ETIKA

Luis von Granada
Meditationen und Gebete

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18B3M9C

Montagabend. Die Sünde
3. Selbstanklage und Selbstverachtung

5.7.2009

Bonaventura und Luis von Granada: Bomben auf die Modernisten

Gebet und Betrachtung vom ehrwürdigen Ludwig von Granada aus dem Predigerorden.

Aus dem Spanischen übersetzt von Dr. phil. theol. Jakob Ecker, Professor am Priesterseminar zu Trier. (Anm.: *1851, † 17.11.1912)
Herdersche Verlagsbuchhandlung, Freiburg im Breisgau, 1912. Erstes Bändchen. Seite 198-205

B. Sieben Abendbetrachtungen.

Montag. Die Sünde.

3.  Selbstanklage und Selbstverachtung

Nachdem man so die große Zahl der Sünden betrachtet hat und sieht, daß man auf alle Art mit ihnen belastet ist, muß man sich soviel wie möglich demütigen und zerknirscht sein und von allen Geschöpfen verachtet zu werden wünschen, weil man den Schöpfer aller Wesen so sehr verachtet hat.

Hierzu kann eine sehr fromme Betrachtung des hl. Bonaventura nützlich sein, in welcher er von dieser Selbstbeschämung und Selbstverachtung redet. Er sagt:

„Betrachten wir, geliebte Brüder, unsere Niedrigkeit und die Größe der Beleidigung, die wir Gott zugefügt, und dann demütigen wir uns vor Gott so tief wie möglich! Fürchten wir uns, die Augen zum Himmel zu erheben, und schlagen wir an die Brust mit dem Zöllner im Evangelium, indem wir sprechen:

,Gott sei mir Sünder gnädig!´ (Lk 18, 13.)

Fassen wir Mut und ergreifen wir die Waffen gegen unsere eigene Bosheit; richten wir uns selbst, indem wir bei uns sprechen: Wenn für die Sünden, welche ich beging, mein Herr und Heiland so verachtet und betrübt wurde: wie könnte ich es unterlassen, mich zu erniedrigen und zu verachten, da ich selbst der Sünder bin? Fern sei von mir die Anmaßung, mich für etwas mehr zu halten als für einen Unrat, dessen Geruch mir selber unerträglich ist. Ich bin derjenige, der Gott verachtet und zum zweitenmal gekreuzigt hat, der ganze Weltbau scheint laut gegen mich zu zeugen:

,Dieser ist es, der unsern gemeinsamen Herrn beleidigt und verachtet hat. Dies ist der Verworfene und Undankbare, auf den die Listen des Teufels mehr Eindruck machten als die Wohltaten Gottes; dem die teuflische Bosheit mehr behagte als das Wohlgefallen Gottes. Diesen vermochten nicht die Liebkosungen Gottes zum Guten zu bewegen, noch ließ er sich schrecken durch seine Gerichte. Dies ist derjenige, welcher, soviel an ihm lag, die Macht, die Weisheit und die Güte Gottes vernichtete und verachtete. Er fürchtete sich mehr, einen schwachen Menschen zu beleidigen, als die Allmacht Gottes; er schämte sich mehr, vor einem gewöhnlichen Landmann etwas Schändliches zu tun als vor den Augen Gottes. Er wollte sich lieber an ekelhaften Unrat anklammern als an das höchste Gut. Er ist es, der seine Augen auf den vergänglichen Staub der Geschöpfe richtete und dem Schöpfer den Rücken kehrte. Was sage ich? Alles Schändliche und Abscheuliche tat er in der Gegenwart Gottes, ohne Ehrfurcht und Scham vor der hohen Majestät

Es müssen auch in ihrer Weise alle Geschöpfe ihre Stimme wieder mich erheben und sprechen:

,Dieser ist es, der uns alle mißbraucht hat; denn anstatt uns alle zu gebrauchen zu unseres Schöpfers Dienst und Ruhm, hat er uns nach dem Willen des bösen Feindes dienstbar gemacht; er mißbrauchte zur Beleidigung des Schöpfers, was dieser zu seinem Dienste erschaffen hatte. Seine Seele war schön erschaffen nach dem Ebenbilde Gottes: er löschte dieses göttliche Bild aus und kleidete sich in unser niedriges Abbild. Er ward irdischer als die Erde, schlüpfriger als das Wasser, veränderlicher als der Wind, in seinen Lüsten stärker entzündet als das Feuer, härter als die Steine, grausamer wider seinesgleichen als die wilden Tiere, giftiger gegen andere als die Schlangen.

