ETIKA

Luis von Granada
Meditationen und Gebete

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18B3M13D

Freitagabend. Die Hölle.
Ewige Dauer der Höllenstrafen.

6.1.2010

Gebet und Betrachtung vom ehrwürdigen Ludwig von Granada aus dem Predigerorden.

Aus dem Spanischen übersetzt von Dr. phil. Theol. Jakob Ecker, Professor am Priesterseminar zu Trier. (Anm.: *1851, † 17.11.1912)
Herdersche Verlagsbuchhandlung, Freiburg im Breisgau, 1912. Erstes Bändchen. Erster Teil. Zweites Kapitel.
B. Sieben Abendbetrachtungen. Seite 334-339.

Freitag. Die Hölle.

4 . Ewige Dauer der Höllenstrafen.

Wenn nun alle Höllenstrafen an sich groß sind: wie schrecklich sind sie erst, wenn man mit allen die Ewigkeit der Qualen verbindet, wenn man erwägt, daß sie nie ein Ende haben werden?

Wenn zehntausend Jahre vorüber sind, schließen sich andere hunderttausend Jahre an, und auf diese hunderttausend folgen Tausende von Millionen Jahre, so viele, wie es Sterne am Himmel und Sandkörner am Meeresufer gibt.

Und wenn alles das zu Ende ist, werden die Verdammten von neuem zu leiden beginnen, und so werden sie immer das Rad ihrer Qual treten. Der Prophet Isaias sagt:

„Bereits ist (das Tal) Tophet zugerüstet, vom König zugerüstet, tief und weit. Seine Nahrung, Feuer und Holz, ist in Menge da: der Hauch des Herrn, gleich einem Schwefelstrom, setzt es in Brand.“ (Is 30, 33.)

Dieses Tal ist der Abgrund der Hölle, der bereits zugerüstet ist seit Anbeginn der Welt zur Bestrafung der Sünder. Seine Speise ist Feuer, das brennt und nicht verzehrt; die Nahrung, welche dieses Feuer unterhält, kann nicht zu Ende gehen, nicht vermindert werden. Um sicher zu sein, daß dieses Feuer nie erlischt, sind die Teufel immer bemüht, es zu blasen und zu schüren; da diese unsterblich sind, werden sie nie nachlassen, dieses Feuer zu erhalten. Und wenn sie ermüden würden, so wäre der Hauch des ewigen Gottes da, der nie ermüden wird.

Wie gut wäre es, wenn die Menschen von dieser Dauer einigermaßen einen Begriff hätten! Ohne Zweifel wäre das ein mächtiger Zügel für unser Leben. Es dürfte daher zweckmäßig sein, hier einige Beispiele von ähnlichen Verhältnissen anzuführen, damit man sich einen kleinen Begriff von der Ewigkeit machen kann.

Stelle dir die Art der Marter vor, die in manchen Ländern im Gebrauch war, wo man die Verbrecher lebendig verbrannte:  je größer das Verbrechen war, desto kleiner machte man das Feuer, um die Qualen zu verlängern. Wie lange man nun wohl diese schreckliche Grausamkeit des erfinderischen Menschengeistes bei einer solchen Hinrichtung gedauert haben? Es kann kaum ein Tag gewesen sein. Nun sage mir: wenn eine Qual, die bei kleinem Feuer kaum einen ganzen Tag dauert, so furchtbar und unmenschlich ist, was für eine Qual wird erst jene sein, die bei einem so gewaltigen Feuer eine ganze Ewigkeit dauert? Gibt es einen Menschen in der Welt, der ausrechnen könnte, um wieviel größer die letztere Qual ist?

Wenn nun aber ein Mensch keine Gefahr, keinen Weg, keine Mühe scheuen würde, um jener ersteren Gefahr zu entgehen: wie müßten wir da nicht alles tun, um der ewigen Höllenqual zu entrinnen?

