ETIKA

Luis von Granada
Meditationen und Gebete

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18B3M9A

Montagabend. Die Sünde
1. Die Menge der Sünden

21.6.2009

Gebet und Betrachtung vom ehrwürdigen Ludwig von Granada aus dem Predigerorden.

Aus dem Spanischen übersetzt von Dr. phil. theol. Jakob Ecker, Professor am Priesterseminar zu Trier. (Anm.: *1851, † 17.11.1912)
Herdersche Verlagsbuchhandlung, Freiburg im Breisgau, 1912. Erstes Bändchen. Seite 186-197

B. Sieben Abendbetrachtungen.

Montag. Die Sünde.

1.  Die Menge der Sünden

Willst du wissen, wie zahlreich die Sünden sind, die du bisher begangen hast, so durchgehe kurz alle Gebote Gottes und die Hauptsünden. Du wirst finden, daß es kaum ein Gebot gibt, das du nicht übertreten, vielleicht wenige Todsünden, in die du nicht gefallen bist.

Das erste Gebot befiehlt, Gott zu ehren. Gott wird aber geehrt, wie der hl. Augustinus (Enchirid. c. 3.) sagt, durch die drei göttlichen Tugenden: Glaube, Hoffnung und Liebe.

·       Was für einen Glauben hatte aber jener, der so ausschweifend lebte, als wenn er meinte, alles, was der Glaube predige, sei Lüge?

·       Was für eine Hoffnung hatte der, welcher nicht an das andere Leben dachte und bei seinen Mühsalen nicht wußte, was es heißt, Gott anrufen und sich auf ihn verlassen?

·       Was für eine Liebe hatte derjenige, welcher ein bißchen Ehre, die Spreu des Vorteils und den Schmutz des Vergnügens mehr liebte als Gott den Herrn selbst, da er ihn für jedes dieser Dinge verachtete und beleidigte?

Welche Ehrfurcht vor der höchsten Majestät hatte derjenige, der gewohnt war, seinen verehrungswürdigen Namen auf Schritt und Tritt bei jeder Kleinigkeit durch Schwur und Meineid zu mißbrauchen?

Wie hat die Festtage des Herrn derjenige gefeiert, der auf diese Tage nur wartete, um Gott an ihnen noch mehr zu beleidigen, um zu spielen, spazieren zu gehen, der unschuldigen Jungfrau Ärgernis zu geben und in bösen Gesellschaften zu verkehren?

Sodann betrachte, wie hart und unhöflich du gegen deine Eltern, wie ungehorsam gegen deine Vorgesetzten du gewesen bist; wie wenig du bemüht warst, deine Untergebenen im Guten zu unterweisen und zu Gott zu führen.

Und den Haß, die Leidenschaften, die Rachegelüste, die du hattest, wer kann diese Sünden alle zählen?

Und wenn diese nicht zu zählen sind: wer kann dann all die Sünden zählen, welche du durch Unlauterkeit in Werken, Worten und Wünschen begangen?

Gleicht dein Herz nicht einer Stätte, wo unreine Tiere hausen?

War dein Mund nicht, wie der Psalmist sagt (Ps 5, 11.), „ein offenes Grab, aus dem der üble Geruch der Seele empor steigt, die da drinnen tot ist?

Was waren deine Augen anders als Fenster des Verderbens und des Todes? Was bot sich diesen Augen dar, was du nicht begehrt und wonach du nicht getrachtet hättest, ohne je daran zu denken, daß Gott bei dir sei und daß er dir diesen Baum verboten habe?

„Einem unzüchtigen Menschen ist jedes Brot süß“, sagt der weise Sirach (Sir 23, 24); denn sein Hunger ist unersättlich, daß er alles versucht und an allem Geschmack findet, ohne an Gott zu denken.

Wer kann ferner die Größe deiner Habsucht, die Diebstähle deiner Wünsche schildern, die so weit davon entfernt waren, sich mit dem zu befriedigen, was Gott dir gab, daß die ganze Welt ihnen wenig zu sein schien. Wenn derjenige, welcher nach fremdem Gute begehrt, vor Gott ein Dieb ist, wie oft hat den Galgen der verdient, welcher im Herzen so viele Diebstähle beging?

Auch die Lügen, die Äußerungen der Unzufriedenheit und die freventlichen Urteile sind nicht zu zählen; denn kaum kamst du zu andern und fingst an mit ihnen zu reden, dann mußte gleich das Leben anderer herhalten, da wurde geredet über die Witwe und die Jungfrau, über Priester und Laien, ohne irgend einen Orden oder Stand zu verschonen.

In dieser Weise hast du also die Gebote Gottes beobachtet. Nun wollen wir sehen, wie du dich von den Hauptsünden fernhieltest.

