ETIKA

Luis von Granada
Meditationen und Gebete

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18B3M9

Montagabend. Die Sünde

19.6.2009

Gebet und Betrachtung vom ehrwürdigen Ludwig von Granada aus dem Predigerorden.

Aus dem Spanischen übersetzt von Dr. phil. theol. Jakob Ecker, Professor am Priesterseminar zu Trier. (Anm.: *1851, † 17.11.1912)
Herdersche Verlagsbuchhandlung, Freiburg im Breisgau, 1912. Erstes Bändchen. Seite 179-186

B. Sieben Abendbetrachtungen.

Montag. Die Sünde.

Punkte. Benutze diesen Tag, um dich selbst kennen zu lernen und über deine Sünden nachzudenken. Auf diesem Wege gelangt man zur wahren Demut des Herzens und der Buße. Das sind die beiden Haupteingänge und die Grundlage zum christlichen Leben.

1 . Denke zu diesem Zwecke zunächst nach über die große Zahl der Sünden deines vergangenen Lebens, besonders an jene, die du begangen hast zur Zeit, als du Gott noch weniger kanntest. Wenn du sie recht überschaust, wirst du finden, daß sie zahlreicher sind als die Haare deines Hauptes, daß du zu jener Zeit wie ein Heide lebtest, der nicht weiß, was Gott ist.

Durchgehe also die zehn Gebote Gottes und die sieben Hauptsünden, und du wirst sehen, daß es kaum ein Gebot gibt, das du nicht übertreten hast, kaum eine Art der Sünde, in die du vielleicht nicht oftmals gefallen bist, sei es in Werken, in Worten oder in Gedanken.

·       Von einem einzigen verbotenen Baum aß der erste Mensch, als er die größte Sünde der Welt beging: und du hast unzählige Male nach allen verbotenen Bäumen geschaut und die Hand ausgestreckt nach ihrer verbotenen Frucht. –

Durchgehe auch alle Wohltaten Gottes und die Zeitabschnitte deines verflossenen Lebens und denke nach, wie du sie benutzt hast. Über alle mußt du Rechenschaft ablegen; daher ist es gut, daß du es vor dir selbst tust und mit dir ins Gericht gehst, damit du nicht nachher um so strenger durch Gott gerichtet werdest.

Sage mir also, wie hast du deine Kindheit verbracht? wie deine Jugend? wie deine späteren Jahre?

·       Kurz, wie hast du alle Tage deines Lebens benutzt?

·       Welchen Gebrauch hast du gemacht von den Sinnen deines Leibes und von deinen Seelenkräften, die Gott dir gab, um ihn zu erkennen und ihm zu dienen?

·       Mißbrauchtest du nicht oft deine Augen, um gefährliche Dinge zu sehen? Deine Ohren, um Lüge und Verleumdung anzuhören? Deine Zunge vielleicht zu allerlei Flüchen, zu Klagen der Unzufriedenheit und unehrbaren Reden?

·       Hast du nicht den Geschmack, den Geruch, das Gefühl zur Befriedigung der Sinnlichkeit und des Hanges nach verweichlichtem Leben mißbraucht?

·       Wie hast du die heiligen Sakramente benutzt, die Gott angeordnet hat zu deinem Heile?

·       Wie hast du ihm gedankt für seine Wohltaten?

·       Wie hast du seinen Eingebungen entsprochen?

·       Welchen Gebrauch machtest du von deiner Gesundheit, deinen natürlichen Kräften und Fähigkeiten, von den Glücksgütern und den Vorzügen, die Gott dir gab, damit du einen guten Lebenswandel führest?

·       Wie warst du besorgt für deinen Nächsten, den er dir so warm empfohlen? Welche Werke der Barmherzigkeit hast du an ihm geübt, die er dir ans Herz gelegt?

·       Was wirst du also antworten am Tage der Rechenschaft, wenn Gott dir sagt:

„Gib Rechenschaft von deiner Verwaltung; denn du kannst nicht mehr Verwalter sein“ (Lk 16, 2.) ?

O verdorrter Baum, der bestimmt ist für das ewige Feuer! Was wirst du an jenem Tage antworten, wenn man von der ganzen Zeit deines Lebens, von allen Augenblicken, die du gelebt hast, Rechenschaft von dir fordert?

