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Ehmig: Gleichnisse |
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Aergerniß |
24.2.2009 |
Neue Gleichnisse, Beispiele und Erzählungen
über die katholischen Glaubens- und Sittenlehren für Religionslehrer, Prediger
und Katecheten, zugleich ein nützliches Lesebuch für christliche Familien.
Gesammelt und alphabetisch geordnet von P. Franz Ehmig,
em. Pfarrer zu Mosern, Leitmeritzer
Diözese. Regensburg. Druck und Verlag von Georg Joseph Manz. 1867. Erster Band.
Stichwort: Aergerniß
Teil I
Kinder nehmen leicht Aergerniß
an den Reden und Handlungen der Erwachsenen.
Kinder gleichen in ihrem Nachahmungstriebe
den Affen. Was diese Thiere von Menschen thun sehen,
das machen sie nach und gerade dieser Trieb dient ihnen zum Verderben, weil sie
dadurch gefangen werden. Wenn in den asiatischen und afrikanischen Wäldern
Affen in den Bäumen sitzen, so waschen sich die Menschen das Gesicht, stellen
eine Schüssel mit Lehmwasser hin und entfernen sich. Kaum sind sie fort, so
steigen die Affen herunter, waschen sich, verkleben sich die Augen und werden
gefangen.
Gerade so stark ist der Nachahmungstrieb
auch in den Kindern, was man auf allen Gassen sehen kann, wo sie das Brodbacken, das Fuhrwerken, das Kinderwiegen und Anderes
nachahmen, was sie an Erwachsenen sehen. Da sie das Gute und das Böse noch
nicht kennen und zu unterscheiden wissen, aber Alles nachsagen und nachthun und sich daran gewöhnen: so ist die äußerste
Behutsamkeit nöthig, um ihnen kein Aergerniß zu geben, das heißt: in ihrer Gegenwart nichts
Böses zu thun und zu reden. Gedenken wir stets der
Worte Jesu:
Wer eins von diesen Kleinen, die an mich glauben, ärgert, dem wäre
besser, daß man ihm einen Mühlstein an den Hals hinge
und ihn in die Tiefe des Meeres versenkte. Wehe
der Welt der Aergernisse wegen!
Aergerniß ist eine schwere Sünde vor Gott.
Bei großem Hunger heult der Wolf
fürchterlich, dann versammeln sich die Wölfe, gehen in Schaaren auf die Jagd
und brechen selbst mit Gewalt in einsam stehende Häuser ein. Ein in einem Walde
liegendes Kloster ward einst in
einem strengen Winter jede Nacht von
einer Schaar hungriger Wölfe umlagert. Eines Abends ließ man das Thor offen
und legte ein todtes Pferd hinaus. Die Wölfe kamen
bald. An verborgenen Stricken zog man das Pferd allmählich bis mitten in den
Klosterhof zurück. Lange bedachten sich die Wölfe, ob sie durch das Thor folgen
sollten. Endlich wagte es ein alter Wolf. Man ließ ihn eine Weile ruhig an dem
Pferde fressen und endlich folgten alle Wölfe. Da schloß
man schnell hinter ihnen das Thor und die Klosterknechte umringten die Wölfe
bewaffnet. Als diese sich gefangen sahen, zerrissen sie erst den alten Wolf,
der sie verführt hatte, und dann ließen sie sich ohne alle Gegenwehr alle todt schlagen.
Wenn schon die Wölfe zu Folge ihres
Instinkts ihren Verführer straften, wie könnte Gott, der ja diesen Instinkt in
die Thiere gelegt hat, menschliche Verführer und Aergernisse ungestraft lassen, da er so ernst uns vor Aergernißgeben gewarnt und gesagt hat: Wehe dem Menschen,
der Aergerniß gibt; es wäre ihm besser, daß man ihm einen Mühlstein an den Hals hinge und ihn in
die Tiefe des Meeres versenkte. Beherziget diese Worte, ihr Erwachsenen, wenn
ihr euch unter Kindern befindet! Besonders ihr Aeltern,
Geistliche, Lehrer, Lehrmeister und Hausväter. Das Aergerniß führt die Menschen dem Teufel zu, mordet ihre
Seele und bringt sie um´s ewige Leben!
