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Ehmig: Gleichnisse

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18b8last

Laster.

6.6.2012
ETIKA-Bibliothek

Neue Gleichnisse, Beispiele und Erzählungen über die katholischen Glaubens- und Sittenlehren für Religionslehrer, Prediger und Katecheten, zugleich ein nützliches Lesebuch für christliche Familien. Gesammelt und alphabetisch geordnet von P. Franz Ehmig, em. Pfarrer zu Mosern, Leitmeritzer Diözese. Regensburg. Druck und Verlag von Georg Joseph Manz. 1868. Dritter Band. Stichwort: Laster. Seiten 208-213.

Laster.

Laster macht ungläubig.

Die Religion mit ihren geoffenbarten Wahrheiten zeigt uns die übernatürlichen Dinge in einem klaren Lichte; ohne sie würden wir von den drei göttlichen Personen, vom Himmel, von der Hölle, dem Fegefeuer, dem Gerichte nichts wissen. Mittelst der Religion kennen wir sie und fürchten Gott.

Der Lasterhafte ist entweder ganz ungläubig, oder er setzt Tod und Gericht in weite Ferne, schmeichelt sich mit einem langen Leben, hält seine Lasterthaten nicht für Sünden oder nicht für so gefährlich und tröstet sich in der Ewigkeit mit der Barmherzigkeit Gottes. Er gleichet einem ungeschickten Menschen, der das beste Fernrohr in der Hand hat, aber die Sachen mit verkehrtem Rohre ansieht, wo sie statt näher gerückt, entfernt, und statt verdeutlicht und vergrößert, verkleinert werden. Beim Christen ist die Religion eben so wenig schuld, wie bei diesem das Fernrohr.

Laster schwächen die Seelenkräfte.

Es ist zum Erstaunen klar und erwiesen, daß die Laster die Geisteskräfte der Seele und auch die des Leibes schwächen. Wer hätte dieses noch nicht bestätigt gefunden an Trinkern, die das Zittern und den Säuferwahnsinn erhalten. Wer hätte das nicht wahr gefunden an Jünglingen, welche durch Onanie und Ausschweifung so matt an Geist und Leib wurden, daß sie frühzeitig an der Abzehrung starben. Laster sind für Leibes- und Seelenkräfte das, was die Mistel für den Obstbaum ist. Anfangs nährt sie sich von faulen Säften des Baumes, dann aber zehrt sie auch die guten Säfte auf und der Baum verdorret.

Lasterhafte bessern sich schwer.

In Spanien wurde ein Dieb wegen seiner vielen Diebstähle an den Galgen gehängt. Ein vorübergehender Kaufmann bemerkte, daß der Gehenkte noch ein wenig Leben habe; da sich das Volk verlaufen hatte, schnitt er den Strick ab, nahm ihn hinter sich auf´s Pferd und rettete sein Leben. Da sie nun am Wege über so Mancherlei sprachen und da der Gehenkte bemerkte, daß der Kaufmann viel Geld bei sich trage, so ermordete der Dieb, der auch jetzt das Stehlen nicht lassen konnte, den Kaufmann mit dessen eigenem Dolche und nahm ihm das Geld ab. Reinesius in campo Elys. quaest. 66.

Ein Priester versah einen Kranken, welcher ein allbekannter Geizhals war, sprach ihm zu, konnte aber von ihm kein Wort erhalten. Sobald er aber von der Wirtschaft redete und daß der Wein aufgeschlagen sei, wovon er den Keller voll hatte, da fing er gleich an zu reden und war voll Freude. Nachdem er aber wieder Gewissenssachen einmischte, kam ihm alsbald der Schlaf und dieses geschah etliche Male, bis er endlich einen Tod genommen, der keinem Vernünftigen und Frommen gefällt.

