ETIKA

Luis von Granada
Meditationen und Gebete

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18B3M3B

Dienstag. Jesus am Ölberge.
Er wird gefangen genommen.

19.2.2014

Gebet und Betrachtung vom ehrwürdigen Ludwig von Granada aus dem Predigerorden.

Aus dem Spanischen übersetzt von Dr. phil. theol. Jakob Ecker, Professor am Priesterseminar zu Trier. (Anm.: *1851, † 17.11.1912)
Herdersche Verlagsbuchhandlung, Freiburg im Breisgau, 1912. Erstes Bändchen. Seite 77-82

Sieben Morgenbetrachtungen. Das bittere Leiden unseres Herrn.
Dienstag. Jesus am Ölberge.
2. Jesus wird gefangen genommen.

Betrachte sodann, wie nach Beendigung des Gebetes jener falsche Freund mit seiner verruchten Rotte ankam, er, der auf sein Apostelamt verzichtet hatte und Anführer der teuflischen Schar geworden war. Siehe, wie schamlos er vor allen übrigen sich nähert, an den guten Meister herantritt und ihn verrät mit falschem Friedenskusse!

Empörend ist es, wenn ein Mensch um Geld verkauft wird, zumal wenn er verkauft wird von seinen Freunden, von denjenigen, denen er Gutes tat. Und Christus ward von dem verkauft, den er nicht nur zu seinem Jünger, sondern zu seinem Apostel gemacht hatte; und er ward verkauft durch List und Verrat, er ward verkauft an die grausamsten Handelsleute, die nach seinem Blute lechzten. Und um welchen Preis ward er verkauft? Die Niedrigkeit des Preises vermehrt noch die Größe der Schmach. Sage mir, o Judas, für welchen Preis bietest du den Herrn der Schöpfung feil? Für dreißig Silberlinge! Ach, welch ein geringer Preis für einen so großen Herrn! Für einen viel höheren Preis pflegt man ein Tier auf dem Markte zu verkaufen: und du verkaufst Gott dafür? Wahrlich, dich taxiert er nicht so gering, da er dich erkauft hat mit seinem Blute. O Schätzung des Menschen und Schätzung Gottes! Gott ward verkauft für dreißig Silberlinge, und der Mensch ward erworben mit dem Blute desselben Gottes!

In jener Stunde sprach der Herr zu denen, die gekommen waren, um ihn zu ergreifen:

„Wie gegen einen Räuber seid ihr ausgezogen mit Schwertern und Keulen, um mich gefangen zu nehmen. Täglich war ich bei euch im Tempel und lehrte, und ihr habt nicht Hand an mich gelegt. Doch das ist eure Stunde und die Macht der Finsternis.“

Dies ist ein höchst wunderbares Geheimnis. „Was verdient mehr unser Staunen, als daß wir sehen, wie der Sohn Gottes nicht nur die Gestalt eines Sünders annimmt, sondern sogar den Geistern der Finsternis überliefert wird?“ Dies ist, so sagte er, „eure Stunde und die Macht der Finsternis“. Aus diesen Worten ergibt sich, daß zu jener Stunde das unschuldigste Lamm in die Gewalt des Fürsten der Finsternis, d. h. der bösen Geister, überliefert wurde, damit sie durch ihre Glieder und Diener alle Martern und Grausamkeiten nach Belieben an ihm vollziehen sollten. Und wie der fromme Job durch Zulassung Gottes der Macht des Satans überliefert wurde, damit dieser ihm alles beliebige Leid zufüge, nur daß er ihm das Leben nicht antasten durfte: so wurde den Fürsten der Finsternis auch Macht gegeben, alle ihre Wut und Raserei an der heiligen Menschheit Christi auszulassen; sogar über Leben und Tod konnten sie verfügen. Daher erfolgten alle jene Schmähungen und Beschimpfungen, wie man sie nie gesehen; durch diese wollte der Teufel seinen Haß sättigen, seine Schmach rächen und jene heilige Seele wo möglich zur Ungeduld hinreißen.

„Es zeigte mir“, so sagt der Prophet Zacharias, „der Herr den Hohenpriester Jesus (Anmerkung: Einheitsübersetzung Jeschua, Lutherbibel Josua), der vor dem Herrn stand. Und der Satan stand zu seiner Rechten, um ihn anzuklagen. Der Hohepriester war angetan mit schmutzigen Kleidern.“ (Zach 3, 1 3)

Doch der Heiland erwiderte: „Ich habe immerdar den Herrn vor Augen; ist er zu meiner Rechten, werd´ ich nimmer wanken.“ (Ps. 15, 8.)

