicht abkürzte, so würde kein Mensch gerettet werden; aber um der Auserwählten willen werden jene Tage abgekürzt.“ (Mt 24, 21 22.)

Nach diesen Zeichen werden andere erscheinen, die noch schrecklicher und jenem Tage näher sind. Sie zeigen sich an Sonne, Mond und Sternen. Von ihnen sagt der Herr durch den Propheten Ezechiel:

„Ich werde den Himmel verhüllen und seine Sterne in Schwarz kleiden; die Sonne will ich mit Wolken verhüllen, und der Mond soll sein Licht nicht leuchten lassen. Alle Lichter am Himmel will ich deinetwegen in Trauer versetzen und will Finsternis bringen über die ganze Erde.“ (Ez 32, 7 8)

Wenn nun so große Zeichen und Veränderungen am Himmel erscheinen: was soll man da von dem erwarten, was auf Erden ist, welche ganz durch jenen regiert wird? Wenn in einem Freistaate die Häupter, welche denselben regieren, sich auflehnen, sehen wir, daß auch alle andern Glieder und Teile desselben sich empören und in Unordnung geraten, und daß er ganz und gar in Aufregung gerät durch Waffen und Zwietracht. Wenn nun die ganze Welt beherrscht wird durch die Kräfte des Himmels, und diese so verändert und ganz aus ihrer natürlichen Ordnung herausgerissen werden, was wird dann aus ihren Gliedern und Teilen werden?

Da wird die Luft sich füllen mit Blitzen und Stürmen; die Erde wird sich überall spalten und so schrecklich erbeben, daß nicht nur feste Häuser und stolze Türme niederstürzen, sondern auch Berge und Felsen sich losreißen und von ihrer Stelle sich bewegen.

Vor allen Elementen aber wird das Meer wüten: seine Wogen werden so hoch und so wild sein, daß es scheint, als sollten sie die ganze Erde bedecken. Die Anwohner wird es durch sein Anschwellen, die Entfernten durch sein Brausen erschrecken, das so heftig sein wird, daß man es meilenweit hört.

Wie werden dann die Menschen einhergehen, wie verwirrt und bestürzt!

·       Wie werden sie Gefühl, Sprache und Geschmack für alle Dinge verlieren!

Der Heiland sagt, daß die Völker alsdann in großer Bedrängnis sein werden. Entkräftet und bis zum Tode erschöpft werden sie einherwandeln wegen der großen Furcht vor den Dingen, die über die Welt kommen sollen. Sie werden sagen:

·       Was ist das?

·       Was bedeuten diese Vorzeichen?

·       Was soll aus diesem unsichern Zustande der Welt werden?

·       Welches Ende werden diese großen Umwälzungen und Wechsel aller Dinge nehmen?

So werden die Menschen bestürzt und entmutigt und verzagt einherwandeln; sie schauen einander an und staunen, sich so verändert zu sehen. Dieses allein würde hinreichen, sie mutlos zu machen, auch wenn nichts weiter zu fürchten wäre.

Es werden aufhören alle Geschäfte und Erwerbstätigkeiten und mit ihnen die Mühe und die Begierde, etwas zu gewinnen; denn die Größe der Furcht wird die Herzen so beschäftigen, daß sie nicht nur dieses, sondern auch Essen und Trinken und alles, was zum Leben nötig ist, vergessen werden. Die ganze Sorge wird darauf gerichtet sein, sichere Stätten aufzusuchen, um sich zu schützen gegen die Erdbeben, die Stürme der Luft und das Anschwellen des Meeres.

·       So werden sich die Menschen in die Höhlen der wilden Tiere begeben, und die wilden Tiere werden in die Häuser der Menschen flüchten: so wird alles umgekehrt und voller Verwirrung.

Die gegenwärtigen Übel werden die Menschen in Betrübnis versetzen, und noch weit mehr wird die Furcht vor den kommenden Übeln sie quälen, weil sie nicht wissen, was für ein Ende so schmerzliche Anfänge haben werden.

Es fehlen die Worte, um diese Lage recht zu schildern; alles, was man sagt, bleibt hinter dem zurück, was kommen wird. Wenn sich auf dem Meere ein heftiger Sturm erhebt, oder auf dem Lande ein starker Orkan oder ein Erdbeben sich einstellt, so sehen wir, wie furchtsam, wie bestürzt, wie arm an Kraft und Rat die Menschen werden.

Wenn aber dereinst der Himmel und die Erde, das Meer und die Luft sich ganz empören, wenn alle Gegenden und alle Elemente der Welt ihre eigenen Qualen haben; wenn die Sonne droht mit Trauer, der Mond mit Blut, die Sterne mit ihrem Falle: wer wird dann essen und schlafen, wer wird einen Augenblick Ruhe unter solchen Qualen haben?

O unseliges Los der Bösen, deren Haupt all diese Vorzeichen bedrohen!

O seliges Los der Gerechten, für welche all diese Dinge Freuden und Vergnügen und gute Anzeichen des Glückes sind, das ihnen zuteil wird! Wie freudig werden sie alsdann mit dem Psalmisten singen:

„Gott ist uns Zuflucht und Stärke! Darum fürchten wir uns nicht, auch wenn die Erde bebt, und wenn die Berge wanken und sich in den Schoß des Meeres stürzen!“ (Ps 45, 2 3.)

„Betrachtet den Feigenbaum und alle Bäume“, spricht der Heiland; „wenn sein Zweig schon fast saftig ist, und die Blätter hervorgesproßt sind, dann wisset ihr, daß nahe der Sommer. So auch, wenn ihr dieses alles sehet, sollt ihr wissen, daß das Gottesreich nahe vor der Türe ist. – Wenn dieses zu geschehen anfängt, dann schauet empor und erhebet euer Haupt; denn es naht eure Erlösung.“ (Lk 21, 29-31 28.)

Wie froh wird dann der Gute sein! Wie gut angewandt wird er all seine Trübsale finden! Wie wird dagegen der Böse Reue empfinden, wie wird er all seine Schritte und Wege verdammen!