Im Jahre 1663 war zu Würzburg ein adeliger Jüngling, mit Namen Ernest, welcher ein ordentliches und ehrbares Leben führte, bis ihn eine anverwandte Frau in ihr Haus lockte, ihn bewirthete und verführte. Er verfiel so tief in´s Laster, daß er sich dem Teufel verschrieb, in Würzburg viel Böses , ja sogar Mordthaten verübte. Der damalige Fürst-Bischof Johann von Ehrenberg wendete alle Mühe an, ihn durch die Jesuiten auf bessere Wege zu führen. Er versprach auch Besserung; doch diese hatte keinen Bestand; das Laster war bei ihm in Fleisch und Blut verwachsen; er starb unter der Hand des Scharfrichters. Stengel. de Divin. Judic. P. 4. c. 6.

Das Laster gibt dem Teufel Macht über die Menschen.

Viele Lasterhafte wurden vom Teufel besessen und die Befreiung ist bei allen Lastern häufig an die Besserung von denselben geknüpft; und das Uebel kehrt wieder, wenn diese sich versäumt. Der Bischof Altmann in Passau heilte in solcher Weise einen besessenen Kleriker; sagte ihm aber dabei voraus, daß, wenn er wieder in das Laster verfalle, wegen dessen er besessen worden, auch die Strafe abermal über ihn kommen werde. Er gebot ihm deßwegen, im Kloster mit den Brüdern ein besseres Leben zu führen. Später baten die Brüder den Bischof, daß er ihn zum Priester weihe; dieser aber erwiederte, daß es ihm nicht gedeihen werde. Zuletzt jedoch gab er den Brüdern nach und weihte ihn wirklich; fügte jedoch abermal die Warnung bei; er werde Gottes schrecklichem Urtheile nicht entgehen, wenn er das Laster nicht einstelle.

Einige Jahre hütete der Gewarnte sich wohl; nach deren Verlauf verfiel er aber wieder in dasselbe Laster und wurde sogleich besessen. Der Heilige erbarmte sich seiner und befreite ihn abermal, zum drittenmale ihn warnend. Der Mönch, gewitzigt, enthielt sich eine Zeit lang. Als aber der Bischof gestorben war, gab er sich wieder der Sünde hin. Nun nahm der unreine Geist sieben andere zu sich, die ärger waren, als er; sie fuhren ein in ihn, peinigten ihn Tag und Nacht und nöthigten ihn, seine Schande selbst vor aller Welt auszurufen. Er ward gefesselt, endlich zwar durch die Gebete der Brüder befreit, starb aber am dritten Tage mit allen Heilmitteln der Kirche versehen. Dieser war noch glücklich; Viele sterben ohne die heiligen Sakramente.

Das Laster ist ein ansteckendes Gift.

Der römische Geschichtsschreiber Salvianus schildert die Laster der alten heidnischen Römer also:

Die Sklaven stehlen und sind dem Fraße zugethan; dieß sind Sklavenlaster; doch die ganze Welt rufe ich zu Zeugen dafür an, zahlreiche, schlimmere Laster entehren die Herren.

Welcher Reiche hat sich nicht mit allen Ungerechtigkeiten, mit täglichen unmäßigen Schwelgereien, mit zügellosen Wollüsten, mit öffentlichen Räubereien, mit steten Gewaltthätigkeiten, mit unaufhörlichen Diebstählen befleckt?

Wo ist der Adelige, der nicht zum Mörder wurde, wenn er gewiß war, es ungestraft sein zu können?

Spanien, Afrika, Gallien hat man so ausgeraubt, daß diese Menschen außer dem Dasein Nichts haben.

Wo ist ein Reicher, der die eheliche Treue hält?

Welcher Haus ist nicht ein Herd von Schändlichkeiten?

Die Mehrzahl der Männer hält sich eine Menge Beischläferinnen.

Die Laster hatten auch die Christen angesteckt, selbst Söhne der Martyrer.

Der Bischof von Marseille tadelt sie scharf, daß sie die Gebote Gottes nicht erfüllen, daß sie sich durch wechselseitigen Haß zerfleischen, daß sie sich das Gut Anderer aneignen, daß sie sich im Kothe der Unkeuschheit wälzen.

Es ist leichter, sagt er, Christen mit allen Verbrechen befleckt zu finden, als solche zu finden, die von einigen rein sind; leichter, große Schuldige, als gewöhnliche Sünder zu finden. Ein großer Theil der getauften Römer gerieth in solche Sittenverderbniß, daß es unter den Gläubigen eine Art Heiligkeit war, weniger lasterhaft zu sein.