Erwäge du nun, wie tief sich jene göttliche Hoheit für dich erniedrigte: das schlimmste aller Übel hat sie nicht verschmäht, sie wollte der Gewalt der Diener des Teufels überlassen werden. Weil das die Strafe war, die deine Sünden verdienten, wollte sie sich dieser unterziehen, um dich von derselben zu befreien. O heiliger Prophet: warum wunderst du dich, wenn du siehst, daß Gott sich unter die Engel erniedrigte? Weit mehr mußt du jetzt dich wundern, da du siehst, daß er in der Gewalt der Diener des Teufels ist! Ohne Zweifel erbebten Himmel und Erde bei so großer Demut und Liebe.

Dann fiel die ganze Herde hungriger Wölfe über das sanftmütige Lamm her; die einen packten es an dieser, die andern an jener Seite, wie jeder am besten konnte. O wie unmenschlich werden sie ihn behandelt haben! Wie fuhren sie ihn mit harten Worten an, wieviel Schläge und Streiche versetzten sie ihm! Das war gewiß ein Rufen und Schreien wie bei den Siegern, wenn sie sich bereits im Besitze der Beute erblicken! Sie ergriffen jene heiligen Hände, die kurz vorher so viele Wunder gewirkt, und binden sie fest mit Stricken, die ihn immer fester schnüren, bis diese ihm schließlich die Haut an den Armen aufreißen und das Blut hervorströmt. So schleppen sie ihn durch die öffentlichen Straßen zu großer Schande! O schreckliches Schauspiel! Stelle dir vor, wie es dir zu Mute wäre, wenn du eine dir bekannte Person von hohem Ansehen und Verdienst in den Händen der Polizei, mit einem Strick um den Hals, die Hände kreuzweise gebunden, unter großem Zusammenlauf und Lärm des Volkes, mit einem Trupp bewaffneter Soldaten sähest.

Denke dir, was du in diesem Falle fühlen würdest, und dann erhebe alsbald deine Augen und betrachte diesen Herrn, dem so viel Ehre gebührt, der so viele Wunder auf Erden gewirkt und so erhabene Lehren gepredigt, den alle Kranken und Notleidenden verehrten und um Hilfe in allen ihren Leiden anflehten. Schau, wie er jetzt so ganz herabgewürdigt und mit Schmach bedeckt dahingeschleppt wird, wie er gedrängt wird, vorwärts zu schreiten, nicht wie es seiner Würde und Persönlichkeit zukam, sondern wie es die Wut seiner Feinde verlangte und ihr Wunsch, die Pharisäer zufrieden zu stellen, die so sehr sich sehnten, diese Beute in ihren Händen zu sehen. Schau ihn gut an, wie er auf diesem Wege dahingeht, verlassen von seinen Jüngern, begleitet von seinen Feinden, mit eilenden Schritten, mit keuchendem Atem, die Farbe wechselnd, das Gesicht erhitzt und gerötet von dem raschen Gehen! Und dann betrachte bei dem so Mißhandelten die Gemessenheit in seinem Äußern, die Würde in seinen Augen und jenes göttliche Antlitz, das mitten unter allen Unbilden der Welt nie verdüstert werden konnte.

Und dann steige höher empor und schicke dich an zu betrachten, wer derjenige ist, den man so schmählich behandelt. Er ist das Wort des Vaters, die ewige Weisheit, die unendliche Macht, die höchste Güte, die vollendete Glückseligkeit, die wahre Glorie, die klare Quelle aller Schönheit. Schau, wie zu deinem Heile und zu deiner Rettung diese Allmacht gebunden, diese Unschuld gefangen genommen, diese Weisheit verhöhnt, diese Ehre geschändet, diese Glorie gemartert und  die klare Quelle aller Schönheit durch Tränen und Schmerzen getrübt wird! Wenn auf den Hohenpriester Heli der Verlust der Bundeslade solchen Eindruck machte, daß er von dem Stuhle fiel, auf dem er saß, und das Genick brach und sofort starb: was muß dann die christliche Seele fühlen, wenn sie die Lade aller Schätze der Weisheit Gottes geraubt und in den Händen solcher Feinde sieht?

„Preisen mögen ihn Himmel und Erde und alles, was in ihnen ist“, denn „er hat gehört das Geschrei der Armen und nicht verachtet das Seufzen seiner Gefangenen“ (Ps 68, 35 34); denn er selber wollte sich gefangen nehmen lassen, um sie zu befreien.

 

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