Was sage ich? Er fürchtete weder Gott, noch fragte er etwas nach den Menschen, und so goß er, so weit es in seiner Macht stand, sein Gift über viele aus und zog sie in die Gemeinschaft seiner Bosheit. Er begnügte sich nicht damit, selbst Gott zu beleidigen, sondern wollte noch viele Helfer und Genossen seiner Beleidigungen haben. Was soll ich noch von den anderen Bosheiten sagen? Sein Stolz war so groß, daß er sich Gott nicht unterwerfen, seinen Nacken nicht unter das Joch des Gehorsams beugen wollte; nein, er wollte so leben, als zöge er sich selbst ihm vor und wolle in allem seinen eigenen Willen tun, indem er sich gegen Gott auflehnte, soviel er konnte.

Wenn Gott seine Wünsche nicht erfüllte oder ihm irgend eine Trübsal sandte, so zürnte er über ihn wie über einen seiner Diener. Bei allem, was er tat, wollte er gelobt werden, mochte es etwas Böses oder etwas Gutes sein, als wäre er selbst Gott, dem es allein gebührt, für alles gelobt zu werden, weil alles, was er tut, gut ist und einen guten Zweck hat. Ja, er war in seiner Art stolzer als der Satan selbst, anmaßender als Adam; denn da diese voll Klarheit und Schönheit waren, hatten sie einigen Grund, sich zu überheben: aber was für einen Grund hatte dieser unreine Mensch, sich zu überheben?´

Mit Recht erheben also alle Geschöpfe gegen mich ihre Stimme und sprechen: Wohlan, laßt uns vernichten diesen Beleidiger unser Schöpfers!

Die Erde spricht: Wozu erhalte ich ihn? Warum ertränke ich ihn nicht?

Die Luft sagt: Wozu gebe ich ihm Atem?

Das Feuer spricht: Warum zehre ich ihn nicht auf?

Die Hölle sagt: Warum verschlinge und martere ich ihn nicht?

Ach, ach, wie elend bin ich doch! Was soll ich tun? Wohin soll ich gehen, da alle Dinge gegen mich bewaffnet sind? Wohin soll ich mich flüchten? Wer wird mich aufnehmen, da ich alle beleidigt habe?

Ich habe Gott verachtet, die Engel erzürnt, die Heiligen entehrt, die Menschen beleidigt und war ihnen zum Anstoß, alle Geschöpfe habe ich mißbraucht. Doch was mache ich so viele Worte? Eben dadurch, daß ich den Schöpfer aller Dinge beleidigte, beleidigte ich sie alle zusammen. Ich Elender! Ich weiß nicht, wohin ich gehen soll, da ich alle Dinge mir zu Feinden gemacht habe. Wohin ich auch sehe rings um mich her, ich finde nichts, was auf meiner Seite wäre. Ja, mein eigenes Gewissen nagt in mir und mein ganzes Innere klagt mich an und zerfleischt mich.

Weinen will ich also wie ein Elender, ohne meinen Tränen ein Ziel setzen zu können, weinen, solang ich lebe in diesem Jammertale, in der Hoffnung, daß vielleicht der barmherzige Heiland sich herabläßt, seine Augen auf mich zu richten. Ich will mich zu seinen Füßen niederwerfen und mit aller möglichen Demut und Reue ihm sagen:

Herr, ich bin dein großer Feind, der vor deinen göttlichen Augen abscheuliche Dinge beging. Ich erkenne mich vor dir so schuldig, daß, auch wenn ich allein die Höllenpein erduldete, welche die Teufel und die Verdammten leiden, ich doch nicht genugsam büßen würde, was meine Sünden verdienen. So breite denn, o Herr, über mich Elenden den Mantel deiner Liebe aus; die Größe deiner Güte wolle mehr vermögen als meine Bosheit! Es freute sich der zärtliche Vater bei der Heimkehr des verlornen Sohnes, der gute Hirte über das verirrte Schaf, das arme Weib über die wiedergefundene Drachme: o wie glücklich wird der Tag sein, wenn du deine Arme um meinen Hals legst und mir den Kuß des Friedens gibst!

Ich weiß ja, was ich tun werde, um dieses Glückes leibhaftig zu werden. Ich werde wider mich selbst die Waffen ergreifen, gegen mich selbst der Grausamste und Strengste von allen sein. In jeder Weise werde ich mich durch Mühen und Leiden kasteien (Anmerkung ETIKA: also genau das Gegenteil von dem, was die modernen Theologen empfehlen, siehe den Schluß von Tirol: Bund mit dem Herzen Jesu gebrochen) und mich selbst wie Unrat verachten. Freuen will ich mich, wenn ich verachtet und geringgeschätzt werde, von welcher Seite es auch kommen mag. Ich will froh sein, wenn meine Schmach an den Tag kommt und bekannt wird.

Und weil es nicht genügt, wenn ich allein mich verabscheue und verachte, so will ich von jedem von allen Geschöpfen geringgeschätzt und verachtet werden, weil ich den Schöpfer aller verachtet habe. Es wird mir sehr erwünscht sein, Schimpf und Verachtung gegen mich aufzuhäufen und mit aufrichtigem Herzen diejenigen zu lieben, die mir dazu behilflich sind.

