ETIKA

Luis von Granada
Meditationen und Gebete

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18B3M16B

Himmel: Die Gesellschaft der Heiligen

Meditation am Samstagabend
3-6-2009

Gebet und Betrachtung vom ehrwürdigen Ludwig von Granada aus dem Predigerorden.

Aus dem Spanischen übersetzt von Dr. phil. theol. Jakob Ecker, Professor am Priesterseminar zu Trier. (Anm.: *1851, † 17.11.1912)
Herdersche Verlagsbuchhandlung, Freiburg im Breisgau, 1912. Erstes Bändchen. Seite 351-357

Der Himmel
2. Die Gesellschaft der Heiligen

Wer vermag nach jener ersten Freude die zu schildern, welche die glückselige Gesellschaft mit sich bringt? Denn dort ist die Tugend der Liebe in ihrer ganzen Vollkommenheit; sie will alles gemeinsam haben.

Dort geht die Bitte des Heilandes vollkommen in Erfüllung: „Ich bitte dich, Vater, daß sie eins seien durch Liebe, wie auch wir eins sind (Jo 17, 20 21.) von Natur.“

Denn dort sind alle untereinander fester verbunden als die Glieder eines Leibes, da sie alle teilnehmen an demselben Geiste, der allein dasselbe Sein und ein glückseliges Leben verheißt.

Sage mir: weshalb haben die Glieder eines Leibes untereinander so große Einheit und Liebe? Weil sie alle an einer und derselben Form teilnehmen, an der einen Seele, die allein einerlei Sein und ein Leben gibt.

Wenn also der menschliche Geist die Kraft besitzt, eine so große Einheit unter Gliedern mit so verschiedener Verrichtung und Natur herzustellen: ist es da zu verwundern, daß der göttliche Geist, durch welchen alle Auserwählten leben, der gleichsam die Seele aller ist, unter allen eine größere und vollkommenere Einheit bewirkt, er, der eine edlere Ursache, eine vorzüglichere Kraft ist, die ein edleres Sein verleiht?

Wenn nun diese Art der Einheit und Liebe alle Dinge gemeinsam macht, die guten wie die bösen, wie wir es an den Gliedern desselben Leibes sehen, wie es auch die Liebe der Mütter zu ihren Kindern beweist, da dieselben sich an dem Glücke der letzteren wie am eigenen Glück erfreuen: welche Freude wird dort ein Auserwählter an der Herrlichkeit der andern haben, da er jeden von ihnen wie sich selber liebt!

Wie der hl. Hieronymus sagt, ist die himmlische Erbschaft für alle eine, und für jeden ist sie ganz; denn über die Freuden aller empfindet er eine so große Wonne, als wenn sie die seinigen wären.

Da nun die Zahl der Glücklichen sozusagen unendlich ist, so folgt, daß auch die Freuden jedes einzelnen sozusagen unermeßlich sind.

Weiter folgt, daß jeder einzelne in gewissem Sinne die Herrlichkeiten aller besitzen wird; denn was einer nicht in sich besitzt, wird er in den andern haben.

Zwischen den Söhnen des frommen Job bestand so große Liebe und Gemeinschaft, daß jeder von ihnen nach der Reihe an einem Tage der Woche die andern zu einem Gastmahl einlud (Job 1, 4.). Auf diese Weise nahm jeder von ihnen teil an dem Vermögen der übrigen wie an seinem eigenen. So war das Eigene allen gemeinsam, und das Gemeinsame allen eigen. Das bewirkte bei jenen frommen Brüdern die Liebe und die Brüderschaft.

Wieviel größer ist aber die Brüderschaft der Auserwählten! Wieviel größer ist die Zahl dieser Brüder! Wie weit zahlreicher sind die Güter und Reichtümer, die man dort genießt!

Was für ein Mahl wird also dasjenige sein, welches uns dort die Seraphim bereiten, diese höchsten, Gott am nächsten stehenden Geister, wenn sie unsern Augen den Adel ihres Standes, die Klarheit ihrer Beschauung und die brennende Glut ihrer Liebe enthüllen!

Welches Mahl werden die Cherubim bereiten, in denen die Schätze der Weisheit Gottes verborgen sind!

Wie wird das Gastmahl der Throne und Herrschaften und aller übrigen seligen Geister sein!

Welche Freude wird es sein, das ruhmreiche Heer der Märtyrer zu schauen, die gekleidet sind in weiße Gewänder und in den Händen Palmen tragen und die ruhmvollen Insignien ihrer Triumphe!

Welche Wonne wird es sein, die Tausende von Jungfrauen zu schauen, die vielen tausend Märtyrer, unter ihnen diese Nachahmer der Glorie und des Kreuzes Christi, und andere Heilige ohne Zahl!

Welche Freude wird der Anblick des heiligen Diakons Laurentius gewähren, der seinen Rost in der Hand trägt, welcher heller glänzt als die Flammen, in denen er brannte, während er die Tyrannen herausforderte und die Henker durch seine unermüdliche Geduld ermüdete!

Welche Freude wird es sein, die schöne Jungfrau Katharina zu sehen, die mit Rosen und Lilien bekränzt ward, nachdem sie das Rad ihrer Marter mit den Waffen des Glaubens und der Hoffnung besiegt!

Welche Freude wird es sein, die sieben edeln makkabäischen Brüder mit ihrer frommen und starkmütigen Mutter zu sehen, die Tod und Marter verachteten, um das Gesetz Gottes zu halten. (1 Makk 7, 1ff.)