Aergernisse der Schwachen zu vermeiden.
Der Krähenaugenbaum trägt einen Samen,
dessen Genuß bloß für blindgeborne
Thiere tödtlich ist; allen
übrigen vierfüßigen Thieren und Vögeln schadet er
nichts.
So gibt es auch Aergernisse,
welche nicht den Starken, sondern den Schwachen schaden, den Schwachen im
Glauben nd im Willen. Bei Solchen muß
man sehr behutsam sein.
So gab es zur Zeit der Apostel Judenchristen, welche nicht einsehen
wollten, daß den Christen alle Speisen ohne
Unterschied, selbst das den Götzen geopferte Fleisch zu essen erlaubt ist. Von
Solchen sagt Paulus: Wenn ich meinen
Bruder ärgern sollte, so wollte ich in Ewigkeit kein Fleisch essen. Er wollte
sagen: Wenn ich von einem solchen Fleische essen und ihn durch mein Beispiel
verleiten sollte, daß er gegen sein Gewissen auch
davon esse, so würde ich ihn zur Sünde verleiten; da wollte ich lieber mich des
Fleischgenusses enthalten, als meinen Bruder zu einer Sünde verleiten.
So vorsichtig müssen auch wir unseren
schwachen Brüdern gegenüber handeln. Ich will dieß in
einigen Beispielen darlegen. Einem Abergläubigen darf man nichts von Geistererscheinungen
erzählen. Einem eifersüchtigen
Ehemanne darf man nicht mittheilen, daß dessen Frau
Besuch gehabt; es könnte ehelicher Zwist entstehen. Hast du schon zum Essen
gebetet, und es kömmt ein Fremder dazu, so bete noch
einmal. Kennst du Jemanden, der bei jedem unschuldigen Spiele in Zorn geräth, Fluch, Streit und Zank anfängt, so spiele nicht mit
ihm. Kennst du Jemanden, der keinen Widerspruch verträgt, und um Recht zu
behalten, auch eine Religionswahrheit läugnen würde,
so gib nach und schweige.
Auch Jene, die Schwächen an sich haben,
müssen den Gelegenheiten ausweichen, wo sie fallen könnten. So muß der, welcher im Spiele sich erzürnt, alles Spiel
meiden. Ich kenne einen Mann, der so schwach ist, daß
wenn er in die Gasthäuser geht, um Bier zu trinken, beinahe jedesmal sich berauscht; denn wie er das dritte Glas
trinkt, ist er seiner nicht mehr mächtig, er trinkt Nächte und Tage lang fort. Ein Solcher muß
zu Hause bleiben und den Besuch der Gasthäuser meiden, wo ihn die Gäste zum
Dableiben bereden. So oft er also in´s Gasthaus geht,
gibt er sich selbst ein Aergerniß,
da er gewiß weiß, daß er in
die Sünde der Trunkenheit fallen werde. Vermeiden wir also das Aergerniß der Schwachen; der Schwache aber gehe solchen Aergernissen aus dem Wege.
Gegebenes Aergerniß muß man durch Tugendeifer gut machen.
Wer jemals das Unglück hatte, seinen
Mitmenschen durch irgend eine öffentliche Sünde, etwa durch Unkeuschheit im
ledigen Stande, durch Ehebruch, durch das Leben in wilder Ehe, durch einen
Diebstahl, durch eine boshafte Rache, durch Liederlichkeit und Verschwendung,
oder durch Vernachlässigung des Gottesdienstes und der heiligen Sakramente, ein
Aergerniß zu geben, der muß
dasselbe durch desto strengere Tugendhaftigkeit wieder gut machen.
Ein solcher ahme die gefallenen Christen unter Kaiser Decius
nach. Derselbe erließ im Jahre 149 nach
Christus das Gesetz, seine Beamten sollten alle Geschäfte hintansetzen, und nur
die Christen ausrotten.
Galgen,
Feuer, wilde Thiere, siedendes Pech und Oel, geschmolzenes Erz, glühende Zangen u. s. w. waren
die gewöhnlichen Mittel, die Christen zu martern und zu tödten.
