ETIKA

Luis von Granada
Meditationen und Gebete

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18B3M8A

Sonntagabend. 1. Jesus steigt in die Vorhölle hinab.

25.8.2010
ETIKA-Bibliothek

Vorbemerkung: Auf Anweisung des Vatikans unter Papst Ratzinger gibt es die Vorhölle gar nicht. Wir freuen uns auf die diesbezügliche Diskussion von Bruder Luis von Granada mit dem derzeitigen Kirchenoberhaupt über dieses Thema beim Jüngsten Gericht in Anwesenheit der Vorhöllenbewohner.

Gebet und Betrachtung vom ehrwürdigen Ludwig von Granada aus dem Predigerorden.

Aus dem Spanischen übersetzt von Dr. phil. theol. Jakob Ecker, Professor am Priesterseminar zu Trier. (Anm.: *1851, † 17.11.1912)
Herdersche Verlagsbuchhandlung, Freiburg im Breisgau, 1912. Erstes Bändchen. Seite 168-173

A. Sieben Morgenbetrachtungen.
Sonntag. Höllenfahrt, Auferstehung und Erscheinungen Jesu.
1. Jesus steigt in die Vorhölle hinab.

Um auf das Geheimnis dieses Tages etwas tiefer einzugehen, betrachte zuerst, wie der Heiland, nachdem er das Tagewerk seines Leidens vollbracht, mit derselben Liebe, die ihn für uns ans Kreuz führte, in die Vorhölle hinabstieg, um das Werk unserer Erlösung zu vollenden. Wie er nämlich sterben wollte, um uns vom Tode zu erretten, so wollte er auch in die Unterwelt hinabsteigen, um die Seinigen aus derselben zu befreien.

So steigt denn der edle Sieger, mit Klarheit und Stärke angetan, zur Unterwelt hinab. Eusebius von Emisa schildert seinen Einzug mit den Worten:

„O schönes Licht, das du, von des Himmels Höhe strahlend, mit plötzlicher Klarheit diejenigen bekleidet hast, die in Finsternis und Todesschatten saßen! Denn in dem Augenblicke, als der Herr hinabstieg, erstrahlte sofort jene ewige Nacht; der Lärm der Klagenden verstummte, die grausame Schar der Peiniger erzitterte, als sie den Heiland sahen. Da wurden erschüttert die Fürsten von Edom, die Mächtigen Moabs erbebten, es staunten die Bewohner des Landes Kanaan. Und sofort begannen die höllischen Peiniger inmitten ihrer Dunkelheit und Finsternis bei sich zu murren: Wer ist denn dieser Schreckliche, dieser Gewaltige, dieser Herrliche? Niemals sah man einen solchen Mann in der Hölle; niemals sandte bis jetzt die Welt einen solchen in diese Grüfte. Ein Angreifer ist es, kein Schuldner; ein Rächer ist es, kein Sünder; ein Richter scheint es zu sein, kein Angeschuldigter; zu streiten kommt er, nicht um zu leiden. Wo waren denn unsere Wächter und Pförtner, als dieser Eroberer unsere Schlösser sprengte und gewaltsam zu uns eindrang? Wer kann der sein, der so viel vermag? Würde eine Schuld an ihm haften, er wäre nicht so kühn; trüge er einen Sündenmakel, so würde unsere Finsternis nicht so von seinem Licht erleuchtet. Wenn er aber Gott ist: was hat er in der Hölle zu suchen? Und ist er ein Mensch: wie hätte er solche Kühnheit? Ist er Gott: was tut er im Grabe? Ist er Mensch: wie konnte er in unser Reich einbrechen? O Kreuz, wie hast du unsere Hoffnungen vereitelt und uns Schaden angerichtet! An einem Baume fanden wir all unsere Beute: und  nun haben wir an einem Baume sie verloren!“

So sprachen und murrten untereinander jene höllischen Scharen, als der edle Sieger eintrat, um seine Gefangenen zu befreien. Dort waren alle Seelen der Gerechten versammelt, die vom Anbeginne der Welt bis auf diesen Tag aus dem Leben geschieden waren.

Dort war ein Prophet, den man zersägt; dort einer, den man gesteinigt hatte; dort ein anderer, dem man das Genick mit eiserner Stange zerschlagen; und noch andere, die durch andere Todesarten Gott verherrlicht hatten.

O ruhmvolle Gesellschaft! O edelster Schatz des Himmels! O reichster Teil des Triumphes Christi!

Dort waren die beiden ersten Menschen, welche die Welt bevölkerten, sie, welche die ersten in der Schuld, aber auch die ersten im Glauben und in der Hoffnung waren.

Dort war auch der fromme Greis, der die große Arche erbaute und dadurch den Samen aufbewahrte, der nach der Wasserflut die Erde von neuem bevölkern sollte.

Dort war der Vater der Gläubigen, der vor allen andern sich des Bundes Gottes würdig machte. Dort war sein gehorsamer Sohn Isaak, der das Holz auf seinen Schultern trug, auf welchem er geopfert werden sollte und so das Opfer zum Heile der Welt vorbildete.