Gedenke ferner der Sünden, welche du begangen hast und jeden Tag begehst, seitdem dir die Augen für die Erkenntnis Gottes mehr geöffnet sind: du wirst finden, daß immer noch der alte Adam mit seinen eingewurzelten bösen Gewohnheiten in dir lebt.

Durchgehe also alle Fehler und Mängel, welche du dir täglich zu Schulden kommen lässest gegen Gott, gegen den Nächsten und gegen dich selbst. Du wirst finden, daß du in allem noch sehr mangelhaft bist. –

Betrachte weiter, wie unehrerbietig du gegen Gott bist, wie undankbar für seine Wohltaten, wie widerspenstig gegen seine Einsprechungen, wie träge in Sachen seines Dienstes; du tust nichts mit der Pünktlichkeit und Sorgfalt, wie du müßtest, auch nicht in so reiner Absicht, wie du könntest; du tust alles aus andern Rücksichten, aus weltlichem Interesse. –

Betrachte auch, wie hart du gegen den Nächsten bist, und wie mild gegen dich selbst; wie sehr du an deinem Eigenwillen, an deinem Fleische, an deiner Ehre und allen deinen Interessen hängst.

Schau, wie stolz du noch bist, wie ehrgeizig, zornig, übereilt, ruhmsüchtig, neidisch, boshaft, verwöhnt, veränderlich, leichtsinnig und sinnlich, wie du an Vergnügen und Unterhaltungen hängst, an Lachen und Schwatzen deine Freude findest.

Siehe auch, wie unbeständig du bist in deinen guten Vorsätzen, wie unüberlegt in deinen Worten, wie arm an Taten, wie feige und zaghaft du bei allen schwierigen Werken bist.

2 . Nachdem du die Menge deiner Sünden betrachtet hast, erwäge die Schwere derselben, damit du inne werdest, wie sehr auf allen Seiten dein Elend angewachsen ist.

Zu diesem Zwecke mußt du zunächst drei Umstände bei den Sünden der vergangenen Lebens erwägen, nämlich: gegen wen du gesündigt, warum du gesündigt und wie du gesündigt hast.

Gegen wen hast du gesündigt? Gegen Gott, dessen Güte und Majestät unendlich groß ist, und dessen Wohltaten und Erbarmungen gegen den Menschen zahlreicher sind als die Sandkörner am Meeresufer. In ihm allein sind alle Vollkommenheiten vereinigt. Alle Verpflichtungen und Verbindlichkeiten, welche wir gegen die Geschöpfe haben können, haben wir gegen Gott im höchsten Grade.

Aber warum hast du gesündigt? Um ein wenig geehrt zu werden, um einer tierischen Ergötzung willen, weil du einen kleinen Nutzen davon hattest oder aus ähnlichen nichtssagenden Gründen. Hierüber hat der liebe Gott sich schwer beklagt durch den Propheten Ezechiel, der da spricht:

„Sie schändeten mich bei meinem Volke für eine Handvoll Gerste und für ein Stück Brot.“ (Ez. 13, 19.)

Und wie hast du gesündigt? Mit solcher Leichtigkeit, mit solcher Verwegenheit, ohne irgend ein Bedenken, ohne Furcht, ja manchmal mit solcher Befriedigung und Freude, als wenn du sündigtest gegen einen Gott von Holz, der nicht weiß und nicht sieht, was in der Welt vorgeht. Ist das die Ehre, die so hoher Majestät gebührt? Ist das der Dank für so viele Wohltaten? So bezahlt man das kostbare Blut, das am Kreuze vergossen ward, und die Geißelschläge und Backenstreiche, die der Herr für dich erhielt?

Wie unglücklich bist du wegen dessen, was du verloren hast, und noch weit mehr wegen dessen, was du getan, und noch weit, weit mehr darum, weil du bei allem dem dein Verderben nicht erkennst! –

Erwäge ferner den schrecklichen Abscheu, den Gott gegen die Sünde hat, und die so schweren Strafen, welche er ihretwegen verhängt hat, damit

du hierdurch klarer erkennest, wie groß die Bosheit der Sünde ist.