Sehr viele Christen errangen die Martyrerpalme, viele
wurden schwach und opferten den Götzen; reiche Christen erkauften sich auch
wohl von einem Beamten ein schriftliches Zeugniß, daß sie geopfert hätten, obgleich dieß
nicht geschehen war, und konnten sich damit gegen fernere Untersuchung
schützen.
Diese Gefallenen wurden einer schweren Buße
unterzogen, weil sie ihren christlichen Mitbrüdern ein
schweres Aergerniß gegeben hatten. Da schickte Gott
schreckliche Plagen über die Heiden. Die barbarischen Völker fielen
das Reich von allen Seiten an. Neunzehn Heerführer nannten sich zu gleicher
Zeit römische Kaiser. Erdbeben und Ueberschwemmungen
zerstörten ganze Städte und endlich kam
zu allem Jammer noch die Pest, welche in Rom täglich Tausende wegraffte. Die
Heiden nahmen die Flucht, ließen ihre kranken Angehörigen ohne Pflege liegen,
oder warfen sie, ehe sie noch verschieden waren, auf die Straße, ohne sich
weiter um sie oder ihre Beerdigung zu kümmern. Die Christen traten aber hier
als schützende Engel ein; namentlich glänzten jetzt jene, welche in der Decianischen Verfolgung schwach gewesen waren, als barmherzige Samariter und errangen die Martyrerkrone im Dienste der Nächstenliebe; sie verpflegten
nicht nur ihre eigenen Kranken, sondern nahmen sich auch der verlassenen Heiden
an; viele von ihnen wurden angesteckt und starben und andere traten in ihre
Stelle. So machten diese Gefallenen das gegebene Aergerniß durch Barmherzigkeit wieder gut. Ahme sie Jeder nach, der seinen
Mitmenschen irgend ein Aergerniß
gegeben hat.
Aergerniß gegeben aus christlicher Liebe und aus Antrieb
des heiligen Geistes.
Ein Altvater
verließ sein Kloster und wohnte in der großen Stadt Alexandria auf dem Thore in einer kleinen Zelle, zur Zeit des
heiligen Patriarchen Johannes des Almosengebers. Sein erstes Geschäft war, die Namen aller Freudenmädchen und öffentlichen Sünderinnen aufzuschreiben.
Er war sechzig Jahre alt und verdiente
täglich ungefähr fünfzehn Kreuzer, wovon er einen zu seinem Lebensunterhalte
verwendete. Beim Sonnenuntergange aß er, dann ging er zu einem solchen Mädchen,
schenkte ihr sein Geld, blieb bei ihr die Nacht und bat sie, keine Unzucht zu
treiben; er selbst stand in einem Winkel und betete die ganze Nacht für sie.
Am Morgen nahm er ihr das Versprechen ab,
Niemandem zu sagen, was er gethan hätte.
So
machte er es lange, bis es eines dieser Mädchen kund machte, daß er nämlich nicht zu ihnen gehe, um mit ihnen zu
sündigen, sondern um für sie zu beten und sie zu bekehren. Auf das Gebet des
Greises wurde dieses Mädchen vom Teufel geschlagen, deßhalb
schwiegen die anderen. (Anmerkung: eine
etwas irreführende Passage)
Die Menschen nahmen ein Aergerniß
an ihm und glaubten, er gehe zu ihnen, um zu sündigen; sie tadelten ihn und
sagten:
Ziehe dein
Mönchsgewand aus und nimm dir ein Weib, denn du gibst deinen Mitmenschen Aergerniß und begehst eine schwere Sünde!
Er antwortete: Sorget nur für euch; für
mich werdet ihr keine Rechenschaft geben dürfen; Gott ist mein Richter und am
Gerichtstage wird Alles an´s Licht kommen.
Man verklagte ihn auch beim heiligen
Patriarchen Johannes; doch dieser urtheilte nicht
voreilig. Der Einsiedler that so fortwährend und bat
Gott nur um dieses, daß er es nach seinem Tode
Einigen offenbaren wolle, damit das gegebene Aergerniß Niemandem zum Falle gereichen möchte.