Wie groß war der Stolz deines Herzens? Wie weit ging die Sucht nach Ehre und Lob? Wer vermag deinen Eigendünkel und die Verachtung der andern zu beschreiben? Was soll ich sagen von der Eitelkeit und Leichtfertigkeit deines Herzens? Vielleicht hat irgend ein neues Kleidungsstück schon genügt, dich auf die Beine zu bringen, um von allen gesehen zu werden. Welchen Gang hast du gemacht, welche Tat verrichtet, welches Wort geredet ohne Eitelkeit und ohne den Wunsch, deine Ehre zu fördern?

Betrachte deinen Zorn, deine Unmäßigkeit, deinen Neid – wenn du dich recht betrachtest, wirst du finden, daß du recht schlecht und verdorben warst.

Durchgehe immer deine Sinne und alle Fähigkeiten, die Gott dir geschenkt, und frage dich, welchen Gebrauch du von allen gemacht hast. Sicher wirst du finden, daß du alle diese Dinge, mit denen du ihrem Geber besser hättest dienen sollen, gemacht hast zu Werkzeugen, um ihn noch mehr zu beleidigen. Hierzu mißbrauchtest du Kräfte, Gesundheit, Vermögen, Leben, Verstand, Gedächtnis, Willen, Gesicht, Sprache und alles übrige.

Diese und viele andern noch schlimmern Übeltaten hast du in deinem früheren Leben begangen. Daher hast du guten Grund, mit jenem großen, aber reuigen Sünder, dem König Manasses (Vgl. 2 Par 33, 12.) zu sprechen:

„Herr, meine Sünden sind größer an Zahl als die Sandkörner am Ufer des Meeres!“

Obgleich es so viele Dinge gibt, die dir mit Recht einen Zügel hätten anlegen und Gottesfurcht einpflanzen müssen, wie die Menge seiner Wohltaten und die Größe seiner Güte und Gerechtigkeit, so hast du ihm doch nie für seine Wohltaten gedankt, ihn wegen seiner Güte geliebt und wegen seiner Gerechtigkeit gefürchtet: alles hast du vergessen, vor allem die Augen verschlossen und Lastern aller Art dich hingegeben.

Und wenn du wichtige Gründe zum Sündigen gehabt und großen Gewinn daraus gezogen hättest, so könnte das vielleicht zur Entschuldigung deiner Beleidigungen Gottes dienen. Allein was soll ich sagen, da du aus nichtssagenden Gründen, gleichsam wie im Kinderspiel aus Zeitvertreib, so ganz umsonst, aus reiner Verachtung Gottes gesündigt hast? Und wenn andere sündigen, so tun sie es gewöhnlich mit einiger Furcht, mit Gewissensbissen; wenigstens fühlen sie das Böse, nachdem sie es getan haben: und du bist vielleicht so blind und unempfindlich, daß du tausend Sünden begehen konntest ohne irgendwelche Furcht, ohne Gewissensbisse, gerade so, als wenn du glaubtest, es gebe keinen Gott, oder wenn du es glaubtest, gerade so wie jene glaubten, welche sagten:

„Der Herr sieht es nicht, der Gott Jakobs merkt es nicht.“ (Ps. 93, 7.)

Das ist eines der größten Übel der Welt; denn zu den sieben Dingen, von denen Salomon sagt, daß Gott sie verabscheut, gehören auch „Füße, die behende sind, dem Bösen nachzueifern“ (Spr. 6, 18.) Hiermit ist die Leichtigkeit und Leichtfertigkeit beim Sündigen gemeint.

Gewiß bist du in diese und viele andern Sünden gefallen, bevor du Gott recht erkannt hast. Da du ihn aber jetzt erkannt hast, bitte ihn, er möge dir die Augen öffnen, und du wirst noch viele Überbleibsel von dem alten Menschen finden; viele Jebusiter sind im Lande der Verheißung zurückgeblieben, weil du gegen sie zu nachsichtig warst.

Siehe also, wie mangelhaft du in allem bist, nämlich in dem, was du Gott, dem Nächsten und dir selber schuldig bist. Bedenke, wie geringe Fortschritte du gemacht hast im Dienste deines Schöpfers, nachdem er dich schon so lange berufen; wie lebendig noch immer deine Leidenschaften sind; wie wenig von den Tugenden du dir angeeignet hast; wie du noch immer in demselben Zustande bist, wie ein verkrüppelter Baum, der im Wachstum nicht fortkommt; wie du vielleicht im Gegenteil Rückschritte gemacht hast, da der Mangel an Fortschritt auf dem Wege Gottes schon ein Rückschritt ist. Wenigstens bist du im Eifer und in der Andacht des Geistes nicht viel weiter gekommen, als du vielleicht zu andern Zeiten warst.

