ETIKA

Ehmig: Gleichnisse

www.etika.com

18b8aaerg

Aergerniß

24.2.2009
ETIKA-Bibliothek

Neue Gleichnisse, Beispiele und Erzählungen über die katholischen Glaubens- und Sittenlehren für Religionslehrer, Prediger und Katecheten, zugleich ein nützliches Lesebuch für christliche Familien. Gesammelt und alphabetisch geordnet von P. Franz Ehmig, em. Pfarrer zu Mosern, Leitmeritzer Diözese. Regensburg. Druck und Verlag von Georg Joseph Manz. 1867. Erster Band. Stichwort: Aergerniß

Teil I

Kinder nehmen leicht Aergerniß an den Reden und Handlungen der Erwachsenen.

Kinder gleichen in ihrem Nachahmungstriebe den Affen. Was diese Thiere von Menschen thun sehen, das machen sie nach und gerade dieser Trieb dient ihnen zum Verderben, weil sie dadurch gefangen werden. Wenn in den asiatischen und afrikanischen Wäldern Affen in den Bäumen sitzen, so waschen sich die Menschen das Gesicht, stellen eine Schüssel mit Lehmwasser hin und entfernen sich. Kaum sind sie fort, so steigen die Affen herunter, waschen sich, verkleben sich die Augen und werden gefangen.

Gerade so stark ist der Nachahmungstrieb auch in den Kindern, was man auf allen Gassen sehen kann, wo sie das Brodbacken, das Fuhrwerken, das Kinderwiegen und Anderes nachahmen, was sie an Erwachsenen sehen. Da sie das Gute und das Böse noch nicht kennen und zu unterscheiden wissen, aber Alles nachsagen und nachthun und sich daran gewöhnen: so ist die äußerste Behutsamkeit nöthig, um ihnen kein Aergerniß zu geben, das heißt: in ihrer Gegenwart nichts Böses zu thun und zu reden. Gedenken wir stets der Worte Jesu:

Wer eins von diesen Kleinen, die an mich glauben, ärgert, dem wäre besser, daß man ihm einen Mühlstein an den Hals hinge und ihn in die Tiefe des Meeres versenkte. Wehe der Welt der Aergernisse wegen!

Aergerniß ist eine schwere Sünde vor Gott.

Bei großem Hunger heult der Wolf fürchterlich, dann versammeln sich die Wölfe, gehen in Schaaren auf die Jagd und brechen selbst mit Gewalt in einsam stehende Häuser ein. Ein in einem Walde liegendes Kloster ward einst in einem strengen Winter jede Nacht von einer Schaar hungriger Wölfe umlagert. Eines Abends ließ man das Thor offen und legte ein todtes Pferd hinaus. Die Wölfe kamen bald. An verborgenen Stricken zog man das Pferd allmählich bis mitten in den Klosterhof zurück. Lange bedachten sich die Wölfe, ob sie durch das Thor folgen sollten. Endlich wagte es ein alter Wolf. Man ließ ihn eine Weile ruhig an dem Pferde fressen und endlich folgten alle Wölfe. Da schloß man schnell hinter ihnen das Thor und die Klosterknechte umringten die Wölfe bewaffnet. Als diese sich gefangen sahen, zerrissen sie erst den alten Wolf, der sie verführt hatte, und dann ließen sie sich ohne alle Gegenwehr alle todt schlagen.

Wenn schon die Wölfe zu Folge ihres Instinkts ihren Verführer straften, wie könnte Gott, der ja diesen Instinkt in die Thiere gelegt hat, menschliche Verführer und Aergernisse ungestraft lassen, da er so ernst uns vor Aergernißgeben gewarnt und gesagt hat: Wehe dem Menschen, der Aergerniß gibt; es wäre ihm besser, daß man ihm einen Mühlstein an den Hals hinge und ihn in die Tiefe des Meeres versenkte. Beherziget diese Worte, ihr Erwachsenen, wenn ihr euch unter Kindern befindet! Besonders ihr Aeltern, Geistliche, Lehrer, Lehrmeister und Hausväter. Das Aergerniß führt die Menschen dem Teufel zu, mordet ihre Seele und bringt sie um´s ewige Leben!