Kaum ist der Gottesdienst zu Ende, so kehren die Einen zum Diebstahl, die Anderen zur Trunkenheit, Jene zur Hurerei, diese zu Räubereien zurück.

·       Was ist das Leben der christlichen Hofleute? Ungerechtigkeit.

·       Was ist das Leben der Staatsdiener? Lügen und Verläumdungen!

·       Was ist das Leben der Kriegsleute? Gewaltthätigkeit und Raub!

·       Was ist das Leben der Geschäftsleute? Betrug und Täuschung.

Ach, unsere Laster enterben uns des schönen Namens: Christen! Da es keinen Stand gibt, der nicht befleckt, keinen Ort, der nicht mit Abscheulichkeiten der Christen erfüllt ist, so rühmen wir uns nicht mehr dieses Namens. O wie ansteckend ist das Laster, da es sich selbst den ersten ernsten strengen Christen wie giftiges Miasma (Anmerkung: laut Keysers Fremdwörterlexikon: Pesthauch, Bodenausdünstung, die nach veralteter Ansicht Epidemien und Krankheiten veranlassen) mittheilte!

Das Laster macht ungläubig und verstockt.

Um die Zeit, da der gottselige Gonsalvus von Barcelona als Missionär am Heile der Seelen in den Gebirgen der Cordilleren arbeitete, widerstanden die Bewohner des Dorfes Anko-Anko hartnäckig den Ermahnungen frommer und eifriger Missionäre, welche dorthin gesendet wurden. Die Indianer, welche auf ihren Götzendienst ungemein erpicht, der Knabenschänderei  ergeben waren und Christum lästerten, schenkten den Unterweisungen der Priester kein Gehör, so daß diese endlich, wie Paulus und Barnabas, den Staub von ihren Schuhen schüttelten und die unglückseligen verstockten Götzendiener verließen.

Wehe! riefen Beide bei ihrem Scheiden, gegen das Dorf gewendet, doppelt wehe! die Frevler von Sodoma und Gomorrha werden am Tage des Gerichtes noch leidlicher wegkommen, als ihr!

Die Priester setzten inzwischen ihre Wanderung fort, wobei sie (sich) von Zeit zu Zeit nach dem unseligen Dorfe umsahen und wehmüthige Seufzer ausstießen. Doch nochmals wollte der liebe Gott den Verblendeten seine Gnade anbieten. Auf Verfügung des Bischofs begab sich ein frommer Weltpriester in das Dorf, welcher bei seinem schwierigen Unternehmen, die Verstockten Christo, dem Herrn zu gewinnen, all sein Vertrauen auf Gott setzte. Doch eitel waren alle seine Anstrengungen; die Unglücklichen gaben ihm kein Gehör.

Schon sah man öfters in dunkler Nacht an und über die Anhöhe, auf deren Rücken das Dorf Anko-Anko lag, Feuerflammen hinschlängeln, die aus der Tiefe der Erde hervorbrachen. Dessenungeachtet nahm die Lasterhaftigkeit zu. Die Bewohner suchten sich durch Frevel zu übertreffen. Sie brachen in förmliche Raserei gegen Christus aus, um dadurch, wie sie meinten, ihre Götzen zu versöhnen, welche durch jene Flammen abmahnen wollten, das Christenthum anzunehmen.

Eines Abends verließ der Priester seine Wohnung und begab sich in Begleitung des Kirchendieners zu einem Neubekehrten, um ihm die letzte Oelung zu geben, wozu er, da desselben Wohnung weit entfernt war, die ganze Nacht aufwenden mußte.