Der Bemühung des heiligen Vitalius, so hieß er, brachte
viele dergleichen Weibspersonen zur Sinnesänderung; einige heiratheten
und führten einen züchtigen Lebenswandel; andere entsagten ganz und gar der
Welt und führten ein zurückgezogenes Leben; aber bis zu seinem Hinscheiden wußte Niemand, daß sich diese
Sünderinnen auf sein Zureden und Gebet bekehrten.
Als der heilige Vitalis eines Morgens
wegging, begegnete ihm ein Wollüstling, der ihm einen Backenstreich gab mit den
Worten: „Wie lange, du Heuchler, wirst du nicht von deinem wollüstigen Leben
ablassen?“ Vitalius entgegnete: „Glaube mir, du wirst
von mir armseligen Menschen auch einen Backenstreich bekommen, daß auf dein Geschrei ganz Alexandria zusammen laufen
wird!“ Nahe bei seiner Zelle war eine Kirche, in welcher der Heilige diese
Weibspersonen zu versammeln und zu unterrichten pflegte.
Der Heilige starb in seiner Zelle, ohne daß es Jemand wußte; in diesem
Augenblick schlug der Teufel jenen Wollüstling in´s
Gesicht und sprach: „Da hast du den Backenstreich, den dir Vater Vitalis
schickt.“ Ganz Alexandria versammelte sich, denn der Streich wurde weithin
gehört. Der Geschlagene lief zur kleinen Zelle und sprach laut: „Diener Gottes Vitalius, ich habe mich gegen dich versündiget, erbarme
dich meiner, vergib mir!“
Man fand den Heiligen knieend
und betend gestorben. Auf dem Fußboden fand man geschrieben: „Ihr Männer von
Alexandria, beurtheilt Niemanden vor der Zeit, bis
der Herr kömmt!“
Nun erzählten alle Sünderinnen, wie er mit
ihnen umgegangen, daß er nicht der Sünde wegen zu
ihnen gekommen, daß er keine auch nur bei der Hand
genommen, sondern die ganze Nacht gebetet hab. Vitalius
wurde feierlich beerdigt und auf seinem Grabe geschahen wunderbare Heilungen.
Das gegebene Aergerniß hat Gott behoben und die
Alexandriner wurden von nun an viel vorsichtiger im Beurtheilen
der Mitmenschen, als es bis dahin der Fall war; wahrscheinlich hat Gott dieses
scheinbare Aergerniß zugelassen, um sie vor
freventlichen und voreiligen Urtheilen zu warnen.
Siehe, lieber Christ, wenn du in die Lage kömmst, ein Liebeswerk der Barmherzigkeit zu erweisen, du
aber überzeugt bist, daß du selbst nicht sündigen
wirst: dann übe dieses Werk, wenn du auch ein Aergerniß
gibst und dir üble Nachrede zuziehst. Tröste dich mit deinem guten Bewußtsein. Aehnliche Fälle
kommen häufig im Leben vor, wo man etwas Gutes thun
soll, ohne es bekannt machen zu dürfen, warum man es thut;
wodurch es dann den Anschein eines Aergernisses
gewinnt und der Handelnde von seinen Mitmenschen falsch beurtheilt
wird.
Teil II
Aergerniß geben ist strafbar vor Gott und den Menschen.
Wer so lebt und redet oder so etwas thut, woraus Andere vermuthen
müssen, er begehe eine schwere Sünde, und woraus minder Unterrichtete den Schluß ziehen könnten, es sei dieß
keine Sünde: wenn es Der thut, darf ich es auch thun, der begeht die Sünde des Aergernisses,
wenn er auch in der That nicht sündigt, sondern nur
den Schein von sich gibt, und er ist strafbar vor Gott und den Menschen; um so
strafbarer ist er aber, wenn er wirklich sündigt und dabei ein Aergerniß gibt.
Zur Zeit des heiligen Patriarchen Johannes des Almosengebers in Alexandria ging ein Einsiedler im Mönchsgewande mit einer jungen Weibsperson in der Stadt herum
und sammelte Almosen. Johannes erfuhr dieses. Da er sich als Bischof
verpflichtet fühlte, solche Sünden und Aergernisse,
wobei der Mönchsstand beschimpft wurde, zu verhüten: befahl er, die Weibsperson
zu geißeln und vom Einsiedler
abzusondern, diesen aber zu geißeln und in den Kerker zu werfen.