Welches Halsgeschmeide von Gold und Edelstein wird so schön zu schauen sein wie der Nacken des ruhmvollen Täufers, der lieber das Haupt verlieren als die schändliche Tat des ehebrecherischen Königs gutheißen wollte!

Welcher Purpur wird glänzen wie der Leib des glückseligen Bartholomäus, der um Christi willen geschunden ward!

Wird nicht der Leib des hl. Stephanus mit den Zeichen der Steinwürfe anzusehen sein wie ein Prachtgewand, das besät ist mit Rubinen und Smaragden!

Und ihr, glorreiche Fürsten der christlichen Kirche, wie sehr werdet ihr glänzen, der eine mit dem Schwerte und der andere mit der glorreichen Fahne Christi, durch welche ihr gekrönet wurdet!

O herrliche Versammlung! O königliches Gastmahl! O Tisch, der Gottes und seiner Auserwählten würdig ist!

Mögen die Weltkinder zu ihren niedrigen und sinnlichen Gastmählern gehen und der Völlerei sich hingeben; ein solches Gastmahl wie jenes, wo solche Speisen aufgetischt werden, ziemte sich für Gott.

Steige noch höher empor zu allen Engelchören und du wirst noch eine andere, besondere Herrlichkeit finden, die in wunderbarer Weise diesen ganzen erhabenen Hof erfreut und die Stadt Gottes mit wunderbarer Süßigkeit berauscht.

Erhebe die Augen und schau die Königin der Barmherzigkeit, voll von Klarheit und Schönheit, über deren Glorie die Engel staunen und deren Größe die Menschen sich rühmen. Diese ist die Königin des Himmels, mit Sternen gekrönt, mit der Sonne bekleidet, die den Mond zu ihren Füßen hat, gebenedeit über alle Weiber. Welche Freude wird es also sein, diese Herrin, unsere Mutter, zu schauen, die nicht mehr vor der Krippe kniet, die nicht mehr in Angst und Schrecken ist wegen der Weissagung des frommen Simeon, die nicht mehr weint und überall das verlorene Kind sucht: nein, in unaussprechlichem Frieden und in Sicherheit sitzt sie zur Rechten des Sohnes, ohne Besorgnis, jemals diesen Schatz zu verlieren. Sie braucht jetzt nicht mehr das Schweigen der stillen Nacht aufzusuchen, um das Kind vor der Hinterlist des Herodes in Sicherheit zu bringen durch die Flucht nach Ägypten. Man wird sie nicht mehr am Fuße des Kreuzes erblicken, indem sie mit ihrem Haupte die Blutstropfen auffängt, die aus der Höhe niederrinnen und die sie in ihrer Kopfhülle als ewiges Andenken an jenen Schmerz trug. Sie hat auch nicht mehr durch den schmerzlichen Tausch zu leiden, daß man ihr den Jünger für den Meister, den Diener für den Herrn gab. Nun hört man nicht mehr die traurigen Worte, die sie unter dem blutigen Baume des Kreuzes unter vielen Tränen sprach: „O wäre ich statt deiner gestorben, mein Sohn, mein Sohn Absalom!“ Nun ist dies alles vorbei, und die in dieser Welt trauriger erschien als jedes Geschöpf, sieht man jetzt erhaben über jede Kreatur, indem sie auf immer das höchste Gut genießt und spricht: „Gefunden hab´ ich ihn, den meine Seele liebt: ich halt´ ihn fest und wird´ ihn nimmer lassen!“ (Hl 3, 4.)

Und wie entzückend muß es erst sein, die heiligste Menschheit Christi und die Herrlichkeit und Schönheit jenes Leibes zu schauen, der für uns am Kreuze so schrecklich entstellt ward! Es muß wahrhaftig, sagt der hl. Bernhard, etwas überaus Süßes für die Menschen sein, einen Menschen als Schöpfer des Menschen zu erblicken. Die Menschen erachten es für eine ganz besondere Ehre, einen ihrer Verwandten als Kardinal oder Papst zu sehen: um wieviel größer wird die Ehre sein, jenen Herrn zu schauen, der unser Fleisch und Blut ist, wenn er zur Rechten des Vaters sitzt und Herr des Himmels und der Erde geworden ist! Wie stolz werden die Menschen unter den Engeln sein, wenn sie sehen, daß der Herr des Hauses und der gemeinsame Schöpfer aller nicht ein Engel, sondern ein Mensch ist! Wenn die Menschen sich zur eigenen Ehre anrechnen, was ihrem Oberhaupte zuteil wird, weil sie mit diesem aufs engste vereinigt sind: um wieviel mehr muß das dort der Fall sein, wo die Verbindung der Glieder mit dem Haupte eine so innige ist! Müssen nicht alle die Ehre ihres Herrn für die eigene Ehre halten? Das wird eine so große Freude sein, daß keine Worte sie gebührend zu schildern im stande sind. Wer wird nun so bevorzugt sein, dieses große Glück zu genießen? Jesus, geliebter Bruder, der du dich nährtest an der Brust meiner Mutter, o möge ich dich dort finden und dich begrüßen mit Lippen der Andacht und dich umfangen mit den Armen der Liebe! O süßester Herr, wann wird dieser Tag sein? Wann werde ich vor deinem Angesicht erscheinen? Wann werde ich mich sättigen an deiner Schönheit? Wann werde ich das Antlitz sehen, in das die Engel zu schauen gelüsten?

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