Aergernisse der Schwachen zu vermeiden.

Der Krähenaugenbaum trägt einen Samen, dessen Genuß bloß für blindgeborne Thiere tödtlich ist; allen übrigen vierfüßigen Thieren und Vögeln schadet er nichts.

So gibt es auch Aergernisse, welche nicht den Starken, sondern den Schwachen schaden, den Schwachen im Glauben nd im Willen. Bei Solchen muß man sehr behutsam sein.

So gab es zur Zeit der Apostel Judenchristen, welche nicht einsehen wollten, daß den Christen alle Speisen ohne Unterschied, selbst das den Götzen geopferte Fleisch zu essen erlaubt ist. Von Solchen sagt Paulus: Wenn ich meinen Bruder ärgern sollte, so wollte ich in Ewigkeit kein Fleisch essen. Er wollte sagen: Wenn ich von einem solchen Fleische essen und ihn durch mein Beispiel verleiten sollte, daß er gegen sein Gewissen auch davon esse, so würde ich ihn zur Sünde verleiten; da wollte ich lieber mich des Fleischgenusses enthalten, als meinen Bruder zu einer Sünde verleiten.

So vorsichtig müssen auch wir unseren schwachen Brüdern gegenüber handeln. Ich will dieß in einigen Beispielen darlegen. Einem Abergläubigen darf man nichts von Geistererscheinungen erzählen. Einem eifersüchtigen Ehemanne darf man nicht mittheilen, daß dessen Frau Besuch gehabt; es könnte ehelicher Zwist entstehen. Hast du schon zum Essen gebetet, und es kömmt ein Fremder dazu, so bete noch einmal. Kennst du Jemanden, der bei jedem unschuldigen Spiele in Zorn geräth, Fluch, Streit und Zank anfängt, so spiele nicht mit ihm. Kennst du Jemanden, der keinen Widerspruch verträgt, und um Recht zu behalten, auch eine Religionswahrheit läugnen würde, so gib nach und schweige.

Auch Jene, die Schwächen an sich haben, müssen den Gelegenheiten ausweichen, wo sie fallen könnten. So muß der, welcher im Spiele sich erzürnt, alles Spiel meiden. Ich kenne einen Mann, der so schwach ist, daß wenn er in die Gasthäuser geht, um Bier zu trinken, beinahe jedesmal sich berauscht; denn wie er das dritte Glas trinkt, ist er seiner nicht mehr mächtig, er trinkt Nächte und Tage lang fort. Ein Solcher muß zu Hause bleiben und den Besuch der Gasthäuser meiden, wo ihn die Gäste zum Dableiben bereden. So oft er also in´s Gasthaus geht, gibt er sich selbst ein Aergerniß, da er gewiß weiß, daß er in die Sünde der Trunkenheit fallen werde. Vermeiden wir also das Aergerniß der Schwachen; der Schwache aber gehe solchen Aergernissen aus dem Wege.

Gegebenes Aergerniß muß man durch Tugendeifer gut machen.

Wer jemals das Unglück hatte, seinen Mitmenschen durch irgend eine öffentliche Sünde, etwa durch Unkeuschheit im ledigen Stande, durch Ehebruch, durch das Leben in wilder Ehe, durch einen Diebstahl, durch eine boshafte Rache, durch Liederlichkeit und Verschwendung, oder durch Vernachlässigung des Gottesdienstes und der heiligen Sakramente, ein Aergerniß zu geben, der muß dasselbe durch desto strengere Tugendhaftigkeit wieder gut machen.

Ein solcher ahme die gefallenen Christen unter Kaiser Decius nach.  Derselbe erließ im Jahre 149 nach Christus das Gesetz, seine Beamten sollten alle Geschäfte hintansetzen, und nur die Christen ausrotten.

Galgen, Feuer, wilde Thiere, siedendes Pech und Oel, geschmolzenes Erz, glühende Zangen u. s. w. waren die gewöhnlichen Mittel, die Christen zu martern und zu tödten. Sehr viele Christen errangen die Martyrerpalme, viele wurden schwach und opferten den Götzen; reiche Christen erkauften sich auch wohl von einem Beamten ein schriftliches Zeugniß, daß sie geopfert hätten, obgleich dieß nicht geschehen war, und konnten sich damit gegen fernere Untersuchung schützen.