Die Diener vollzogen
diesen Befehl mit einer Art Grausamkeit, was der heilige Johannes nicht
gewollt. Im Schlafe sah der heilige Johannes in einer Erscheinung den
Einsiedler, der ihm seinen zerfleischten Rücken zeigte, indem er sprach: „Du hast dich geirrt!“
Als Johannes am Morgen erwachte, war er
traurig und ließ den Einsiedler aus seinem Gefängnisse holen, um sich den
Rücken zeigen zu lassen. Dieser konnte wegen der Wunden kaum gehen. Als er den
Rücken entblößte, fiel durch Gottes Fügung das Kleid herab; da sahen nun alle, daß er ein Verschnittener sei und nicht gegen die
Keuschheit sündigen könne. Der Patriarch strafte Diejenigen, die ihn so
unüberlegt mißhandelt hatten, strenge.
Der Einsiedler gab nun Rechenschaft über
sein Thun und erzählte: Das Mädchen sei eine Jüdin, wolle Christin werden, habe von den Ihrigen deßhalb viele Mißhandlungen
erlitten und ihn fußfällig gebeten, sie zu retten und in ein Kloster zu
bringen; da er als Verschnittener keine Versuchungen zu fürchten hatte, habe er
sich erbarmet und Almosen gesammelt, um sie in einem Kloster unterzubringen.
Der Patriarch sorgte nun für die Aufnahme dieses Mädchens ins Kloster. –
Der Einsiedler und der Patriarch haben Beide gefehlt; jener dadurch, daß er den Leuten ein Aergerniß
gab und nicht gleich die Sache dem Bischof gemeldet hat; der Patriarch hat
gefehlt, nicht dadurch, daß er die Aergernißgeber züchtigen ließ, denn darin handelte er ganz
nach seiner Pflicht, sondern dadurch, daß er die Zahl
der Geißelstreiche nicht bestimmte, und daß er den
Einsiedler strafen ließ, ohne seine Rechtfertigung gehört zu haben. Jedes Aergerniß ist eine schwere
Sünde.
Gegebenes Aergerniß muß man durch Buße gut machen.
Ein Hofmann, der von einem Richter verfolgt
wurde, floh mit seiner ganzen Familie in
ein ägyptisches Kloster. Einer der Brüder verfehlte sich mit dessen Weibe,
wodurch er Allen im Kloster ein großes Aergerniß gab, denn er war Diakon. Dieser bereute seine
Sünde, ließ sich von einem Bruder in einem dunklen Orte einschließen und that von ganzem Herzen wahre Buße. Nach der Zeit wollte das
Wasser im Nil nicht steigen, das Getreide verdarb, es entstand Hunger, man hielt
öffentliche Bittgänge, worauf einem Altvater geoffenbart wurde, das Wasser
werde nicht eher steigen, bis jener Diakon aus seinem Verstecke hervorgehe und
für sie bete. Man suchte ihn, fand ihn und führte ihn zum Nil. Auf sein Gebet
stieg das Wasser; Jene, welche sich früher an seinem Sündenfalle geärgert
hatten, erbauten sich nun an seiner Buße; das Aergerniß war getilgt. –
So muß ein Jeder,
der früher durch Unzucht, Ehebruch, Liederlichkeit, Vernachlässigung des
Gottesdienstes und der heiligen Sakramente, durch knechtliche
Arbeiten am Sonntage, durch Spiel und Trunk, durch Dieberei, Betrug und
falsches Zeugniß, durch Brandlegung
und Rache ein Aergerniß gegeben, dieses durch ein
bußfertiges Leben wieder gut machen.
Aergerniß soll man sorgfältig vermeiden.
Die selige Alexandra hatte Gott ihre Jungfrauschaft gelobt. Es entbrannte aber ein Mann gegen sie in
rasender Liebe. Alle Vorstellungen waren vergeblich; je mehr sie ihm
zuredete, seine Leidenschaft zu ersticken, desto brennender wurde sie und mit
ihr entzündete sich die Fleischeslust, der Argwohn, der Neid, die Eifersucht,
als ob sie Andere liebte; kurz, sie sah ein, daß sie
diesem Manne zum Aergernisse gereichte und daß sie seine Seele unwillkührlich
mit schweren Sünden belastete.