Betrachte ferner, wie wenig Reue du hattest über deine Sünden; wie wenig Liebe, Furcht und Hoffnung du Gott gegenüber hast. Der Mangel an Liebe zeigt sich darin, daß du so wenig für ihn arbeitest, der Mangel an Furcht darin, daß du so viele Sünden wider ihn begehst; der Mangel an Vertrauen zeigt sich zur Zeit der Heimsuchung und in der großen Aufregung, in welche du gerätst bei jedem Sturm, weil dein Herz nicht vollkommen festgehalten wird durch die Anker der Hoffnung.

Bedenke außerdem, wie schlecht du den göttlichen Eingebungen entsprichst, wie widerspenstig du bist gegen das himmlische Licht, wie du den Heiligen Geist betrübst und ihn so oft vergebens rufen lässest, da du seinem Willen widerstrebst, um nicht dem eigenen Willen zuwider zu sein.

Er ruft dich auf einen Weg, und du folgst einem andern; er will, daß du ihm mit einem Werke dienest, und du willst ihn mit einem andern dienen. Auch wenn du klar erkenntest, was Gottes Wille ist, und du willst aber gerade etwas, so dienst du ihm mit allem, was du willst, und nicht mit dem, was er will,.

Er ruft dich vielleicht zu inneren Übungen, du eilst zu äußeren; er ruft dich zum Gebete, und du eilst zur geistlichen Lesung; er will, daß du dich zuerst mit dir selbst und nicht mit andern beschäftigest, du vergissest dich selbst, opferst deinen eigenen Nutzen dem Nutzen anderer, weshalb du weder dir selbst noch ihnen nützest. Kurz, so oft dein Wille dem Willen Gottes widerstreitet, ist dein Wille immer Sieger, und der Wille Gottes muß weichen.

Und wenn du vielleicht einige gute Werke tust: wie viele Fehler machst du dabei? Widmest du dich dem Gebete: wie oft bist du da zerstreut und langweilst dich, wie oft schläfrig und träge, ohne Ehrfurcht vor der göttlichen Majestät, mit der du redest, kannst nicht die Zeit erwarten, bis die mühsame Arbeit zu Ende ist, um dich mit andern Dingen zu beschäftigen, die mehr nach deinem Geschmacke sind?

Und wenn du andere gute Werke verrichtest: mit welcher Gleichgültigkeit geschieht es, und wie viele Fehler machst du dabei?

Wenn es feststeht, daß Gott weniger auf das sieht, was man tut, als auf die Meinung (Absicht), mit der man das gute Werk verrichtet: wie viele guten Werke wirst du da getan haben, welche rein geblieben sind von Staub und Streu und welche die Eitelkeit und die Welt nicht ausposaunten? Wie viele guten Werke hast du nur darum getan, weil andere dich dazu drängten oder aus Gefälligkeit? wie viele zu deiner eigenen Ehre, zu deinem Ruhme? wie viele, um den Menschen zu gefallen? wie viele nur, weil sie nach deinem Geschmacke waren und um dich selbst zu befriedigen?

Und wie wenige werden es sein, die du aus reiner Liebe zu Gott tatest, ohne der Welt einen solchen Tribut zu entrichten? Was ist nun das alles anders als falsches Gold, Heuchelei oder Betrug?

Überdenkst du weiter, wie du deine Schuldigkeit gegen deine Mitmenschen getan, so wirst du finden, daß du sie nicht geliebt hast, wie Gott es gebietet, daß du ihre Mühsale nicht wie die eigenen gefühlt, dich nicht bemüht hast, ihnen zu helfen in ihren Mühen und Leiden, ja vielleicht nicht einmal Mitleid mit ihnen hattest. Vielleicht hast du statt dessen nur deinen Unwillen und deine Unzufriedenheit über ihre Taten geäußert; und es ist gewiß, daß die wahre Gerechtigkeit Mitleid fühlt, die falsche aber Unwillen empfindet.

Wie weit wenigstens warst du davon entfernt, das Band der Liebe zu besitzen, das der Apostel so oft verlangt, indem er vorschreibt, daß wir einander lieben sollen als Glieder eines Leibes, weil wir alle an demselben Geiste teilnehmen?

·       Wie oft hast du verabsäumt, dem Armen zu Hilfe zu kommen, dem Kranken beizustehen, die Witwen zu unterstützen und dich für den zu verwenden, welcher wenig vermag?

·       Wie vielen gabst du Ärgernis mit deinen Reden, mit deinen Werken, mit deinen Entschlüssen?

·       Wie oft hast du dich andern deinesgleichen vorgezogen, die Geringeren verachtet, den Höherstehenden geschmeichelt?

Wenn du dich also selbst betrachtest, wirst du sehen, wie aussätzig du bist und wie tiefe Wunden du hast. Wie tief ist eingewurzelt der Stolz, die Ehrsucht, das Gefühl der Eitelkeit, die Verstellung, mit der du deine Mängel zu verdecken suchst und ganz anders erscheinen willst, als du bist!

