ETIKA

Luis von Granada
Meditationen und Gebete

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18B3M13

Freitagabend. Die Hölle.

4.1.2010

Gebet und Betrachtung vom ehrwürdigen Ludwig von Granada aus dem Predigerorden.

Aus dem Spanischen übersetzt von Dr. phil. theol. Jakob Ecker, Professor am Priesterseminar zu Trier. (Anm.: *1851, † 17.11.1912)
Herdersche Verlagsbuchhandlung, Freiburg im Breisgau, 1912. Erstes Bändchen. Erster Teil. Zweites Kapitel.
B. Sieben Abendbetrachtungen. Seite 313-319.

Freitag. Die Hölle.

Punkte. An diesem Tage denke nach über die Strafen der Hölle. Durch diese Betrachtung wie durch die vorhergehende soll sich deine Seele noch mehr befestigen in der Furcht Gottes und im Abscheu gegen die Sünde.

Diese Strafen, sagt der hl. Bonaventura, muß man sich unter dem Bilde körperlicher Dinge vorstellen, wie uns die Heiligen lehrten. Es wird daher angemessen sein, sich den Ort der Hölle, wie der heilige Lehrer sagt, als eine dunkle, finstere, unter der Erde befindliche Stätte zu denken, als eine ungeheuer tiefe Grube voll Feuer, oder als eine furchtbare, finstere Stadt, die ganz in beständigen Flammen brennt, in welcher man nichts hört als die Rufe und die Seufzer der Marterer und der Gemarterten mit ewigem Geheul und Zähneknirschen.

1 . An diesem unseligen Orte leiden die Verdammten zweierlei Hauptarten von Strafen: die eine nennt man die Strafe der Pein, die andere die Strafe des Verlustes.

Was die erstere betrifft, so erwäge, wie es dort bei den Verdammten keinen inneren oder äußeren Sinn gibt, der nicht mit seiner eigenen Marter gestraft würde. Wie nämlich die Bösen mit allen Gliedern und Sinnen Gott beleidigen und aus allen diesen sich Waffen machten für den Dienst der Sünde: so wird Gott verordnen, daß auch alle Sinne dort gemartert werden und jeder einzelne von ihnen seine eigene Qual erleide und seine Schuld büße.

Dort werden also die unehrbaren und sinnlichen Augen gequält durch den schrecklichen Anblick der Teufel, die Ohren durch die verworrenen Rufe und Seufzer, die dort vernommen werden, die Nase durch den unerträglichen Gestank dieses schmutzigen Ortes, der Geschmackssinn durch den wütendsten Hunger und Durst, der Gefühlssinn in allen Gliedern des Leibes durch unerträgliche Kälte und Feuerglut.

Die Phantasie wird leiden durch die Vorstellung der gegenwärtigen Schmerzen, das Gedächtnis durch die Erinnerung an die vergangenen Vergnügen, der Verstand durch das Nachdenken über die verlorenen Güter und die zukünftigen Übel.

Kurz, dort werden sich alle erdenklichen Übel und Qualen vereinigt finden. Dort wird sein, wie der hl. Gregor (Moral. 1. 9, c. 46.) sagt, unerträgliche Kälte, unauslöschliches Feuer, ein unsterblicher Wurm, unerträglicher Gestank, greifbare Finsternis, Geißelhiebe der Peiniger, Scheusale von Dämonen, Verzweiflung wegen des Verlustes aller Güter.

Nun sage mir: wenn das geringste aller dieser Übel, das man hienieden auf kurze Zeit ertragen müßte, sehr schwer zu ertragen wäre: was wird es heißen, dort gleichzeitig diese ganze Menge von Übeln in allen Gliedern und inneren und äußeren Sinnen zu erleiden, und zwar nicht nur für die Dauer einer einzigen Nacht, auch nicht für tausend Nächte, sondern eine unendliche Ewigkeit hindurch? Welcher Verstand in der Welt könnte das begreifen, welches Gefühl könnte es recht empfinden, welche Worte könnten dies der Wahrheit gemäß schildern?

2 . Das ist aber noch nicht die größte der Qualen, die man dort erleidet. Es gibt noch eine andere, die unvergleichlich größer ist. Die Theologen nennen sie die Strafe des Verlustes. Diese besteht darin, daß man dort auf immer die Anschauung Gottes und seine glorreiche Gesellschaft entbehren muß. Diese Strafe ist zwar allen Verdammten gemeinsam; doch wird sie jene am schwersten treffen, welche die meiste Aussicht hatten, dieses Glück zu genießen: d. h. alle Christen, denen das Evangelium gepredigt wurde; zumal werden Priester und Ordensleute, welche die erste Anwartschaft auf dieses Glück hatten, sich am meisten grämen, daß sie es verloren haben.

3 . Dieses sind die Strafen, welche alle Verdammten treffen. Aber außer diesen allgemeinen Strafen gibt es noch besondere, die jeder einzelne dort zu leiden hat, je nach der Art seiner Versündigung. Denn dort wird der Stolze anders gestraft als der Neidische, der Geizige anders als der Schwelger.

Hierin wird die Weisheit und Gerechtigkeit Gottes in wunderbarer Weise zu Tage treten. Bei einer so unendlich großen Zahl von Verschuldungen und Schuldigern wird er vollkommen alle Ausschreitungen eines jeden kennen und wie mit einer Waage die Strafe für jedes Vergehen abmessen; denn der Weise sagt:

„Gewicht und Waage sind die Gerichte des Herrn.“ (Spr 16, 11.)