Um nun dieses Aergerniß
mit Einem Male ganz aus dem Weg zu räumen, entschloß
sie sich, sich in ein Grabmal einmauern
zu lassen, wo ihr eine vertraute Person durch eine kleine Oeffnung
das Essen reichte. So lebte sie zehn Jahre und entschlief selig. –
Wollte Gott, daß
viele leichtfertige Mädchen und Jünglinge, junge Männer und Weiber, von dieser
Heiligen lernten, jedes Aergerniß mit Aengstlichkeit und Strenge zu vermeiden; wehe ihnen, da sie
gerade das Gegentheil thun
und alle Künste der Schmeichelei und Gefallsucht aufbieten, um sündhafte
Begierden und unkeusche Liebe zu erregen!
Aergerniß soll man sorgfältig vermeiden.
In Jerusalem
wohnte eine Klosterfrau, welche gottselig lebte und im Guten zunahm. Der Teufel beneidete die Jungfrau und
flößte einem Jüngling eine unreine,
höllische, sündhafte Liebe zu ihr ein.
Obschon sie an dem Aergernisse
nicht schuld war, fühlte sie doch Mitleid mit dem Verderben des Jünglings, nahm
etliche Brode und begab sich in die Wüste, um durch ihre Entfernung den Jüngling von dieser
Versuchung zu befreien, sich selbst aber größere Verdienste zu erwerben.
Um ihre Heiligkeit zu offenbaren, gefiel es
Gott, daß ein Einsiedler nach siebenzehn Jahren sie
am Jordan erblickte, welcher von ihr erfuhr, daß sie
bereits siebenzehn Jahre in der Wüste lebte, daß sie
selbst von Niemandem gesehen werden konnte, während sie Alle sah; daß ihr Rock ausgehalten und die Brode,
die sie mitgenommen, nicht abgenommen haben.
So sehr gefällt es Gott, wenn Jemand aus
zarter Gewissenhaftigkeit auch solche Aergernisse
vermeidet, die er nicht absichtlich gegeben, und deren Sünden ihm also auch
nicht zugerechnet werden!
Die christliche Liebe gebietet, daß man auch eingebildete Aergernisse
vermeide.
In Ostindien
erschienen im sechzehnten Jahrhunderte
die katholischen Missionäre mit den Portugiesen. Leider konnten sie Anfangs nicht viele
Bekehrungen machen; denn die Indier verabscheuen
geistliche Getränke, essen kein Fleisch, trinken keine Milch und fasten sehr
oft; so schreibt es ihnen ihre heidnische Religion vor. Auch ist das Volk in
Kasten oder Stände getheilt; der niedrigste, die Parias, ist von aller Berührung mit
höheren Ständen ausgeschlossen; wer sie berührt, wird unrein, muß sich waschen und bis dahin von Anderen ferne halten.
Der angesehenste Stand sind die Brahminen,
welche ein äußerst abgetödtetes Leben führen.
Um nun Seelen zu retten, mußten sie das eingebildete Aergerniß vermeiden. Da sie sich den heiligen Paulus zum
Vorbilde nahmen, welcher sagt: „Alles ist mir erlaubt, aber nicht Alles erbaut.
Wenn das Fleischessen meinen Bruder ärgert, so will ich niemals Fleisch essen,“ so faßten sie den Entschluß und gelobten es Gott, nichts Geistiges und keine
Milch zu trinken, kein Thier zu tödten oder zu schlachten und kein Fleisch zu essen,
sondern wie die Indier
von Früchten zu leben, öfters zu baden und strenge zu fasten.
So gaben sie ihnen kein Aergerniß
und gewannen Seelen für Christus. Um auch auf die höheren Stände Einfluß zu gewinnen, kleideten sich einige wie die
Brahminen und lebten wie sie und machten auch unter ihnen große Bekehrungen.
Sehet, wie die christliche Liebe auch solche eingebildete Aergernisse
zu vermeiden bedacht ist!
Anmerkung
ETIKA: Jene Inder lebten wohl gottgefälliger als die meisten sogenannten
Christen heute.
Teil III
Gegebenes Aergerniß muß man durch Buße gut machen.