Stelle dir auch vor, wie schrecklich die Art der Marter war, die der Tyrann Phalaris erfand. Es wird von ihm berichtet, er habe den Menschen, der hingerichtet werden sollte, in den Bauch eines eisernen Stieres verschließen lassen. Dann habe er unter diesem Feuer angelegt, damit der unglückliche Mensch durch die Hitze des Eisens allmählich verbrannt werde. Derselbe konnte nicht fliehen und sich nicht schützen; es blieb ihm nichts anderes übrig, als zu brennen und zu brüllen, und sich in jenem engen Raume zu wälzen, bis er starb. Wer kann das erzählen hören, ohne beim bloßen Gedanken daran am ganzen Leibe zu zittern?

Nun sage mir, mein lieber Christ: was ist das alles anderes als ein Lufthauch im Vergleich mit dem, wovon hier die Rede ist? Wenn nun schon der Gedanke daran uns entsetzt, was wird es heißen, diese Qual wirklich zu erleiden? Wahrlich, der beständige Gedanke daran ist so schrecklich, daß, wenn unter den Adamskindern auch nur ein einziger auf diese Weise leiden müßte, es Grund genug wäre, daß wir alle zitterten.

Unter den Jüngern Christi war nur einer, der ihn verkaufen sollte, und als der Heiland sagte: „Einer aus euch wird mich verraten“, fingen doch alle an zu fürchten und zu trauern, weil die Sache so wichtig war.

Wie kommt es nun, daß wir nicht zittern, da wir doch sicher wissen, daß die Zahl der Toren unendlich groß und daß der Weg zum Leben schmal, und daß die Hölle groß ist, um die vielen aufzunehmen, welche hineinkommen? Wenn wir das nicht glauben, wo ist dann unser Glaube? Wenn wir es nicht glauben und bekennen, wo ist dann unser Urteil, unser Verstand?

·       Und wenn wir Urteil und Verstand haben: warum ziehen wir nicht durch die Gassen und rufen und schreien vor Angst und Schrecken?

·       Warum gehen wir nicht, wie viele Heilige es taten, in die Wüsten, um unser Leben unter wilden Tieren zu verbringen, damit wir jenen Qualen entgehen?

·       Wie können wir nachts schlafen?

·       Wie verlieren wir nicht den Verstand, wenn wir uns die entsetzliche Gefahr vorstellen?

Weit weniger wichtige Tatsachen haben genügt, Menschen nicht nur aus dem Schlafe zu rütteln und um den Verstand zu bringen, sondern auch um sie zu töten.

Das ist also die größte Pein der Elenden, zu wissen, daß Gott und seine Strafe gleichen Schritt halten. Für dieses Übel gibt es keinen Trost, weil seine Strafe kein Ende hat. Wenn die Unglückseligen glauben könnten, nach hunderttausend Millionen Jahren werde ihre Qual ein Ende haben, so wäre das schon ein sehr großer Trost; denn alles das würde, wenn auch spät, doch zu Ende gehen. Doch ihre Qual hat nie ein Ende.

Denn, wie der hl. Gregor sagt, dort wird den Bösen ein Tod zuteil ohne Tod, ein Ende ohne Ende, ein Mangel ohne Mangel; dort lebt der Tod auf immer, dort fängt das Ende immer an, dort geht der Mangel nie aus. Darum sagt der Psalmist:

„Wie Schafe fahren sie zur Hölle, und der Tod wird sie weiden.“ (Ps 48, 15.)

Das Gras, das sie nährt, wird nie ganz ausgerissen; denn die Wurzel, die des Lebens Ursprung ist, bleibt lebendig und läßt es immer wieder ausschlagen, damit es wieder zur Weide dienen kann. Auf diese Weise ist die Weide auf den Feldern unsterblich, da sie immer nährt und immer neu auflebt. So weidet sich der Tod an diesen Unglücklichen. Und wie der Tod nicht sterben kann, so wird er auch nie gesättigt durch diese Speise und wird nie in diesem Amte ermüden, nie aufhören, diesen Bissen zu verschlingen, damit er immer zu essen und sie immer zu leiden habe.

Ende