Als er wieder heimkehrte, war das Dorf von der Erde verschwunden, er erkannte die benachbarten Anhöhen, die Umgebungen waren alle unberührt, das Dorf aber war weg. Der Hügel, auf welchem es lag, war wie abgetragen. An seiner Stelle war jetzt ein tiefes Thal mit zwei kleinen Seen, welche einen üblen und fast erstickenden Schwefelgeruch aushauchten, während rings herum nur Dunst lag. Der Priester und der Kirchendiener trauten kaum ihren Augen. Mit Schrecken gewahrten sie endlich, daß hier Gottes Strafgericht gewaltet habe; - und so war es auch! –

Ein ihnen bekanntes Mädchen, das kaum fünfzehn Jahre alt war, erzählte ihnen, daß ein Gluthstrom plötzlich alle Gassen des Dorfes überschwemmte und Menschen wie Häuser verzehrt und in den Flammen begraben habe. Ich habe, sprach das Mädchen, die Mutter Gottes in der Angst angerufen und plötzlich stand ein schönes Frauenbild an meiner Seite, welches mich aus der Feuergluth rettete. Dieses Mädchen, welches glücklicher war, als Lot zu Sodoma und Gomorrha, da es nicht einen Engel, sondern die Königin der Engel selbst zur Retterin hatte, daher es nachher von dem Volke die Gebenedeite genannt wurde, - der Priester und der Meßner waren vom ganzen Dorfe die Einzigen, welche die Hand Gottes dem Verderben entriß.

Noch lange, lange Jahre pflegte Jeder, der auf der Heerstraße nach Potosi an diesem fluchbeladenen Orte vorüberzog, einen scheuen Blick in das Thal zu werfen, wo die Rache Gottes so sichtbar den gottlosen Frevel bestrafte. Maria ist die Zuflucht der Unglücklichen; kaum hörte sie sich angerufen, als sie sogleich das Gebet erhörte!

Laster machen für die Religion unempfänglich.

Der heilige Franz Xaver predigte auf der Insel Rosalao; allein hier fand er ein tief in Laster aller Art versunkenes Heidenvolk; Menschen, die fast den Thieren ähnlich, sich nur durch die Gestalt von ihnen unterschieden, und darum für allen höheren Unterricht unempfänglich waren. Nur ein Einziger, der sich durch größere Geistesgaben vor Anderen auszeichnete, öffnete sein Herz den Wahrheiten des Christenthums und glaubte an den Erlöser. Durch das hier herrschende allgemeine Verderben entrüstet, zog Franz, als er Rosalao verließ, die Schuhe aus, schüttelte und wischte sie ab, um von einem so verruchten Boden auch nicht ein Stäubchen mitzunehmen.

Lasterhaftigkeit verblendet den Verstand und macht die Annahme der Religion unmöglich.

Amanguchi ist die Hauptstadt des Königreichs Naugalo und eine der reichsten Städte in Japan, nicht nur durch den Handel mit fremden Nationen, sondern auch durch die reichen Silberbergwerke und die Fruchtbarkeit des Bodens. Aber Laster sind die gewöhnlichen Gefährten des Reichthums; so war auch in dieser Stadt das Sittenverderbniß und die Zügellosigkeit grenzenlos. Der heilige Franz Xaver kam auf seiner Reise durch diese Stadt. Das Mitleid bewog ihn, einen Versuch mit ihrer Bekehrung zu machen. Man hörte ihn mit Begierde an und versprach, seine Religion anzunehmen, wenn man sie vernünftiger finden würde, als die ihrige.

Allein, wer sich einmal den schändlichsten Leidenschaften hingegeben hat, ist kaum mehr fähig, das Bessere zu erwählen und im Werke auszuüben; ja er vermag nicht einmal mehr unbefangen zu urtheilen. Keiner hielt sein Wort. Sie verglichen beide Religionen miteinander und kamen beinahe Alle überein: die christliche sei, im Begriffe aufgefaßt, die bessere und dem gesunden Menschenverstande am meisten zusagende; aber sie hielten es für unmöglich, sie zu befolgen, weil sie die Rachsucht, Vielweiberei und sinnliche Gelüste insgesammt untersagt. Die Verderbtheit ihres Herzens verdunkelte gänzlich ihren Verstand; ja man erklärte den heiligen Franz und seine Gefährten für Betrüger, und ihre Religion für Märchen; der Pöbel sammelte sich um sie und vertrieb sie unter Schmähungen mit Steinwürfen.

Anmerkung: In Originalschreibweise.

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