Die heilige Margaretha von Kortona ward 1249 zu Alviano im Toskanischen
geboren. Da sie frühzeitig ihre Mutter verlor und mit ihr die treue und sorgsame Pflegerin ihrer Kindheit, so geschah es,
daß sie, sich selbst überlassen, frühzeitig in böse
Gelegenheiten gerieth.
· Schön von Gestalt und dabei eitel
und gefallsüchtig, zog sie die Augen
nichtswürdiger Menschen auf sich und fiel in schändliche Sünden.
Ein freies ungebundenes Leben liebend, verließ sie in ihrem sechzehnten Jahre das väterliche Haus und lebte neun Jhre mit einem Edelmanne in einem verbotenen Umgange und
ein Kind war die Frucht ihres sündhaften Lebenswandels.
Gott erbarmte sich der Unglücklichen. Ihr
Liebhaber begab sich eines Tages Geschäfte halber auf´s
Land, wurde von Räubern erschlagen
und verscharrt. Das Hündchen, das er
bei sich hatte, blieb zwei Tage und zwei
Nächte bei der Grube; am dritten Tag kam das treue Thier winselnd zu Margaretha
und zog sie beim Kleide auf die Thüre zu, zum Zeichen,
sie möchte mitgehen. Margaretha, nichts Gutes ahnend, folgte ihm.
Mit Entsetzen starrte sie den von Würmern
zerfressenen Leib ihres Liebhabers
an. Bei diesem Anblicke war ihr, als fiele eine Zentnerlast auf ihr Herz. Sie
bedachte die Menge und Schwere ihrer Sünden, und laut schrie sie auf: Wo wird
seine arme Seele sein?
Dieß war die Stunde
der Gnade. Zitternd und bebend, aber Gott heilig versprechend, für ihre Sünden
zu büßen und nie mehr zu sündigen, nimmt sie ihr Kind und fällt ihrem Vater zu
Füßen, um Aufnahme bittend. Die Stiefmutter gibt dieß
nicht zu.
Margaretha fleht zu Gott um Hilfe; da
nahmen sie zwei mitleidige edle Frauen in ihre Wohnung auf. Fest entschlossen,
das Leben einer Büßerin zu führen, tritt sie in den Orden der heiligen Klara und
brachte dreiundzwanzig Jahre in der
allerstrengsten Buße zu.
· Sie lebte nur von
Wasser und Brod, ihr Bett war die Erde, ihr Kissen ein Stein; täglich geißelte
sie sich, immer vergoß sie Thränen
der Reue; den größten Theil der Nacht betrachtete sie
das bittere Leiden des Herrn.
(Anmerkung ETIKA: Darüber können heutige
Päpste, Kardinäle, Bischöfe sowie die meisten Priester und Ordensleute nur
verständnislos lachen. Denn sie predigen und praktizieren ja die
entgegengesetzte Methode: sich selbst mit seinen Sünden annehmen, nur ja nicht
Gott und seine Strafen fürchten. Soweit ist es gekommen.)
Wer sein Aergerniß durch solche Buße gut macht, der kann noch ein
Heiliger werden, wie Margaretha.
Aergerniß muß man gutmachen durch
Abbitte und Selbstanklage.
In einer ägyptischen Stadt lebte eine Buhlerin,
mit Namen Thais, von einer solchen
Schönheit, daß Viele um ihretwillen ihre Besitzungen
verkauften, und in die äußerste Armuth geriethen. Ihre Buhler kamen oft miteinander in Streit und
verwundeten einander.