Alle Tröstungen und Ehren dieses Lebens werden mir zur Qual sein; ich werde sie alle für trügerische und schmeichlerische Feinde halten. Ich glaube fest, wenn ich so tue, werde ich alle Geschöpfe, auch wenn ich sie beleidigt haben sollte, dazu bringen, daß sie Mitleid mit mir haben; die, welche vorher laut wider mich Zeugnis ablegten, werden dann in ihrer Weise für mich bitten und mich verteidigen. (Anmerkung ETIKA: O wie freuen wir uns auf Schwester Wasser und all die anderen, siehe das Loblied der Geschöpfe von Franziskus.) Von allen Seiten mögen Schmähungen und Geißelschläge auf mich eindringen, damit ich durch sie alle zu meinem süßesten Herrn geführt werde. Alle Ehren, jegliches Vergnügen soll fern von mir bleiben; man höre nichts von euch in meiner Behausung. In allem will ich nichts anderes suchen als die Ehre meines Herrn und meine eigene Unehre und Beschämung.(Anmerkung ETIKA: wie du, geliebte Bernadette!)

Diese Worte des hl. Bonaventura sollen mir dazu dienen, sie andächtig zu erwägen, damit die vier edelsten Affekte in mir erzeugt werden: der Schmerz über die Sünden, die Furcht Gottes, ein heiliger Haß gegen mich selbst und der Wunsch, für Gott verachtet zu werden.

·       Aus dem ersten Gefühle entsteht die Reue, welche alle begangenen Sünden abwäscht;

·       durch das zweite, die Furcht vor Gott, werden zukünftige Sünden ausgeschlossen;

·       durch das dritte Gefühl erlangt man gegen die Selbstliebe Verabscheuung seiner selbst;

·       durch das vierte gewinnt man wahre Demut gegen das Verlangen nach dem Ruhme der Welt.

Ein jeder, der diese vier Tugenden zu erlangen wünscht, muß sich in diesen und ähnlichen Betrachtungen üben. Ganz besonders aber gelangt man hierdurch zu jenem heiligen Hasse gegen sich selbst, der es für seine Pflicht hält, nicht nur die Lüste des Leibes zu fliehen und Leiden aufzusuchen, sondern auch jede Würde und Ehre der Welt zu verachten und jede Geringschätzung und jeden Schimpf für Gott hinzunehmen. Dieser Affekt bezieht sich zunächst auf die Demut; diese besteht in einer inneren Selbstverachtung, die aus wahrer Erkenntnis seiner selbst sowie seiner Sünden entspringt. Ich sage dies, damit die Liebhaber der wahren Demut erkennen, daß aus derselben Quelle, aus welcher man das Wasser schöpft, um den Abscheu gegen sich selbst zu nähren, man auch das Wasser nimmt, um den Baum der wahren Demut, aus dem alle Tugenden hervorwachsen, zu bewässern und zu erhalten.

 

Anmerkung ETIKA: Gesamteindruck: Das ist christliche Mystik! So werden wir den Endkampf gewinnen! Bonaventura – das wahre Christsein! Luis von Granada – das wahre Spanien! (Das heutige Spanien ist nicht mehr Spanien.)

Natürlich sind wir schwach, vermögen uns keineswegs zu solcher Vollkommenheit aufzuschwingen wie Bonaventura es gern sähe. Wir können nur nach Vollkommenheit streben, und unsere Sehnsüchte – sind sie nicht auch himmlischer Natur, träumt nicht mancher von uns schon vom Paradies auf Erden, wenn er zum Beispiel ein Antlitz erblickt, aus dem überirdische Schönheit strahlt? Herr, der Verzicht auf alles ist so unsagbar schwer, schenk uns bei all unserer Nichtsnutzigkeit doch einen ganz kleinen Schimmer der Freuden, die uns im Jenseits erwarten, dann fällt uns das Hoffen und Ausharren leichter – oder kürze unsere Leiden ab! Laß uns nicht zugrunde gehen!

Zu der Stelle: „Er fürchtete sich mehr, einen schwachen Menschen zu beleidigen, als die Allmacht Gottes.“ Das lassen wir uns nicht zweimal sagen. Also: Was faselt Ratzinger von Bonaventura, wenn er dessen Worte nicht ernst nimmt? Er hat kein Recht, den Namen des Heiligen in den Mund zu nehmen. Wir leben in der Endzeit mit dem großen Glaubensabfall, der laut dem 3. Geheimnis von Fatima von der Spitze der Amtskirche ausgeht, und die Laien sind wie einst Franziskus aufgerufen, die Kirche zu retten. Literatur: Newman, Solowjew, Benson über den Antichrist. Ebenso aufschlußreich der Roman „Jedem nach seinen Taten“  von Vicente F. Delmonte.

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