Diese Gefallenen wurden einer schweren Buße unterzogen, weil sie ihren christlichen Mitbrüdern ein schweres Aergerniß gegeben hatten. Da schickte Gott schreckliche Plagen über die Heiden. Die barbarischen Völker fielen das Reich von allen Seiten an. Neunzehn Heerführer nannten sich zu gleicher Zeit römische Kaiser. Erdbeben und Ueberschwemmungen zerstörten ganze Städte  und endlich kam zu allem Jammer noch die Pest, welche in Rom täglich Tausende wegraffte. Die Heiden nahmen die Flucht, ließen ihre kranken Angehörigen ohne Pflege liegen, oder warfen sie, ehe sie noch verschieden waren, auf die Straße, ohne sich weiter um sie oder ihre Beerdigung zu kümmern. Die Christen traten aber hier als schützende Engel ein; namentlich glänzten jetzt jene, welche in der Decianischen Verfolgung schwach gewesen waren, als barmherzige Samariter und errangen die Martyrerkrone im Dienste der Nächstenliebe; sie verpflegten nicht nur ihre eigenen Kranken, sondern nahmen sich auch der verlassenen Heiden an; viele von ihnen wurden angesteckt und starben und andere traten in ihre Stelle. So machten diese Gefallenen das gegebene Aergerniß durch Barmherzigkeit wieder gut. Ahme sie Jeder nach, der seinen Mitmenschen irgend ein Aergerniß gegeben hat.

Aergerniß gegeben aus christlicher Liebe und aus Antrieb des heiligen Geistes.

Ein Altvater verließ sein Kloster und wohnte in der großen Stadt Alexandria auf dem Thore in einer kleinen Zelle, zur Zeit des heiligen Patriarchen Johannes des Almosengebers. Sein erstes Geschäft war, die Namen aller Freudenmädchen und öffentlichen Sünderinnen aufzuschreiben.

Er war sechzig Jahre alt und verdiente täglich ungefähr fünfzehn Kreuzer, wovon er einen zu seinem Lebensunterhalte verwendete. Beim Sonnenuntergange aß er, dann ging er zu einem solchen Mädchen, schenkte ihr sein Geld, blieb bei ihr die Nacht und bat sie, keine Unzucht zu treiben; er selbst stand in einem Winkel und betete die ganze Nacht für sie.

Am Morgen nahm er ihr das Versprechen ab, Niemandem zu sagen, was er gethan hätte.

So machte er es lange, bis es eines dieser Mädchen kund machte, daß er nämlich nicht zu ihnen gehe, um mit ihnen zu sündigen, sondern um für sie zu beten und sie zu bekehren. Auf das Gebet des Greises wurde dieses Mädchen vom Teufel geschlagen, deßhalb schwiegen die anderen. (Anmerkung: eine etwas irreführende Passage)

Die Menschen nahmen ein Aergerniß an ihm und glaubten, er gehe zu ihnen, um zu sündigen; sie tadelten ihn und sagten:

Ziehe dein Mönchsgewand aus und nimm dir ein Weib, denn du gibst deinen Mitmenschen Aergerniß und begehst eine schwere Sünde!

Er antwortete: Sorget nur für euch; für mich werdet ihr keine Rechenschaft geben dürfen; Gott ist mein Richter und am Gerichtstage wird Alles an´s Licht kommen.

Man verklagte ihn auch beim heiligen Patriarchen Johannes; doch dieser urtheilte nicht voreilig. Der Einsiedler that so fortwährend und bat Gott nur um dieses, daß er es nach seinem Tode Einigen offenbaren wolle, damit das gegebene Aergerniß Niemandem zum Falle gereichen möchte.