Dort war der fromme Vater der zwölf Stämme, der in erborgter Kleidung den Segen des Vaters sich erwarb und so das Geheimnis der Menschwerdung des Wortes Gottes darstellte.

Dort war auch, wie ein Gast und neuer Ankömmling, der hl. Johannes der Täufer und der glückliche Greis, der nicht eher aus der Welt scheiden wollte, bis seine Augen das Heil der Welt geschaut und er es in seine Arme geschlossen und vor seinem Tode, dem Schwane gleich, den süßen Gesang angestimmt hatte.

Dort hatte seine Stelle auch der arme Lazarus des Evangeliums, der durch seine Wunden und seine Geduld verdient hatte, an einer so erhabenen Gesellschaft und ihrer seligen Hoffnung teilzunehmen.

Dieser ganze Chor heiliger Seelen seufzte und sehnte sich dort nach diesem Tage. In ihrer Mitte, gleichsam als Chorführer, wiederholte ohne Unterlaß der königliche Sänger und Prophet David sein altes Klagelied:

„Gleichwie der Hirsch nach Wasserquellen lechzt, so lechzet meine Seele, Gott, nach dir! Es dürstet meine Seele nach Gott, dem Starken, dem Lebendigen: wann darf ich kommen und erscheinen vor dem Angesichte Gottes? Es sind mir meine Tränen Brot bei Tag und Nacht, da man mir täglich sagt: Wo ist dein Gott.“ (Ps. 41,2-4.)

O heiliger König! Wenn das der Grund deiner Klage ist, so laß nun ab von diesem Klagelied; denn da ist dein Gott vor dir, da ist dein Heiland! Singe jetzt ein anderes Lied, stimm an das Lied, das du einst im Geiste sangest, als du schriebst: „Du hast gesegnet, Herr, dein Land, Jakobs Gefangenschaft hast du gewendet. Erlassen hast du deines Volkes Missetat, verziehen alle ihre Sünden.“ (Ps. 84, 2 3)

Und du, o heiliger Jeremias, der du für diesen Herrn gesteinigt wurdest, schließe nun das Buch deiner Klagelieder, die du schriebst beim Anblicke der zerstörten Stadt Jerusalem und des verwüsteten Tempels Gottes; denn einen andern, weit herrlicheren Tempel wirst du nach drei Tagen auferbaut sehen, und ein neues, schöneres Jerusalem, das sich über die ganze Welt erstreckt! (Anmerkung: für die Leser des „Himmels-Abc“ besonders interessant)

Welche Zunge vermag zu schildern, was diese seligen Väter empfanden, als sie ihre Finsternis erleuchtet sahen, als sie das Ende ihrer Verbannung und den Anfang ihrer Herrlichkeit vor Augen hatten? Als sie sahen, daß sie befreit waren aus der Knechtschaft Ägyptens und daß alle ihre Feinde im Roten Meer ertränkt waren, da konnten sie gewiß mit vollem Rechte sprechen: „Lasset uns singen dem Herrn; denn er ist hoch erhaben: Roß und Reiter warf er in das Meer.“ (Ex 15, 1.)

Mit welchen Empfindungen wird der Urvater des Menschengeschlechtes sich seinem Sohn und Herrn zu Füßen geworfen haben: nun bist du gekommen, heißgeliebter, heißersehnter Herr, um meine Schuld gutzumachen; du bist gekommen, um dein Wort zu erfüllen und die nicht zu vergessen, welche auf dich hoffen. Dein großes Erbarmen überwand des Weges Schwierigkeit, und die Größe deiner Liebe siegte über die Trübsale und Schmerzen des Kreuzes.

Mir Worten ist diese Freude der Väter nicht zu schildern; aber unvergleichlich größer war die Freude, die der Heiland empfand, als er sah, daß so viele Seelen gerettet seien durch sein Leiden. Du fandest, daß die Trübsale deines Kreuzes gute Verwendung finden, als du die Frucht sahst, die jener heilige Baum bereits zu bringen anfing.

Als dem Patriarchen Joseph im Lande Ägypten zwei Söhne geboren waren, dachte er nicht mehr an alle vergangenen Mühsale. Darum gab er dem ersten, der in diesem Lande geboren wurde, den Namen Manasses (d. h. „der vergessen läßt“), indem er sprach: „Gott hat mich vergessen lassen all mein Elend und mein ganzes Vaterhaus.“

Was mag nun erst der Heiland empfunden haben, als er sich von so vielen Kindern umringt sah, nachdem die Marter des Kreuzes ein Ende hatte? Als jener kostbare Ölbaum sich mit so vielen und schönen Schößlingen rings umgeben erblickte?

 

Was zweitausend Jahre geglaubt worden ist, kann kein Konzil und kein Papst und keine Glaubenskongregation mit einem Federstrich abschaffen. AIHS. 25.8.2010

Spanischer Text – Texto castellano -  Index 18BDeutsch 1