Als dieß der
heilige Paphnutius hörte, zog er weltliche Kleider an,
steckte Geld zu sich und ging in ihr Haus. Sie führte ihn in ein abgelegenes
Zimmer. Er sprach:
„Wenn im Hause noch ein abgelegeneres Zimmer
ist, so wollen wir in dasselbe gehen.“
Sie antwortete:
„Es gibt zwar noch eins; allein, wenn du nur die Menschen fürchtest, so
kann ich dich versichern, daß wir auch hier sicher
sind; wenn du aber Gott fürchtest, so wisse, daß man
sich nirgends vor seinen Augen verbergen kann.“
Als der Greis das hörte, fragte er sie:
„Weißt du denn auch, daß es einen Gott gibt?“
Sie antwortete:
„Ich weiß, daß es einen Gott und ein künftiges Leben und für die
Sünder ewige Qualen gibt.“
Der Heilige sprach nun:
„Wenn du das weißt, warum hast du so viele Seelen verführt und zu Grunde
gerichtet, so daß du nicht bloß für deine, sondern auch für ihre Sünden wirst gerichtet
und verdammt werden?“
Auf diese Worte stürzte Thais zu den Füßen
des Heiligen und flehte mit Thränen:
„Vater, lege mir eine Buße auf; wenn du für mich betest, hoffe ich,
Verzeihung zu erlangen. Ich bitte dich nur um eine Frist von drei Stunden, dann will ich kommen, wohin du mich
verlangst, und thun, was du mir befiehlst!“
Paphnutius bestimmte ihr
den Ort, wohin sie kommen sollte; sie aber ging hin, nahm Alles, was sie durch
die Sünde erworben hatte, und verbrannte es am Markte im Angesichte des Volkes
und rief:
„Kommet Alle, die ihr mit mir gesündiget
habet und sehet, wie ich euere Geschenke verbrenne;
von nun an will ich Buße thun.“
Sie ging mit Paphnutius,
ließ sich in ein Kloster verschließen und that Buße
bis an ihr Ende. –
Ahmet sie nach, wenn ihr Aergernisse gegeben habet!
Die Heiligen entfernten jedes
Aergerniß mit eigener Aufopferung.
In Alexandria
führte ein Mädchen in ihrem Hause das Leben einer Nonne, fastete, wachte des
Nachts, und gab viele Almosen, denn sie war nur auf ihr Seelenheil bedacht.
Der
neidische Teufel konnte die Tugenden dieser Jungfrau nicht länger ertragen und suchte ihr Unheil zu bereiten.
Er reizte
einen Jüngling zu schändlichen Begierden gegen sie an, so daß sich ihr der Jüngling in den Weg stellte und ihr
unverschämte Dinge sagte, so oft sie in die Kirche ging. Er belästigte sie so, daß sie nicht mehr aus dem Hause zu gehen wagte.
Eines Tages schickte sie ihre Magd zu ihm
und ließ ihn ersuchen, zu ihr zu kommen. Voll Freude eilte der Jüngling hin, in
der Meinung, mit ihr sündigen zu können.
Die Jungfrau fragte ihn, warum er sie so
sehr belästige? Er antwortete:
„Ich liebe dich gar zu sehr und so oft ich dich sehe, wird meine
Begierde nach dir entflammt.“
Sie fragte weiter:
„Was siehst du denn Schönes an mir, das dich zur Liebe reizt?“
Er antwortete:
„Deine Augen haben mich verführt.“
Als die Jungfrau dieß
hörte, ergriff sie ein Messer und stach sich sogleich die Augen aus.
Der Jüngling wurde bei diesem Anblicke si
im Herzen zerknirscht, daß er der Welt entsagte und
ein vortrefflicher Mönch wurde.
So sehr mieden die Heiligen jedes Aergerniß, wenn es auch
ihrerseits ohne alle Schuld war!
Wir sollen unseren Mitmenschen kein
Aergerniß geben.
Es kamen zwei Brüder von dem Lande, den heiligen Vater Franziskus
Seraphikus zu besuchen. Der ältere gab den jüngeren
auf dem Wege einige Aergernisse.
Der Heilige fragte diesen, wie sein
Gefährte auf dem Wege sich gegen ihn verhalten habe? Auf die Antwort: Sehr
wohl! fügte er bei:
Hüte dich,
Bruder, daß du unter dem Scheine der Demuth nicht lügest! denn ich weiß es; ich
weiß, was geschehen ist; aber warte ein wenig und du wirst es sehen.
Der jüngere Bruder verwunderte sich, wie
die Sünde des Gefährten dem Manne Gottes bekannt sei.
Der ältere Bruder, verhärtet, bereute seine
Sünde nicht und trat nach wenigen Tagen aus dem Orden. Gott hat ihn wegen des Aergernisses mit
der Entziehung der Gnade der Beharrlichkeit gestraft.
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