3 . Nachdem du alles das betrachtet hast, denke von dir so gering wie möglich. Erwäge, daß du nur ein Rohr bist, das sich bei jedem Winde bewegt, ohne Festigkeit, ohne Tugend, ohne Entschiedenheit, ohne Beständigkeit, ohne Charakter.

Denke dir, du seiest ein Lazarus, der bereits vier Tage tot ist, ein häßlicher, abscheulicher Leichnam, voll von Würmern, so daß alle, die vorüberkommen, sich abwenden.

Stelle dir vor, daß du vor Gott und seinen Engeln noch abscheulicher bist!

Halte dich für unwürdig, die Augen zum Himmel zu erheben, für unwürdig, daß die Erde dich trage und die Geschöpfe dir dienen; denke, du seiest des Brotes nicht wert, das du issest, auch nicht des Lichtes und der Luft, die Gott dir schenkt.

Und wenn du alles dessen unwert bist, so erwäge, wieviel weniger du würdig bist, mit Gott zu reden oder gar die Tröstungen des Heiligen Geistes zu empfangen und die Freuden und Gunsterweisungen, die den Kindern Gottes zuteil werden.

Halte dich für eines der ärmsten und erbärmlichsten Geschöpfe der Welt, das von allen Wohltaten Gottes den schlechtesten Gebrauch macht.

Denke, wenn in Tyrus und Sidon, d. h. in andern sehr großen Sündern Gott das gewirkt hätte, was er dir getan, so hätten sie schon längst in Sack und Asche Buße getan.

Erkenne, daß du viel schlechter bist, als du dir denken kannst.

Wenn du auch noch so tief in deinen Sündenschmutz eingedrungen bist, du bist noch nicht bis zum Ende gekommen; täglich wirst du noch mehr finden.

Rufe zu Gott und sprich zu ihm:

O Herr, ich habe nichts, ich gelte nichts, ich bin nichts und ich kann nichts tun ohne dich!

Wirf dich mit jener öffentlichen Sünderin zu Jesu Füßen; bedecke dein Angesicht mit Scham, wie ein Weib vor ihrem Ehemann erscheinen würde, an dem sie Verrat geübt hätte.

Stelle dir vor den Himmelsbräutigam, dem du so oft und so schmählich die Treue gebrochen, und bitte ihn mit tiefstem Schmerz und mit wahrer Reue, er möge dir deine Fehler verzeihen und in seiner unendlichen Liebe und Barmherzigkeit es für gut finden, dich wieder in sein Haus aufzunehmen.

 

Einleitung. Das erste Rettungsbrett nach dem Schiffbruch, sagt der hl. Hieronymus (Ep. ad Demetriadem), ist die Reue. Sie ist der erste Schritt zur Besserung, der erste Stein dieses geistigen Gebäudes. Um zu wahrer Reue zu gelangen, die ein Geschenk der göttlichen Gnade ist, ist es nützlich, nachzudenken über die Menge unserer Sünden, der gegenwärtigen wie der vergangenen, über die schwere und die Bosheit derselben; denn aus dieser Betrachtung geht die Zerknirschung und die Reue über dieselben hervor.

Und nicht nur die Reue, sondern auch viele andern hohen Tugenden gehen aus dieser Betrachtung hervor: die Selbsterkenntnis und die Selbstverachtung, die Gottesfurcht, der Abscheu gegen die Sünde und ähnliche Gefühle und Empfindungen, in denen großenteils die Vollkommenheit besteht. Aus all diesen Gründen muß man dieser Übung eifrig obliegen, damit sie dir von großem Nutzen sei und dazu beitrage, daß dir alle diese so süßen Früchte aus der bittern Wurzel dieser Betrachtung erwachsen. Da aber zur Gewinnung solcher Früchte die göttliche Gnade notwendig ist, die hauptsächlich den Demütigen und Andächtigen gegeben wird, so bitte jetzt den Herrn um diese Demut und Andacht, damit du, in das Innerste deines Herzens zurückgezogen, den frommen heiligen König Ezechias nachahmen kannst, der sagte:

„Überdenken will ich alle meine Jahre in meiner Seele Bitterkeit.“ (Is 38, 15.)

Fortsetzung: Die Menge der Sünden

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