Der Bemühung des heiligen Vitalius, so hieß er, brachte viele dergleichen Weibspersonen zur Sinnesänderung; einige heiratheten und führten einen züchtigen Lebenswandel; andere entsagten ganz und gar der Welt und führten ein zurückgezogenes Leben; aber bis zu seinem Hinscheiden wußte Niemand, daß sich diese Sünderinnen auf sein Zureden und Gebet bekehrten.

Als der heilige Vitalis eines Morgens wegging, begegnete ihm ein Wollüstling, der ihm einen Backenstreich gab mit den Worten: „Wie lange, du Heuchler, wirst du nicht von deinem wollüstigen Leben ablassen?“ Vitalius entgegnete: „Glaube mir, du wirst von mir armseligen Menschen auch einen Backenstreich bekommen, daß auf dein Geschrei ganz Alexandria zusammen laufen wird!“ Nahe bei seiner Zelle war eine Kirche, in welcher der Heilige diese Weibspersonen zu versammeln und zu unterrichten pflegte.

Der Heilige starb in seiner Zelle, ohne daß es Jemand wußte; in diesem Augenblick schlug der Teufel jenen Wollüstling in´s Gesicht und sprach: „Da hast du den Backenstreich, den dir Vater Vitalis schickt.“ Ganz Alexandria versammelte sich, denn der Streich wurde weithin gehört. Der Geschlagene lief zur kleinen Zelle und sprach laut: „Diener Gottes Vitalius, ich habe mich gegen dich versündiget, erbarme dich meiner, vergib mir!“

Man fand den Heiligen knieend und betend gestorben. Auf dem Fußboden fand man geschrieben: „Ihr Männer von Alexandria, beurtheilt Niemanden vor der Zeit, bis der Herr kömmt!“

Nun erzählten alle Sünderinnen, wie er mit ihnen umgegangen, daß er nicht der Sünde wegen zu ihnen gekommen, daß er keine auch nur bei der Hand genommen, sondern die ganze Nacht gebetet hab. Vitalius wurde feierlich beerdigt und auf seinem Grabe geschahen wunderbare Heilungen. Das gegebene Aergerniß hat Gott behoben und die Alexandriner wurden von nun an viel vorsichtiger im Beurtheilen der Mitmenschen, als es bis dahin der Fall war; wahrscheinlich hat Gott dieses scheinbare Aergerniß zugelassen, um sie vor freventlichen und voreiligen Urtheilen zu warnen.

Siehe, lieber Christ, wenn du in die Lage kömmst, ein Liebeswerk der Barmherzigkeit zu erweisen, du aber überzeugt bist, daß du selbst nicht sündigen wirst: dann übe dieses Werk, wenn du auch ein Aergerniß gibst und dir üble Nachrede zuziehst. Tröste dich mit deinem guten Bewußtsein. Aehnliche Fälle kommen häufig im Leben vor, wo man etwas Gutes thun soll, ohne es bekannt machen zu dürfen, warum man es thut; wodurch es dann den Anschein eines Aergernisses gewinnt und der Handelnde von seinen Mitmenschen falsch beurtheilt wird.

Teil II

Aergerniß geben ist strafbar vor Gott und den Menschen.

Wer so lebt und redet oder so etwas thut, woraus Andere vermuthen müssen, er begehe eine schwere Sünde, und woraus minder Unterrichtete den Schluß ziehen könnten, es sei dieß keine Sünde: wenn es Der thut, darf ich es auch thun, der begeht die Sünde des Aergernisses, wenn er auch in der That nicht sündigt, sondern nur den Schein von sich gibt, und er ist strafbar vor Gott und den Menschen; um so strafbarer ist er aber, wenn er wirklich sündigt und dabei ein Aergerniß gibt.

Zur Zeit des heiligen Patriarchen Johannes des Almosengebers in Alexandria ging ein Einsiedler im Mönchsgewande mit einer jungen Weibsperson in der Stadt herum und sammelte Almosen. Johannes erfuhr dieses. Da er sich als Bischof verpflichtet fühlte, solche Sünden und Aergernisse, wobei der Mönchsstand beschimpft wurde, zu verhüten: befahl er, die Weibsperson zu geißeln und vom Einsiedler abzusondern, diesen aber zu geißeln und in den Kerker zu werfen.