Wie schmerzlich wird es für die Bösen sein, zu sehen, wie Gott alles bei ihnen richtig durchschaut und beurteilt! Und wie süß wird es sein für die Guten, die wundervolle Angemessenheit und Übereinstimmung der Strafen bei einer so großen Zahl von Sünden zu sehen!

Da wird der Schmerz abgeschätzt nach der genossenen Freude, die Schmach nach dem Übermut und dem Stolz, die Blöße nach der Verschwendung und dem Überfluß, Hunger und Durst nach der früheren Leckerhaftigkeit und Völlerei.

So befahl Gott, jenes schlechte Weib in der Geheimen Offenbarung zu bestrafen, das dasaß mit dem Giftbecher in der Hand. Vom Himmel her kam der Urteilsspruch:

„Wie sie sich herrlich gemacht hat und üppig gewesen, so gebet ihr Qual und Leid!“ (Offb 18, 7.)

4 . All diese Strafen begleitet die Ewigkeit des Leidens. Sie ist gleichsam das Siegel und der Schlüssel zu allem. Denn alles würde einträglich sein, wenn es einmal ein Ende hätte; denn kein Ding ist groß, wenn es schließlich ein Ende hat. Aber eine Strafe, die kein Ende, keine Erleichterung, keine Abnahme, keinen Wechsel hat, die keine Hoffnung zuläßt, daß sie selbst, oder der, welcher sie verhängt, oder der, welcher sie erleidet, jemals aufhören wird, gleicht einer immerwährenden Verbannung, ist ein unauslöschlicher Schandfleck, der nie verschwindet; sie ist das, was den Menschen um den Verstand bringen kann, wenn man sie aufmerksam betrachtet.

Hieraus entsteht der wütende Haß, den die Unglücklichen gegen Gott haben; daher kommen die Verwünschungen und Lästerungen, welche sie gegen ihn ausstoßen. Weil sie nämlich die Hoffnung auf seine Freundschaft verloren haben und wissen, daß sie nie wieder in seine Gnade kommen und nichts von ihrer Strafe gemildert werden kann; da sie ferner sehen, daß Gott es ist, der sie züchtigt und aus der Höhe her sie gefangen und mit Ketten gefesselt hält: so sind sie dermaßen gegen ihn aufgebracht, daß sie Tag und Nacht nicht aufhören, seinen heiligen Namen zu lästern.

 

Einleitung. Die Betrachtung der Höllenstrafen ist zu vielen Dingen sehr nützlich. Zunächst treibt sie uns an, die Mühen und Härten der Buße auf uns zu nehmen. So war es beim hl. Hieronymus, welcher von sich selbst sagt, daß er wegen der großen Furcht, die er vor den Höllenstrafen empfand, sich zu so strenger Buße verurteilte, wie er sie übte während seines Aufenthaltes in der Wüste.

Ferner nutzt diese Betrachtung dazu, wie Richard von St. Viktor sagt, um die Versuchungen des bösen Feindes zu überwinden. Wenn wir beim ersten Auftauchen des bösen Gedankens uns diese schrecklichen Strafen vorstellen, löschen wir die Flamme der Lust, bevor dieselbe auflodert, durch die Erinnerung an die Flammen, welche ewig brennen werden.

So wird von einem jener Väter der Wüste geschrieben, als er einst vom bösen Feinde mit einem schlechten Gedanken versucht worden, habe er die Hand auf feurige Kohlen gelegt, um zu sehen, ob er diese geringe Glut ertragen könne; und da er sie nicht ertragen konnte, habe er zu sich selbst gesagt:

„Wenn ich diese geringe Hitze eine so kurze Zeit nicht ertragen kann, wie werde ich da imstande sein, das Feuer der Hölle so lange auszuhalten?“

Diese Betrachtung trägt auch dazu bei, in unsern Herzen die Furcht Gottes zu erwecken. Diese ist der Anfang der Weisheit und der Beginn der Liebe; nach dieser ist sie auch der mächtigste Zaum, den wir gegen alles Böse besitzen. Vor allem trägt es viel bei zur Furcht vor der Sünde, wenn man den unheilvollen Sold betrachtet, der für sie gezahlt wird, den ewigen Tod.

Daher muß man sich sehr darüber wundern, wie die, welche dies glauben und bekennen, eine Sünde gegen Gott begehen können. Zwei große Wunder sind in der Welt geschehen in dieser Beziehung. Das eine besteht darin, daß unser Heiland so viele Wunder unter den Menschen gewirkt hat, und daß es doch viele gibt, die ihm nicht glauben wollen; das zweite, daß so viele, welche glauben, es dennoch wagen, ihn zu beleidigen. Gewiß mußte man sich darüber wundern, daß der Heiland unter andern das große Wunder der Auferweckung des bereits seit vier Tagen verstorbenen Lazarus wirkte, und daß trotzdem viele von den Anwesenden nicht an ihn glauben wollten; ebenso wunderbar ist es auch, daß die Menschen auf seine Predigt hin an einen ewigen Lohn und an eine ewige Strafe glauben, und daß es trotzdem so viele gibt, die es wagen, ihn zu beleidigen. Ja, es ist wunderbar, nach so vielen Wundern solchen Unglauben zu sehen, und ebenso wunderbar ist es, nach solchem Glauben solche Lebensgewohnheiten zu sehen.

Da dies indes mehr vom Mangel an Nachdenken als vom Mangel an Glauben herkommt, so ist es eine sehr nützliche Übung, das zu betrachten, was uns der Glaube lehrt. Wenn man die Größe der Strafe erkennt, wird man in größerer Furcht vor der Sünde leben, durch welche man eine so große Strafe verdient.

Anmerkung ETIKA: Text geringfügig geändert, zum Beispiel Waage statt Wage oder imstande statt im stande.