ETIKA

Luis von Granada
Meditationen und Gebete

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18B3M3A

Dienstag. Jesus am Ölberge.
Er schwitzt Blut.

7.2.2014

Gebet und Betrachtung vom ehrwürdigen Ludwig von Granada aus dem Predigerorden.

Aus dem Spanischen übersetzt von Dr. phil. theol. Jakob Ecker, Professor am Priesterseminar zu Trier. (Anm.: *1851, † 17.11.1912)
Herdersche Verlagsbuchhandlung, Freiburg im Breisgau, 1912. Erstes Bändchen. Seite 70-77

Sieben Morgenbetrachtungen. Das bittere Leiden unseres Herrn.
Dienstag. Jesus am Ölberge.
1. Jesus schwitzt Blut im Garten Gethsemani.

Was tust du, meine Seele? was sinnst du? Jetzt ist keine Zeit zum Schlafen. Komm mit mir in den Garten Gethsemani: dort wirst du große Geheimnisse sehen und hören! Dort wirst du sehen, wie die Freude trauert, die Seelenstärke fürchtet, die Kraft ermattet, wie die Majestät sich erniedrigt, die Größe klein wird, die Herrlichkeit sich umwölkt und verdunkelt.

So betrachte denn zuerst, wie nach Beendigung jenes geheimnisvollen Mahles der Herr mit seinen Jüngern an den Ölberg sich begab, um zu beten, bevor er seinen Leidenskampf begann. Er wollte uns dadurch lehren, wie wir in allen Mühsalen und Versuchungen dieses Lebens unsere Zuflucht zum Gebete nehmen sollen. Denn dieses ist wie ein heiliger Anker in der Not; es befreit uns von der großen Mühsal oder gibt uns Kräfte, sie zu tragen. Letzteres ist eine noch größere Gnade. Denn, wie der hl. Gregor sagt (Mor.1. 22, c. 27 28.), der Heiland gewährt uns eine größere Gunst, wenn er uns die Kraft verleiht, die Trübsale zu ertragen, als wenn er sie uns abnimmt.

Zu seiner Begleitung auf diesem Wege nahm er die drei Jünger mit, die er am meisten liebte, Petrus, Jakobus und Johannes. Diese waren kurz vorher noch Zeugen seiner herrlichen Verklärung: jetzt sollten dieselben Apostel sehen, welch ganz andere Gestalt nun der aus Liebe zu den Menschen annehmen wollte, der bei jener Erscheinung sich ihnen so herrlich gezeigt hatte. Und um ihnen zu beweisen, daß die inneren Trübsale seiner Seele nicht geringer seien als jene, die sich äußerlich kundzutun begannen, sprach er zu ihnen die schmerzlichen Worte:

„Betrübt ist meine Seele bis zum Tode; bleibet hier und wachet mit mir!“

Er, der wahrhaft Gott und Mensch zugleich ist, jener Mensch, der über unsere Menschheit und über alles Geschaffene weit erhaben ist, der im innigsten Verkehr mit seinem himmlischen Vater stand und mit ihm allein seine Geheimnisse austauschte: der ist jetzt so betrübt, daß er sich herabläßt, seinen Geschöpfen die Qualen seiner Seele mitzuteilen und sie um ihre Gesellschaft zu bitten mit den Worten: „Bleibet hier und wachet mit mir!“ O du Reichtum des Himmels, o vollkommene Glückseligkeit, was brachte dich in solche Bedrängnis? Was trieb dich an, o Herr, an fremden Türen anzuklopfen? Was machte dich zum Bettler bei deinen eigenen Geschöpfen, was anders als die Liebe, sie reich zu machen?