Die Diener vollzogen diesen Befehl mit einer Art Grausamkeit, was der heilige Johannes nicht gewollt. Im Schlafe sah der heilige Johannes in einer Erscheinung den Einsiedler, der ihm seinen zerfleischten Rücken zeigte, indem er sprach: „Du hast dich geirrt!

Als Johannes am Morgen erwachte, war er traurig und ließ den Einsiedler aus seinem Gefängnisse holen, um sich den Rücken zeigen zu lassen. Dieser konnte wegen der Wunden kaum gehen. Als er den Rücken entblößte, fiel durch Gottes Fügung das Kleid herab; da sahen nun alle, daß er ein Verschnittener sei und nicht gegen die Keuschheit sündigen könne. Der Patriarch strafte Diejenigen, die ihn so unüberlegt mißhandelt hatten, strenge.

Der Einsiedler gab nun Rechenschaft über sein Thun und erzählte: Das Mädchen sei eine Jüdin, wolle Christin werden, habe von den Ihrigen deßhalb viele Mißhandlungen erlitten und ihn fußfällig gebeten, sie zu retten und in ein Kloster zu bringen; da er als Verschnittener keine Versuchungen zu fürchten hatte, habe er sich erbarmet und Almosen gesammelt, um sie in einem Kloster unterzubringen. Der Patriarch sorgte nun für die Aufnahme dieses Mädchens ins Kloster. –

Der Einsiedler und der Patriarch haben Beide gefehlt; jener dadurch, daß er den Leuten ein Aergerniß gab und nicht gleich die Sache dem Bischof gemeldet hat; der Patriarch hat gefehlt, nicht dadurch, daß er die Aergernißgeber züchtigen ließ, denn darin handelte er ganz nach seiner Pflicht, sondern dadurch, daß er die Zahl der Geißelstreiche nicht bestimmte, und daß er den Einsiedler strafen ließ, ohne seine Rechtfertigung gehört zu haben. Jedes Aergerniß ist eine schwere Sünde.

Gegebenes Aergerniß muß man durch Buße gut machen.

Ein Hofmann, der von einem Richter verfolgt wurde, floh mit seiner ganzen Familie in ein ägyptisches Kloster. Einer der Brüder verfehlte sich mit dessen Weibe, wodurch er Allen im Kloster ein großes Aergerniß gab, denn er war Diakon. Dieser bereute seine Sünde, ließ sich von einem Bruder in einem dunklen Orte einschließen und that von ganzem Herzen wahre Buße. Nach der Zeit wollte das Wasser im Nil nicht steigen, das Getreide verdarb, es entstand Hunger, man hielt öffentliche Bittgänge, worauf einem Altvater geoffenbart wurde, das Wasser werde nicht eher steigen, bis jener Diakon aus seinem Verstecke hervorgehe und für sie bete. Man suchte ihn, fand ihn und führte ihn zum Nil. Auf sein Gebet stieg das Wasser; Jene, welche sich früher an seinem Sündenfalle geärgert hatten, erbauten sich nun an seiner Buße; das Aergerniß war getilgt. –

So muß ein Jeder, der früher durch Unzucht, Ehebruch, Liederlichkeit, Vernachlässigung des Gottesdienstes und der heiligen Sakramente, durch knechtliche Arbeiten am Sonntage, durch Spiel und Trunk, durch Dieberei, Betrug und falsches Zeugniß, durch Brandlegung und Rache ein Aergerniß gegeben, dieses durch ein bußfertiges Leben wieder gut machen.

Aergerniß soll man sorgfältig vermeiden.

Die selige Alexandra hatte Gott ihre Jungfrauschaft gelobt. Es entbrannte aber ein Mann gegen sie in rasender Liebe. Alle Vorstellungen waren vergeblich; je mehr sie ihm zuredete, seine Leidenschaft zu ersticken, desto brennender wurde sie und mit ihr entzündete sich die Fleischeslust, der Argwohn, der Neid, die Eifersucht, als ob sie Andere liebte; kurz, sie sah ein, daß sie diesem Manne zum Aergernisse gereichte und daß sie seine Seele unwillkührlich mit schweren Sünden belastete.