Wie bist du auf deinen Vorteil bedacht, auf die Befriedigung deines Fleisches, dem du oft unter dem Vorwande des Bedürfnisses nicht nur das Notwendige zukommen lässest, sondern dienst, das du nicht bloß erhältst, sondern ergötzest!

Ferner, wenn einer, der dir gleich war, nur ein wenig den Fuß vorsetzt: wie schnell schlagen dann die Wurzeln des Neides aus! Und wenn ein anderer in einem Ehrenpunkte dich anrührt, wie jäh bricht dann der Zorn los!

Wer vermag aber unter allen diesen Übeln die Ungebundenheit deiner Zunge, den Leichtsinn deines Herzens, die Hartnäckigkeit deines Eigenwillens und die Unbeständigkeit in den guten Vorsätzen zu schildern? Wie viele bösen Worte kommen von dieser Zunge? Wie viele eiteln Worte? Wie viele, die dem Nächsten schaden und dir Lob einbringen? Wie selten verleugnet sich dieser Eigenwille, um den Willen Gottes oder des Nächsten zu erfüllen?

Schau wohl zu, und du wirst finden, daß du nur sehr selten einen Sieg über dich erringst; und doch muß man immer über sich siegen, um vollkommen tugendhaft zu sein. Was kann ich über die Unbeständigkeit der guten Vorsätze sagen, als, um mich kurz zu fassen, daß es keine Wetterfahne gibt, die sich so bei jedem Winde bewegt, wie du wetterwendisch bist bei der geringsten Gelegenheit, die sich dir darbietet? Was ist dein ganzes Leben anders als ein Kinderspiel, ein Weben und Wiederauftrennen, ein Vorsatz am Morgen, ein Aufgeben desselben am Abend, wenn es nicht schon sofort in derselben Stunde geschieht? Ist das nicht ähnlich wie bei dem Mondsüchtigen im Evangelium, den die Jünger nicht heilen konnten, weil sie Krankheit zu schlimm war? (Mt 17, 15.)

Deines Herzens Leichtsinn, seine Unbeständigkeit, sein Wankelmut und seine Verzagtheit lassen sich aber ebensowenig schildern; denn sein Ausdruck ändert sich nach den Umständen in jeder Stunde, ohne irgend eine Beständigkeit und Festigkeit. Wie schnell ist es zerstreut durch jede Beschäftigung, und wie rasch kehrt es alles um, was es besitzt, und wie wenig Drangsal reicht schon hin, es zu ängstigen, zu quälen, zu erdrücken?

Kurz, wenn du recht überlegst und zusiehst, was du hast und was dir fehlt, so hast du guten Grund zu fürchten, daß alles, was du hast, nur Täuschung, ein Schatten von Tugend und falsche Gerechtigkeit sei. Nur nebenbei hast du ein wenig Geschmack an Gott, und dieser Geschmack ist vielleicht noch mehr sinnlich als geistig. Und damit scheinst du vielleicht schon sicher zu sein und möchtest mit dem Pharisäer sagen, du seiest nicht wie die andern Menschen (Lk 18, 11.), weil sie nicht fühlen, was du fühlst; und doch ist deine Seele voll Eigenliebe und Eigenwillen und voll von allen andern Fehlern und Leidenschaften, von denen wir oben sprachen.

So besteht dein ganzes Vermögen darin, daß du „Herr, Herr!“ sagst, ohne Gottes Willen zu erfüllen. Das heißt, die falsche Gerechtigkeit der Pharisäer nachahmen, von denen es in der Geheimen Offenbarung heißt, daß Gott sie ausspeien werde aus seinem Munde. (Offb. 3, 16.)

Über all diese Dinge mußt du sorgfältig nachdenken und durch diese Betrachtung Schmerz und Reue über deine Sünden und Erkenntnis deines eigenen Elendes zu erlangen suchen. Bitte den Herrn einerseits um Verzeihung für alles, womit du ihn beleidigt hast; bitte ihn andrerseits um Tugend und Gnade, daß du ihn nie mehr beleidigest.

Fortsetzung: Die Schwere der Sünden

P. S. Einem uns zugesandten Blatt zufolge gibt es außer den sieben Hauptsünden Stolz, Habsucht, Neid, Zorn, Unkeuschheit, Unmäßigkeit, Trägheit (oder Überdruß) zunehmend eine 8. Hauptsünde: die gewollte Unwissenheit. Die gewollte Unwissenheit schützt vor Strafe nicht, weil unser Gewissen sehr wohl weiß, daß wir hätten wissen können. (vermutlich eine Schrift von “Kirche in Not”, 2000, S. 12, ts)

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