Sage mir, o süßester Erlöser: Warum fürchtest du den Tod, nach welchem du so sehr verlangtest? Die Erfüllung eines Wunsches ist doch eher ein Grund der Freude als der Furcht! Die Märtyrer hatten nicht die Stärke und nicht die Gnade wie du; nein, nur einen geringen Teil der Gnade, die du hattest, o Quelle der Gnaden, ward ihnen zuteil; und mit dieser Gnade allein zogen sie freudig in den Kampf, um die Marterkrone zu gewinnen, Und du, der Spender hohen Muts und der Gnade, zagst und trauerst vor dem Kampfe? Wahrlich, diese Furcht, o Herr, ist nicht deine, sondern meine Furcht, wie jene Stärke der Märtyrer nicht ihre, sondern deine Stärke war. Du zagst durch das, was du von uns hast, und sie waren stark durch das, was sie von dir hatten. Die Schwäche meiner Menschheit offenbart sich in den Ängsten Gottes, und die Kraft deiner Gottheit zeigt sich in der Stärke des Menschen. Dieser gehört also diese Furcht und dir die Stärke; mich trifft daher deine Schmach und dir gebührt mein Lob.

Dem ersten Adam nahm Gott eine Rippe, um aus ihr das Weib zu bilden, und die Stelle der Rippe ward ausgefüllt mit schwachem Fleische. Was deutet dieses anders an, als daß von dir, unserem zweiten Adam, der ewige Vater die Stärke der Gnade nahm, um sie der Kirche, deiner Braut, zu geben, und daß er von ihr das Fleisch und die Schwäche nahm, um sie dir mitzuteilen? Und dadurch wurde das Weib stark, und du wurdest schwach; sie ward stark durch deine Vollkommenheit, du wurdest schwach durch ihre Schwäche. Eine zweifache Gnade ist es, die du uns erwiesen hast, o unser Vater! Du begnügtest dich nicht damit, uns mit dir zu bekleiden: du bekleidetest dich auch mit uns. Für beides mögen dich die Engel ewig preisen! Du warst nicht geizig bei der Mitteilung deiner Güter, und du verschmähtest nicht, unsere Übel anzunehmen. Wenn ich mich so bereichert sehe mit deinen Erbarmungen, was muß ich da anders tun, als mich deiner rühmen? Und wenn ich sehe, daß du aus Liebe zu mir so voll Elend bist, was muß ich anderes tun, als Mitleid mit dir fühlen? Über das eine muß ich mich freuen, über das andere muß ich trauern; und so werde ich mit Tränen und Jauchzen singen und klagen über das Geheimnis deines Leidens.

Nach jenen Worten entfernte sich der Herr von seinen Jüngern etwa einen Steinwurf weit; mit größter Ehrerbietung warf er sich zur Erde und begann sein Gebet mit den Worten:

„Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!“

Dieses Gebet sprach er dreimal. Beim drittenmal ward er von großer Todesangst befallen, so daß er anfing, Tropfen Blutes zu schwitzen, das von seinem ganzen Leibe zur Erde niederrann.

Betrachte nun den Herrn in dieser so schmerzlichen Lage! Vor seinen Augen standen alle Leiden, welche er erdulden sollte; all die schrecklichen Qualen, die dem zartesten aller Leiber zugedacht waren, waren seinem Geiste vollkommen gegenwärtig; vor seinen Augen standen auch alle Sünden der Welt, um derentwillen er leiden sollte; er schaute auch den Undank so vieler Seelen, welche die Wohltat nicht erkennen und dieses so große und kostbare Heilmittel nicht benutzen wollen. Da ward seine Seele so geängstigt, sein Gefühl so erregt, alle Kräfte seines Leibes so zerrüttet, daß sein heiliges Fleisch sich öffnete und überall das Blut in solche Fülle herausdrang, daß es zur Erde niederrann. Wie groß müssen da die Schmerzen der Seele gewesen sein, wenn sie so auf den Leib einwirkten!