Um nun dieses Aergerniß mit Einem Male ganz aus dem Weg zu räumen, entschloß sie sich, sich in ein Grabmal einmauern zu lassen, wo ihr eine vertraute Person durch eine kleine Oeffnung das Essen reichte. So lebte sie zehn Jahre und entschlief selig. –

Wollte Gott, daß viele leichtfertige Mädchen und Jünglinge, junge Männer und Weiber, von dieser Heiligen lernten, jedes Aergerniß mit Aengstlichkeit und Strenge zu vermeiden; wehe ihnen, da sie gerade das Gegentheil thun und alle Künste der Schmeichelei und Gefallsucht aufbieten, um sündhafte Begierden und unkeusche Liebe zu erregen!

Aergerniß soll man sorgfältig vermeiden.

In Jerusalem wohnte eine Klosterfrau, welche gottselig lebte und im Guten zunahm. Der Teufel beneidete die Jungfrau und flößte einem Jüngling eine unreine, höllische, sündhafte Liebe zu ihr ein.

Obschon sie an dem Aergernisse nicht schuld war, fühlte sie doch Mitleid mit dem Verderben des Jünglings, nahm etliche Brode und begab sich in die Wüste, um durch ihre Entfernung den Jüngling von dieser Versuchung zu befreien, sich selbst aber größere Verdienste zu erwerben.

Um ihre Heiligkeit zu offenbaren, gefiel es Gott, daß ein Einsiedler nach siebenzehn Jahren sie am Jordan erblickte, welcher von ihr erfuhr, daß sie bereits siebenzehn Jahre in der Wüste lebte, daß sie selbst von Niemandem gesehen werden konnte, während sie Alle sah; daß ihr Rock ausgehalten und die Brode, die sie mitgenommen, nicht abgenommen haben.

So sehr gefällt es Gott, wenn Jemand aus zarter Gewissenhaftigkeit auch solche Aergernisse vermeidet, die er nicht absichtlich gegeben, und deren Sünden ihm also auch nicht zugerechnet werden!

Die christliche Liebe gebietet, daß man auch eingebildete Aergernisse vermeide.

In Ostindien erschienen im sechzehnten Jahrhunderte die katholischen Missionäre mit den Portugiesen.  Leider konnten sie Anfangs nicht viele Bekehrungen machen; denn die Indier verabscheuen geistliche Getränke, essen kein Fleisch, trinken keine Milch und fasten sehr oft; so schreibt es ihnen ihre heidnische Religion vor. Auch ist das Volk in Kasten oder Stände getheilt; der niedrigste, die Parias, ist von aller Berührung mit höheren Ständen ausgeschlossen; wer sie berührt, wird unrein, muß sich waschen und bis dahin von Anderen ferne halten. Der angesehenste Stand sind die Brahminen, welche ein äußerst abgetödtetes Leben führen.

Um nun Seelen zu retten, mußten sie das eingebildete Aergerniß vermeiden. Da sie sich den heiligen Paulus zum Vorbilde nahmen, welcher sagt: „Alles ist mir erlaubt, aber nicht Alles erbaut. Wenn das Fleischessen meinen Bruder ärgert, so will ich niemals Fleisch essen,“ so faßten sie den Entschluß und gelobten es Gott, nichts Geistiges und keine Milch zu trinken, kein Thier zu tödten oder zu schlachten und kein Fleisch zu essen, sondern wie die Indier von Früchten zu leben, öfters zu baden und strenge zu fasten.

So gaben sie ihnen kein Aergerniß und gewannen Seelen für Christus. Um auch auf die höheren Stände Einfluß zu gewinnen, kleideten sich einige wie die Brahminen und lebten wie sie und machten auch unter ihnen große Bekehrungen. Sehet, wie die christliche Liebe auch solche eingebildete Aergernisse zu vermeiden bedacht ist!

Anmerkung ETIKA: Jene Inder lebten wohl gottgefälliger als die meisten sogenannten Christen heute.

Teil III

Gegebenes Aergerniß muß man durch Buße gut machen.

