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Ehmig: Gleichnisse

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18b8kenn

Kenntnis

22.5.2010
ETIKA-Bibliothek.

Neue Gleichnisse, Beispiele und Erzählungen über die katholischen Glaubens- und Sittenlehren für Religionslehrer, Prediger und Katecheten, zugleich ein nützliches Lesebuch für christliche Familien. Gesammelt und alphabetisch geordnet von P. Franz Ehmig, em. Pfarrer zu Mosern, Leitmeritzer Diözese. Regensburg. Druck und Verlag von Georg Joseph Manz. 1868. Dritter Band. Stichwort: Kenntniß. Seiten 37-39.

Neue Definition von katholisch

Kenntnis.

Der heilige Christ erlangt mehr Kenntnis in der Religion.

Wir haben Heilige, welche in der Religion so tiefe Kenntnis besaßen und so weise waren, daß Bischöfe und Päpste sie in den wichtigsten Dingen um Rat fragten, so der heilige Antonius der Einsiedler, die heilige Theresia; sie waren heilig. Die Seele gleichet dem Wasser bei stillem oder windigem Wetter. Bei Windstille kann man bis auf den Grund sehen, man sieht die Fische schwimmen, es spiegelt sich darin der Himmel, der Baum am Ufer, die Wolken, die Sterne, die Sonne, die man länger betrachten kann, als wenn man unmittelbar in sie selbst sieht. Wird aber das Wasser aufgeregt durch Winde, dann stürzt Welle über Welle her und man sieht nichts. So ist´s mit der Religion; je reiner das Herz, mit desto größerer Lust hört man die Religion, und desto tiefer dringt man in ihr Verständnis ein. Dagegen haben lasterhafte Menschen keine Freude am Wort Gottes, verstehen es auch nicht; denn Christus sagt: Selig sind, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott anschauen.

Die Kenntnis der Religion ist unserer Seele eine Leuchte.

Die Religion mit ihren Geboten und Verboten ist für unsern Verstand eine Leuchte, in deren Licht er sicher erkennt, was wahr, was gut und böse ist. Die Religion gleichet dem Lichte des Laternenkäfers. Derselbe ist sechs Zoll lang und trägt an der Stirne eine Blase mit Licht gefüllt von gleicher Länge. Diese Blase ist mit einem Phosphorlichte gefüllt und leuchtet so lange, als das Tier lebt, und so hell, daß man des Nachts dabei lesen und schreiben kann. In den Zimmern dient der Käfer als Licht auf Reisen an die Füße gebunden als Laterne. So dient uns die Religion als Licht und Leuchte für unsern Verstand und Willen, für unser Denken. Wollen, Fühlen, Reden und Handeln. Sammeln wir daher die nötigen Kenntnisse der Religion.

Man soll jede Kenntnis erwerben, die zu erlernen man Gelegenheit hat; man kann sie einmal benützen.

Alfred der Große, König von England, lernte in seiner Jugend die Harfe spielen und diese Kenntnis rettete ihm einmal das Leben und das Reich. Da Alfred die Regierung antrat, wagten die Dänen kühnere Landungen, als jemals. Alfred schlug sie achtmal in einem Jahre und immer wieder wurden sie durch neue Ankömmlinge stärker ersetzt. Am Ende mußte er flüchten. Er verkleidete sich als Landsmann und fand bei einem Schäfer Obdach, dessen Weib ihn aber nicht kennen durfte. Wohl ein Jahr blieb den Dänen Alfreds Aufenthalt unbekannt. Da erlitten sie von einem englischen Grafen Alfreds eine bedeutende Niederlage. Alfred vernahm dieses. Er hatte schon einige junge Krieger an sich gezogen, aber ehe er etwas unternahm, beschloß er, das feindliche Lager auszukundschaften. Er ging als Harfenspieler kühn ins Lager der Dänen, sang den Feinden alte Bardenlieder, behorchte ihre Gespräche und vernahm zu seiner größten Freude, daß sie durch die erlittene Niederlage allen Mut verloren hatten. Nun wußte er genug. Er eilte zu den Seinigen zurück, die sich nicht wenig wunderten, daß er noch lebe, ließ in der Stille alle streitbaren Engländer zu sich entbieten und fiel so unerwartet über die Dänen her, daß sie alle Fassung verloren und sich ergaben. Alfred schenkte ihnen Wohnsitze in seinem Lande, weil sie nach seinem Wunsch das Christentum annahmen. Niemand versäume daher irgend eine Kunst oder Kenntnis, die er zu erlernen Gelegenheit hat; denn wer weiß, wozu sie ihm einst nützlich ist.

Kenntnisse erwirbt man sich durch Fleiß und Frömmigkeit.

Die Fortschritte, die der heilige Franz von Sales in den Wissenschaften machte, hielten gleichen Schritt mit seiner Frömmigkeit; er vergaß nichts, was er unter der Zucht seiner tugendhaften Mutter erlernt hatte und wußte in kurzer Zeit Alles, was seine Lehrer im Stande waren, ihn zu lehren. Er besaß große Anlagen und ein vortreffliches Gedächtnis; diese Anlagen unterstützte er durch anhaltende Arbeit und Fleiß, wodurch er in der Folge einer der gelehrtesten und heiligsten Bischöfe der Kirche wurde.

Kenntnisse vertreiben falsche Ansichten und Aberglauben.

Unwissende Menschen sind sehr zum Aberglauben geneigt und sehen übernatürliche Kräfte, wo nur die Natur oder Kunst tätig ist. Es geht ihnen, wie den wilden Huronen in Amerika. Die Missionäre bauten sich ein Blockhaus, sechsunddreißig Fuß lang und einundzwanzig breit, welches sie in Wohnhaus und Kapelle teilten. Dieses armselige Gebäude mit seiner Einrichtung erregte bei den Wilden eine Verwunderung, die nicht enden wollte. Als sie die Wanduhr sahen, welche die Stunden schlug, da waren sie erst überzeugt, diese Uhr sei ein fremdes Tier aus dem Morgenlande; die Gelehrten des Dorfes stritten sich nur darüber, wie es leben könne, ohne zu fressen. Als sie dann später Christen geworden und in den europäischen Handwerken und Künsten unterrichtet wurden, staunten sie freilich nicht mehr.

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Anmerkung: Statt Kenntniß schreiben wir Kenntnis, statt Gedächtniß Gedächtnis, statt Rath Rat, statt thätig tätig, statt theilen teilen, statt Thier Tier und dergleichen, um die Übersetzung in andere Sprachen zu erleichtern.

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