Schaue also den Herrn an in dieser Todesangst! Betrachte nicht allein die Ängsten seiner Seele, sondern auch den Ausdruck seines heiligen Angesichtes. Gewöhnlich dringt der Schweiß besonders an der Stirne und am Gesichte hervor. Wenn nun bei Jesus überall das Blut hervordrang, das zur Erde niederrann, welchen Anblick mußte da die Stirne Jesu gewähren, von der das Licht noch erleuchtet wird, und das im Himmel so hoch verehrte Antlitz, das ganz mit blutigem Schweiße bedeckt war? Ist jemand gefährlich krank, so heften die Freunde den Blick auf sein Angesicht und beobachten die Farbe und andere Zeichen, welche eine Steigerung oder Minderung des Übels verraten: was empfindest du, meine Seele, bei der Betrachtung des Angesichts Christi, wenn du auf ihm so schreckliche, tödliche Merkmale gewahrst? Was für Schmerzen werden noch folgen, wenn schon im Anfange des Leidens ihn solche Todesangst ergreift? Was wird er empfinden, wenn er die Schmerzen wirklich leidet, da er beim bloßen Gedanken an sie schon Blut schwitzt?

Wenn du bei diesem Anblicke kein Mitleid fühlst mit deinem Heiland, wenn deine Augen keine Tränen vergießen, während er am ganzen Leibe Blut schwitzt, so mußt du ein Herz von Stein haben. Wenn du nicht weinen kannst aus Mangel an Liebe, so weine wenigstens über die Menge deiner Sünden; denn sie waren die Ursache dieses Schmerzes! Jetzt geißeln ihn nicht die Schergen, nicht krönen ihn die Soldaten, nicht sind es die Nägel und die Dornen, welche ihm das Blut auspressen, nein, deine Sünden tun das. Sie sind die Dornen, die ihn stechen, sie sind die Henker, die ihn peinigen, sie sind die schwere Last, unter der er Blut schwitzt.

Ach, wie teuer, mein Heiland kam dir meine Rettung, meine Heilung zu stehen! O mein wahrer Adam, der du meiner Sünden wegen das Paradies verlassen hast, wie mußt du mit blutigem Schweiße das Brot verdienen, das ich essen soll!

 (II) Die Jünger schlafen

Betrachte nun auch die Jünger, die während der Nachtwachen und Todesängsten Christi sorglos schlummern. Du wirst hier ein großes Geheimnis angedeutet finden. Es ist nämlich nichts in der Welt mehr zu bedauern, als daß man sehen muß, wie sorglos die Menschen leben und wie wenig sie sich kümmern um das so wichtige Geschäft ihres Heiles. Was ist betrübender als eine so große Sorglosigkeit in Betreff einer so wichtigen Sache? Schau den Heiland und schau die Jünger im Garten Gethsemani! Schau, wie der Heiland, mit dieser Angelegenheit beschäftigt, in große Sorge und schwere Todesangst versetzt wird, daß er Blut schwitzt.

Und auf der andern Seite schau die Jünger an: sie liegen auf den Boden hingestreckt, sind in so tiefem Schlafe, daß weder der Tadel des Meisters noch das schlechte Lager, das sie dort haben, noch die nächtliche Kühle im Freien imstande waren, sie zu sich zu bringen. Erwäge also, wie wichtig das Geschäft der Erlösung der Menschen ist, da es bewirkt, daß derjenige Blut schwitzt, der die Himmel trägt; und betrachte andrerseits, wie wenig die Menschen selbst sich darum kümmern, da sie schläfrig und sorglos sind zur Zeit, während Gott selbst für sie so große Sorge hat. Beide Wahrheiten könnten kaum durch etwas anderes deutlicher zu Tage treten als durch diesen Gegensatz zwischen dem Herrn und seinen Jüngern. Wenn also die Not anderer Gott so zu Herzen ging, wie kann der in so unbegreiflicher Sorglosigkeit leben, um dessen Not und Angelegenheit und Nutzen und Schaden es sich handelt?

An dieser Sorge Gottes und der Sorglosigkeit der Menschen kannst du auch erkennen, wie in Wahrheit der Herr unser Vater ist. Wie oft kommt es vor, daß eine Tochter sich ruhigem Schlafe hingibt, während ihr Vater die ganze Nacht wacht und über ihr Wohl nachsinnt. (Sir 42, 9.) So handelt auch dieser so liebevolle Vater. Während wir so schläfrig und unbesorgt um unser Heil sind, wie es hier dargestellt wird, wacht er die ganze Nacht hindurch, schwitzt Blut und ringt mit dem Tode, allein mit der Sorge um unser Leben beschäftigt.

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