Die heilige Margaretha von Kortona ward 1249 zu Alviano im Toskanischen geboren. Da sie frühzeitig ihre Mutter verlor und mit ihr die treue und sorgsame Pflegerin ihrer Kindheit, so geschah es, daß sie, sich selbst überlassen, frühzeitig in böse Gelegenheiten gerieth.

·       Schön von Gestalt und dabei eitel und gefallsüchtig, zog sie die Augen nichtswürdiger Menschen auf sich und fiel in schändliche Sünden.

Ein freies ungebundenes Leben liebend, verließ sie in ihrem sechzehnten Jahre das väterliche Haus und lebte neun Jhre mit einem Edelmanne in einem verbotenen Umgange und ein Kind war die Frucht ihres sündhaften Lebenswandels.

Gott erbarmte sich der Unglücklichen. Ihr Liebhaber begab sich eines Tages Geschäfte halber auf´s Land, wurde von Räubern erschlagen und verscharrt. Das Hündchen, das er bei sich hatte,  blieb zwei Tage und zwei Nächte bei der Grube; am dritten Tag kam das treue Thier winselnd zu Margaretha und zog sie beim Kleide auf die Thüre zu, zum Zeichen, sie möchte mitgehen. Margaretha, nichts Gutes ahnend, folgte ihm.

Mit Entsetzen starrte sie den von Würmern zerfressenen Leib ihres Liebhabers an. Bei diesem Anblicke war ihr, als fiele eine Zentnerlast auf ihr Herz. Sie bedachte die Menge und Schwere ihrer Sünden, und laut schrie sie auf: Wo wird seine arme Seele sein?

Dieß war die Stunde der Gnade. Zitternd und bebend, aber Gott heilig versprechend, für ihre Sünden zu büßen und nie mehr zu sündigen, nimmt sie ihr Kind und fällt ihrem Vater zu Füßen, um Aufnahme bittend. Die Stiefmutter gibt dieß nicht zu.

Margaretha fleht zu Gott um Hilfe; da nahmen sie zwei mitleidige edle Frauen in ihre Wohnung auf. Fest entschlossen, das Leben einer Büßerin zu führen, tritt sie in den Orden der heiligen Klara und brachte dreiundzwanzig Jahre in der allerstrengsten Buße zu.

·       Sie lebte nur von Wasser und Brod, ihr Bett war die Erde, ihr Kissen ein Stein; täglich geißelte sie sich, immer vergoß sie Thränen der Reue; den größten Theil der Nacht betrachtete sie das bittere Leiden des Herrn.
(Anmerkung ETIKA: Darüber können heutige Päpste, Kardinäle, Bischöfe sowie die meisten Priester und Ordensleute nur verständnislos lachen. Denn sie predigen und praktizieren ja die entgegengesetzte Methode: sich selbst mit seinen Sünden annehmen, nur ja nicht Gott und seine Strafen fürchten. Soweit ist es gekommen.)

Wer sein Aergerniß durch solche Buße gut macht, der kann noch ein Heiliger werden, wie Margaretha.

Aergerniß muß man gutmachen durch Abbitte und Selbstanklage.

In einer ägyptischen Stadt lebte eine Buhlerin, mit Namen Thais, von einer solchen Schönheit, daß Viele um ihretwillen ihre Besitzungen verkauften, und in die äußerste Armuth geriethen. Ihre Buhler kamen oft miteinander in Streit und verwundeten einander.

Als dieß der heilige Paphnutius hörte, zog er weltliche Kleider an, steckte Geld zu sich und ging in ihr Haus. Sie führte ihn in ein abgelegenes Zimmer. Er sprach:

„Wenn im Hause noch ein abgelegeneres Zimmer ist, so wollen wir in dasselbe gehen.“

Sie antwortete:

„Es gibt zwar noch eins; allein, wenn du nur die Menschen fürchtest, so kann ich dich versichern, daß wir auch hier sicher sind; wenn du aber Gott fürchtest, so wisse, daß man sich nirgends vor seinen Augen verbergen kann.“

Als der Greis das hörte, fragte er sie:

„Weißt du denn auch, daß es einen Gott gibt?“

Sie antwortete:

„Ich weiß, daß es einen Gott und ein künftiges Leben und für die Sünder ewige Qualen gibt.“

Der Heilige sprach nun:

„Wenn du das weißt, warum hast du so viele Seelen verführt und zu Grunde gerichtet, so daß du nicht bloß für deine, sondern auch für ihre Sünden wirst gerichtet und verdammt werden?“

Auf diese Worte stürzte Thais zu den Füßen des Heiligen und flehte mit Thränen:

„Vater, lege mir eine Buße auf; wenn du für mich betest, hoffe ich, Verzeihung zu erlangen. Ich bitte dich nur um eine Frist von drei Stunden, dann will ich kommen, wohin du mich verlangst, und thun, was du mir befiehlst!“

Paphnutius bestimmte ihr den Ort, wohin sie kommen sollte; sie aber ging hin, nahm Alles, was sie durch die Sünde erworben hatte, und verbrannte es am Markte im Angesichte des Volkes und rief:

„Kommet Alle, die ihr mit mir gesündiget habet und sehet, wie ich euere Geschenke verbrenne; von nun an will ich Buße thun.“

Sie ging mit Paphnutius, ließ sich in ein Kloster verschließen und that Buße bis an ihr Ende. –

Ahmet sie nach, wenn ihr Aergernisse gegeben habet!

Die Heiligen entfernten jedes Aergerniß mit eigener Aufopferung.

In Alexandria führte ein Mädchen in ihrem Hause das Leben einer Nonne, fastete, wachte des Nachts, und gab viele Almosen, denn sie war nur auf ihr Seelenheil bedacht.

Der neidische Teufel konnte die Tugenden dieser Jungfrau nicht länger ertragen und suchte ihr Unheil zu bereiten.

Er reizte einen Jüngling zu schändlichen Begierden gegen sie an, so daß sich ihr der Jüngling in den Weg stellte und ihr unverschämte Dinge sagte, so oft sie in die Kirche ging. Er belästigte sie so, daß sie nicht mehr aus dem Hause zu gehen wagte.

Eines Tages schickte sie ihre Magd zu ihm und ließ ihn ersuchen, zu ihr zu kommen. Voll Freude eilte der Jüngling hin, in der Meinung, mit ihr sündigen zu können.

Die Jungfrau fragte ihn, warum er sie so sehr belästige? Er antwortete:

„Ich liebe dich gar zu sehr und so oft ich dich sehe, wird meine Begierde nach dir entflammt.“

Sie fragte weiter:

„Was siehst du denn Schönes an mir, das dich zur Liebe reizt?“

Er antwortete:

„Deine Augen haben mich verführt.“

Als die Jungfrau dieß hörte, ergriff sie ein Messer und stach sich sogleich die Augen aus.

Der Jüngling wurde bei diesem Anblicke si im Herzen zerknirscht, daß er der Welt entsagte und ein vortrefflicher Mönch wurde.

So sehr mieden die Heiligen jedes Aergerniß, wenn es auch ihrerseits ohne alle Schuld war!

Wir sollen unseren Mitmenschen kein Aergerniß geben.

Es kamen zwei Brüder von dem Lande, den heiligen Vater Franziskus Seraphikus zu besuchen. Der ältere gab den jüngeren auf dem Wege einige Aergernisse.

Der Heilige fragte diesen, wie sein Gefährte auf dem Wege sich gegen ihn verhalten habe? Auf die Antwort: Sehr wohl! fügte er bei:

Hüte dich, Bruder, daß du unter dem Scheine der Demuth nicht lügest! denn ich weiß es; ich weiß, was geschehen ist; aber warte ein wenig und du wirst es sehen.

Der jüngere Bruder verwunderte sich, wie die Sünde des Gefährten dem Manne Gottes bekannt sei.

Der ältere Bruder, verhärtet, bereute seine Sünde nicht und trat nach wenigen Tagen aus dem Orden. Gott hat ihn wegen des Aergernisses mit der Entziehung der Gnade der Beharrlichkeit gestraft.

Übersicht über Neue Gleichnisse - Index 18 B ETIKA-Bibliothek